

Ein Vortrag von
Oberkirchenrätin Barbara
Bauer
und Oberkirchenrat Gerhard Vicktor
auf
dem AEU-Forum (Arbeitskreis Ev. Unternehmer in Deutschland e.V.) z.Th.
"Leistungs- und Führungsverantwortung"
vom 27.-28.
August 2008 in Arnoldshain.
1.
Vorbemerkungen zur Bedeutung
der Begriffe und
der biblischen Überlieferung
1.1.
Führung und Leitung
“Führung und Leitung“ werden als Begriffe
– wie auch im Namen dieses Forums – vielfach in einem Atemzug genannt. In
der älteren betriebswirtschaftlichen Literatur wurden die Begriffe „Führung“,
„Leitung“ und „Management“ als gleichbedeutend angesehen.[1]
Ein gewisses Unbehagen bestand wegen der
problematischen historischen Konnotation gegenüber dem Begriff Führung, der ja
gedanklich einen „Führer“ mitbeinhaltet.[2]
So
sprach man in der Kirche vielfach lieber von Leitung und, um auch ja keine
eigenen Ansprüche auf eine von anderen unterschiedene Position damit auszudrücken,
lieber gleich von „Leitungsverantwortung“ – womit dann gut protestantisch
die Last auf den Schultern stärker mitschwang als die Freude an den
Gestaltungsmöglichkeiten.
“Führung“ scheint als Begriff eine
gewisse Rehabilitation erfahren zu haben, soweit er gleichsam als Zwilling die
„Leitung“ an seiner Seite hat. So verwendet die Evangelische Kirche von
Westfalen beide Begriffe nebeneinander in ihren 2003 beschlossenen Grundsätzen
für Leitung, Führung und Zusammenarbeit. Das Impulspapier „Kirche der
Freiheit“ der EKD thematisiert die Erfordernisse entsprechender Instrumente für
die Zukunftsfähigkeit der Kirchen, ohne auf Bedeutungsunterschiede einzugehen.
Auch die Denkschrift des Rates der EKD „Unternehmerisches Handeln in
evangelischer Perspektive“ (vgl. Anmerkung 6) verwendet die Begriffe
gemeinsam, gebündelt in der Person des Managers.
Das
ist interessant, da beiden Begriffen durchaus unterschiedliche Aspekte der
Steuerung innewohnen.
“Führen“ beinhaltet den personalen
Aspekt, die Interaktionsbeziehung zwischen Führenden und Geführten.[3]
“Leiten“
beinhaltet den Blick auf die Gesamtorganisation, für die Strategien und
Lenkungsmittel zur Zukunftssicherung zu entwickeln sind.
Wenn wir also in der Kirche zwischen den
Aspekten sprachlich und gedanklich nicht trennen mögen, könnte dies schon die
Umsetzung einer wichtigen Erkenntnis zur Wirkungsentfaltung kirchlichen Handelns
sein: Kirche handelt im Wesentlichen durch Menschen für Menschen. In ihrer
Steuerung ist der Blick auf die Entwicklung der Gestalt ihrer Organisationsform
wie auf die handelnden Akteure eng miteinander verbunden. Und so macht es dann
auch einen guten Sinn, wenn Sie zu unserem Thema einen Vortrag hören, der von 2
Personen gehalten wird, die Verantwortung für die unterschiedlichen Aspekte
sozusagen verkörpern:
Mein
Kollege Oberkirchenrat Vicktor, Stellvertreter des Landesbischofs, ist
verantwortlich für den Pfarrdienst in unserer Kirche und ich bin verantwortlich
für die Geschäftsleitung und die Finanzen. Wir wollen Ihnen in 5 Bereichen
aufzeigen, welche Schritte unsere Kirche beschritten hat und noch beschreiten
will, um ihrer Leitungs- und Führungsverantwortung gerecht zu werden. Dabei
orientieren wir uns an dem Verständnis von Führung und Leitung als einem
Dienst[4], der in unserer Kirche 5
Funktionen erfüllen muss:
1.
Ein Verständigungsprozess über den Auftrag
2.
Ein Entscheidungsprozess über Strategien
3.
Ein Instrument zum zielorientierten Einsatz der Mitarbeitenden
4.
Die Beteiligung und Zurüstung der Mitarbeitenden
5.
Ein Controlling-System
Zuvor
möchte ich Ihnen aber kurz mit wenigen Zahlen die Evangelische Landeskirche in
Baden vorstellen und Herr Vicktor wird vorab den biblischen Bezugsrahmen
herstellen, in dem wir uns bewegen.
1.2.
