Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 4. December 2008
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Gemeinde im Aufbruch

Standortbestimmung aus professoral-beraterischer Perspektive

 

Prof. Dr. Beate Hofmann

Ein Statement von Prof. Dr. Beate Hofmann auf dem Kongress "Gemeinde im Aufbruch"

 

„Gemeinde im Aufbruch. Missionarische Gemeindeentwicklung zwischen (Zweit)Gottesdienst, Glaubenskurs und Hauskreis“ – so lautete der Titel eines Kongresses vom Amt für Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der vom 1. bis zum 3. Mai dieses Löhe-Jahres (200 Jahre Wilhelm Löhe) im bayerischen Zentrum der Diakonie in Neuendettelsau stattfand und zum Aufbruch ermutigte.

  

  

Wenn wir hier über missionarische Gemeindeentwicklung nachdenken, dann fragen wir:

Im Nachdenken über diese Fragen hat das Kongressteam zwei Dreiecke der Kontaktformen entdeckt.

 

missionarischen Dreiecke

Da ist das volkskirchliche Kontaktdreieck, in dem Menschen an bestimmten Schwellen religiös begleitet werden: Sonntags, an wichtigen Lebenswenden und an wichtigen Stationen im Kirchenjahr.

 

Daneben hat sich in den letzten Jahren ein zweites Dreieck der Kontaktformen entwickelt. Es setzt an der religiösen Suche von Menschen an und bietet Gottesdienste in neuer Form, Orte der Kommunikation über Glauben und intensive Kleingruppen. Ich vermute, dass es für dieses zweite Kontaktdreieck Variationen gibt, die sich an anderen Bedürfnissen und anderen kirchlichen Orten orientieren. z.B. über Spiritualität, über Erwachsenenbildung und Kultur, oder über diakonische Maßnahmen, die Menschen bei der Bewältigung schwieriger Erfahrungen helfen.

  

Hinter diesen beiden Kontaktdreiecken stehen verschiedene Modelle von Kirche, im Kongressbrief als Versorgungskirche und Beteiligungskirche oder als Volkskirche und missionarische Kirche beschrieben.

Doch dahinter stehen auch zwei verschiedene soziologische Erscheinungsformen, deren Unterscheidung einiges klären kann:
Da ist zum einen die Wahrnehmung von Kirche als Institution, ähnlich dem Staat. Zur Institution Kirche gehören Menschen aus Tradition, sie wachsen durch die Taufe in sie hinein und nehmen ihre Angebote bei Bedarf wahr. Kirche gehört selbstverständlich zu ihrem Leben, wird aber nicht unbedingt regelmäßig genutzt. Wie das Wahlrecht bei der Staatsbürgerschaft wird Kirchenmitgliedschaft bei Gelegenheit aktiviert, z.B. bei den Kasualien. Kirche als Institution wird von Menschen aus ganz verschiedenen Milieus genutzt und vom Pfarrer/er Pfarrerin repräsentiert. Die Aufgabe von Kirchenleitung in diesem Kirchentyp ist es, für die Arbeit einen Rahmen zu bieten.

  

Das andere Modell ist Kirche als Organisation. Die Mitgliedschaft in einer Organisation beruht auf der individuellen Entscheidung ihrer Mitglieder. Darum muss für diese Mitgliedschaft geworben werden, Menschen müssen gezielt vom Sinn dieser Organisation überzeugt werden. Sind sie einmal davon überzeugt, werden sie sich aktiv dafür einsetzen, dass auch andere vom Nutzen der Organisation überzeugt werden. Daher werben sie für bestimmte Angebote und Programme. Kirche als Organisation fragt nach Zielgruppen und ihren Bedürfnissen, richtet ihre Aktivitäten daran aus und entwickelt gezielt Personal für diese Programme. Kirchenleitung wirkt hier viel stärker steuernd und Ziele setzend im Sinn von Unternehmensführung.

  

Diese beiden Modelle von Kirche existieren in unserem Land seit ungefähr 150 Jahren nebeneinander. Ich halte es für falsch, sie gegeneinander auszuspielen oder theologisch abzuqualifizieren. Der Theologe Eberhard Hauschildt[1] weist darauf hin, dass die reine Organisation die in Deutschland durchaus stabile Kirchenmitgliedschaft in Halbdistanz beeinträchtigen würde. Und die reine Institution würde neue Kontakte und engagierte Mitarbeit einschränken.

