Zwischen Lust und Frust

Erfahrungen auf einem Berufsfeld im Reformstress

 

Ein Beitrag von Wolfgang Nethöfel und Friedhelm Schneider im Dt. Pfarrerblatt 3/2008.

   

Im vergangenen Jahr unternahm Friedhelm Schneider mit seiner Firma >>K.IM.<< eine Onlinebefragung zur Berufszufriedenheit von Pfarrerinnen und Pfarrern, die u.a. auch im Pfarrerblatt ausgeschrieben war. Die Ergebnisse, die er gemeinsam mit Wolfgang Nethöfel ausgewertet hat, legt er hier vor.

  

1. EKD-Reform – ambivalente Signale fürs Pfarramt

 

Die Datenqualität der landeskirchlichen Personalbefragungen hat sich fortlaufend verbessert. Nach der Zufriedenheit (EKHN) und der Wichtigkeit (EKKW) könnte sich nun der Bereich der Selbstwirksamkeit (ELKH) im Pfarramt für alle erschließen, die das wissen wollen. Wir müssten ihn zwar abgleichen mit der gefühlten Wirksamkeit in Gemeinden, es gibt keine vergleichbaren Daten über die Mitarbeitenden, die nicht im Pfarrdienst stehen, und die Implementierungsphase nach der Befragung verlief in den Landeskirchen höchst unter-schiedlich. Im Prinzip wäre es möglich, in einem nächsten Schritt aus den Befragungsdaten ein Personalplanungs- und Entwicklungsinstrument zu machen. Aber es gibt bisher nirgendwo klare Zielvorgaben für das Pfarramt, an denen sich jene Daten messen ließen. So können sich weder die Pfarrerinnen und Pfarrer an ihnen orientieren noch können Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der Personaleinsatz auf ihrer Grundlage geplant werden. Es ist nach den Befragungsauswertungen des IWS aber eben diese doppelte Orientierungslosigkeit, die die Kommunikation zwischen Pfarramt und Kirchenleitung erschwert. Die Umfragen zeigen, dass sie als mangelnde Verlässlichkeit interpretiert wird.[1]

  

Unter diesen unklaren Rahmenbedingungen drohen sich die ambivalenten Signale, die vom EKD-Reformprozess ausgehen, negativ auf die Reformbereitschaft der Pfarrerinnen und Pfarrer auszuwirken, gleichgültig welches „Leuchtfeuer“ nun zum Thema werden soll.[2] Die Programmschrift „Kirche der Freiheit“ nennt zwar Zahlen, aber man kann die Konsequenzen für den Pfarrberuf nicht einschätzen. Einerseits wird den Pfarrerinnen und Pfarrern zugesichert, dass sie hoch qualifiziert sind und dass ihr Beruf die Gesamtorganisation trägt. Anderseits fühlen sie sich abqualifiziert durch abstrakte Qualitätsforderungen und bedroht durch Controllinginstrumente, die an teilweise absurd hohen Zielvorgaben geeicht werden könnten. In der Alltagspraxis haben sie jene Differenzen zu überwinden, auf das die zusammenfassende Auswertung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI) ebenso hinweist [3] wie jüngst der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung [4]. Auch in den neuen Bundesländern ist die Religiosität noch beachtlich, und sie bleibt in der jüngeren Generation stabil. Aber sie bleibt ebenso diffus wie die relativ hohe Wertschätzung der Institution Kirche – während die Verweigerung manifest ist, sich auf die verbindlichen gemeindlichen Organisationsangebote einzulassen, die Pfarrerinnen und Pfarrer entwickeln. An deren Erfolg aber werden sie gemessen werden, und vor allem messen sie sich daran selbst so lange, bis sie erst unzufrieden und dann krank werden. Hinzu kommt die trotz gelegentlicher Konjunktur-Zwischenhochs immer stärker spürbar werdende Langzeitbelastung durch eine verspätete Organisationsreform, die heute nicht mehr von Modernisierungsinvestitionen geprägt ist, sondern von der überfälligen Anpassung an eine scheinbar naturhaft zurückgehende Kirchlichkeit einer alternden Bevölkerung unter Globalisierungsdruck: durch Sparzwang auf allen Ebenen.

