Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 18. March 2010
Druckversion der Seite: Von der Hybridorganisation zur vernetzten Reformkirche
URL: www.netzwerkkirchenreform.de/vernetzte_reformkirche.html

Wo Institution ist, muss Organisation werden

Von der Hybridorganisation zur vernetzten Reformkirche

Eine Konsequenz aus Wittenberg

  

Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

Von der Hybridorganisation zur vernetzten Reformkirche [1]


Angewandt auf bestehende kirchliche Strukturen lautet die Konsequenz aus meinen Analysen: Wo Institution ist, muss Organisation werden! [2] Der Kirchenreform-Netzwerker Eberhard Hauschildt verweist scheinbar im Gegensatz dazu darauf hin, dass Kirchen nicht nur Organisation sein können, sondern immer auch Institution sind. Er hat dafür den treffenden Ausdruck „Hybridorganisation“ als charakteristisch für den Dritten Sektor zwischen Staat und Wirtschaft übernommen und fordert – da sind wir uns bereits schon einig – mit dieser Organisationsform im Bereich der Kirche bewusst umzugehen. Wir haben, wie dies typisch ist für unserer Netzwerkarbeit, unsere Vorstellungen an einander abgearbeitet [3], und so bin ich fast ganz glücklich mit dem Doppel  „Institution der Freiheit, „Organisation der Freiheit“, das mein geschätzter Kollege für die Synode nach „Kirche der Freiheit“ formuliert hat. [4] Ich kann an unsere Diskussionen anschließen, um die Konsequenzen aus dem Stand der Reformdebatte unserer Kirche nach Wittenberg zu ziehen.

 

- Evangelische Freiheit organisieren statt institutionalisieren!

 

Hauschildts Anwendung des Hybridansatzes auf den gegenwärtigen Zustand kirchlicher Strukturen erklärt den scheinbaren Widerspruch, den die Analysen des Sozialwissenschaftliche Instituts in den religions- und kirchensoziologischen Daten nicht nur der Mitgliedschaftsstudien aufweist.[5] Man kann die scheinbare Schizophrenie des Mitgliederverhaltens auf eine einfache Formel bringen: institutionelle Verbundenheit, Distanz zur Organisation. Hauschildt verbindet in seinem Ansatz eine kulturgeschichtliche Interpretation mit einer praktischen Empfehlung: Hybridorganisationen bilden. Auf der Synode ist jetzt die ekklesiologische Begründung und die Akzentsetzung hinzugekommen, die mir bislang gefehlt hat. Es geht darum, unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen unter dem institutionellen wie unter dem organisationalen Aspekt evangelische Freiheit zu bewahren! Dass unsere Überzeugungsreligion immer wieder zur Überlieferungsreligion wird, darf doch nicht unter der Hand zu einer normativen Vorgabe werden, die Botschaft von der Struktur zu entkoppeln! Warum und wann auch immer wenn die Reform dieser Strukturen zum Thema wird, geht es um die Identitätslinie der jüdisch-christlichen Tradition, die gerade für den Protestantismus konstitutiv ist. Dann aber lautet die Orientierungsanregung, die in die Zukunft weist, etwas anders: Zwischen dem vergeblichen Versuch, evangelische Freiheit durch Institutionalisierung oder Fundamentalismus auf Dauer zu stellen, und dem ebenso zum Scheitern verurteilten Versuch, dies durch Protest oder Charismatik zu verhindern, erschließen die kreativen Potentiale evangelischer Freiheit neue organisatorische Entwicklungsmöglichkeiten. Wie die Geschichte der Diakonie und die Entwicklung des Dritten Sektors zeigen, lernt dabei nicht nur die Kirche von der Wirtschaft. Es war eigentlich ja sogar umgekehrt – und das soll uns ein Ansporn sein, der Welt nicht nur etwas zu predigen, sondern ihr gelegentlich mal wieder etwas vorzumachen.

 

- Von der Mitte zu den Rändern!