Die Evangelische Landeskirche in Baden in wenigen Zahlen
|
Gemeindeglieder |
1.300.000 |
|
Beschäftigte |
43.000 |
|
Gebäude |
3.000 800 |
|
Gottesdienste / Jahr |
47.287 |
|
Taufen |
11.680 |
|
Bestattungen |
14.052 |
|
Gottesdienstbesuchende |
115.011 |
|
Einnahmen
insgesamt |
335 Mio. Euro |
|
Kirchenchöre |
900 |
1.3 Führung
und Leitung – unsere theologische Perspektive
„Gott, der da ließ das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der
hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die
Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu
Christi.“[5]
– Mit solchen fast hymnischen Worten formuliert Paulus im zweiten Brief an die
Korinther, Kapitel 4 Anfang, das Ziel aller Verkündigung und damit die
Grundaufgabe der Kirche: In Jesus Christus wird der Glanz Gottes erkannt. Diese
jubelnde Wahrnehmung ist christlicher Glaube, der unbarmherzig klar macht, dass
sich die Grundlage der Kirche Gottes eigener Aktivität verdankt. Die Kirche ist
also, anders als alle anderen Unternehmen von ihrem Wesen her eine Organisation,
die über ihr Organisationsziel nicht nur nicht verfügt, sondern auch nicht
verfügen möchte. Wir besingen dieses Selbstverständnis in dem Choral: „Die
Kirche steht gegründet allein auf Jesus Christ, sie, die des großen Gottes
erneute Schöpfung ist. Vom Himmel kam er nieder und wählte sie zur Braut, hat
sich mit seinem Blute ihr ewig angetraut.“
Strategische
Leitung und strategische Führung ist daher grundsätzlich eine Angelegenheit
von begrenzter menschlicher Reichweite. Dieser Bezug auf das Neue Testament heißt
für uns: sowohl Leitung wie Führung brauchen eine theologisch-geistliche
Grundlage. Es ist hier weder Platz, noch Zeit über einzelne Leitungs- und Führungsstrategien,
wie wir sie biblischen Schriftstellen entnehmen können, nachzudenken. Solche
Seminare allerdings bieten wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an,
auch und vor allem in der Verwaltung des Evangelischen Oberkirchenrats. Zwei
biblische Beispiele möchte ich dennoch kurz nennen:
·
Mose:
Mose ist eine Führungspersönlichkeit die Zweifel zulässt, – er lässt sich
mit Aaron einen Berater zur Seite stellen, – Mose hat ein Leitbild (gelobtes
Land, – er verordnet einen freien Tag, – er geht konsequent den Weg, das das
Leitbild vorgibt, – er lässt Kritik zu, er stellt sich offenem Widerstand,
– er braucht eine Kraftquelle (sein Gespräch mit Gott), – er organisiert
Zuständigkeiten, – er versteckt nicht seine Schwächen, – er verfolgt das
Ziel, obwohl er es in seiner Dienstzeit nicht mehr erreicht, – er regelt
rechtzeitig seine Nachfolge.
·
Apostelgeschichte 6:
Leitungs-
und Führungsweisheiten – keine Rezepte – sind auch im Neuen Testament zu
entdecken. Lesen Sie z. B. genau Apg. 6. Da wird das „Unternehmen“
Gemeinde in Jerusalem auf Grund der sich verändernden gesellschaftlichen
Herausforderungen analysiert, nein organisiert, konkrete Maßnahmen so
eingeleitet, dass sie zum Wachstum führen.
Im
Übrigen arbeiten wir zu diesem Thema – wie sollte es anders sein – mit
verdichteten Texten, die sich Kirchenmitglieder und die Mitarbeitenden einprägen
und merken können. In der zweiten Hälfte der 90-er Jahre haben wir mit einem
ersten strategischen Schritt begonnen. Wir luden alle Bezirkssynoden unserer
Kirchenbezirke ein, so genannte Leitsätze mitzudiskutieren unter den drei Überschriften:
Was wir glauben? Wer wir sind? Was wir wollen? Insgesamt 34 Sätze. Damit
haben wir Mitarbeitende und Kirchenmitglieder in einen Prozess einbezogen, über
die „Firmenphilosophie“ aktiv nachzudenken. Dies war ein Prozess der
Selbstvergewisserung im Glauben und ein Beitrag zur Sprachfähigkeit über den
Glauben. In einem zweiten großen Schritt haben wir diese 34 Sätze noch
einmal verdichtet. Im Kontext des strategischen Prozesses „Kirchenkompass“
(darüber wird Frau Bauer nachher gleich berichten) verständigten wir uns in
unserer Landessynode auf vier Leitbilder: Bild 1: Das wandernde Gottesvolk.
Bild 2: Kirche als Haus der lebendigen Steine. Bild 3: Leib Christi.
