
Ein Beitrag von Pfarrerin Maike Sachs (Württemberg / Projekt "Wachsende Kirche")
Die württembergische Landeskirche hatte im Jahr 2003 gute Erfahrungen mit einem Gemeindeentwicklungs- kongress als Ergebnis des zehnjährigen Prozesses Notwendiger Wandel gemacht. Das ursprüngliche Anliegen des Prozesses war es gewesen, das Pfarramt in seinen Aufgaben zu entlasten. Auf eine Phase der Diskussion auf der Ebene der Prälaturen, hatte es unter den „fünf Fäden des Wandels“ (Ehrenamt fördern, Berufsprofile klären, Identität von Gemeinden und Bezirken stärken, Zusammenarbeit verbindlich gestalten, gemeinsam leiten) landesweit 50 Erprobungen gegeben, deren Ergebnisse auf dem Kongress einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Angesprochen und eingeladen waren vor allem die verantwortlich Mitarbeitenden in den Gemeinden. Das Echo auf den Kongress war überwältigend groß.
Aufgrund dieser guten Erfahrungen wurde das Anliegen, den Gedanken des Wachsens in der Kirche durch ein Projekt voran zu bringen, mit dem Beschluss verbunden, im Rahmen dieses Projektes einen zweiten Gemeindekongress durchzuführen. Im Verlauf des Projektes stellte sich allerdings heraus, dass dieser Kongress nicht das Ergebnis einer längeren und umfassenden Erprobungsphase sein konnte, sondern als maßgeblicher Impulsgeber zu dienen hatte, um die Sehnsucht nach Wachstum aufzugreifen, bestehende Modelle des Wachsens in der Landeskirche darzustellen und neue Akzente durch Anstöße von außen zu setzen.
Im Herbst 2004 fiel die Entscheidung für Projekt und Kongress Wachsende Kirche (WK) in der Sitzung der 13. Landessynode. Der Kongress wurde für das Jahr 2008 geplant, da im November 2007 die Kirchenwahlen zu veränderten und erneuerten Kirchengemeinderatsgremien führen würden. Gerade die neu gewählten oder frisch wiedergewählten Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte standen als Zielgruppe an erster Stelle. Entsprechend wurde der Kongress beworben.
Zunächst einmal aber galt es die Projektziele zu formulieren und erste Anstöße zu geben. Das geschah zum einen durch die Arbeit einer Projektgruppe, die sich aus Vertretern des Oberkirchenrates, der Synode und des Gemeindedienstes zusammensetzt.
Sie hielt als Ziele fest, den Glauben und die Zuversicht n den Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche zu fördern. WK soll Anstöße geben, wie Kirche wachsen kann in einer Gesellschaft, in der das Erwachen von Religiosität und Sinnsuche zu beobachten ist, trotz eines spürbaren Rückgangs an Mitgliedern, Mitteln und Ansehen.
Diese Ziele sollten erreicht werden durch
Konkretisiert wurden diese Ziele bei einer im Juli 2006 stattfindenden Konsultation. Die Mitglieder der Projektgruppe erarbeiteten selbst entsprechend ihrer Aufgabengebiete Themen, die in Kurzreferaten und Arbeitsgruppen angeboten wurden. Dabei ging es um den sonntäglichen Gemeindegottesdienst, die Einladung zum Glauben an Konfessionslose, die Frage, wie Erwachsene heute zum Glauben kommen, das Einüben spirituellen Lebens durch den Umgang mit der Bibel und die Verknüpfung von Schule und Gemeinde an ausgewählten Modellen.
Parallel zur Entwicklung der Ziele in der Projektgruppe wurden an verschiedenen Orten Erprobungen angestoßen und begleitet. Gemeinsam besuchte Studientage zur Gemeindeerkundung, Perspektiventwicklung und zur Durchführung von innovativen Projekten wurden durch eine individuelle Begleitung vor Ort ergänzt. Teilweise wurde ergebnisoffen begonnen, teilweise gab es bereits gezielte Vorhaben. Arbeitsfelder sind und waren etwa
Über die Erprobungen hinaus wurde landesweit für die Darstellung erprobter Modelle im Internet geworben. Auf der eigens eingerichteten Homepage WK waren bzw. wind jeweils eine Kurzbeschreibung und eine Kontaktadresse zu finden.
