Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 9. February 2012
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Wie Gemeinden wachsen können

Ein Interview von Benjamin Lassiwe mit Prof. Wilfried Härle

  

Prof. Wilfried Härle

Junge Erwachsene, lebendige Gottesdienste: Wie Gemeinden wachsen können

   

Wachsen gegen den Trend will die EKD. So zumindest steht es im Zukunftspapier "Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert", und so wurde es im vergangenen Jahr auf dem Zukunftskongress der EKD im Sachsen-Anhaltinischen Wittenberg diskutiert. Da passt es gut, dass es allen Unkenrufen zum Trotz in Deutschland auch Kirchengemeinden gibt, die teilweise seit Jahren Mitglieder gewinnen. Der Heidelberger Professor für Systematische Theologie und Vorsitzende der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, Wilfried Härle, hat sie jetzt wissenschaftlich untersucht. Benjamin Lassiwe hat mit ihm darüber gesprochen.

   

Lassiwe: Professor Härle, Sie und Ihre Mitarbeiter arbeiten an einem Buch über Gemeinden, die gegen den Trend wachsen. Warum?

  

Härle: Wir wollen mit unserer Untersuchung darauf hinweisen, dass es in der Evangelischen Kirche durchaus Vorbilder für ein Wachsen gegen den Trend gibt. Das Problem der EKD liegt ja nicht darin, dass manche Menschen aus der Kirche austreten. Es liegt darin, dass die Sterbefälle so viel häufiger sind als Geburten und Taufen. Das muss durch Mitgliedergewinnung ausgeglichen werden. Wir wollen nun wissen, warum manche Gemeinden gegen den Trend wachsen, so dass sie die Sterbefälle kompensieren können. Denn wir denken, dass diese Gemeinden Vorbilder für andere sein können.

   

Lassiwe: Nach welchen Kriterien haben Sie die Gemeinden ausgewählt, auf die sich Ihre Untersuchung stützt? Wie viele Gemeinden haben sie insgesamt untersucht?

   

Härle: Wir haben zunächst etwa 40 Gemeinden per Fragebogen untersucht, sodann 34 davon besucht und veröffentlichen schließlich die Berichte über die 32 Gemeinden, die unseren Auswahlkriterien entsprechen. Diese Kriterien waren: Ist die Gemeinde in dem Zeitraum von 2003 bis 2006 bei den Mitgliederzahlen oder bei den Gottesdienstbesucherzahlen gewachsen und zwar nicht aus zufälligen äußeren Gründen (wie etwa dem Wohnungsneubau), sondern durch Impulse, die von der Gemeindearbeit selbst ausgingen?

   

Lassiwe: Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Wachstumsfaktor?

   

Härle: Wir haben festgestellt, dass das größte Wachstum in Kirchengemeinden regelmäßig dort stattfindet, wo man sich um die Gruppe der jungen Erwachsenen, also der 20 bis 40-Jährigen kümmert. Sie suchen Angebote für ihren Lebensabschnitt, zum Beispiel in der Kinderbetreuung, und kommen darüber mit der Kirche in Kontakt. Konfirmandenarbeit, Jugendarbeit oder Altenarbeit tragen in der Mehrheit der Gemeinden, die schon heute gegen den Trend wachsen, dagegen weniger zu einem Wachstum bei. Aber es gibt natürlich einzelne Ausnahmen.

   

Lassiwe: Gibt es eine spezifische Form der Frömmigkeit, die dazu beiträgt, dass Gemeinden wachsen?

   

Härle: Es ist so, dass ein Großteil der Kirchengemeinden, die heute schon gegen den Trend wachsen, zum evangelikal oder charismatisch geprägten Spektrum der Landeskirchen gehören. Oft sind es aber mehrere Faktoren, die zu einem Wachstum beitragen: So kann es sein, dass eine Gemeinde Elemente der amerikanischen Willow-Creek-Bewegung übernimmt, Taizé-Andachten feiert und sich für Orthodoxe oder Lutherische Liturgie öffnet. Wie überhaupt viele der von uns untersuchten Gemeinden ausgesprochen liturgische Gottesdienste feiern. Es gibt da eine Vielzahl möglicher Mischungen. Auffällig ist allerdings, dass soziale oder diakonische Angebote nur in einer Minderheit der von uns untersuchten Gemeinden einen Schwerpunkt bilden. Vor dreißig Jahren hätte man gesagt, dass es genau die Sozialarbeit ist, über die die Kirche wächst. Praktisch sind es heute aber eher Hauskreise, lebendige Gottesdienste und das gemeinsame Gebet.

   

Lassiwe: Gibt es Faktoren, die Gemeinden am Wachsen hindern?