Bild 4: Das Salz der Erde. Diese vier Leitbilder erfüllen mehrere
Funktionen im Blick auf eine strategische Gesamtplanung. Für die Perspektive
„Leitung und Führung“ entnehmen wir beispielsweise dem Leitbild
„Wanderndes Gottesvolk“, dass wir den Auftrag haben, mit den Menschen zu
gehen, demnach einen Schwerpunkt auf die lebensorientierten Amtshandlungen zu
legen und daraufhin die Kolleginnen und Kollegen auszubilden und fortzubilden.
Oder als „Haus der lebendigen Steine“ möchten wir Sorge tragen für eine möglichste
Vielfalt der kirchlichen Berufe. So haben wir neben dem klassischen Beruf des
Pfarrers und der Pfarrerin nach dem Theologiestudium auch den Beruf der
Gemeindediakonin / des Gemeindediakons. Wir boten die Möglichkeit des
Quereinsteigens für beide Berufsgruppen für Leute, die aus anderen Berufen
kommen und denken bereits darüber nach, Versorgungen des Pfarrdienstes –
neben Prädikantinnen und Prädikanten – auch durch Teilerwerbspfarrerinnen
und -pfarrer oder Diakoninnen oder Diakone zu ermöglichen. Das mag als
Beispiele genügen. Ich denke, das Gesagte hat deutlich gemacht, wie wir unsere
strategische Planung im Führungs- und Leitungsverhalten von unseren theologisch
biblischen Wurzeln her begründen, ausformulieren und umzusetzen versuchen.
2.
Führung als Dienst
2.1
Verständigungsprozess über den Auftrag der Evangelischen
Landeskirche in Baden zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Hier
möchte ich kurz beschreiben, wie wir die beschriebenen Leitsätze der
Landeskirche und die daraus im Strategieprozess verdichteten Leitbilder in der
historischen und in der Zukunftsperspektive sehen. Wer sich mit Leitsätzen bzw.
Leitbildern in der Gegenwart beschäftigt, hat sein Verhältnis zu klären zu
den die evangelischen Kirchen tragenden Grundlagen von Bibel und Bekenntnissen.
Unstrittig sind die Bibel als norma normans, die uneingeschränkte Norm und die
Bekenntnisse, als die an der Bibel zu messende norma normata, Grundlage unserer
Kirche. Weder Leitsätze noch -bilder können und sollen den Rang eines
Bekenntnisses erlangen. Sie können und sollen auch nicht zum Katechismus
werden. Vielmehr haben sie sich in ihren Aussagen selbst an der Bibel, an den
Bekenntnissen messen zu lassen. Die Leitsätze haben gegenüber der Bibel, den
Bekenntnissen den Vorteil, dass sie – für einen bestimmten Zeitpunkt bedacht
und auf diese Zeitspanne hin bezogen – zeitgebunden und damit auch zeitgemäß
formuliert werden können. Damit können sie Hilfestellungen leisten, dass in
Bibel und Bekenntnis Gesagte in die jeweilige Zeit zu übersetzen. Leitsätze
und Leitbilder sind Übersetzungen der theologischen historischen Grundlagen der
Kirche. Gerade auch die Freiheit gegenüber geprägter und bekenntnismäßig
gebundener Sprache macht Leitsätze und Leitbilder kommunizierbarer über den
Raum der Kirche hinaus. Sie sind gewissermaßen gepredigte Verdichtung der Bibel
und gepredigte Botschaft der Bekenntnisse unserer Landeskirche. Sie stellen die
Rückbindung zu den Grundlagen dar. In dem begonnenen Strategieprozess des so
genannten Kirchenkompasses in unserer Landeskirche werden diese Leitbilder nun
differenziert und konkretisiert und in kirchliches Handeln umgesetzt. Allerdings
waren es nicht allein die theologisch-pastoralen Überlegungen mittels Leitsätzen
und Leitbildern, die den ganz konkreten Strategieprozess ausgelöst und
verwirklicht hätten. Nein, die Entscheidungen wurden ebenfalls von ganz anderen
Kontexten her mitbestimmt und motiviert.
2.2.
