Grenzen und Möglichkeiten strategischer Planung in der Kirche

Ein Referat von Oberkirchenrat PD Dr. Michael Nüchtern

 

Oberkirchenrat PD Dr. Michael Nüchtern

In der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern in der Gemeinde in Korinth schreibt der Apostel Paulus über sein „Amt“ (2. Kor 4,1) und das der verkündigenden Gemeinde: „Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi“ (4,6). In dieser hymnischen Wendung formuliert Paulus das Ziel aller Evangeliumsverkündigung und die Grundaufgabe der Kirche: In Jesus Christus wird der Glanz Gottes erkannt. Diese jubelnde Wahrnehmung ist christlicher Glaube.

 

1. Die geistliche Grenze strategischen Planens
oder: Was gemacht werden muss und was nur geschenkt werden kann

     

Damit Glaube bei Menschen entsteht, bedarf es der Aktivität und Anstrengung der Verkündigenden. In 2. Kor 4,1 ff. wird vor allem deren Glaubwürdigkeit betont. Dennoch macht die Formulierung von 4,6 deutlich, dass die „Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Christi“ sich Gottes eigener Aktivität verdankt. „Der helle Schein“ ist Gabe Gottes. Er wird geradezu als Schöpfungsvorgang verstanden. Und der folgende Vers präzisiert, dass die „überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns“ (4,7).

    
Der Zusammenhang (und die Unterscheidung) von menschlicher Aktivität und göttlicher Wirkung beim Zustandekommen des Glaubens war besonders den Reformatoren wichtig. Sie haben ihn in verschiedenen sprachlichen Wendungen ausgedrückt. Das Augsburger Bekenntnis hält in Artikel 5 fest, dass Gott das „Predigtamt“ eingesetzt hat, d. h. stetige und verlässliche Evangeliumsverkündigung wie Sakramentsfeier und –spendung, damit der rechtfertigende Glaube entsteht. Wort und Sakramente sind freilich nur Mittel, durch die der Heilige Geist den Glauben wirkt, „wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören“. In CA 5 inhaltlich aufgenommen ist die von Martin Luther entwickelte Unterscheidung von „äußerer und innerer Klarheit der Heiligen Schrift“. Alle Formen des Verstehens der Schrift sind der „äußeren Klarheit“ zuzuordnen, die in die Verantwortung der Menschen gehört – derer, die das Wort Gottes verkündigen, wie derer, die es hören. Die „innere Klarheit“, der Glaube, ist Geschenk des Heiligen Geistes.

     
Die Kirche ist also anders als andere Unternehmen von ihrem Wesen her eine Organisation, die über ihr Organisationsziel nicht verfügt. Wir bekennen dies als Lob Gottes und seines Tuns (z. B. EG 264,1). Eine „strategische Planung“ kann in der Kirche daher grundsätzlich nur eine Angelegenheit von begrenzter Reichweite sein. Ja, die Organisationsgestalt der Kirche überhaupt ist keine letzte Frage, weil die Kirche immer angewiesen bleibt auf den Heiligen Geist. Wegen der Verbindung des Heiligen Geistes mit den Mitteln Wort und Sakrament ist die Organisation des Predigtamts bzw. der Kirche aber nun auch keineswegs vernachlässigbar. Wir sind Mitarbeitende Gottes (vgl. 2 Kor 5,20). Die Aufgabe der Kirche ist es, die „Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen 6). Darüber, dass die Botschaft Glauben findet, verfügt die Kirche nicht. Aber in den Bereich ihrer Verantwortung gehört, dass die Botschaft glaubwürdig in Formen, die der Botschaft entsprechen, ausgerichtet wird und wenn möglich „alles Volk“ äußerlich erreicht. Das ist die Verantwortung von Kirchenleitung, und hier hat strategische Planung in der Kirche ihren ebenso begrenzten wie notwendigen Ort. Sie bezieht sich auf die Ausrichtung der Verkündigung und deren Organisation, nicht auf das Ziel der Verkündigung. Ihr Gegenstand ist alles, was zur „äußeren Klarheit“ der kirchlichen Kommunikation und der Strukturqualität kirchlicher Leistungen gehörig ist, die Messung von Glaube und Nachfolge hingegen ist ihr verwehrt. M. a. W. Kirchliche Leitung sorgt sich um die rechte Verteilung und Gestaltung aller Dienste im „Predigtamt“ (CA 5, CA 14) und der durch sie zu verteilenden „Glaubensgüter“, nicht um deren gläubige Annahme.

