Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 4. December 2008
Druckversion der Seite: Situation der Hauskreise
URL: www.netzwerkkirchenreform.de/situation_der_hauskreise.html

Situation der Hauskreise

Ein Statement von Dr. Thomas Popp

  

Dr. Thomas Popp

Ein Statement von Dr. Thomas Popp auf dem Kongress "Gemeinde im Aufbruch"

 

„Gemeinde im Aufbruch. Missionarische Gemeindeentwicklung zwischen (Zweit)Gottesdienst, Glaubenskurs und Hauskreis“ – so lautete der Titel eines Kongresses vom Amt für Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der vom 1. bis zum 3. Mai 2008 in Neuendettelsau stattfand und zum Aufbruch ermutigte.

  

 

Meine These lautet:
Als seelsorgliche und missionarische Freundschaftsnetzwerke sind Hauskreise ein starkes Stück kirchlicher Zukunft mit neutestamentlicher Herkunft.

 

1. Ich beginne mit einem kurzen Zeitanalyse:

Die Auflösung traditioneller Sozialbeziehungen als Chance für Freundschaft

 

In einer Zeit, in der Familien und traditionelle Bindungen sich zunehmend auflösen, ist Freundschaft besonders aktuell. Ehe und Familie, Nachbarschaften und Verwandtschaften bieten oft nicht mehr den nötigen Halt, um das Leben gut zu bestehen. Die Sehnsüchte vieler Menschen heute gehen über die Fixierung auf die Familie hinaus. Deshalb sind sie verstärkt auf der Suche, alternative Formen des Zusammenlebens zu entdecken, die Freiraum erlauben und gleichzeitig dauerhaft sind.

Diese Suche birgt die Möglichkeit, ein verlässliches Netz von Freundinnen und Freunden zu entwickeln. Freundschaft bietet Halt in der Haltlosigkeit, ein Zuhause im Unbehaustsein.

Es ist attraktiv, sich in einer Gruppe von Freunden geborgen zu fühlen. Im offenen Austausch voneinander zu lernen. Ein Leben zu führen, das in ein Netzwerk von freundschaftlichen Beziehungen eingebettet ist.

 

2. Vor diesem Hintergrund ein blitzlichtartiger Blick auf das Neue Testament:

Im Neuen Testament sind vor allem Paulus, Lukas und Johannes anschlussfähig, wenn es um das Thema gelebte Freundschaft in überschaubaren Gruppen geht.[1] Kirche gewinnt in Häusern konkret Gestalt. Im Privathaus wird die Freundschaft gepflegt: mit Christus und untereinander. Großes ist durch diese kleinen Gruppen gewachsen. Ein Grundsatz neutestamentlich inspirierter – und auch lutherisch fundierter – verheißungsorientierter Gemeindeentwicklung lautet daher: 

 

3. Großes durch Kleines:

Dass Großes durch Kleines wächst, wird bei den schwerwiegenden großkirchlichen Planungen leicht übersehen. Gerade die „Kirche der Freiheit“ ist gut beraten, sich auf Paulus, den Theologen der Freiheit, zu besinnen. In seinen Spuren auf das Kleine, nicht so leicht Steuerbare zu setzen – dieses „Paulus-Risiko“ (Thomas Popp),[2] das auch das Risiko der Kleingruppen  beinhaltet, ist notwendig.

Inzwischen wird die Bedeutung von Hauskreisen auch von der Kirchenleitung verstärkt wahrgenommen (so z.B. von Thies Gundlach in dem Aufsatz „Zum Mentalitätswandel in der Kirche“, 17).[3] Eine wachsende Kirche ist nicht denkbar ohne geistliche Kleingruppen, ohne lebensrelevanten Glauben in verlässlichen Netzwerken. In einem Gespräch über sein Buch ‚Die neue Reformation’[4] bringt es Klaus Douglass auf den Punkt: „Das Haus der Kirche wird nur wieder wachsen, wenn die Kirche in den Häusern wieder wächst.“

Ein Blick in die Forschung unterstreicht diese Sicht: In seiner 2006 erschienenen Habilitationsschrift zu den Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel hat auch für Johannes Zimmermann das Haus zentrale Bedeutung: Als Lebensgemeinschaft im antik-neutestamentlichen Sinn ist es „eine Sozialform, die sich in unterschiedlichen Formen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten in einer erstaunlichen Kontinuität durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch zieht und mit der auch heute eine Vielzahl von ‚Biotopen gelebter Christlichkeit’ bezeichnet werden kann.“[5]

Solche Biotope sind u.a. Hauskreise, Hausgemeinden, Dienstgruppen, diakonische Gruppen, landeskirchliche Gemeinschaften, Bibelgesprächskreise, Jugendgruppen, Basisgemeinden und Formen kommunitären Lebens (Gemeinde, 470).

Bestätigt wird diese Beobachtung durch empirische Untersuchungen unter Federführung von Wilfried Härle.[6] Auf die Frage, ob es eine spezifische Frömmigkeit gibt, die Gemeinden wachsen lässt, antwortet er in einem Interview im „Sonntagsblatt“: „Vor dreißig Jahren hätte man gesagt, dass es genau die Sozialarbeit ist, über die die Kirche wächst. Praktisch sind es heute aber eher Hauskreise, lebendige Gottesdienste und das gemeinsame Gebet.“

Die mögliche Dynamik der kleinen Gruppen ist also ein schlafender Riese, der wieder zu neuem Leben erwacht – Gott sei Dank. Was er tut, fängt klein an und entwickelt sich vielfältig.