Entscheidungsprozess über Strategien
Es
war ein langer Weg der Entscheidungsfindung, bis in unserer Kirche klar war, mit
welchen Mitteln wir versuchen wollten, die vorfindliche Gestalt so zu verändern,
dass wir uns den Anforderungen der Zukunft gut gewachsen fühlten. Am Anfang
stand erstaunlicherweise weniger ein Finanzdruck, als vielmehr ein Unbehagen am
„So war es schon immer, so wird es auch künftig sein“. Dieses Unbehagen äußerte
sich an verschiedenen Stellen. Neue Synodale empfanden den kaum vorhandenen
Gestaltungsraum bei der Beschlussfassung über den Haushalt als unvereinbar mit
ihrem Auftrag, Kirche mitzugestalten. Üblicherweise wurden alle einmal
begonnenen Aktivitäten fortgeschrieben und sobald keine Mittelzuwächse zu
verteilen waren, gab es bei dieser Methode halt wenig zu entscheiden. Der
Landeskirchenrat, ein aus Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen zusammengesetztes
Leitungsorgan unserer Kirche, vermisste auf einem Wochenendworkshop geeignete
Instrumente, um über den Tag hinaus planen zu können. So wurde eine paritätisch
aus Synodalen und Oberkirchenräten zusammengesetzte Gruppe beauftragt,
Steuerungsinstrumente für große Organisationen auf ihre Tauglichkeit für
kirchliche Prozesse hin zu überprüfen. Unterstützt durch die Führungsakademie
des Landes Baden-Württemberg war schnell deutlich, dass ein eigenes, in Sprache
und Struktur auf die Bedürfnisse der Kirche hin entwickeltes Verfahren nötig
war. Als Grundlage wurde die in der Wirtschaft entwickelte und zwischenzeitlich
für Non-profit-Organisationen weiterentwickelte so genannte „Balanced Score
Card“ genommen. Dieses Instrument hilft seinen Anwendern zu einem geordneten
Verfahren der Beschreibung einer Zukunftsvision, einer Situationsanalyse, daraus
abgeleiteten Zielen für die Zukunft, daraus abgeleiteten konkreten Maßnahmen
und schließlich Messgrößen zur Erfolgskontrolle. Da wir alle Schwierigkeiten
hatten, Begriffe wie Vision, Balanced Score Card, Swot-Analyse, Maßnahmen und
Messgrößen unmittelbar auf kirchliche Arbeit anzuwenden, wurden
kirchentauglichere Begriffe gesucht und gefunden. Unsere „Visionen“ sind
biblische Bilder. Wir nannten sie Leitbilder und beschrieben mit ihrer Hilfe,
welche Zukunftsbilder sie in uns hervorrufen. Herr Vicktor hat Ihnen eben davon
berichtet. Mit der Entwicklung von ausgearbeitenden Leitbildern war der
Landesbischof betraut worden.
Das Instrument wurde auf dem Namen „Kirchenkompass“ getauft, weil die
maritime Welt so viele andere hilfreiche Begriffe bot. Besonders hervorragende
Veranstaltungen, Einrichtungen und Arbeitsvorhaben sollten „Leuchttürme“
werden. Hilfe wurde geleistet von „Lotsen“. Und die zu entwickelnden
Score-Cards mit Zielen, Maßnahmen und Messgrößen wurden zu
„Kompasskarten“.
Die
Analyse der vorfindlichen Situation nach Stärken und Schwächen, Chancen und
Risiken hat die gesamte Synode in einem von der Führungsakademie begleiteten
Großgruppen-Prozess vorgenommen.
In einem zweiten Schritt hat dann ebenfalls
die gesamte Synode 6 Ziele formuliert, denen sie sich schwerpunktmäßig über
mehrere Haushaltszeiträume widmen will.
Aus
diesen Zielen konnten nun operative Einheiten, insbesondere der Evangelische
Oberkirchenrat, eigene Kompasskarten entwickeln, auf denen beschrieben wurde,
mit welchen Zielen man selbst zur Verwirklichung beitragen könne, welche
konkreten Maßnahmen ergriffen werden sollten und anhand welcher Messgrößen
der Erfolg feststellbar sein sollte. Solche Kompasskarten wurden sowohl für den
Evangelischen Oberkirchenrat insgesamt als auch von und für seine 8
Arbeitsbereiche entwickelt.
Schließlich
konnten der Synode, und so schloss sich einstweilen der Kreis, konkrete Projekte
zur Entscheidung vorgelegt werden, mit denen in überprüfbarer Weise die
Umsetzung der Ziele der Landessynode angegangen werden sollte. Soviel Analyse,
soviel Beteiligung, soviel Transparenz, soviel zielgerichtetes Handeln, soviel
Steuerungsmöglichkeit auf diversen Ebenen war noch nie gewesen!