  

2. Die weisheitliche Grenze strategischen Planens
oder: Was geplant wird und was sich ereignet

   
Die zweite Grenze strategischer Planung ist keine, die sich nur aus der Theologie, sondern eine, die sich auch aus der Erfahrung ergibt. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand“ (EG 508,1). Weise ist, wer weiß, dass auch das, was Planungen zugänglich ist, segensbedürftig bleibt, damit es erreicht wird.
Wer glaubt, die Welt wie eine Maschine beherrschen zu können, zeigt einen törichten Machbarkeitswahn. Zwar lassen sich in der künstlichen Welt der Labore Ursachen und Wirkungen klarer und eindeutiger bestimmen als im Leben selbst, aber schon im Chemieunterricht kann man lernen, dass bei einer chemischen Reaktion stets mindestens eine zweite abläuft. Je komplizierter, vielfältiger und lebendiger Lebenszusammenhänge sind, desto schwieriger ist es, Wirkungen und Nebenwirkungen vorher zu sehen und zu planen. Intendiertes und tatsächliche Effekte sind im wirklichen Leben selten deckungsgleich, weil andere Faktoren mit hineinspielen.

   
Ungeplant und ohne dass es von Leitungsorganen intendiert worden ist, ist in der Kirche im Laufe der Geschichte viel Positives entstanden. Es ist gewachsen – und hat hundertfältig Frucht getragen (Lukas 8,8) –, ohne dass es strategisch geplant, sondern allenfalls zugelassen und wenigstens nicht verhindert wurde. Zwei Beispiele aus jüngster Zeit können das Gemeinte veranschaulichen: Dass die Evangelische Kirche seit einigen Jahren einen deutlichen Imagegewinn in der Öffentlichkeit zu verzeichnen hat, ist nicht der Erfolg irgendeiner kirchlichen Imagekampagne, sondern verdankt sich einer ganzen Reihe von begünstigenden Umständen, die gewiss zum Teil auch kirchenleitend aktiv genutzt wurden. Dass Kirchenräume Menschen verstärkt ansprechen und eine spirituelle Ressource der Verkündigung sind, hat kein kirchenleitendes Organ vor 20 Jahren als Programm beschlossen, sondern wurde entdeckt. Einzelne in der Kirche, kirchenleitende Organe haben es gemerkt und entsprechende Initiativen gestartet, und schließlich hat auch eine EKD-Synode sich des Themas angenommen. Das Merken ist darum mindestens genauso wichtig wie das Machen. Strategische Planung muss deswegen mit intensiver Wahrnehmung beginnen – mit dem Schauen, nicht mit dem Bauen. Sie muss natürlich auch offen sein für die Revision der ursprünglichen Visionen.

   
Aus all dem darf man nicht den Schluss ziehen, man könnte rasch, „aus dem Bauch“ und ausgestattet mit der Selbstgewissheit von subjektiven Erfahrungen und Vorlieben planen. Nein: Wer plant, soll auch verantwortlich planen. Gott hat uns „Vernunft und alle Sinne gegeben“, wie Luther es in der Erklärung zum 1. Glaubensartikel im Kleinen Katechismus formuliert. Dass wir nicht über das Ergebnis unseres Handelns verfügen, bedeutet nicht, dass wir uns nicht um möglichst viel Wissen für unsere Haushalterschaft und für die rechte Verteilung der Glaubensgüter kümmern müssen. Empirische Studien (z. B. zu Religionslehrern oder die Kircheneintrittsstudie der badischen Landeskirche) bringen zu Bewusstsein, wie begrenzt unser Wissen bezüglich der Kirchenmitglieder und ihrer Motive ist. Ohne Wissenslücken zu schließen ist es sinnlos, die Planungslücke der Kirche zu bearbeiten. Sorgfalt muss vor allem hinsichtlich der Klärung des Verhältnisses von Zielen und Maßnahmen herrschen.

   

3. Die ethische Grenze und die ethische Notwendigkeit strategischen Planens
oder: Worauf Rücksicht genommen und was getan werden soll

    
Die dritte Grenze strategischer Planung ergibt sich aus der besonderen Form des Miteinanders in der Kirche. Dabei ist dreierlei für die Leitung in der Kirche konstitutiv:

  1. Leitung geschieht durch das Wort Gottes. Kirchenleitung kann daher nie nur als aktives Handeln verstanden werden. Sie ist zugleich ein passives Geschehen, ein Geleitetsein und Geleitetwerden durch das Evangelium.
  2. Das Verständnis von Leitung in der Kirche kann nicht davon absehen, dass Kirche da ist, wo das Wort Gottes verkündigt und die Sakramente gereicht werden (vgl. o. 1.). Evangelische Kirche baut sich in ihrer Organisation deswegen von dem oder den Orten her auf, wo dies geschieht (das sind gegenwärtig, aber müssen nicht die Parochien sein!!).
  3. Paulus beschreibt in 1 Kor 12,12 ff. die Gemeinde Jesu Christi als einen Leib mit vielen Gliedern. Die Grenze kirchenleitender Planung ist darum die kirchenleitende Verantwortung anderer kirchlicher Organe. Dieser besondere Charakter des kirchlichen Organismus bedingt spezifische Teilhabestrukturen und Mitwirkungen am Dienst der Leitung, wie sie gerade den Protestantismus prägen. Das einheitliche Subjektsein von Kirche, das für strategisches Handeln unabdingbar ist, ist dadurch schwerer zu realisieren. Infolge gesellschaftlicher Handlungsherausforderungen und ökonomischer Gegebenheiten wird dieses einheitliche Subjektsein von Kirche gleichzeitig aber immer notwendiger.

