
Ein Vortrag von Bischof Dr. Joachim
Wanke
(Bistum Erfurt) auf der 2. Wissenschaftliche
Tagung des Netzwerkes »Gemeinde und funktionale Dienste« vom 13. bis 14. 2. 04
in Erfurt zum Thema
"Mission im Osten Deutschlands".
Dass man nicht »missionieren« darf, gehört zu den Grundüberzeugungen des Zeitgeistes, zumindest in unseren Gegenden. Mission wird weithin gleichgesetzt mit Indoktrinierung, ja mit Intoleranz, mit Fanatismus. Das ist für Christen, die in der Hl. Schrift den Missionsbefehl Christi lesen (»Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!«), eine Herausforderung. Darf man heute missionieren - oder ist das »verboten«? Wir müssen uns zunächst klar machen, worum es bei der Frage eigentlich geht.
Ich hatte bei Jugendlichen mit diesem Predigteinstieg Aufmerksamkeit geweckt. Ich schilderte meine erste Autofahrt mit einem satellitengestützten Navigationssystem (GPS). Staunenswert, was Menschen so alles erfinden.... Das Ziel eingeben und einfach losfahren - und die Stimme aus dem Apparat leitet den Autofahrer exakt und sicher zum gewünschten Ort. Sich vom Himmel her leiten lassen - das ersetzt nicht das eigene Fahren. Das befreit nicht von der notwendigen Aufmerksamkeit auf den sonstigen Straßenverkehr. Aber es ist doch eine enorme Hilfe, gerade in Gegenden oder Städten, in denen man sich nicht auskennt.
Ist das Evangelium nicht auch so etwas wie eine Stimme aus einer anderen Dimension? Im Evangelium geht es nicht um Wirtschaft und Politik, um Wissenschaft oder Kunst, noch nicht einmal um Bildung und Erziehung. Das Evangelium ist in der Tat so etwas wie eine eigentümliche Beleuchtung aller menschlichen Wirklichkeitsbereiche. Es erzeugt eine Einfärbung aller Dinge, eine »Fermentierung«, die eine alles durchdringende, perspektivverändernde Kraft hat.
Es geht beim Thema Mission nicht nur um ein Anliegen für heute und morgen. Es geht um die Wiedergewinnung einer Grundbestimmung des Christseins und Kircheseins: Wir sind nicht für uns selbst da. Wir haben als Christen für alle Mitbürger in diesem Land eine Aufgabe. Ohne das Evangelium Jesu Christi fehlt Thüringen etwas Entscheidendes. Es fehlt ihm »das Licht von oben«, der Gotteshorizont. Mein Anliegen ist es, alle Mitchristen für diese Sicht der Dinge zu sensibilisieren.
Ich gliedere meine Überlegungen in folgender Weise: Ich bedenke zunächst (1.), was das Wort Evangelium meint. Sodann frage ich (2.), was das Evangelium denen bringt, die sich auf dessen Botschaft einlassen, und halte abschließend (3.) nach Möglichkeiten Ausschau, »das Evangelium unter die Leute zu bringen« (so der Titel einer EKD-Publikation), und zwar hier in den neuen Bundesländern.
1. Das Evangelium - der Blick auf die neue Welt Gottes
Das griechische Wort euanggelion (»gute Botschaft«) könnte man frei übersetzen mit: »Nachricht von Gewicht«. Zur Zeit Jesu war z. B. ein euanggelion die Botschaft, dass der Kaiser eine Stadt mit seiner Gegenwart und mit kräftigen Geldzuwendungen für öffentliche Bauten beehren wollte! (Welche Stadt würde sich nicht auch heute über ein solches euanggelion freuen!). Das Evangelium im heutigen, religiösen Sinn ist die Botschaft, die das Kommen Jesu Christi meint und sich auf seinen Ostersieg über Sünde und Tod bezieht.
Um es auf den Punkt zu bringen: Evangelium meint in unserem Zusammenhang nicht nur die Botschaft des irdischen Jesus von Nazareth. Jesus verkündet nicht nur das Evangelium, er ist das Evangelium selbst in seiner Person, in seinem Geschick.
Evangelium im christlichen Sinn meint (um mich hier an Paulus anzulehnen) die Ansage eines grundlegenden Machtwechsels, einer »Wende«, für die die letzte politische Wende in unserem Land nur eine schwache Analogie ist. Es geht um die Ablösung aller gottfeindlichen Mächte und Gewalten aus ihren angemaßten Machtpositionen. Es geht um die Einsetzung des Auferstandenen zum Herrn über alle Welt.
Jesus selbst spricht in seiner Verkündigung vom kommenden und schon jetzt angebrochenen Reich Gottes. Überall, wo Gottes Herrschaft anerkannt wird, beginnt etwas Neues, eben: das Reich des Vaters. Auch wenn das endgültige Kommen des Gottesreiches noch aussteht, bestimmt es doch schon die Gegenwart, so ähnlich, wie die Anwartschaft auf die EU in den entsprechenden osteuropäischen Beitrittsländern jetzt schon die politische Agenda dieser Länder bestimmt.
Ich verdeutliche diese Dialektik des »Schon« und »Noch nicht« gern an einem Erlebnis: Bei einem Urlaub in der slowakischen Tatra - mitten im Hochsommer - sah ich einmal in der Parkanlage eines Kurortes auf den asphaltierten Wegen junge Athleten auf Rollskiern trainieren. Ein merkwürdiger Anblick! Alle Passanten staunten. Sie ahnten, dass hier vermutlich höchst effizient für olympische Medaillen geübt wurde, die erst im Winter auf schneebedeckten Pisten gewonnen werden sollten. Doch war der Anblick der mitten im Hochsommer trainierenden Wintersportler höchst verwunderlich, sogar ein wenig zum Lächeln! Hier wurde mir anschaulich demonstriert, was das heißt: Schon jetzt »aus dem Vorgriff« auf eine kommende Wirklichkeit leben. Ein Bild für christliches Leben aus dem Glauben an das Evangelium.
