Projekt Wachsende Kirche
Ein Beitrag von Landesbischof Frank Otfried July
Zum Geleit der dritten Ausgabe des Newsletters...
Liebe Freunde des Netzwerks Kirchenreform,
zwei Momente sind aus meiner Sicht beim landes- kirchlichen Projekt WACHSENDE KIRCHE in besonderer Weise gelungen. Sie stellen zudem wichtige Anknüpfungspunkte zum etwas später gestarteten Reformprojekt der EKD dar.
1. Realistische Zielsetzungen
Das Projekt setzte mit Ziele, welche die volkskirchlichen Strukturen, den eingeschlagenen Weg zur „Beteiligungskirche“ in allen Bereichen kirchlichen Lebens, aber auch das unverfügbare Wirken und Segnen Gottes ernst nehmen.
Nach dem Auftakt im Sommer 2004 im Rahmen einer Schwerpunkttagung der Synode und einer darauf folgenden Konzeptionsphase wurden im Frühjahr 2006 die Projektziele (den vollständigen Text finden Sie unter www.wachsendekirche.de) an alle Gemeinden, Bezirke und Einrichtungen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg verschickt. Unter anderem heißt es darin: „Ziel des Projektes Wachsende Kirche (WK) ist es, den Glauben und die Zuversicht in den Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche zu fördern. WK soll Anstöße geben, wie Kirche wachsen kann in einer Gesellschaft, in der das Erwachen von Religiosität und Sinnsuche zu beobachten ist, trotz eines spürbaren Rückgangs an Mitgliedern, Mitteln und Ansehen.“
Das Projekt Wachsende Kirche soll
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ein biblisch fundiertes Selbstbewusstsein in den Gemeinden und Einrichtungen unserer Kirche stärken:
- Kirche ist ihrem Wesen nach Leib Christi, geschaffen durch sein Wort und durch die Kraft des Heiligen Geistes. Darin hat sie ihre Würde und daraus schöpfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter samt allen Kirchengliedern Hoffnung und Zuversicht.
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das Wachstum der Kirche in ihrer Gestalt als Volkskirche zu fördern:
- Möglichst viele Menschen sollen des eigenen Glaubens gewiss werden,
- Sprachfähigkeit in Glaubensfragen und -antworten einüben,
- Spirituelle Räume suchen, entdecken und schaffen, in denen Menschen zum Glauben kommen und im Glauben wachsen.
Zudem wurden Leitfragen entwickelt, um diese Ziele verwirklichen zu können:
Wie, wo und wann gelingt es der Kirche, über ihr „eigenes Milieu“ hinaus zu wirken und es zu überschreiten? Welches sind die wichtigen Brücken zu Menschen in unserer Gesellschaft, die völlig anders geprägt sind? Wo, wann und wozu ist die Präsenz von Kirche als Institution oder die christlicher Persönlichkeiten gefragt? Wie sieht es bei kirchlich geprägten Christen in Bezug auf die Dialog- und Sprachfähigkeit, die Vermittlung von Glaubensinhalten und Haltungen aus?
Wie kann der Gottesdienstbesuch erkennbar erhöht werden?
Wie finden erwachsene Menschen heute zum Glauben? Was sind neben den nicht verfügbaren weitere wichtige Faktoren (Menschen, Angebote, Lebens- situationen/Umstände)?
Wie können die zentrifugalen Kräfte in Gemeinden und Gemeinschaften positiv zum Wachstum eingebunden werden?
Was muss aufgegeben oder gelassen werden, damit die Landeskirche und ihre Gemeinden und Einrichtungen handlungsfähig bleiben und nicht unnötig Kräfte gebunden werden?
An diesen Fragen wird gearbeitet. Sie haben dem Projekt und dem Kongress WACHSENDE KIRCHE, möglicherweise auch schon vielen Arbeits- und Lebensbereichen unserer Landeskirche eine klare Ausrichtung gegeben.
Zum Beispiel werden die Leitfragen 1 und 3 mit wissenschaftlichen Untersuchungen angegangen (Konversionsstudie nach Herbst, bzw. im zweiten Gang durch das Feststellen von „Milieuüberschreitungen" in der landeskirchlichen Arbeit). Die Vorstudie, welche Konversionen in unserer postmodernen Gesellschaft mit der Leitfrage „Wie finden erwachsene Menschen zum Glauben?“ untersucht, wurde rechtzeitig zum Kongress ausgewertet und veröffentlicht. Sie dient der Präzisierung der Fragestellung einer viel umfassenderen bundesweiten Studie und beschreibt, was für Menschen in ihrer Glaubensbiographie relevant ist. Festgehalten werden kann bereits jetzt: Mitten in der Landeskirche finden Erwachsene zum Glauben, auch wenn sie nicht von Kind auf christlich „sozialisiert“ wurden. Entscheidend sind für die Mehrheit der Menschen und ihre Annäherung an, bzw. Identifikation mit dem christlichen Glauben nicht evangelistische Großveranstaltungen, sondern es kommt auf Beziehungen an. Nach Durchführung und Auswertung der bundesweiten Konversionsstudie im Jahr 2009 werden klare Umsetzungsvorschläge folgen.
Die Fragen 2 und 5, Steigerung des Gottesdienstbesuchs und „Was muss aufgegeben werden“, können nicht gesamtkirchlich, wohl aber für jede Ebene kirchlicher Organisation (Gemeinde, Bezirk, auf der Ebene eines Werkes oder der Landeskirche im engeren Sinne) unterschiedlich, bzw. angepasst bearbeitet und beantwortet werden. Dazu gab es auf dem Kongress zahlreiche Anregungen und Lösungsvorschläge in Vorträgen, Foren und Seminaren.