 

Inzwischen ist Heiligendamm zur anschaulichen Realmetapher für die ebenso komplizierte wie chancenreiche Lage unserer Traditionsgemeinschaft im Reformprozess ihrer Strukturen geworden. Unsere mündig gewordenen Kinder standen auf beiden Seiten des Zaunes an einem Ort, dessen Namensgeschichte ebenfalls auf „uns“ verweist: auf das Gebet der Mönche, das nach der Legende die Grenze zwischen Land und Meer befestigt haben soll. Das Judentum, das Christentum und dann noch einmal die Reformation haben dem Abendland seinen dynamischen Grundimpuls gegeben. Raus aus dem Zentrum!, lautet die orientierende Strukturbotschaft unserer Tradition: Kon­zen­triert euch auf die Ränder. Wer das Bestehende wirklich sichern will, dessen Platz ist auf der Grenze, bei den Menschen an den Hecken und Zäunen. Der orientierende Blick, der die notwendigen Veränderungen nach sich gezogen hat, mit denen unsere Organisationen überlebt haben, hat sich immer an denen ausgerichtet, die gerade draußen und unten waren. Heute wissen wir, dass so die kritischen Strukturparameter in Veränderungsprozessen hervortreten. So entsteht jenes entscheidende Wissen, das einen Paradigmenwechsel einleitet und die Grenzen des Wissens- wie des Organisationsraumes erweitert.

 

- Organisation: zwischen Professionalisierung von Personen und Re-Personalisierung von Institutionen

 

Tragfähige evangelische Organisationen bauen sich von außen und von unten her auf. Es ist schön zu sagen: Wir sind Kirche für andere. Für Amtsinhaber muss man gelegentlich verdeutlichen, dass sie Funktionsträger in einer Dienstleistungsagentur sind, die vom Bezug zu den Kunden lebt: mögen diese nun zu bewerben sein oder bereits als Mitglieder für die Gehälter aufkommen. Entscheidend ist, dass die biblische Tradition nur an dieser Reibe- und Kontaktfläche zwischen Personen an den Rändern der Systeme das Feuer des Geistes entfacht, das die Kirche lebendig erhält. Dies geschieht nach evangelischer Erkenntnis dadurch, dass die von Gott angenommene und be­freite Person institutionell ernstgenommen wird und sich selbst ernstnimmt. Das Priestertum aller Gläubigen verpflichtet diese, sich im Dienst der Traditionsgemeinschaft so zu professionalisieren, wie es ihren Fähigkeiten entspricht. Es verpflichtet umgekehrt aber auch die kirchlichen Funktionsträger dazu, sich selbst als freie Christenpersonen zu entinstitutionalisieren, sich jenen Begegnungen an der Grenze im Maß ihrer Möglichkeiten auszusetzen und das so freigesetzte kreative Potential in organisierte Veränderungsprozesse einzubringen. Akkumulierte Netzwerkserfahrungen, die IWS-Kompetenz- und Anreizstudien für die EKD und die Pfarrberufserfahrungen des IWS weisen auf diesem Grenz- und Gestaltungsfeld kirchlicher Strukturen in die gleiche Richtung: eine „wertschätzende Kultur dichter Rückmeldung“. Ein Unternehmer hat die Orientierungsvorgabe, die auch für unsere Kirche im Reformprozess gelten kann, auf die schöne Formel gebracht: Wertschöpfung durch Wertschätzung.

 

- Verorten? Vernetzen!

 