Die Vorbereitung und Konzeption des Kongresses
Mit dem Wunsch, dem Projekt die Weite einer Volkskirche zu geben und damit auch die Akzeptanz in der Breite der Landeskirche zu verstärken, wurden für die Vorbereitung des Kongresses bewusst Vertreter aller Einrichtungen eingeladen, das hieß aus dem Gemeindedienst, dem Bereich von Gottesdienst und Kirchenmusik, der Erwachsenenbildung, Jugendwerk-, Männer- und Frauenwerk, Mission und Ökumene, der Akademiearbeit, dem Diakonischen Werk, den Ausbildungsstätten für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie den freien Verbänden.
Die sogenannte Initiativgruppe Kongress konzipierte das Programm und bildete ein wichtiges Bindeglied vor allem zu denen, die sich durch die Mitarbeit in Foren, bei Seminare und durch Stände auf dem Markt der Möglichkeit einbringen würden.
Während Stände und Seminare in ihren Angeboten sich sehr bewusst auf den Bereich der württembergischen Landeskirche konzentrierten, da die Wahrnehmung erprobter und bewährter Modelle ein wesentliches Element des Gesamtprojektes darstellen sollte, wurde bei Bibelarbeiten und Vorträgen der Schwerpunkt auf Impulse von außen gelegt. Um theologisch und in Blick auf den Genderaspekt eine gewisse Ausgewogenheit zu erreichen, wurden jeweils sechs parallel stattfindende Bibelarbeiten und Vorträge ins Programm aufgenommen. Da nach den Erfahrungen des ersten Kongresses mit einer Teilnehmerzahl von etwa 2000 Personen gerechnet wurde, erschien ein derart breit gefächertes Parallelangebot vertretbar. Nur die Eröffnungsveranstaltung und ein Abschluss- und Sendungsgottesdienst waren als Plenumsveranstaltungen ausgewiesen.
Aus den Zielen des Projektes und den verschiedenen Feldern kirchlichen Handelns ergaben sich für die inhaltliche Ausrichtung des Kongresses folgende Überschriften:
Jedes dieser Themen wurde durch ein Forum in seiner Vielfalt bedacht, mindestens einer der Vorträge war ihnen zugeordnet und die Seminare wurden entsprechend gegliedert. Interessanterweise zeigte sich im Laufe der Redaktion des Seminarangebotes, dass die Themen sich durchaus nicht immer einfach zuordnen ließen, da Glauben entdeckt wird, wenn Menschen eingeladen werden, sich Gemeinde entwickelt, wo Gott gefeiert wird und Menschen begleitet werden, wenn Christen sich zum Ziel setzen, die Gesellschaft zu gestalten.
Ermutigend, wenn auch nicht einfach zu handhaben war die Tatsache, dass mehr Seminarangebote gemeldet wurden als schlußendlich angeboten werden konnten. Mit über 130 Titeln im Programmheft war für die Teilnehmenden die Auswahl schon schwer genug, vor allem aber die Kapazität der Räume im Umfeld des Veranstaltungsortes erschöpft.
Werbung und Anmeldeverhalten
Nachdem das Projekt WK immer wieder durch einen landesweit verschickten Newsletter auf den Kongress aufmerksam gemacht hatte, wurde der Kongress ab Herbst 2007 direkt durch einen Flyer beworben. Er ging in die Dekanate, Pfarrämter und Einrichtungen der Landeskirche mit regional sehr unterschiedlicher Resonanz. Während sich einerseits etliche Kirchengemeinderatsgremien umgehend vormerken ließen, wurde in anderen Gemeinden der Kongress erst wahrgenommen, als in der Presse darauf aufmerksam gemacht wurde. Der Weg über die Dekanate und Pfarrämter war bewusst gewählt worden, da es sich beim Kongress WK um ein spezielles Angebot für die Mitarbeitenden handelte. Eine breiter angelegte Werbung hätte sicher eine noch größere Resonanz ausgelöst. Auch war nachträglich zu erfahren, dass die dezidierte Angabe der Zielgruppe der Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte manchen Mitarbeitenden in den Gemeinden von der Teilnahme abgehalten hatte.
Die Anmeldung zum Kongress war dann ab Januar 2008 im Internet, wenig später auch per Post möglich. Mit der Anmeldung war es gleichzeitig nötig, dass sich die Teilnehmenden für die Seminarthemen eintrugen, die sie gewählt hatten, um Überfüllungen zu vermeiden und um eventuell Seminare aus dem Programm zu nehmen, die kaum auf Interesse stießen. Nach und nach zeichneten sich zentrale Themen ab, auf die sich die Anmeldungen konzentrierten. Am meisten gewählt wurden das Thema Gottesdienst in traditioneller und veränderter Form und die Frage, wie heute Menschen für den Glauben gewonnen werden können bzw. wie die Kirche die angestammten Milieus ihrer Arbeit überschreiten kann. Davon abgesehen wählten die Teilnehmenden in ihrer Funktion als Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte selbstverständlich und mehrheitlich die Angebote zur Gemeindeentwicklung und Gemeindeleitung.