Aufbau „von unten“ und die Mitwirkungsstrukturen am Dienst der Leitung erfordern in der Kirche ein hohes Maß an wechselseitiger Rücksicht und Kommunikation. Die ideale Situation wäre es, wenn sich der Konsens über Perspektiven und Ziele einfach ergäbe und gleichsam nur festgestellt zu werden brauchte. Dies ist nicht immer die Wirklichkeit.

   
Neben dem Werben um Inhalte eines Konsenses muss deswegen auch der Sinn für das einheitliche kirchliche Handeln und die geordnete Strategie an sich wachsen. Strategische Planung hat die Organisation allen Dienstes im Predigtamt zum Inhalt. Die rechte Organisation dieser Dienste ist eine ethische Herausforderung, insofern es hier um ein besser oder schlechter geht. Das ethisch-pragmatische Argument der Ordnung des kirchlichen Lebens, das hinter CA 14 steht (es gäbe ein großes Durcheinander, wenn alle öffentlich verkündigen würden!), muss deswegen auch für eine kirchliche Handlungsstrategie stark gemacht werden.

   
Ein Argument, das die Ethik besonders der lutherischen Reformatoren in Bezug auf die staatliche und gesellschaftliche Ordnung zu denken gab, dass nämlich die möglicherweise verkehrte Ordnung besser sei als gar keine Ordnung, lässt sich auch auf die äußere Ordnung der Kirche und ihr einheitliches Handeln übertragen. Wo es nicht um die Wahrheit des Evangeliums geht, sondern nur um vorletzte Fragen, die ja allein der Bereich der strategischen Planung sein können, ist die Verlässlichkeit und die Berechenbarkeit einer bestimmten, womöglich nicht optimalen Ordnung einer chaotischen Situation, wo Kirche kein Handlungssubjekt ist, allemal vorzuziehen. Eine Strategie zu haben ist darum in aller Regel besser als keine Strategie zu haben. Natürlich ist dies kein Freibrief für kirchenleitendes Handeln. Aber es ist die Wegweisung zu einem nötigen Kompromiss und die Rechtfertigung relativer Entscheidungen im Verhältnis zu gar keinen Entscheidungen.

 

4. Die spirituelle Haltung strategischen Planens oder: was ermutigt und wozu ermutigt wird

   
Auch bei der Entwicklung von Zukunftsvisionen braucht die evangelische Kirche nicht in die Falle der Selbstsäkularisierung zu tappen. Sie glaubt, dass „alle Zeit ein heilige christliche Kirche sein und bleiben“ wird (CA 7). Die Unterscheidung zwischen dem, was dazu gemacht werden kann und muss, und dem was nur empfangen werden kann, ist für planendes Handeln der Kirche konstitutiv. Sie ergibt sich nicht von selbst. Sie verdankt sich einer bestimmten Haltung und eröffnet den Raum des Planens und des Handelns. In ihm wird das Vorletzte als solches erkannt; Freiheit und Lust zu seiner Verbesserung stellt sich ein. Entfaltung und Einübung dieser geistlichen Haltung, in der strategisch geplant wird, ist für eine Kirche, die um die Unverfügbarkeit ihres Tuns weiß, ebenso wichtig wie die Planung selbst. 

   
Diese Haltung wird vom Gebet um Gottes Geist und Gottes Segen, um offene Augen und starke Hände getragen. Eine protestantische Spiritualität der Planung weiß um die Grenzen des Planbaren und der Planung. Sie anerkennt Rücksichten beim Planen und sieht sich gleichzeitig zum Planen ethisch ermutigt und ermächtigt. Sie wird die Balance halten zwischen Mut und Demut. Sie steht unter Gottes Gericht und unter der Ermutigung des „pecca fortiter, sed fide fortius“.

   

"Grenzen und Möglichkeiten strategischer Planung in der Kirche" - Ein Referat von Oberkirchenrat Privatdozent Dr. Michael Nüchtern auf der 3. wissenschaftlichen Tagung des "Netzwerk Kirchenreform" in Bad Herrenalb 2006. 

   

Dr. Michael Nüchtern ist Oberkirchenrat der Ev. Landeskirche Baden (Referat 3: Verkündigung, Gemeinde, Gesellschaft), Autor von "Kirche bei Gelegenheit" (Aufwertung der kirchlichen Kernaufgaben) und war Mitglied der Perspektivkommission 2030, welche das Impulspapier der EKD verfasst hat.

   

Bild: ekiba