Die Frage des Umgangs mit zentrifugalen Bewegungen in der Kirche (4) ist eine bleibende Aufgabe. Auf dem Kongress wurde sie durch das Forum "Wachstum oder Wildwuchs - Geistliche Aufbrüche und die Strukturen der Landeskirche" sowie in einigen Seminaren bearbeitet. Zu dieser wichtigen Problemstellung gibt es in der Württembergischen Landeskirche eine geradezu "historische" Vorgehensweise. In diesem Zusammenhang darf an die positiven Erfahrungen mit dem Pietistenreskript und späteren integrative Maßnahmen erinnert werden, welche den Pietismus und andere Reformbewegungen und geistliche Aufbrüche in der Landeskirche gehalten und zu ihrer Belebung beigetragen haben. Im Podiumsgespräch wurden Lösungsansätze diskutiert.
2. Bewährtes bekannt machen
Manchmal klang es fast wie ein Vorwurf: „Wir erkennen zwar viel Gutes und Wichtiges, aber wenig wirklich Innovatives! Gab es nicht das Eine oder Andere schon hier und dort?“ Aber genau das ist Programm! Das Projekt WACHSENDE KIRCHE tritt sehr bewusst einer bestimmten Art von Erneuerungswahn und Aktionismus entgegen und fördert stattdessen die "organische" Verbindung von Altem und Neuen, sozusagen ein Wachstum an Qualität in veränderte Verhältnisse und neue Erfordernisse hinein. Gleichzeitig werden die geistliche Durchdringung, die Abstimmung und die Verbesserung von bewährten Modellen unternommen bis hinein in ausführliche Beratungsprozesse mit Gemeinden und Bezirken.
Gleiches galt für die bereits durchgeführten Erprobungen und Modelle des Projekts (mehr unter www.wachsendekirche.de): Lieber „Best-Practice-Modelle“ dokumentieren und verbreiten als befremdliche und unsachgemäße Innovation. Es geht schließlich um die Entwicklung der gesamten Landeskirche in der Fläche, die vielfach unter einer gewissen "Ungleichzeitigkeit" leidet. Einige stürmen ungestüm und ohne Rücksicht auf die Langsameren voraus, andere hinken aus verschiedensten Gründen mühsam und schwerfällig hinterher.
In den Projektzielen wurde deshalb festgehalten:
[Es wird] bewusst nicht nur nach neuen Ideen oder innovativen Maßnahmen gefragt, sondern auch zur Rückmeldung bewährter Modelle oder erfolgreicher Maßnahmen, die vor Ort geschehen, aufgerufen. Eine der Maßnahmen des Projektes ist es, Initiativen, die in der Breite volkskirchlichen Lebens geschehen, zu dokumentieren und sie allen Interessierten zugänglich zu machen, „dass viele an ihnen partizipieren“ (vgl. Ziele – Wachsende Kirche).
Deutlich soll werden: In der Landeskirche ist bereits viel Gutes gewachsen. Es gibt nicht nur Rück- oder Niedergang, sondern viel Wachsendes, Blühendes, Reifendes. Ebenso soll deutlich werden, dass manches Gewohnte sich in bester Weise mit neuen Ideen und Elementen verträgt. Ein gutes Beispiel war die musikalische Gestaltung des Kongresses. Orgel und Band, Rap und Chorgesang, Schlagzeug und Holzblasinstrumente – das alles kann harmonisch zusammen wirken. Es entsteht ein belebendes Neues. Auch verschiedene Musikstile wie Choralmusik, Jazz und Pop haben sich wunderbar ergänzt. In gewisser Weise wehren solche Ansätze auch der zunehmende Zergliederung kirchlicher Arbeit, schaffen gemeinsame Podien, gemeinsame Erfahrungen und nicht zuletzt: Sie ermutigen zum gemeinsamen Gottesdienstfeiern von Jung und Alt, von Konservativen und Progressiven, fördern einen integrativen Ansatz, welcher der Einheit der Kirche zugute kommt.
Mehr Einheit, das Zurückgewinnen von gemeinsamen Grundlagen, die Ausrichtung auf gemeinsame Ziele, die Besinnung auf die wesentlichen Gaben und Aufgaben“ der Kirche, ihren geistlichen Auftrag der Verkündigung des Evangeliums, richtet die Vektoren fast automatisch nach außen. Die Institution muss den Menschen innerhalb und außerhalb unserer Kirche dienen, nicht umgekehrt. Deshalb wurde in den Zielen ein ganzheitlicher missionarischen Ansatz proklamiert: "Modelle und Erfahrungen des Wachstums werden in Bezug auf alle Felder kirchlichen Handelns, auf Verkündigung und Lehre, Gemeinschaft, Mission und Diakonie gesammelt und entsprechend verbreitet." (zitiert aus "Wachsende Kirche - Ziele").
Es ist erkennbar geworden, dass wir durch das Projekt WACHSENDE KIRCHE die Aufmerksamkeit von den Finanz- und Organisations-Diskussionen auf die Aufgabe der Kirche hinführen wollen, die Christus inmitten den Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaft bezeugt.
Jetzt können wir uns darauf freuen, was Christus in unserer Mitte wirkt.
Gottes Segen wünscht Ihnen
Ihr
Frank Otfried July
Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