 

2. Die K.IM.-Onlinebefragung

2. 1 Umfang und Art pfarramtlicher Tätigkeit

Hier könnte jene K.IM.-Onlinebefragung hilfreich sein, auf die im Deutschen Pfarrerblatt hingewiesen wurde und deren Ergebnisse jetzt vorliegen [5]. Modernisierungsreformen zielen wie überall, so auch in kirchlichen Organisationen auf eine Straffung der Verwaltungstätigkeit und auf einen effizienteren Ressourceneinsatz. [6] Neben den materiellen Ressourcen bietet sich in unserem Zusammenhang vor allem die verfügbare Arbeitszeit der Haupt- und Ehrenamtlichen als Ansatzpunkt aller in die Zukunft weisenden Planungen auf der Gemeindeebene an. Und es unterliegt keinem Zweifel, dass dabei Umfang und die Art pfarramtlicher Tätigkeit Schlüsselfunktionen darstellen. Sie liegt im Schnittpunkt des geforderten „Aufbruchs in den kirchlichen Kernangeboten“ [7] und des „Aufbruchs bei allen kirchlichen Mitarbeitenden“ [8]. Ehe man sich aber auf die intendierte Steigerung von Effektivität und Effizienz in diesem Bereich konzentriert, lohnt es sich vielleicht einmal, jenen Zukunftsfonds genauer zu betrachten, aus dem die Wechsel bezahlt werden müssten, den eine mündige Kirche ausstellt, wenn ihre synodalen Gremien Zielvorgaben auf das Jahr 2030 verbindlich machen. Wie viel freies Kapital steht da überhaupt zur Verfügung?

 

Vor diesem Hintergrund: um exemplarisch die Belastbarkeit der Voraussetzungen zu prüfen, von denen bei den großen Reformvorhaben ausgegangen wird, fragte K.IM. einmal nach dem Umfang, sodann nach der Art der Tätigkeit im Pfarramt. In beiden Fällen wurde zusätzlich neben der realen Situation noch nach dem gewünschten Umfang bzw. der angestrebten Schwerpunktsetzung gefragt. Technische Fragen nach Stellenumfang und Art der Pfarrstelle dienten zur Eingrenzung. In der hier dargestellten Auswertung sind lediglich die Gemeindepfarrstellen mit vollem und halbem Dienstauftrag berücksichtig. Ferner wurde erfragt, ob die Angaben auf Protokollierung zurückgingen oder eher auf Schätzungen beruhten. Die Unterschiede zwischen Protokollierenden und Schätzenden sind sehr gering und daher bei der Darstellung zu vernachlässigen. 

 

2. 2 Wunsch und Wirklichkeit

 

FORTSETZUNG: Vollständiger Artikel als PDF.

   


 

[1] Vgl. zum Folgenden die Links der Website: pfarrberuf.iws-marburg.de

[2] Um Reformerfahrungen „Zwischen Fusion, Kooperation und Abschottung“ nicht nur zwischen Landeskirchen („Am Jüngsten Tag, spät am Abend“) geht es auf der Tagung des „Netzwerks Kirchenreform“ am 12.-14. September in Neudietendorf (netzwerkkirchenreform.de). 

[3] Vgl. W. Nethöfel, Fakten! Fakten? Fakten. Sozialtheologische Horizontverengung und reformpraktische Korrekturen nach dem Emmertschen Gesetz, in: epd-Dokumentation 25/2007, 29f.

[4] Vgl. Religionsmonitor 2008, Bertelsmann-Stiftung (Hg.), Gütersloh 2007, sowie www.religionsmonitor.com.

[5] DtPfrBl 119/5 (2007), S. 272f.

[6] Bereits 2004 wurden von K.IM. bei einem Modellprojekt in der EKHN 2004 erhebliche Rationalisierungspotenziale im Bereich der Gebäudebetriebskosten nach DIN 18960 nachgewiesen; vgl. Friedhelm Schneider, Das Modellprojekt Kirchliches Immobilienmanagement, in: Wolfgang Nethöfel/ Klaus-Dieter Grunwald (Hg), Kirchenreform jetzt! Projekte, Analysen, Perspektiven (Netzwerk Kirche 1), Hamburg 2005, 261-281, bes. 264.

[7] Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Kirchenamt der EKD (Hg.), Hannover 2006, 48-61.

[8] A.a.O. 65-75.