Konkret wurden
7 den Zielen der Landessynode zugeordnete ausgearbeitete Projekte mit folgenden
Inhalten beschlossen:
-
Den Kirchenraum besser als Glaubenszeugnis nutzen und gestalten
-
Die Bibel sinnlich inszenieren
-
Die Gründung von zwei evangelischen Schulen
-
Die Gründung eines Zentrums für Seelsorge
-
Die Einrichtung eines Fonds „Diakonische Gemeinde“
-
Die Einrichtung eines Fonds „Gemeinde leiten und entwickeln mit dem
Korchenkompass“
-
Interreligiöse und interkulturelle Fortbildungen für Haupt- und
Ehrenamtliche
An
dieser Stelle stehen wir im Augenblick. Der Evangelische Oberkirchenrat arbeitet
seine Kompasskarten für die Gesamtorganisation ab, die Arbeitsbereiche arbeiten
an der Umsetzung ihrer Kompasskarten und die jeweiligen Projektverantwortlichen
beginnen mit der ersten Phase ihrer Projekte.
Im
Rückblick lassen sich einige Faktoren benennen, die uns geholfen haben, den
Prozess – wie wir finden: recht erfolgreich – bis hierher zu gestalten:
-
Die Möglichkeit, externe Fachkompetenz, wie z. B. die Führungsakademie,
heranziehen zu können
-
Das grundsätzlich vorhandene Vertrauen zwischen den beteiligten Organen
Landesbischof, Landessynode, Landeskirchenrat und Evangelischer Oberkirchenrat
-
Die Schulung und der Einsatz eigener Mitarbeitender als „Lotsen“
-
Die Prozessbegleitung durch eine paritätisch aus Synodalen und
Oberkirchenräten zusammengesetzte Gruppe
-
Die Prozessverantwortung bei einem hauptamtlichen Mitglied der
Kirchenleitung, der Kollegin Oberkirchenrätin Karen Hinrichs und schließlich
-
Last but not least ein gewisser finanzieller Gestaltungsraum, der es
erlaubte, in kurzer Zeit zur Zielverwirklichung Projektmittel zur Verfügung zu
stellen.
Letzteres,
das soll aber betont werden, war zu Beginn nicht absehbar und ist aus unserer
Sicht auch keine Bedingung für einen erfolgreichen Strategieprozess.
2.3
Personalführung als ein Instrument zum zielorientierten Einsatz der
Mitarbeitenden
Unsere
Landeskirche hat ihre Führungspersonen auf drei Ebenen: Gemeinde, Kirchenbezirk
und Landeskirche. Unsere Führungspersonen – ob Hauptamtliche oder
Ehrenamtliche – werden durch Wahl oder Berufung in Verantwortung genommen. Ob
es sich nun um vocatio externa oder vocatio interna handelt: Wir erwarten von
den Mitarbeitenden – gerade von den führenden – darüber nachzudenken, ob
Gott sie an diesem Platz haben möchte. Das wird in den Einführungsgottesdiensten
deutlich. Und damit ist klar, unter welcher Perspektive Personalführung
stattzufinden hat, nämlich dem zu folgen, was die biblischen-theologischen
Grundlagen uns abfordern. Chefin sein, Chef sein heißt Gott dienen – das ist
ein interner Leitsatz von Personalführung in der Evangelischen Landeskirche in
Baden. Zu meiner Ausbildungszeit in der Landeskirche endeten alle Briefe – und
wenn es um die Umzugskostenabrechnung ging – aus dem Personalreferat mit der
Wendung: „Der Herr der Kirche schenke
Ihnen, oder lasse Ihnen, oder gebe Ihnen, oder …“ Eine damals belächelte
Briefliteraturtradition. Heute wird uns klar, dass diese Tradition eine wichtige
Funktion erfüllte, indem sie darauf hinwies: Jeder Brief, den Führungspersönlichkeiten
an Mitarbeitende schreiben ist einerseits Orientierung, ja manchmal
Dienstanweisung für die Anderen, aber immer zugleich Selbstrelativierung des
Unterzeichners in seiner Vorgesetztenfunktion. In diesen Kontext gestellt,
kann ein kurzes Zitat – vielleicht überraschend – aus der neuen
EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln aus evangelischer Perspektive“[6] uns auf die Landeskirche
selbst zurückweisen. Dort heißt es: „Mitarbeiterengagement und damit die Leistungsfähigkeit des
Unternehmens lassen sich über das Vorleben von Werten und das Verhalten von Führungskräften
beeinflussen. Der Eigentümer-Unternehmer trägt die Hauptverantwortung und das
Risiko für den Erfolg des Unternehmens … Führen bedeutet deshalb in erster
Linie auch den Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
Verantwortung vorzuleben.“ Unter dieser Perspektive bekommen Lebensführungsanforderungen
für Pfarrerinnen und Pfarrer und kirchliche Bedienstete neue Aktualität, denn
auf die legen wir zurzeit wieder neu Wert. Wir haben festgestellt, dass wir neu
beginnen müssen, der kirchlichen Mitarbeiterschaft von der Ausbildung an klar
zu machen, dass Lebensführung ein unaufgebbares Kennzeichen für Glaubwürdigkeit
von Kirche darstellt. Führung als Dienst zu begreifen, ist also das erste Ziel
