Situation der Hauskreise
Ein Statement von Dr. Thomas Popp
Ein Statement von Dr. Thomas Popp auf dem Kongress "Gemeinde im Aufbruch"
„Gemeinde im Aufbruch. Missionarische Gemeindeentwicklung zwischen (Zweit)Gottesdienst, Glaubenskurs und Hauskreis“ – so lautete der Titel eines Kongresses vom Amt für Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der vom 1. bis zum 3. Mai 2008 in Neuendettelsau stattfand und zum Aufbruch ermutigte.
Meine These lautet:
Als seelsorgliche und missionarische Freundschaftsnetzwerke sind Hauskreise ein starkes Stück kirchlicher Zukunft mit neutestamentlicher Herkunft.
1.
Ich beginne mit einem kurzen Zeitanalyse:
Die
Auflösung traditioneller Sozialbeziehungen als Chance für Freundschaft
In
einer Zeit, in der Familien und traditionelle Bindungen sich zunehmend auflösen,
ist Freundschaft besonders aktuell. Ehe und Familie, Nachbarschaften und
Verwandtschaften bieten oft nicht mehr den nötigen Halt, um das Leben gut zu
bestehen. Die Sehnsüchte vieler Menschen heute gehen über die Fixierung auf
die Familie hinaus. Deshalb sind sie verstärkt auf der Suche, alternative
Formen des Zusammenlebens zu entdecken, die Freiraum erlauben und gleichzeitig
dauerhaft sind.
Diese
Suche birgt die Möglichkeit, ein verlässliches Netz von Freundinnen und
Freunden zu entwickeln. Freundschaft bietet Halt in der Haltlosigkeit, ein
Zuhause im Unbehaustsein.
Es
ist attraktiv, sich in einer Gruppe von Freunden geborgen zu fühlen. Im offenen
Austausch voneinander zu lernen. Ein Leben zu führen, das in ein Netzwerk von
freundschaftlichen Beziehungen eingebettet ist.
2.
Vor diesem Hintergrund ein blitzlichtartiger Blick auf das Neue Testament:
Im
Neuen Testament sind vor allem Paulus, Lukas und Johannes anschlussfähig, wenn
es um das Thema gelebte Freundschaft in überschaubaren Gruppen geht.[1]
Kirche gewinnt in Häusern konkret Gestalt. Im Privathaus wird die Freundschaft
gepflegt: mit Christus und untereinander. Großes ist durch diese kleinen
Gruppen gewachsen. Ein Grundsatz neutestamentlich inspirierter – und auch
lutherisch fundierter – verheißungsorientierter Gemeindeentwicklung lautet
daher:
3.
Großes durch Kleines:
Dass
Großes durch Kleines wächst, wird bei den schwerwiegenden großkirchlichen
Planungen leicht übersehen. Gerade die „Kirche der Freiheit“ ist gut
beraten, sich auf Paulus, den Theologen der Freiheit, zu besinnen. In seinen
Spuren auf das Kleine, nicht so leicht Steuerbare zu setzen – dieses
„Paulus-Risiko“ (Thomas Popp),[2]
das auch das Risiko der Kleingruppen beinhaltet,
ist notwendig.
Inzwischen
wird die Bedeutung von Hauskreisen auch von der Kirchenleitung verstärkt
wahrgenommen (so z.B. von Thies Gundlach in dem Aufsatz „Zum Mentalitätswandel
in der Kirche“, 17).[3]
Eine wachsende Kirche ist nicht denkbar ohne geistliche Kleingruppen, ohne
lebensrelevanten Glauben in verlässlichen Netzwerken. In einem Gespräch über
sein Buch ‚Die neue Reformation’[4]
bringt es Klaus Douglass auf den Punkt: „Das Haus der Kirche wird nur wieder
wachsen, wenn die Kirche in den Häusern wieder wächst.“
Ein Blick in die Forschung unterstreicht diese Sicht: In seiner 2006 erschienenen Habilitationsschrift zu den Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel hat auch für Johannes Zimmermann das Haus zentrale Bedeutung: Als Lebensgemeinschaft im antik-neutestamentlichen Sinn ist es „eine Sozialform, die sich in unterschiedlichen Formen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten in einer erstaunlichen Kontinuität durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch zieht und mit der auch heute eine Vielzahl von ‚Biotopen gelebter Christlichkeit’ bezeichnet werden kann.“[5]
Solche Biotope sind u.a. Hauskreise, Hausgemeinden, Dienstgruppen, diakonische Gruppen, landeskirchliche Gemeinschaften, Bibelgesprächskreise, Jugendgruppen, Basisgemeinden und Formen kommunitären Lebens (Gemeinde, 470).
Bestätigt
wird diese Beobachtung durch empirische Untersuchungen unter Federführung von
Wilfried Härle.[6]
Auf die Frage, ob es eine spezifische Frömmigkeit gibt, die Gemeinden wachsen lässt,
antwortet er in einem Interview im „Sonntagsblatt“: „Vor dreißig Jahren hätte
man gesagt, dass es genau die Sozialarbeit ist, über die die Kirche wächst.
Praktisch sind es heute aber eher Hauskreise, lebendige Gottesdienste und das
gemeinsame Gebet.“
Die mögliche Dynamik der kleinen Gruppen ist also ein schlafender Riese, der wieder zu neuem Leben erwacht – Gott sei Dank. Was er tut, fängt klein an und entwickelt sich vielfältig.
