Netzwerk Kirchenreform - Friday, 5. September 2008
Druckversion der Seite: Zukunft ohne Pastor - ein Bericht vom 31. DEKT
URL: www.kirchenreform.net/zukunft_ohne_pastor.html

Zukunft ohne Pastor

Ein Schlaglicht vom 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln 2007

  

   

„Lebendig und kräftig und schärfer“, mit diesem Motto aus Hebr. 4,12 fand vom 6.-10. Juni 2007 in Köln der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag statt. Während vor und hinter der „neuen Innerdeutschen Grenze“ um Heiligendamm die Gemüter kochten, haben über 100.000 Kirchentagsbesucher die katholische Hochburg Köln „erobert“ und im Schatten des berühmten Doms ein buntes und vielfältiges Programm erlebt: Vom Podium über die „Bibel in gerechter Sprache“ bis zum wise guys Konzert, vom stillen Gebet in der Oase bis zum peppigen Lobpreisabend auf der EC-Bühne. Und es waren auch fast alle Prägungen vertreten: Von der Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche“ im „Markt der Möglichkeiten“ bis zum evangelikalem Forum über die Kreationismusdebatte, von stets fröhlichen Desmond Tutu auf Kundgebung der Globalisierungskritiker bis zur G8-Gipfelpräsidentin Angela Merkel. 

     
„Lebendig und kräftig und schärfer“ – im Zeiten vom Profilschärfung und Milieuorientierung (EKD-weiter Diskurs um das Impulspapier „Kirche der Freiheit“) vermochte der eine oder die andere Kirchentagsbesucherin zweifelsohne angesagte Profildiskussion antreffen – und vor allem mitreden. Mitreden und Mitdiskutieren konnten auch die Besucher, die den Weg in die Industrie- und Handelskammer zur „Werkstatt Gemeinde“ gefunden hatten. Zusammen mit Kommilitonen aus dem IWS Marburg haben ich auf dem diesjährigen Kirchentag das „Netzwerk Kirchenreform“ (www.netzwerk-kirchenreform.de) vorgestellt. Als Anwälte des Publikums haben wir schließlich all die vielen Fragen und kritischen Rückmeldungen in den Werkstattdiskussionen sortieren und bündeln müssen: Vormittags haben sich OKR Thies Gundlach (Geschäftsführer bei der Erstellung des EKD-Impulspapiers) und Pfarrer Klaus Douglass (96 Thesen für „Die neue Reformation“) einen kleinen „Schlagabtausch“ zum Thema „Motivation und Widerstand“ bei Kirchenreformen geleistet. Und auch nachmittags war der Saal voll gefüllt, als Prof. Nethöfel aus Marburg die Diskussion „Zukunft ohne Pastor“ moderierte: Ulrich Fischer (Bischof aus Baden) und Marlehn Thieme (Rat der EKD und Strategin im EKD-Reformprozess) diskutierten mit Carsten Schwarz (Citykirchenprojekte) und Piet de Jong (Holland hat sich von der Volkskirche verabschiedet) darüber, welche Rolle oder Zukunft das Pfarramt in der Kirchen haben sollte. Und der Niederländer war auch gleich in die Vollen gegangen, als er feststellte, das viele Pastoren eigentlich kleine Bischöfe spielen würden, ohne die Gaben der Gemeindeglieder zu (er)kennen und zu fördern. Viele Gemeindeglieder könnten erst aufatmen und ihre Gaben entfalten, „wenn mal kein Pastor erscheint.“ Für ihn wäre eine Kirche ohne Pastoren durchaus denkbar, jedoch wenn sie welche habe, sollten sich diese auch „nahe am Wort sein“. Für die einzige Ehrenamtliche in der Runde könne man nicht so einfach auf die Pastorinnen verzichten. Jedoch stellt die Gemeinde als solche die Basis und die „Erfüllung der Kirche“ dar: Für die Pastoren sei eine neue Rollendiskussion unabdingbar. „Sich selbst als Pfarrer überflüssig machen und so viel Ehrenamtlichen wie möglich einzubinden“, heißt das Erfolgskonzept von Pastor Schwarz aus den neuen Bundesländern: „Die Pfarrer dienen als geistlichen Motor für die Gemeinde, sollten aber nicht Hans-Dampf in allen Gassen spielen wollen.“ 

