
Stuttgart. Der Mannheimer Rapper Danny Fresh sang die Fürbitten und 1.200 Kirchengemeinderäte stimmten ein „Christus, höre uns“. Beim Abendmahlsgottesdienst zum Abschluss des Kongresses „Wachsende Kirche“ am vergangenen Samstagabend kam die traditionelle Liturgie im modernen Gewand daher. Landesbischof Frank O. July hielt die Predigt über die „selbstwachsende Saat“. Insgesamt füllten am 11. und 12. April rund 3.000 Kirchenleute das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle. Der landeskirchliche Kongress bot einen frischen Mix aus Feier, Mitarbeiterfortbildung, Ideenbörse und spirituellen Angeboten.
In 146 Veranstaltungen wurden Erfolgs- und Wachstumsmodelle vorgestellt. „Mut machen“ wollte der Kongress, ohne den Blick vor der Realität zu verschließen. „Die Kirche von morgen wird kleiner und ärmer sein. Sie wird die reichen Mittel für ihre Kirchbauten, Akademien und sozialen Einrichtungen nicht mehr haben. Das ist die Chance einer neuen Konzentration der Kirche“, sagte der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky zum Auftakt des Kongresses. „Die Gesellschaft braucht unsere Deutlichkeit und unsere Kenntlichkeit. Wo gibt es Institutionen, in denen Geschichten vom Recht erzählt und Lieder von der Würde der Armen gesungen werden? Dass das Leben kostbar ist; dass einmal alle Tränen abgewischt werden sollen; dass die Tyrannen gestürzt werden sollen und dass das Recht wie Wasser fließen soll.“
Viel Applaus erhielt die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle für ihre Forderung, die Kirche müsse sich „einen realistischeren Blick auferlegen“. Die Taufquote etwa auf 100 Prozent steigern zu wollen, sei „abseits jeglicher Realität – so etwas entmutigt und erschöpft Pfarrer nur“.
Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer erinnerte an das biblische Bild vom Weinstock und den Reben: „Wein wächst nicht in den Himmel. Wein soll nicht groß werden und ins Kraut schießen, sondern Frucht bringen.“ Wie Kirche mit gesellschaftsprägender Kraft aussehen kann, erläuterte Stadtmissionsdirektor Hans-Georg Filker aus Berlin. Direkt hinter dem Berliner Hauptbahnhof unterhält die Berliner Stadtmission ein Zentrum, das sowohl Obdachlosen Zuflucht bietet als auch Begegnungsmöglichkeiten für Bundestagsabgeordnete. „Wachsende Kirchen“, sagte die Tübinger Medizinerin und Theologin Beate Jakob, „sind gerade diejenigen, bei denen das Thema Heilung im Zentrum ist“. Die deutschen Kirchen könnten hier von den Ländern des Südens, aber auch von der Anglikanischen Kirche in England lernen.
Unter dem Stichwort „Kirche in der Postmoderne“ wurde auf dem Kongress die Forderung nach einer größeren Vielfalt von Gemeindeformen laut. Die Aufteilung in Gemeindebezirke („Parochien“) allein sei nicht zukunftsweisend. Heute müsse es neben den Ortsgemeinden auch „Netzwerkgemeinden“ geben, so Privatdozent Johannes Zimmermann aus Greifswald.
Das Thema „Gottesdienst“ scheint nach wie vor ganz oben auf der kirchlichen Prioritätenliste zu stehen. Ein Seminar des Stuttgarter Prälaten Ulrich Mack, das er gemeinsam mit der Unterweissacher Dozentin Dorothee Gabler zum Thema „Tradition und Erlebnisorientierung im Gottesdienst“ anbot, war Spitzenreiter unter den Seminarangeboten. Den „Nachteulengottesdienst“ mit Pfarrer Georg Schützler und Beate Weingardt feierten knapp 700 Kongressbesucher mit.
„Die Vertiefung des Glaubens ist entscheidend für das Wachstum der Kirche“, sagt Maike Sachs, die für das Projekt „Wachsende Kirche“ freigestellte Pfarrerin. Sie hofft, dass durch die wissenschaftliche Begleitung des Projekts Erkenntnisse gewonnen werden, „wie Erwachsene zum Glauben kommen“.
Pressemeldung, Johannes Eißler
Kopfbild: Ulrike P. / www.pixelio.de
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