4.
Hauskreise im Aufbruch
Manche
Hauskreise wirken durch ihren aus dem üblichen Rahmen fallenden Lebensstil
missionarisch. Sie haben durch ihre diakonische Prägung Ausstrahlungskraft. Die
Hauskreisform eignet sich einfach gut, um sich mitten im Alltag heilsam
unterbrechen zu lassen. Miteinander und füreinander dazusein (Peter Böhlemann,
121)[7]:
„Füreinander beten, miteinander trauern, voneinander lernen, das braucht
einen geschützten und intimen Rahmen.“ Dass Hauskreise diesen Rahmen bieten,
kann ich nach 12 Jahren Hauskreisarbeit im AfG nur dankbar bestätigen.
Zugleich
braucht es die Bereitschaft, aus diesem Rahmen herauszusteigen und sich je nach
Begabung und dem momentanen Maß der Kraft auch außerhalb des Hauskreises für
andere zu engagieren. Durch gelebte Glaubwürdigkeit im eigenen Kreis und darüber
hinaus werden Menschen neugierig auf den Glauben.
Manche Hauskreise wirken z.B. durch Gästeabende bei Gelegenheit missionarisch. Oder sie verstehen sich als Hauskreise auf Zeit und veranstalten beispielsweise vier Gesprächsabende zu aktuellen Themen, beteiligen sich an einem missionarischen Projekt wie „40-Tage Leben mit Vision“ (z.B. in Schnaittach) oder an einem menschenfreundlich gestalteten Bibelwochenende. Andere wirken aufgrund entsprechender Gaben bei Gottesdiensten und Glaubenskursen mit. Und das alles ehrenamtlich! Wenn das keine Konkretion einer kostengünstigen Kirche ist! Insofern sind Hauskreise auch in finanzieller Hinsicht zukunftsfähig.
Worauf
es in Zukunft wie beim „ersten Atem der Kirche“ (Hans-Hermann Pompe)[8]
vor allem ankommt, sind Hauskreise im Aufbruch. Als Menschen, die mit Gott und
untereinander befreundet sind, bleiben sie nicht in ihren vier Hauskreiswänden,
sondern sind immer wieder ‚aus dem Häuschen’, um missionarisch zu wirken.
Dabei lässt sich Mission im Sinne des Johannesevangeliums (vgl. Joh 15,13-16)
mit Theo Sundermeier prägnant so definieren (Mission, 53)[9]:
Sie ist „Einladung zur Gottesfreundschaft und kennt deshalb keinen Zwang.“
5.
Zu guter Letzt zwei exemplarische Einblicke in die laufende Hauskreisarbeit:
(1)
Im Herbst wird es auf Anregung von Andreas Zwölfer in Ansbach einen
Dekanatshauskreistag geben. Das Thema: „Wachsen mit Freunden“
(2) Hauskreise sind nicht nur eine für die klassische Ortsgemeinde fruchtbare Form. Mit Joachim Klenk, dem für die Gehörlosenseelsorge in unserer Landeskirche verantwortlichen Kirchenrat, bin ich nicht nur gelegentlich im Fussballstadion, sondern auch im Gespräch, wie diese netzwerkartige Freundschafts-Form künftig auch die Kirche mit Gehörlosen noch stärker befruchten könnte.
Der Autor: Dr. Thomas Popp ist Pfarrer und Referent für Gemeindeentwicklung mit Schwerpunkt Hauskreisarbeit im Amt für Gemeindedienst in Nürnberg: www.afg-elkb.de
Wenn eine Gemeinde etwas bewegen will, muss sie sich am Neuen Testament orientieren. Besonders spannend wird es, wenn sie von Paulus lernt, der leidenschaftlich und unbequem war und zusammen mit anderen Jesus Christus zum Mittelpunkt machte. Ein Buch von Dr. Thomas Popp zum Gemeindeaufbau für Mitarbeiter und Hauskreise: Das Paulus-Risiko.
Das Hauskreis-Magazin vom Bundesverlag
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[1] T. Popp, Hier finde ich Freunde. Ein Gemeinde-Modell nach dem Johannes-Evangelium, Neukirchen-Vluyn 2004.
[2] T. Popp, Das Paulus-Risiko. Aufbruch zur missionarischen Gemeinde, Neukirchen-Vluyn 2008.
[3] T. Gundlach, Zum Mentalitätswandel in der Kirche. Wie wächst kirchliche Qualität?, Pastoraltheologie 97 (2008), 14-29.
[4] K. Douglass, Die neue Reformation. 96 Thesen zur Zukunft der Kirche, Stuttgart 2001.
[5] J. Zimmermann, Gemeinde zwischen Sozialität und Individualität. Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel, Neukirchen-Vluyn 2006.
[6] W. Härle (Hg.), Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, Leipzig 2008.
[7] P. Böhlemann, Wie die Kirche wachsen kann und was sie davon abhält, Göttingen, 2006.
[8] H.-H. Pompe, Der erste Atem der Kirche. Urchristliche Hausgemeinden – Herausforderung für die Zukunft, Neukirchen-Vluyn 1996.
[9] T. Sundermeier, Mission – Geschenk der Freiheit. Bausteine für eine Theologie der Mission, Frankfurt a.M. 2005.