     
Überraschend war dann vor allem der erste Wortbeitrag des obersten Hirten aus Baden. Das Pfarramt sei ein vielfältiger Beruf, aber Jesus habe nicht gesagt „ich bin bei euch mit meinen Pfarrern bis an der Welt Ende“. Gestochen scharf mochte der leitende Theologe „wie aus dem Handumdrehen“ argumentieren, dass es theologisch gar keine Notwendigkeit für einen Pfarrberuf in der Kirche gäbe. Aber in einer volkskirchlichen Realität würde man wohl ohne einen Grundbestand an Pfarrerinnen und Pfarrern nicht auskommen können. Bezugnehmend auf die Regionalisierungsreformen in Zeiten knapper Kassen unterstrich er, dass „wir uns auch andere Formen der pastoralen Versorgungen neben den Hauptamtlichen überlegen müssen“. Marlehn Thieme warf jedoch ein, man könne nicht einfach immer nur sparen und regionalisieren oder gar mit der „Rasenmähermethode“ kürzen. Es gäbe noch Gestaltungsräume, und bezugnehmend auf das EKD-Impulspapier sei jetzt die Zeit mit den notwenigen Diskussionen anzufangen. Kritisch hinterfragte die Bankdirektorin, warum Unternehmen eigentlich immer erst pleite gehen müssten, bevor sie den „turn around“ schaffen. Carsten Schwarz bezeichnete das Impulspapier als „sympathisch“, fragte aber, warum hier immer auf das Jahr 2030 als Zeitmarke angespielt werden. „In Brandenburg sind wir schon längst da angekommen: Ein Pfarrer hat dort 16 Predigtstellen und mehrere Gemeindekirchenräte zu versorgen.“ Aber es ginge nicht nur darum, wie man die verbleibenden Pfarrerinnen und Pfarrer geschickt verteile, sondern es müsse auch eine neue Spiritualität für die Hauptamtlichen geben: „Auch Pfarrer brauchen eine Tankstelle der Spiritualität – oder wo nehmen sie denn noch einen Ort der Gemeinschaft war?“
Dem Badischen Landesbischof sind solche Verhältnisse noch relativ fremd und er betonte das Problem dieser „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit“: Sowohl in Württemberg als auch in Baden gebe es noch ein geschlossenes Netz von Pfarrstellen. Brandenburg sei nicht mit Baden zu vergleichen und mit den Szenarien aus dem Impulspapier dürfe man keine Ängste schüren: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“ Innerhalb der EKD gebe es eben ein gewisses „Gefälle“: „Es gibt finanziell gut gesättigte Landeskirchen und Landeskirchen, die kurz vor der Insolvenz stehen.“ Auf Nachfrage aus dem Publikum rutsche dem Landesbischof dann fast die Auflösung der EKD-weiten Solidaritätsgemeinschaft aus dem Mund: „Selbst wenn die ganze EKD pleite geht, bleibt unsere Landeskirche bestehen...“ 
Pragmatischer setzte dann Piet de Jong wieder ein, der von dem leidigen Umstand aus Holland zu berichten wusste, wo die Volkskirche de facto aufgegeben worden ist: „Kirchenleitungen unterschätzen das Potential von Gemeinden von Pfarrern vor Ort [...] Aber wir können nicht bis 2030 damit warten wollen!“

   
Als die Podiumsdiskussion wieder bei der „Spirituellen Versorgung“ angelangt war, gab es vom ostdeutschen Pfarrer auch gleich einen Aufruf an die Theologiestudierenden: „Kümmert euch um eine geistliche Spiritualität. Vielen Studenten sind selbst Tischgebete fremd, da dies nicht mehr eingeübt werde.“ Der Pfarrernachwuchs, so Schwarz, sollte sich mit Konzepten für die Gemeindeentwicklung befassen und ein Herz für die Menschen haben. Für ihn seien nicht die Finanznöte der Gliedkirchen das Problem: „Die Kirche nimmt gar nicht mehr die Bedürfnisse und wirklichen Themen der Menschen wahr!“, attestierte der in Citykirchenprojekten engagierte Pfarrer. Bildung, Diakonie, Sprachfähigkeit in Glaubensfragen, dass waren Schlüsselworte, und die auch für Ehrenamtliche wichtig sind. Marlehn Thieme pflichtete ihm bei und forderte, dass auch Gemeindekirchenräte spirituelle Rückzugsorte bräuchten, zum Beispiel eine Rüstfreizeit, jährliche Klausurtagungen oder ein „Kloster auf Zeit“: „Dort könne man am besten – gemeinsam mit den Pfarrern – überlegen, was für die Gemeinde gut sein kann.“ 

  
Die Kirche benötige ein professionelles Management von „Glaube, Liebe, Hoffnung“, aber Glaube, Liebe und Hoffnung müssen eben auch dabei und erfahrbar sein, nur so kann eine Gemeinschaft auch glaubwürdig davon verkündigen.

   
Bischof Ulrich Fischer ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt und unterstrich das ehrenamtliche Engagement der Bankdirektorin als vorbildlich. Gleichzeitig forderte er aber auch, dass Theologen mehr Vorbereitung auf den Dialog mit engagierten „Kirchenältensten“ bräuchten, denn es gebe „schon viele Thiemes“, aber die Pfarrerschaft sei gar nicht auf Teamfähigkeit ausgebildet. „Wir züchten im Studium wahre Einzelkämpfer heran, aber damit kann man in den Gemeinden nichts werden“, sagte der Theologe und bedauerte, dass man in seiner Kirche 1970 die Abnahme von „Gruppenexamina“ abgeschafft habe. Pfarrerinnen und Pfarrer müssen kooperieren können, sowohl mit Ehrenamtlichen wie auch mit Hauptamtlichen, es darf eben nicht gelten „selig sind die Beene, die am Altar steh´n alleene“ [ob dieses Sprichwort nur rein zufällig plattdeutsch ist??]. Für die Zukunft der Kirche sei es unabdingbar, dass man im Gespräch und in der Diskussion bleibt. Nur gemeinsam kommen wir voran. Und man dürfe sich auch noch von irgendwelchen „Killerargumente“ abschrecken lassen, betonte der reformbegeisterte Bischof und wandte sich gegen die Kritik, zielorientiertes Arbeiten sei ein Mangel an Gottvertrauen. „Man braucht Mut zum Planen und Vertrauen, dass Gott seinen Segen dazu gibt“, beteuerter Fischer: „viel zu häufig beruft man sich auf den Heiligen Geist wegen der eigenen Faulheit“, und unterstrich zum Abschluss noch einmal, dass sich Studierende schon während des Studiums Orte geistlicher Spiritualität suchen sollten: „Die kommt doch nicht automatisch durch die Ordination.“
    


Stefan Bölts
IWS Marburg