Woran soll man sich orientieren, wenn der parochiale Flickenteppich lückenloser institutionalisierter Zuständigkeit löcherig wird? Es scheint logisch zu sein, dann wie gebannt auf die „kirchlichen Orte“ zu schauen, an denen dies und das in der Vergangenheit Gestalt angenommen hat und jetzt auch wieder neu Gestalt annehmen könnte. Aber sind diese Örtlichkeiten wirklich eine organisatorische Orientierungsalternative für evangelische Reformstrukturen? Oder sind sie nicht eher der immobile Schauplatz institutioneller Desorientierung: Sammelplatz der verlegen Daheimgebliebenen, zurückgelassen und vergessen von der Elite der wandernden Boten, nachdem sie wohlversorgt auf den Weg zur nächsten Station gebracht worden sind? Die Pseudokonkretisierung des kirchlichen Ortes steht im Widerspruch zur den strategisch-funktionalen Reformanforderungen, vor denen kirchliche Organisationen heute stehen. Reformfachleute sind sich nach Wittenberg einig, dass regionalisierte Profilbildung durch projektförmige Institutionalisierung einerseits und andererseits eine profilierte Regionalisierung durch institutionalisierte Anreiz- und Rückmeldesysteme das reformstrategische Gebot der Stunde sind. Zwischen Basisorganisation und mittlerer Ebene kreuzen sich personennahe Dienstleistungsverpflichtungen mit globalen und ökumenischen Solidaritätsaufgaben, die jetzt und hier nirgendwo anders verortet sind. Die sekundäre Vernetzung örtlich gebündelter und zugleich gebundener Aktivitäten kann nur eine Übergangslösung sein. Ihre Hauptfunktion ist die institutionelle Abkoppelung von der gesamtkirchlichen Dominanz der Ortsgemeinden.

Vor allem aber verstellt die Organisationslogik „kirchlicher Orte“ geradezu den Blick für die spezifische Topologie evangelisch-kirchlicher Vernetzung. In ihr  werden kirchliche Organisationen als Knoten eines antitraditionalen Netzwerks gedacht, das „die Stärke schwacher Bindungen“ hervortreten lässt. Mark Granovetter hatte mit diesem Ausdruck die spezifische Funktion beschrieben, die grenzüberschreitende Kontakte für die Ausbreitung von Innovationen und für die Kohärenz moderner Gesellschaften haben.[6] Die neuere Urbanistik zeigt, dass damit nicht die Zentralisierung dieser Informationen gemeint ist, sondern deren Verdichtung durch die Überlagerung lokaler und regionaler Netze, deren Zentrum durchaus in der Peripherie liegen kann.[7] Dass dabei Kreativität als charakteristisches Merkmal gelungener Gestaltbildung hervortritt, markiert eine Herausforderung kirchlicher Reformorientierung, der sich das „Netzwerk Kirchenreform“ auch in Wahrnehmung seiner theologischen Verantwortung stellen will.[8]

 



[1] zuerst in: Wolfgang Nethöfel, „Veteranen schaffen selten Zukunft“ (Robert Leicht). Orientierungsalternativen im Reformfeld, (Arnoldshain)

[2] Das war schon das Motiv der Kongresse unter dem provokativen Motto „Unternehmen Kirche“.

[3] – zuletzt auf der „Werkstatt Kirchenreform“ am 24. und 25. 8. 2007 in Bonn, in der es um „Die Entwicklung der synodalen Strukturen auf der Kirchenkreisebene“ ging.

[4] Eberhard Hauschildt, Organisation der Freiheit. Evangelisch Kirche sein verändert sich, (www.ekd.de/synode2007/56113.html); vgl. ders., Hybrid. Evangelische Großkirche vor einem Schub an Organisationswerdung. Anmerkungen zum Impulspapier "Kirche der Freiheit" des Rates der EKD und zur Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Kongregationalisierung, Filialisierung und Regionalisierung, in: PTh 96, 2007, 56-66.

[5] Ders., Institution oder Organisation?, in epd-dokumentaton 2007/25 (zit. Anm. 1), 15-17.

[6] Vgl. Mark Granovetter, The Strength of Weak Ties, American Journal of Sociology 78, 1973, 1360-1380; ders.,  Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness, American Journal of Sociology 91, 1985, 481-510, und dazu: Thorsten Petry, Netzwerkstrategie. Kern eines integrierten Managements von Unternehmungsnetzwerken, Wiesbaden 2006.

[7] Vgl. Marita Löw, Raumsoziologie (stw 1506), Frankfurt am Main 2001.

[8] Vgl. Charles Landry, Kultur im Herzen des Wandels, Bern 2006; ders./ Franco Bianchini, The Creative City, London 1995; Richard Florida, The Rise of the Creative Class, New York 2002.