des zielorientierten Einsatzes von Mitarbeitenden. Dass wir uns darüber hinaus
natürlich an Qualifikationen, Begabungen, Charismen und vor allem an
Kompetenzen orientieren, steht außer Frage. Bei unseren jungen Theologinnen und
Theologen fordern wir die beiden theologischen Examina als
Qualifikationsvoraussetzung; und nach dem so genannten Lehrvikariat das Bestehen
des Übernahmeverfahrens als so genannte Eignungsvoraussetzung. Die weitere
Begleitung des kirchlichen Personals orientiert sich sowohl an Struktur- und
Sachzielen als auch an Kompetenz- und Qualifikationszielen. Die Struktur- und
Sachziele werden im 7-Jahres-Abstand zusammen mit der Gemeinde bei den
Visitationen überprüft und bei den Dekaninnen und Dekanen zusätzlich im
selben Zeitabstand durch die so genannten Bezirks- oder Dekansvisitationen, die
vom Landesbischof und einer Kommission durchgeführt werden. Die Persönlichkeitsziele,
die persönlichen Arbeitsziele werden in den Mitarbeitergesprächen oder in den
Orientierungsgesprächen – wie wir sie für die Theologen nennen – jährlich
zur Sprache gebracht. Das ist auch auf der Ebene der Kirchenleitung im
Evangelischen Oberkirchenrat der Fall, ebenso wie in den Kirchenbezirken und in
den einzelnen Kirchengemeinden. In den Kirchenbezirken, in den Kirchengemeinden
haben wir diese zielorientierten Gespräche verpflichtend gemacht; in unserem
Hause, dem Evangelischen Oberkirchenrat, müssen sie angeboten werden, sie
werden aber nicht eingefordert. Zu diesen Zielgesprächen ist vielleicht noch
darauf hinzuweisen, dass zwar über erreichte und nicht erreichte Ziele und den
jeweiligen Begründungen gesprochen wird. Die Mitarbeiter- und
Orientierungsgespräche haben bisher und werden auch in Zukunft darauf
verzichten, einen Leistungsmessungsfaktor vorzunehmen. Denn wir sind nicht davon
überzeugt, dass die Leistungsmessung die Motivation erhöht. Wir vermuten, dass
die Fixierung auf Messwerte zu einem Reduktionismus und zu einer
Eindimensionalität genau dort führen kann, wo das Gegenteil notwendig wäre, nämlich
bei der Organisation Kirche, in der die geistliche Grundhaltung eine nicht
messbare Dimension darstellt.
2.4
Die Beteiligung und Zurüstung der Mitarbeitenden
Personalförderung
durch Fortbildung ist der wichtigste Bestandteil von Personalentwicklung. Wir
achten darauf, dass die Fortbildungserwartung des Personals in ein ausgewogenes,
in ein ausbalanciertes Verhältnis zum Bedarf des Dienstgebers zu stehen kommt.
Bei einem so flachen Personalentwicklungskegel in Bezug auf berufliche
Aufstiegsmöglichkeiten wie in einer evangelischen Kirche, dient die Fortbildung
vor allem der eigenen Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung. Die
Mitarbeitenden dafür und dazu zu motivieren, bleibt eine der höchsten Künste
von Personalführung. Hier sind wir noch nicht zufrieden. Wir würden gerne
bestimmte Fortbildungen inhaltlicher Art oder bestimmte Fortbildungstaktungen
zur Pflicht erheben, wie es die Berlin-Brandenburgische Kirche zurzeit überlegt.
Abgehalten werden wir jedoch immer noch von dem Grundgedanken, dass die Pflicht
zur Fortbildung dem Erfolg der Fortbildung diametral widerspricht. Wir setzen
auf den internen Kompetenzwettbewerb. Es ist auch festzustellen, dass die
konsequente Ein- und Durchführung der Orientierungs- bzw. Mitarbeitergespräche,
bei denen die Fortbildungsbedarfe immer eine Rolle spielen, gewissermaßen als
Erinnerungsarbeit die Teilnehmendenzahlen an den Fortbildungen schon deutlich
erhöht haben. Ebenso beginnen wir die Fortbildungsangebote an bestimmten
Projekten der Landeskirche zu orientieren. So finden Veranstaltungen, die den
strategischen Prozess des Kirchenkompasses begleiten, größte Nachfrage. Wir
werden also weiterhin auf Motivation und nicht auf Verpflichtung setzen. Im
Blick auf Dekanspositionen und Stellen in höherer Verantwortung planen wir
einen Pool fortgebildeter, mit bestimmten Kompetenzen ausgestatteter
Pfarrerinnen und Pfarrer vorzusehen, in dem Wissen, dass wir damit auch
Erwartungen enttäuschen. Das nehmen wir in Kauf. Bleibt noch zu sagen, dass wir
planen, ehrenamtlich Mitarbeitende für Leitungspositionen durch die Gründung
einer so genannten Ehrenamtsakademie in die kontinuierliche Personalförderung
mit aufzunehmen. Mit dieser Ehrenamtsakademie möchten wir ehrenamtliche
Kompetenz deutlich erhöhen und den Ehrenamtlichen Wertschätzung signalisieren.