Dieser Botschaft, diesem Evangelium vom Reich Gottes soll in jeder Generation durch die Kirche, durch uns Glaubende ein »Resonanzraum« geschaffen werden, damit alle diese Ansage einer Zeitenwende, die Gott herbeigeführt hat, hören und danach ihr Leben neu ausrichten. Ich gebrauche gern dieses Bild vom Resonanzraum, etwa einer Stradivari-Geige. Instrumente benötigen bekanntlich einen Resonanzraum, in welchem der vorgegebene Ton, eine Melodie zum Klingen kommt.
Ohne Bild: Gott hat schon durch das Kommen Jesu, in seinem Sterben und Auferstehen die Welt endgültig und für immer in das Osterlicht getaucht. Dafür hat kein Mensch Patentrechte anzumelden. Das ist allein Gottes Tat, seine »Melodie «. Die Botschaft von diesem denkwürdigen, in Gottes Liebes- und Leidensbereitschaft begründeten Sieg ist seit 2000 Jahren in der Welt. Diese Botschaft ist ein geschichtsmächtiges Faktum, bis in unsere Tage. Es veränderte nicht nur Gesellschaftssysteme, es veränderte Herzen. Das Evangelium macht aus alten Menschen neue.
Es ist eine andere Frage, warum Gott nicht sogleich das ewige, bleibende Ostern herbeigeführt hat. Darüber kann man ins Grübeln kommen! Der eigentliche Skandal des Glaubens ist für mich die Tatsache, dass Jesu Ostersieg noch nicht der Sünde vollends den Garaus gemacht hat. Warum hören wir nur vom Anbruch des Tages und müssen ihm noch im Zwielicht dieser konkreten Weltzeit entgegenlaufen? Ich meine: Weil Gott unser freies Ja zu seinem Reich von uns hören will - und weil er noch viele andere Generationen von Menschen und geschöpflichen Wesen für die unendliche Freude seiner ewigen Nähe bestimmt hat.
Wir stehen freilich noch »im Kampf«, wie Paulus sagen würde. Wir sind noch nicht in die Himmel
versetzt. Wir sind noch auf dem Weg in der Wüste. Das ruft Paulus den Korinthern ins
Gedächtnis, die in der Gefahr stehen, enthusiastisch »abzuheben«! Aber es bleibt auch gültig: Der
Kampf um Heil oder Unheil meines Lebens ist schon positiv von Gott entschieden.
Noch einmal: Evangelium meint eine Welt- und Lebenssicht, die alles in ein neues, österliches
Licht taucht. Dem Evangelium folgen bedeutet so etwas wie eine Horizonterweiterung für das
Leben des Menschen. Evangelium meint die innerste Zielorientierung für mein persönliches
Navigationssystem, das wir Glauben nennen. Das Evangelium ist die Magna Charta der Kirche,
wenn wir so wollen: ihr spezifisches »Markenprodukt«..
Daraus ergibt sich aber auch Folgendes: Niemand wird als Christ geboren. Jeder Mensch, der in die Welt kommt, muss für sich selbst, ganz persönlich, Christ werden, das »Licht« aufnehmen, wie es im Johannesprolog heißt, um so Kind Gottes werden zu können. Das sehen unsere Mitchristen aus den Freikirchen oft deutlicher als Katholiken und evangelische Landeskirchler! Auch wir, die wir als Kleinstkinder getauft und christlich erzogen wurden, auch wir mussten und müssen ständig fragen, was unser Getauftsein eigentlich bedeutet. Wir müssen immer wieder neu diese Grundentscheidung des Herzens treffen: Wem will ich gehören? Biblisch gesprochen: den Mächten dieser Welt, die mich versklaven wollen - oder Gott dem Herrn, der mich durch Christi Sieg fähig gemacht hat, »Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Lichte sind«, wie es Kol 1,12 heißt. Oder nicht biblisch formuliert: Wir müssen uns ständig um den »Mehrwert« des christlichen Glaubens bemühen, um das große Plus vor unserer Lebensklammer. Sonst schrumpfen wir zu einer Null, werden zur Manövriermasse anonymer Mächte, die über uns verfügen - herz- und sinnlos.
Diese Angst vor dem möglichen Missbraucht-Werden oder einfach der Verdacht, das eigene Leben sei bedeutungslos, treibt - so empfinde ich - viele unserer Mitmenschen insgeheim um. Sie fragen sich: Was sollen wir aus unserem Leben letztlich machen? Manches, was ich um mich herum an Lebenshunger, ja Lebensgier beobachte, deute ich einfach als eine gewisse »Torschluss-Panik«!
Jetzt haben wir die eigentliche Brisanz dieses so harmlos daherkommenden Wörtchens Evangelium ausgelotet. Das Evangelium ist letztlich Jesus Christus selbst, die Begegnung mit ihm, der von Gott gekommen ist und dennoch ganz unser Menschenbruder bleibt. So gesehen ist das Evangelium Jesu Christi und unsere Lebensantwort darauf die Mitte unseres Christseins.
2. Das Evangelium - Licht für uns
FORTSETZUNG des Vortrags im PDF-Dokument:
Vortrag_Bischof_Wanke_dokumentiert.pdf (127 KB)
Die Vorträge der 2.
Netzwerktagung wurden dokumentiert in:
epd
Dokumentation 19/2004.
Kopfbild: sassi2812 / www.pixelio.de