Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 9. February 2012
Druckversion der Seite: Milieus praktisch. Analyse- und Planungshilfen für Kirche und Gemeinde
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Milieus praktisch

Analyse- und Planungshilfen für Kirche und Gemeinde

  

Prof. Dr. Claudia Schulz

Prof. Dr. Claudia Schulz

Eine Leseprobe von der Info-Seite www.milieus-praktisch.de

  

  

Im Zug von Bremen nach Bonn sitzt eine Frau von vielleicht 25 Jahren, liest die Süddeutsche und schlürft ein Bio-Wellnessgetränk. Daneben ein dicker Herr im besten Alter mit Lederjacke, Bierflasche, blättert im Sportteil eines lokalen Anzeigenblatts. Ob die beiden sich etwas zu sagen hätten? Und: ob sie mal einen Gottesdienst besuchen oder den Gemeindebrief einer Kirchengemeinde lesen? Wir wissen es nicht, aber wir wünschen uns, dass Kirche diesen beiden – und Vielen mehr – etwas zu bieten hat. Wir freuen uns, wenn die, die dafür Verantwortung tragen, es mit uns wagen, genau hinzuschauen und sich zu fragen, was ein Wellnessgetränk mit der Kirche zu tun hat. 

  
Solch ein Blick auf mögliche Gemeindeglieder ist vielleicht ungewöhnlich. Obwohl wir doch alle über entsprechende Erfahrungen verfügen. Wir vermuten, es geht den meisten Leserinnen und Lesern so, dass es ihnen leichter fallen würde, die SZ-Leserin anzusprechen. Vielleicht könnte man über das „Streiflicht“ beginnen, miteinander zu reden – jene Kolumne auf der ersten Seite, die geistreich-lustig den Irrwitz von Tagesmeldungen aufspießt: Da ist man schon fast bei der Religion. Und Gott und die Bibel kommen tatsächlich immer wieder vor im Streiflicht, wenn auch ganz anders als in der Predigt. Mit dem Fußballfan und Biertrinker hingegen tun wir uns schwerer, auch dann, wenn wir von der Fussballbundesliga oder von Biersorten sehr wohl eine Ahnung haben. Warum ist das so? Eine Antwort darauf gibt die Milieutheorie. 

  
Die Milieutheorie ist nicht nur etwas für die Bahnfahrt. Wir sind überzeugt davon, dass die Milieutheorie ein besonders hilfreiches Instrument für die Analyse und die Planung kirchlicher Arbeit überhaupt sein kann. Dieses Instrument möchten wir Ihnen vorstellen. Wir möchten es Ihnen so vorstellen, dass Sie die Milieuperspektive verwenden können in ihrer Praxis der Gemeindearbeit, der Leitung und Planung in der Kirche. Sie werden nach der Lektüre Ihre Arbeit anders sehen und auf Ideen gekommen sein, besser zu handeln.

 

Milieus in Kirche und Gemeinde

  
Es gibt inzwischen eine Reihe von Studien, die mit Hilfe der Milieutheorie die Gesellschaft in Deutschland analysiert und in verschiedene Typen aufgeteilt haben. Aufgrund der Unterschiede in der Datenbasis und den Fragestellungen kommt jede Studie zu jeweils eigenen Typologien von Milieus bzw. Lebensstilen. 

   
Wir haben uns entschlossen, die Typologie der vierten EKD-Mitgliederstudie als Ausgangspunkt zu nehmen. [1]  Die sechs Typen beschreiben die Vielfalt der Menschen auf eine Weise, die auch für in der Milieuperspektive Ungeübte leicht nachvollziehbar ist. Dass Elemente des Lebensstils, des Geschmacks und der konkreten Lebensgewohnheiten berücksichtigt sind, macht es leicht, die Typen in der Gemeinde „wiederzufinden“. Außerdem stehen mit dieser Studie die Daten der Repräsentativbefragung unter Mitgliedern der evangelischen Kirche und Konfessionslosen zur Verfügung, so dass sich die Milieus nach bestimmten Vorlieben in Bezug auf die kirchliche Arbeit „befragen“ lassen. Wo es möglich ist, ziehen wir zur Ergänzung auch die Ergebnisse anderer Studien mit heran. 

  
Allerdings behandeln wir die sechs Typen der EKD-Studie außerhalb des Entstehungszusammenhangs der Lebensstiltypen und berücksichtigen die sozialstatistischen Merkmale der Typen (ihr Alter, ihre Bildung, ihre Lebensform oder ihr Einkommen) als den originären Merkmalen der Lebensführung gleichwertig. So behandeln wir diese Typen als Milieus, auch wenn wir damit die Forschungslogik der EKD-Studie zum Teil verlassen. Wir markieren das, indem wir die Reihenfolge der Typen übernehmen, den Typen aber andere Namen zuordnen. 

  
In der folgenden Grafik finden Sie die Verteilung der von uns benannten Milieus zu den Achsen geordnet/spontan und einfach/komplex. Im Wesentlichen finden diese beiden Achsen eine Entsprechung in den Merkmalen Alter und Bildung und ermöglichen so auch eine erste Einordnung in gängige Vergleichskriterien.
  