2.5.
Ein Controlling-System
Im Rahmen des Kirchenkompassprozesses
existiert ein klares Controlling-System. Allen vorgesehenen Maßnahmen einer
Kompasskarte sind Messgrößen und Zeitreihen hinterlegt, anhand derer regelmäßig
der Zielerrechnungsgrad festgestellt werden kann. Neben diesem System bestehen
in unserer Kirche weitere, die künftig miteinander verbunden werden sollen. So
enthält unser Haushaltsbuch neben dem Zahlenwerk bereits Zielbeschreibungen der
Arbeitsbereiche nebst quantifizierten Aussagen über bestimmte Arbeitsprodukte.
Hier gilt es, die Kompasskarten in die Zielbeschreibungen wie in den
quantifizierenden Bereich zu integrieren. Eine besondere Herausforderung ist
dabei, dass die Kompassziele natürlich nur einen Teil der im Haushaltsbuch
beschriebenen Aktivitäten abdecken, deren Ressourcenverbrauch beschlossen wird.
Wir werden also eine Form finden müssen, unser Alltagsgeschäft mit der
Schwerpunktsetzung zu verbinden und für beides den Ressourcenverbrauch
darzustellen.
Im
Oberkirchenrat wird für ausgewählte Arbeitsbereiche eine
Kosten-Leistungs-Rechnung erstellt. Diese hat bisher keine Bezüge zum
Kirchenkompass und wir wissen noch nicht, ob und was wir daran ändern wollen.
Bei
einem weiteren bereits vorhandenen Controling-System im weitesten Sinn
beabsichtigen wir auf folgende Weise die Ausrichtung mit der Kompassnadel: Seit
6 Jahren besucht eine von der Synode zusammengesetzte Gruppe in einem
strukturierten Verfahren die Arbeitsbereiche des Oberkirchenrats und gibt hierüber
schriftliche Berichte. Diese Besuche sollen sich künftig nicht mehr an mehr
oder weniger zufällig vereinbarten Themen orientieren, sondern gezielt die
Kompasskarten zur Grundlage nehmen. Damit tauschen sich Synodale und
Mitarbeitende einen Tag lang intensiv über die Zielerreichung, mögliche
Modifikationen und eventuell auch Gründe für nicht Erreichtes aus.
Unser
Controling-System ist damit sicherlich noch nicht abgeschlossen. Wir haben aber
einen Grad an Transparenz erreicht, der dem vorhandenen Vertrauen zwischen den
Organen eine solide Grundlage gibt.
3.
Desiderate
Was
bleibt zu tun?
In
der Hoffnung, dass Herr Vicktor und ich Sie vom Gegenteil überzeugen konnten,
zitiere ich die Einschätzung einer kirchlichen Insiderin zu den Möglichkeiten
bzw. Unmöglichkeiten von Kirchenleitung:
„Eine Kirchenleitung ist keine
strategische Leitungsspitze, von der Innovationen, d. h. umfassende
Organisationsveränderungen, ausgehen könnten.“[7]
Wir
gehen davon aus, dass Kirchenleitung zwar nicht Veränderungen beschließen und
in alle anderen kirchlichen Einheiten „durchstellen“ kann. Sie ist aber sehr
wohl in der Lage, Instrumente einzuführen, mit deren Hilfe Leitungs- und Führungsaufgaben
auch in einem so komplexen Gebilde wie einer Gliedkirche besser wahrgenommen
werden können. Zu wünschen bleibt diesbezüglich, dass die notwendige Spannung
zwischen der eigenständigen Gestaltungsmacht jeder einzelnen Gemeinde und dem
auf die Gesamtorganisation ausgerichteten Führungs- und Leitungshandeln auf
landeskirchlicher Ebene in weitere, produktive Arbeitsformen einmündet. Allein
das Mittel der Visitation wird hierfür wohl nicht ausreichen.