  

Beide Formen von Kirche brauchen einander, damit Kirche weit und lebendig zugleich bleibt, damit sie spirituelle Tiefe und kritische Reflexion des Bestehenden behält. Beide brauchen einander, um Kirche der Verschiedenen und damit Kirche für alle zu sein und nicht nur Kirche für Entschiedene oder eingeschworene Freunde zu sein. Beide brauchen die Durchlässigkeit untereinander und die Vernetzung miteinander, denn Menschen wechseln im Lauf ihres Lebens die Kontakt- und Mitgliedschaftsformen. Und verschiedene Milieus suchen verschiedene Wege zu Kirche und verschiedene Formen von Religiosität, auch das wissen wir aus Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen.

  

Wie kann sich Kirche in unserer postmodernen Gesellschaft in dieser Doppelgestalt weiterentwickeln? Dazu noch drei Gedanken:

  

1. Aus der Forschung über Glaubenswege[2] von Menschen wissen wir, dass Mission heute über Beziehungen geschieht. Belonging kommt vor Believing. Menschen finden Freunde und schließen sich deren Überzeugungen an. Kirchen wachsen über Beziehungen, die sie mit interessierten Menschen knüpfen. Die missionarische Kernfrage ist daher: wo bieten wir als Gemeinden Anknüpfungspunkte? Bieten wir Gruppen nur nach Alter und Geschlecht, oder auch nach Interessen oder nach Lebenssituation, z.B. für Menschen, die gerade eine schwere Krankheit überstanden haben, für Menschen, die um eine gute Erziehung für ihre pubertierenden Kinder ringen oder mit Suchtproblemen kämpfen. Wie schaffen wir solche Netzwerke und wie viel Zeit und Energie geht in diese Beziehungsstiftung?

  

2. Eine ganz neue Untersuchung zu wachsenden Gemeinden in Deutschland[3] hat ergeben, dass Gemeinden vor allem in den grünen Gürteln um Ballungsräume wachsen, da, wo junge Familien hinziehen und neue Kontakte suchen. Wenn es Gemeinden hier gelingt, attraktive Angebote zu gestalten und zu kommunizieren, finden sie neue Mitglieder. Dabei bleibt für mich eine Frage offen: Und was ist mit den anderen? Was ist mit der wachsenden Zahl an Menschen, die nicht als traditionelle Familie leben, die keine Kinder haben, über die neue Kontakte zu Nachbarn, in die Gemeinde, bei den Kasualien entstehen? Was ist mit denen, die voll im Beruf stehen, die keine Zeit haben, wöchentlich einen Hauskreis zu besuchen, die nicht von auf Familien ausgerichteten Gottesdiensten angesprochen werden, die aber trotzdem eine große Sehnsucht nach Gott haben, die Orte sinnvollen Engagements suchen und sich eine interessierte Bezugsgruppe wünschen. Wo haben diese Menschen Möglichkeiten, Kirche als sinnstiftende, lebendige, nicht einengende Gemeinschaft zu erleben? In den USA sind mir z.B. Montagsfrühstücke für Geschäftsleute, survival groups für Menschen nach einer Krebs-OP oder einer schwierigen Trennung begegnet.

  

Ein letzter Gedanke: Die lutherische Kirche in den USA hat mit großem Aufwand vor einigen Jahren eine Evangelisationsdekade gestaltet. Dabei hat sich gezeigt: Gemeinden wachsen dann, wenn sie eine Vision und damit auch eine klare Identität haben, und wenn sie bereit sind, sich zu verändern. Da, wo alle Kraft dahin geht, dass Menschen in die bestehenden Formen integriert werden und so leben und glauben wie die, die schon da sind, da ist wenig passiert. Denn in diese Gemeinden wollten die Menschen schon vorher nicht hin. Aber da, wo Gemeinden sich für Ideen, Fragen und Bedürfnisse interessierter Suchender geöffnet haben, sich in ihren Angeboten verändert haben und verändern ließen, da ist etwas in Bewegung geraten. Mission fängt also bei uns selber an, bei unserem offen werden für andere und anderes. In dieser Öffnung, das ist die Verheißung, weht der Heilige Geist, aber wo und wann er will.

  


[1] Vgl: Hauschildt; Eberhard: Hybrid evangelische Großkirche vor einem Schub an Organisationswerdung, Pastoraltheologie 96 Jg., 2007, S.56-66.

[2] Vgl. Finney, John: Finding Faith Today, 1992.

[3] Vg. Härle, Wilfried u.a.: Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, Leipzig 2008.

  

Prof. Dr. Beate Hofmann ist Dozentin an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg: www.evfh-nuernberg.de