In der Summe kamen annähernd 3000 Teilnehmende an den beiden Tagen.
Rückmeldungen der Teilnehmenden
Die Rückmeldung der Teilnehmenden, die sich überwiegend auf ca. 240 Antwortbögen beziehen kann, ist in hohem Maße von Zufriedenheit und Dankbarkeit geprägt. So gaben über 90 % an, ihre Erwartungen an den Kongress seien im Großen und Ganzen erfüllt bzw. übertroffen worden, 92 % fühlten sich in ihrem bisherigen Engagement bestätigt bzw. bestärkt, wiederum 90 % meinten, Neues und Altes habe sich gegenseitig befruchtet bzw. es habe neue Anstöße gegeben, wobei allerdings 10% gleichzeitig angaben, das wirklich Neue vermißt zu haben.
66% derer, die sich zurückmeldeten entstammten der Altersgruppe zwischen 40 und 65 Jahre, eine in den Kirchengemeinderatsgremien grundsätzlich stark vertretene Gruppe, die Gruppe der unter 25 Jährigen war ausgesprochen dünn vertreten. Rückmeldungen ergaben, dass ein eventuell auf diese Altersgruppe zugeschnittene Programmangebot mehr Jugendliche angelockt hätte.
Was die Mitarbeit in der Ortsgemeinde betrifft so gaben etwa 41% an, Kirchengemeinderatsmitglied zu sein, 10 % der Teilnehmenden kamen aus der Jugendarbeit. Zwei Drittel der Personen nannten für sich ein ehrenamtliches Engagement, ein Drittel ein hauptamtliches.
Als Themen, die auf besonderes Interesse stießen und um deren weitere Entwicklung gebeten wurde, haben sich aufgrund der abgegebenen Voten folgende Stichworte herauskristallisiert:
In einem letzten Stichwort, dem einer freundlichen Umgangskultur in der Landeskirche, spiegelte sich das mehrfach genannte, als wohl tuend empfundene gute Klima des Kongresses, die Repräsentation unterschiedlicher Ansätze und Frömmigkeitsrichtungen unter einem gemeinsamen Thema und mit einer Vision, wachsen zu wollen.
Zusammenfassend ist zu sagen: In seiner Lebendigkeit und Farbigkeit, der zuversichtlichen Stimmung, durch das empfundene Gemeinschaftserlebnis und die ermutigenden Ausblicke wurden die beiden Kongresstage für viele zu einer stärkenden Erfahrung ihrer Landeskirche. Durch die breite Entfaltung des Begriffes Wachsende Kirche in Erleben, fachlichem Input und dargestellter Umsetzung wurden die einen auf ihrem Weg als Mitarbeitende ermutigt, andere für eine zuversichtliche Haltung gewonnen und wurde wieder anderen der Blick in einer froh machenden, da entlastenden Weise geweitet.
Implementierung und Dokumentation
Dem Projekt WK bleibt nun noch ein Jahr, in dem die Ergebnisse des Gesamtprozesses und die Impulse des Kongresses gesammelt und ausgewertet werden sowie deren Fortführung geklärt werden kann.
In Blick auf den Kongress finden sich auf der Homepage von WK inzwischen etliche Unterlagen der Bibelarbeiten, Vorträge, Foren und Seminare, sofern sie zur Verfügung gestellt wurden bzw. gestellt werden konnten.
Gleichzeitig hat die Veröffentlichung der Vorträge durch eine Buchreihe „Kirche wächst“ im Hänssler-Verlag begonnen. Begleitend dazu erscheinen in einer Reihe „Wachsende Kirche“ sukzessive Bände mit Vorträgen namhafter Autoren im Brunnen-Verlag. Der
erste Band mit zwei Vorträgen von Professor Dr. Michael Herbst aus Greifswald war bereits beim Kongress erhältlich.
Geplant ist, dass nach der Veröffentlichung der Vorträge Arbeitsmaterialien aufgrund der Kongressunterlagen für die Weiterarbeit in den Kirchengemeinden herausgegeben werden sollen. Ein erster Band zum Thema Gottesdienst ist für den Herbst dieses Jahres geplant. Aktuelle Informationen finden sind auf der Homepage
www.wachsendekirche.de
zu finden.
Projekt "Wachsende Kirche": www.wachsendekirche.de
Projekt "Notwendiger Wandel": www.datenbankkirchenreform.de/notwendiger_wandel.html
Kopfbild: DoRe / www.pixelio.de
Foto: Maike Sachs .