  

4. Hauskreise im Aufbruch

Manche Hauskreise wirken durch ihren aus dem üblichen Rahmen fallenden Lebensstil missionarisch. Sie haben durch ihre diakonische Prägung Ausstrahlungskraft. Die Hauskreisform eignet sich einfach gut, um sich mitten im Alltag heilsam unterbrechen zu lassen. Miteinander und füreinander dazusein (Peter Böhlemann, 121)[7]: „Füreinander beten, miteinander trauern, voneinander lernen, das braucht einen geschützten und intimen Rahmen.“ Dass Hauskreise diesen Rahmen bieten, kann ich nach 12 Jahren Hauskreisarbeit im AfG nur dankbar bestätigen.

Zugleich braucht es die Bereitschaft, aus diesem Rahmen herauszusteigen und sich je nach Begabung und dem momentanen Maß der Kraft auch außerhalb des Hauskreises für andere zu engagieren. Durch gelebte Glaubwürdigkeit im eigenen Kreis und darüber hinaus werden Menschen neugierig auf den Glauben.

Manche Hauskreise wirken z.B. durch Gästeabende bei Gelegenheit missionarisch. Oder sie verstehen sich als Hauskreise auf Zeit und veranstalten beispielsweise vier Gesprächsabende zu aktuellen Themen, beteiligen sich an einem missionarischen Projekt wie „40-Tage Leben mit Vision“ (z.B. in Schnaittach) oder an einem menschenfreundlich gestalteten Bibelwochenende. Andere wirken aufgrund entsprechender Gaben bei Gottesdiensten und Glaubenskursen mit. Und das alles ehrenamtlich! Wenn das keine Konkretion einer kostengünstigen Kirche ist! Insofern sind Hauskreise auch in finanzieller Hinsicht zukunftsfähig.

Worauf es in Zukunft wie beim „ersten Atem der Kirche“ (Hans-Hermann Pompe)[8] vor allem ankommt, sind Hauskreise im Aufbruch. Als Menschen, die mit Gott und untereinander befreundet sind, bleiben sie nicht in ihren vier Hauskreiswänden, sondern sind immer wieder ‚aus dem Häuschen’, um missionarisch zu wirken. Dabei lässt sich Mission im Sinne des Johannesevangeliums (vgl. Joh 15,13-16) mit Theo Sundermeier prägnant so definieren (Mission, 53)[9]: Sie ist „Einladung zur Gottesfreundschaft und kennt deshalb keinen Zwang.“

 

5. Zu guter Letzt zwei exemplarische Einblicke in die laufende Hauskreisarbeit:

 

(1) Im Herbst wird es auf Anregung von Andreas Zwölfer in Ansbach einen Dekanatshauskreistag geben. Das Thema: „Wachsen mit Freunden“

(2) Hauskreise sind nicht nur eine für die klassische Ortsgemeinde fruchtbare Form. Mit Joachim Klenk, dem für die Gehörlosenseelsorge in unserer Landeskirche verantwortlichen Kirchenrat, bin ich nicht nur gelegentlich im Fussballstadion, sondern auch im Gespräch, wie diese netzwerkartige Freundschafts-Form künftig auch die Kirche mit Gehörlosen noch stärker befruchten könnte.

 

 

Der Autor: Dr. Thomas Popp ist Pfarrer und Referent für Gemeindeentwicklung mit Schwerpunkt Hauskreisarbeit im Amt für Gemeindedienst in Nürnberg: www.afg-elkb.de 

  

Das Paulus-Risiko

Wenn eine Gemeinde etwas bewegen will, muss sie sich am Neuen Testament orientieren. Besonders spannend wird es, wenn sie von Paulus lernt, der leidenschaftlich und unbequem war und zusammen mit anderen Jesus Christus zum Mittelpunkt machte. Ein Buch von Dr. Thomas Popp zum Gemeindeaufbau für Mitarbeiter und Hauskreise: Das Paulus-Risiko.


Das Hauskreismagazin

Das Hauskreis-Magazin vom Bundesverlag

Kleingruppen bestehen aus Menschen, die miteinander unterwegs sind, gemeinsam durch Höhen und Tiefen gehen, Christsein praktisch leben wollen und Gott besser kennen lernen möchten. Bei all dem möchten wir Sie mit unserem neuen Magazin begleiten und unterstützen. Wir möchten die Schönheit und die Möglichkeiten von Gemeinschaft zeigen, wie sie von Gott angelegt ist. Jedes Heft enthält 13 biblisch-thematische Einheiten für Kleingruppen- und Hauskreistreffen. Wir stellen Hauskreise vor, testen Materialien, diskutieren neue Modelle und Trends und beantworten praktische Fragen von Kleingruppen. Daneben finden Sie zahlreiche Ideen, Anregungen und Praxistipps für die Gestaltung des Treffens: www.dashauskreismagazin.de

 



[1] T. Popp, Hier finde ich Freunde. Ein Gemeinde-Modell nach dem Johannes-Evangelium, Neukirchen-Vluyn 2004.

[2] T. Popp, Das Paulus-Risiko. Aufbruch zur missionarischen Gemeinde, Neukirchen-Vluyn 2008.

[3] T. Gundlach, Zum Mentalitätswandel in der Kirche. Wie wächst kirchliche Qualität?, Pastoraltheologie 97 (2008), 14-29.

[5] J. Zimmermann, Gemeinde zwischen Sozialität und Individualität. Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel, Neukirchen-Vluyn 2006.

[8] H.-H. Pompe, Der erste Atem der Kirche. Urchristliche Hausgemeinden – Herausforderung für die Zukunft, Neukirchen-Vluyn 1996.

[9] T. Sundermeier, Mission – Geschenk der Freiheit. Bausteine für eine Theologie der Mission, Frankfurt a.M. 2005.