Rolle rückwärts oder Aufbruch nach vorn
Kommentar zur Lage der Kirche in Deutschland
Ein Beitrag von Prof. Dr. Richard Hartmann
Pfingsten - vielleicht schon
der ökumenische Kirchentag in München zu Christi Himmelfahrt - markiert in
diesem Jahr einen gewissen Klimawandel in der kirchlichen Verkündigung. Die
Missbrauchsdebatte als Herausforderung zu ständiger Entschuldigung und als
Zeichen der Buße scheint wieder in den Hintergrund zu treten, und unter dem
Stichwort „Glaubwürdigkeit“ versuchen die Bischöfe, die Krise zur Chance
umzudeuten. Und doch staunt der Beobachter, wie die Argumentationsketten bei
nicht wenigen gestrickt sind:
Eine Rolle rückwärts scheint für
sie angesagt:
Die Schuldigen sind ausgemacht:
Verirrte Priesterseelen in der Kirchen, die nun mehr oder weniger säuberlich
aussortiert werden. Sie sind nicht zuletzt irre geworden am Werteverlust der
Aufklärer der 68er – eine zweite Schuldzuweisung. Die Presse hat dieses
Randphänomen genutzt, um der Kirche als Ganze kritisch einen Schlag zu
versetzen. Und insgesamt ist die Gesellschaft schlecht und muss neu bekehrt
werden.
Dazu ist es notwendig, dass die
Bischöfe – so meinen sie und predigen sie – die Bastionen neu besetzen und
„das Steuer in die Hand nehmen“, auch wenn die Stürme toben. Sie sammeln
die Heerscharen der Treuen um sich, schwören sie verteidigend ein auf den
Gegenwind, mahnen Sie, ja dabei zu bleiben und auf sie zu hören. Sie versuchen
mit Anschärfen bestimmter Tabus und Verbote, die Herde rein zu halten – und
vergessen, dass je höher die Tabus desto größer die Gefährdung der
Verdunklung und die Kultur der Unehrlichkeit.
Die Kritiker werden – so Bischof
Franz-Peter Tebartz van Elst bei der Bonifatiuswallfahrt in Fulda – in
Verdacht genommen, da sie alles nur schlecht reden und nicht mit frohem Mut auf
die glänzende Kirche (Heinz Josef Algermissen, Fulda) schauen, die vor ihnen
liegt. Ein „Atem der Liebe soll“…
Was soll er eigentlich? Alles
zudecken, alles mit rosaroter Brille beleuchten, stabilisieren, was schon immer
richtig ist und die Bischöfe mit Beifall trösten?
Glaubwürdigkeit in der Kirche wird
es nicht mit solchen „Rollen rückwärts“ geben, sondern dann, wenn die
Bischöfe mit den Priestern ihren richtigen Platz als Hirten finden:
Hirten, die sich vor ihre Herde auf
ein Podium stellen und diese bepredigen, habe ich – außer in der Kirche -
nicht gesehen. Drei Plätze sehe ich, die einen Aufbruch nach vorne eröffnen:
Ich sehe die Hirten an der Spitze
der Herde (sicher im Ausblick auf Christus zu), wo sie nicht nur ausgetretene
sondern neue Wege ausmachen und der Herde vorangehen auf gute Weide. Also nicht
gegenüber der Herde, sondern an der Spitze: Wo werden wir jetzt hingehen, wenn
die bisherigen Wege Irrwege waren?
Ich sehe – und wünsche mir - die
Hirten als solche, die hinter der Herde hergehen, auch um die Langsamen oder
Verträumten mitzunehmen und, weil sie darauf vertrauen, dass die fette Weide
genug Anreiz ist für die Herde, die richtigen Wege einzuschlagen.
Ich sehe schließlich die Hirten
mitten in der Herde, mal sich einem, mal dem anderen zuwendend, mit guter Nähe
zu ihnen und sich ihrer Meinung und ihrer Ahnung aussetzend, in ganz engem
Kontakt mit ihnen.
Dieser Ort wäre vermutlich der
Ort, an dem die Verantwortlichen am meisten lernen würden für die Kirche
unserer Tage: Plötzlich wären nicht abzuurteilende Kritiker, sondern echt
besorgte Menschen in ihrer Nähe, aber auch solche die visionär Fragen stellen
und Wünsche äußern:
-
Dass die Priestererziehung nicht Strenge sondern Reife braucht, mit Verantwortlichen Frauen und Männern, Verheirateten und Ehelosen, Laien und Priester, damit die besten gefunden werden für den Hirtendienst.
-
Dass ganz schnelle und einfache Antworten, auch nach dem Zölibat und der Weihe von Frauen, genauer bedacht werden müssen. Wofür brauchen wir Priester und wo wird die Kirche aus allen Christgläubigen getragen?
-
Dass die Orientierungen der kirchlichen Sexualmoral und ihre Begründungen (!) nicht mehr angenommen werden und neu mit allen buchstabiert werden müssen. Sonst wird immer ein Teil der Lebensformen abgespalten.
-
Dass die Liturgie menschennah und damit glaubwürdig und ehrlich gefeiert werden muss und Rituale Ordnungen schaffen können, wenn sie sprachsicher sind.
Mit diesem Online-Kommentar beginnt eine Reihe, ca. alle 8 Wochen, publiziert auf www.thf-fulda.de/Professoren/pastoral/ - dieser Beitrag ist als PDF unter folgendem Link abrufbar: http://www.thf-fulda.de/Professoren/pastoral/download/Kommentare/Kommentar1_Juni2010.pdf
Der Autor Prof. Dr. Richard Hartmann (geb. 1958) ist Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Fakultät Fulda, Priester des Bistum Mainz und beratend tätig in Veränderungsprozessen der Diözesen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a.: Anschub: Starthilfe für eine zu verändernde Kirche. Frankfurt, 2003; Liebe als Auftrag. Anstöße für die Spiritualität und seelsorgliche Praxis der Kirche. Würzburg, 2007. Internet: www.thf-fulda.de.