Diese
auf das Verhältnis zwischen Landeskirche, Kirchenbezirke und Kirchengemeinden
zu bearbeitende Spannung lässt sich aber auch zwischen den unterschiedlichen
Arbeitsbereichen auf landeskirchlicher Ebene feststellen. Führungs- und
Leitungshandeln wird künftig stärker darauf ausgerichtet sein müssen, team-
oder projektorientierte Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Die
derzeitigen Arbeitsstrukturen funktionieren gut in ihrem jeweiligen festen
Bezugsrahmen, sind aber schwer zu strukturieren, wenn der Bezugsrahmen nicht
diese eigene Organisationseinheit, sondern ein konkretes Ziel ist. So lässt
sich beispielsweise das Ziel eines einheitlichen, wiedererkennbaren kirchlichen
Auftretens nach außen nur schwer mit einer Vielzahl unterschiedlicher
Beauftragungen für Öffentlichkeitsarbeit konkreter Arbeitszweige realisieren.
Im Oberkirchenrat experimentieren wir derzeit mit unterschiedlich verbindlich
strukturierten Formen referatsübergreifender Zusammenarbeit. Perspektivisch
werden diejenigen Formen, die den größten Erfolg versprechen, nicht nur für
Einzelfälle etabliert werden müssen.
4.
Schlussbemerkung: Humor im strategischen Getriebe
Zum
Abschluss noch eine persönliche Bemerkung. Bei mir bleibt in Sachen Personalführung
der Humor nicht außen vor. Ich setze den Humor nicht ein. Der Humor tut etwas
mit mir und mit meiner Tätigkeit. Es geht nicht um den Humor auf Kosten
Anderer, sondern um einen Humor, der möglichst für alle Beteiligten das
Schwere ins Leichtere heben kann. Ich verstehe den mir geschenkten Humor als die
Heiterkeit und Gelassenheit, die aus dem Vertrauen auf Gott wachsen. Ich erlebe
Humor als ein Zeichen dafür, dass ein Mensch, weil er sich mit seiner Existenz
gut aufgehoben weiß, sich selbst nicht allzu ernst nehmen braucht, und dass er
mit schwierigen Situationen einigermaßen gelassen umgehen kann. Solcher Humor
im Angesicht dessen, der Humor schenkt oder philosophisch gesprochen, im Licht
der Transzendenz, bewirkt, dass man bei der Vieldeutigkeit der Wirklichkeit von
Leitung und Personalführung sich nicht verkrallt in die akute Realität. Sie
ist kein Letztes. Wenn man also immer wieder auch diese andere Dimension im Sinn
hat, hält man das Bedingte nicht für das Unbedingte. Solch eine Grundlage kann
Verhärtungen entkrampfen. Dazu gehören auch die Verhärtungen gegenüber sich
selbst. Denn es gibt keine Führung, bei der alles gelingt. Es gehört zum
Alltag, Niederlagen, Enttäuschungen, Ärgerliches zu erleben. Es gilt die
Einsicht zu gewinnen, vorhersehbare Fehler gemacht zu haben. Da hilft dann der
Humor, offen zu bleiben dafür, dass sich die Angelegenheit dennoch zum Guten
entwickelt, wohin sie sich ohne meinen Fehler nicht entwickelt hätte.
Das verlebendigt zum Schluss folgender Witz:
Da ist Kevin. Er wird von seinen Eltern
bewusst atheistisch erzogen. Eines Tages stellt er jedoch eine Frage, bei der
sein Vater wohl ziemlich irritiert geschaut haben muss: „Du, Vati, weiß der
liebe Gott eigentlich, dass es ihn gar nicht gibt?“
[1] vgl. J. Hentze/P.Brose, Personalführungslehre, 2. Auflage, Stuttgart 1990, Seite 26
[2] vgl. Eva Renate Schmidt, Hans Georg Berg, Beraten mit Kontakt, Offenbach 1995, Seite 436
[3] vgl. Ulrich Müller-Weißner, Chef sein im Haus des Herrn, Gütersloh 2003, Seite 44 ff
[4]
vgl. Klaus-Dieter K. Kottnik, Führungskultur in Kirche und Diakonie,
Vortrag im Rahmen des
Ephorenkonvents am 23. April 2008 im Klosten Loccum, Hannover
[5]
Kollegiumsmitglied Dr. Michael Nüchtern hat von diesem Bibeltext ausgehend
theologische Grundlagen für
den Strategieprozess
erarbeitet.
[6]
Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive; Eine Denkschrift der
EKD; Gütersloher Verlag,
2008, S. 59
[7] vgl. Eva Renate Schmidt/Hans Georg Berg, a. a. O. Seite 442
Oberkirchenrätin Barbara Bauer ist Referatsleiterin des Referates „Geschäftsleitung und Finanzen“ und Oberkirchenrat Gerhard Vicktor ist Referatsleiter des Referats "Personal" im Evangelischen Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden.
Kopfbild: Tobias Zeller / www.pixelio.de.