Milieus

Ein Beispiel:
Die Mobilen und ihre Vorstellung von Kirche: „Kirche für die Anderen“

  
Mit der Wertschätzung der Kirche ist das für die Mobilen so eine Sache. Es gibt einfach zu viele Dinge, die das Leben füllen, um die man sich kümmern muss: Die Ausbildung oder der Job, die Partnerin, Freundinnen und Freunde, Eltern und Familie, Sport und andere Freizeitaktivitäten, Geld, Wohnung, Reisen, Träume. Überall ist Aktion gefragt, Entscheidungen müssen getroffen werden, man muss informiert sein und am besten schnell handeln. Mit der Kirche ist das ganz anders: Mit Kirche oder Religion muss man sich nicht befassen. Man ist einfach in der Kirche, oder aber man will sich lieber das Geld sparen, wenn man dann mal arbeitet. Man tritt aber selten aus Überzeugung aus, etwa weil man religiös eine andere Position hat. 

  
Eher wird es zum Problem, dass die Mobilen mit Kirche oft wenig anfangen können, nicht mehr recht wissen, wozu sie da ist. Die Kirche passt nicht so gut zum Leben. Das ist – aus Sicht der meisten Mobilen – nicht so schlimm, weil sie ja auch nicht ins alltägliche Leben gehört. Kirche darf sich durchaus jenseits der Mode bewegen. Und manchmal ist es eben auch ganz schön, wenn Kirche eine andere Welt ist, in der sich wenig verändert hat. 

  

Die Mobilen

Die Graphik zeigt die Mobilen im Vergleich mit der Gesamtheit der Kirchenmitglieder nach Alter und Geschlecht. Der Abbildung liegen die Befragungsdaten der EKD-Studie zugrunde. Dunkel markiert ist der Anteil der Mobilen an der jeweiligen Altersgruppe der insgesamt befragten Kirchenmitglieder.

  
Das Buch „Milieus praktisch“ mit Detailinformationen zu Milieus, Anwendungsbezügen zu kirchlichen Arbeitsfeldern, kirchentheoretischen Überlegungen und zahlreichen Graphiken und Tabellen ist im März 2008 erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. 
Weitere Informationen zum Buch: www.milieus-praktisch.de.

  

 

[1] Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. von Wolfgang Huber / Johannes Friedrich / Peter Steinacker, Gütersloh (2006).

 

 

Milieus praktisch

Claudia Schulz, Eberhard Hauschildt, Eike Kohler

Milieus praktisch

Analyse- und Planungshilfen für Kirche und Gemeinde

Durch die "Zauberbrille" der Milieuperspektive lassen sich in der Masse der Gemeinde einzelne Menschen mit ihren Bedürfnissen und Vorlieben erkennen. Die besondere Perspektive kann Gemeinde und Kirche verändern. Die Milieuperspektive ist wie eine Zauberbrille. Zauberhaft ist sie, weil sie dabei hilft zu entdecken, was vorher unsichtbar war. Trotzdem kann man auch mit ihrer Hilfe nicht alles wahrnehmen. Aber die Milieuperspektive eignet sich ganz vorzüglich, wenn man kirchliche Arbeit analysiert oder plant, weil sie dann hilft, Konturen zu erkennen. Sie ist ein Instrument, nicht mehr und nicht weniger. Zu erwarten sind keine Patentlösungen. Aber wer sich dieses Instruments bedient, löst weitere Veränderungen aus: Die neue Perspektive wird das eigene Planen und damit die Gemeinde verändern - und damit auch die Kirche. Kirchliche Praxis zeigt sich in den Gottesdiensten und anderen Zugängen zum Glauben, in der Medienarbeit, der Werbung, dem Ehrenamt und dem Wunsch nach Beteiligung in der Kirche. Durch die Milieuperspektive lassen sich in der Masse der Gemeinde einzelne Menschen und ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und Vorlieben erkennen. Diese Erkenntnisse können der Organisation kirchlicher Arbeit nützlich sein. Die Kirche will Menschen für das Reich Gottes, also für eine bessere Möglichkeit zu leben, gewinnen. Dazu muss sie die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Dies ist unter anderem durch die Milieuperspektive möglich. Doch die vielfältigen Glaubensstile in den Milieus sind nicht nur eine kirchenpraktische, sondern auch eine theologische Herausforderung. Diese Zauberbrille kann die Theologie verändern und bereichern. Das Buch ist 2008 erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

  

www.milieus-praktisch.de

Diese Website mit Leseproben möchte Ihnen einen ersten Eindruck von der Milieuperspektive bieten und davon, wie sie für kirchliche Arbeit nutzbar gemacht werden kann... www.milieus-praktisch.de

 

Milieus praktisch II - Konkretionen für helfendes Handeln in Kirche und Diakonie

Im zweiten Buch behandelt jeder Einzeltext ein Thema aus dem Bereich des helfenden Handelns im Raum Kirche / Diakonie. Im Mittelpunkt stehen Fallstudien aus den verschiedenen Praxis- bereichen. Das Autorenteam hat Menschen zum Mitschreiben eingeladen, die selbst über viel Praxis oder fachliche Einsichten in die Themenbereiche verfügen. So werden Erfahrungen nutzbar gemacht für eine milieuanalytische Perspektive: Milieus praktisch II