Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 4. December 2008
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„Leistungs-“ und „Erfolgsorientierung“

in sechs Lebensstilgruppen evangelischer Kirchenmitglieder

 

Dr. Friederike Benthaus-Apel

Ein Artikel von Dr. Friederike Benthaus-Apel

 

I. EINLEITUNG
  

Die Loccumer Tagung „Sprachlos gegenüber Leistung und Erfolg“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, „den Begriff ‚Leistung’ in seinen verschiedenen Facetten näher zu bestimmen und den Umgang der Kirche mit Leistung und Erfolg kritisch zu beschreiben“. [1] In dem vorliegenden Beitrag werden Einstellungen zu Leistung und Erfolg als Teilaspekt unterschiedlicher Weltsichten evangelischer Kirchenmitglieder untersucht. Der Blick richtet sich damit weniger auf die Organisation Kirche und ihren Umgang mit Leistung und Erfolg, sondern auf die evangelischen Kirchenmitglieder selbst. Ihre Einstellungen zu Leistung und Erfolg stehen im Mittelpunkt des Beitrages.

  

Ich greife hierfür auf das Datenmaterial der vierten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft „Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge“ zurück. [2] Zwar waren Leistungs- und Erfolgsorientierungen evangelischer Kirchenmitgliedern nicht explizit das Thema der vierten EKD-Erhebung, aber im Kontext von Analysen zu Weltsichten und Lebensstilen können Aussagen darüber getroffen werden, welche Einstellungen Kirchenmitglieder zu ‚Leistung’ und ‚Erfolg’ in so unterschiedlichen Themenfeldern wie Arbeitslosigkeit, Umgang mit Krankheit und Gesundheit und Sinnsuche im allgemeinen aufweisen.

  

Der Blick richtet sich auf die sechs in der EKD-Studie ermittelten Lebensstiltypen evangelischer Kirchenmitglieder. Wie unterscheidet sich das Verständnis von Leistung und Erfolg in diesen Lebensstilgruppen?

 

Dass das Verständnis von Leistung und Erfolg nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich ist, sondern wichtige Unterschiede in der Bedeutung des Leistungsbegriffes in der Gesellschaft existieren, zeigt die jüngst vom Frankfurter Institut für Sozialforschung zum Wandel des Leistungsbegriffes durchgeführte Studie. Sie verdeutlicht, dass die Veränderungen in ganz bestimmten gesellschaftlichen Milieus ihren Anfang genommen hat: Insbesondere in jenen gesellschaftlichen Milieus, die in den 80er Jahren ‚Selbstverwirklichung’ auf ihre Fahnen geschrieben hatten, ist Selbstverwirklichung in der Arbeit Teil eines neuen Verständnisses von Leistung geworden. Demnach ist das neue Verständnis von Arbeit gekennzeichnet durch eine Tendenz zur „Subjektivierung von Arbeit“. [3] Der neue Arbeitnehmer soll authentisch sein und Eigenschaften wie Kreativität, Teamfähigkeit und Selbstverantwortung in den Arbeitsprozess einbringen. Nicht mehr allein die klassische Pflichterfüllung, sondern auch die genannten Fähigkeiten und Talente gehen in einen sich wandelnden Leistungsbegriff ein. Die Forscher des Frankfurter Instituts für Sozialforschung betonen, dass dieses neue Arbeitsverständnis in der Gesellschaft höchst ungleich verteilt ist: In Gruppendiskussionen mit Personen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten und beruflichen Kontexten zeigte sich, dass „für einige Gruppen Selbstverwirklichung und Authentizität in der Arbeit konstitutiv für das eigene Leistungsverständnis (waren), während für andere solche Orientierungen keine Rolle spielten. (…) Hinzu kommt, dass sich nicht jede berufliche Tätigkeit gleichermaßen dafür anbietet, als authentischer Ausdruck des eigenen Selbst interpretiert zu werden.“ [4]

  

Insofern lassen die Forschungsergebnisse des Frankfurter Instituts für Sozialforschung erwarten, dass der Leistungs- und Erfolgsorientierung auch unter evangelischen Kirchenmitglieder ganz unterschiedliche Bedeutung zukommt. Insbesondere ist anzunehmen, dass die Einstellungen zu Leistung und Erfolg in den sechs Lebensstiltypen unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge aufweisen, je nach dem, ob die Kirchenmitglieder eher einem ‚traditionellen’ oder einem ‚modernen’ Lebensstiltypus angehören. Eine im Sinne des Frankfurter Instituts für Sozialforschung moderne Form der Leistungsorientierung, in der Selbstverwirklichung und Authentizität Teil eines modernisierten Leistungsbegriffes sind, dürfte deshalb vor allem in den als ‚“modern“ bezeichneten Lebensstilgruppen Evangelischer anzutreffen sein, während in den als „traditionell“ bezeichneten Lebensstilgruppen typischerweise ein Verständnis von Leistung als ‚Pflichterfüllung’ festzustellen sein dürfte.

 

Im Unterschied zu den Forschungsergebnissen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wird es in diesem Beitrag nicht allein um den engeren Kontext der berufsbedingten Vorstellung von Leistung und Erfolg gehen, sondern die hier verwendeten Aussagen zu Leistung und Erfolg sind Teil eines Instruments, das Unterschiede in den Weltsichten Evangelischer zu erfassen sucht. Zu diesem Zweck wurde ein Befragungsinstrument entwickelt, das in der Lage ist, religiöse und nichtreligiöse Weltsichten zu unterscheiden, um den Stellenwert religiöser Weltsichten unter evangelischen und konfessionslosen Bevölkerungsgruppen näher zu bestimmen. Auf die konzeptionellen Überlegungen der Analyse von Weltsichten in der EKD-Studie gehe ich später ein (vgl. Punkt II.2).

   

II. DIE ANALYSE VON LEBENSSTILEN UND WELTSICHTEN IM RAHMEN DER VIERTEN EKD-ERHEBUNG „KIRCHE IN DER VIELFALT DER LEBENSBEZÜGE“

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Loccum

Dieser Artikel erscheint zusammen mit weiteren Beitragen von der Loccumer TagungSprachlos gegenüber Leistung und Erfolg“ vom 2.-4. November 2007 in den Loccumer Protokollen 64/07 im Sommer 2008.

 

Die Autorin Dr. Friederike Benthaus-Apel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Sie studierte Soziologie, Politik und Sozialpsychologie in Marburg und promovierte 1993 im Fach Soziologie. Nach einem Post-doc-Stipendiatin im Graduiertenkolleg „Religion in der Lebenswelt der Moderne“ in Marburg war sie neben freiberuflichen Tätigkeiten u.a. von 2001 bis 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dienst der Evangelischen Kirche (EKD) und in der Studien- und Planungsgruppe der EKD tätig. Seit dem 1. Februar 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der DFG Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“ an der Evangelisch- Theologischen-Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

  

  

[1] Aus dem Flyer zur Tagung: „Sprachlos gegenüber Leistung und Erfolg? Das ambivalente Profil der Kirche in der modernen Gesellschaft“, Evangelischen Akademie Loccum, 2. bis 4. November 2007.

[2] Huber, Wolfgang; Friedrich, Johannes; Steinacker, Peter (Hrsg.): Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006.

[3] Dröge, Kai (2007): „Leistung aus Leidenschaft“ oder das Regime des Marktes?, In: Forschung Frankfurt 3/2007: 11.

[4] Dröge, Kai (2007): „Leistung aus Leidenschaft“ oder das Regime des Marktes?, a.a.O., S. 12.

 

Kopfbild: Jonas Balazs / www.pixelio.de