   

Härle: Natürlich spielt die Umgebung einer Gemeinde eine Rolle: Wo Leute in Massen abwandern, wie in manchen Regionen Ostdeutschlands, wird auch eine Gemeinde schwerlich wachsen können. Und überall in Deutschland wachsen Gemeinden in den Speckgürteln der Großstädte schneller, weil Menschen hinzuziehen. Aber diese Faktoren sind von der Kirche nicht beeinflussbar ganz im Gegensatz zu etwas anderem: Gemeinden, die wachsen wollen, müssen bereit dazu sein, sich auch für Außenstehende zu öffnen. Man muss auf Menschen zugehen, wenn man will, dass es aufwärts geht. Und dann gibt es da den Neidfaktor: Viele wachsende Gemeinden haben in ihrem Kirchenkreis Probleme, weil Nachbarpfarrer nicht leicht akzeptieren können, dass dort möglicherweise eine bessere Arbeit geschieht. Regelmäßig haben uns die wachsenden Gemeinden von Vorwürfen berichtet, die etwa lauteten: "Ihr habt doch nur die guten Leute von uns abgeworben." Wir haben in unserer Untersuchung aber festgestellt, dass das nie der einzige Grund für Wachstum war. Meist sind es auch Rückkehrer oder Konfessionslose, die die Gemeinden wachsen ließen.

   

Lassiwe: Was schlagen Sie gegen den Neidfaktor vor?

   

Härle: Es könnte sinnvoll sein, wenn Gemeinden, die Modellprojekte starten wollen, das stärker mit ihren Nachbargemeinden absprechen. Damit dann am Ende der ganze Kirchenkreis wächst, und nicht nur eine einzelne Gemeinde, und das sollte man vielleicht von Anfang an versuchen.

   

Lassiwe: Vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands setzen Kirchenleitungen auch auf die Fusion von Kirchengemeinden. Haben solche Gemeinden eine Chance, je wieder zu wachsen?

   

Härle: Fusionen sind eigentlich immer ein Zeichen dafür, dass es in einer Gemeinde kein Wachstum gibt, und niemand damit rechnet, dass es das noch geben wird. Wenn wir Fälle erlebt haben, in denen Fusionspläne zum Wachstum beitrugen, geschah das eher auf ironische Weise: Wenn man einer Gemeinde ankündigte, mit den Nachbarn fusionieren zu müssen, weil kein ausreichendes kirchliches Leben mehr da sei dann wurde die Gemeinde plötzlich lebendig, setzte auf Öffentlichkeitsarbeit und Mission, und wuchs. Die Androhung einer Fusion kann also im Einzelfall wie ein Impfstoff sein, der eine Reaktion auslöst und Gemeinde wieder zum Leben bringt. Allerdings darf man dieses Mittel, wie jedes Medikament, nicht zu oft anwenden sonst verliert es seine Wirkung.

   

Wir danken für dieses Gespräch.

  

Der Autor Dr. Wilfried Härle ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie in Heidelberg und Erlangen folgte die Promotion in Bochum (1969) und die Habilitation in Kiel (1973). Auf eine Dozentur in Groningen/NL (1977-78) folgten Professuren in Marburg (1978-1995) und in Heidelberg (seit 1995) für Systematische Theologie/Ethik. Seit 1992 ist er Mitglied und seit 1998 Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD. Von 2003 bis 2005 war er Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Ethik und Recht der modernen Medizin". Zu seinen wichtigsten Publikationen gehört ein Lehrbuch der Dogmatik und er ist Mitherausgeber u.a. des Marburger Jahrbuchs Theologie, der Theologischen Realenzyklopädie und des Theologenlexikons.

   

Benjamin Lassiwe M.A. ist freier Journalist in Berlin, und schreibt unter anderem für die Evangelische Kirchengebietspresse, den Rheinischen Merkur und verschiedene Tageszeitungen in Ostdeutschland.

   

Interessierte Newsletter-Leser können eine unverbindliche Probenummer folgender Zeitungen der Kirchengebietspresse erhalten: Die Kirche (Berlin), Glaube und Heimat, Die Kirche (Magdeburg), Der Sonntag (Sachsen). Interessenten können sich an Herrn Lassiwe wenden: belabiah(a)hotmail.com.

  

Wachsen gegen den Trend

Wachsen gegen den Trend. Es gibt in Deutschland tatsächlich wachsende evangelische Kirchengemeinden. Und es sollen noch viele mehr werden. Aus diesem Grunde hat der bekannte Heidelberger Systematiker Wilfried Härle ein Projekt initiiert, das deutschlandweit untersucht hat, welche Gemeinden warum wachsen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat diese aufwändige, aber spannende Studie finanziell abgesichert. Die Analysen solcher Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, belegen nicht nur das Gemeindewachstum mit detaillierten Zahlen, sondern geben auch auf die Frage Antwort, wodurch solches Wachstum ausgelöst wurde und wie es sich entwickelt hat. Die Vielfalt und Genauigkeit dieser Ergebnisse kann für Gemeinden, die ebenfalls wachsen möchten, wichtige Anregungen bieten und als als Arbeitsmaterial für Kirchenvorstände dienen: Wachsen gegen den Trend.

 

Foto: Prof. Dr. Wilfried Härle 

Quelle: Benjamin Lassiwe M.A.