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„Kirchenfürst“ oder „Servant Leader“ ?

Leitungs- und Führungsverantwortung in Kirche und Diakonie

 

Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

von Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

 

 

„Leitungs- und Führungsverantwortung“ ist eines der Schwerpunktthemen im Reformprozess der Evange- lischen Kirche in Deutschland. Die Konzentration auf dieses Reformthema war eine mutige Entscheidung. Noch mutiger war vielleicht, an die Berliner „Führungsakademie für Kirche und Diakonie“ (FAKD) mit ihrem Vorstands- vorsitzenden Udo Krolzik als mögliches EKD-Kompetenzzentrum zu denken.

Vor dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer benannte er „weiche Faktoren“ und persönliche Eignung als entscheidende Faktoren, Thies Gundlach – in der EKD mitverantwortlich für die Steuerung des Prozesses – verwies auf die in Deutschland noch einmal besonders schwierige Tradition dieses Themas. Die Badische Oberkirchenrätin Barbara Bauer schilderte wie die Badische Landeskirche mit besonderen Instrumenten wie dem „Kirchenkompass“ (einer Adaption der Balanced Scorecard) versucht, modernes Leitungshandeln in kirchliche Strukturen zu implementieren.[1]

Nicht wahrgenommene Leitungs- und Führungsverantwortung erzeugt Stress bei Mitarbeitenden. Einen wichtigen „Sitz im Leben“ hat das Thema in der evangelischen wie in der katholischen Kirche auf der mittleren Verwaltungsebene und im Pfarramt.  Das „Netzwerk Kirchenreform“ hat sich auf seiner Fachtagung in Neudietendorf mit den Themen Kooperation und Regionalisierung befasst.[2] In Kooperationszwängen und Absprachezumutungen konvergieren die aktuellen Spar- und Modernisierungszwänge der Kirche mit den tief greifenden Veränderungsprozessen unserer Gesellschaft, auf die die Kirche als Organisation unterschiedlich professionell reagiert.[3]

Der Kampf der Leitbilder ist nur scheinbar entschieden. Gerade wo betont von „geistlicher Leitung“ geredet wird, schwankt das Führungsverhalten oft unprofessionell zwischen autoritärem Durchgriff und dem mit einem Laisser faire verbundenen Rückzug auf Repräsentation. Der von Schleiermacher beschworene „Kirchenfürst“ wäre inmitten einer lokal immer noch steuerversorgten Großinstitution global herausgefordert. Den anstehenden Regelungsaufgaben auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene entsprechen Kommunikationsstandards der ersten Führungsebene in internationalen Organisationen und Unternehmen, die er nur zum Schaden einer der beiden Volkskirchen ignorieren kann. Auf den Orientierungsbedarf im Zeitalter der Globalisierung, in der um neue Weltbilder gerungen wird, antworten Fundamentalisten und missionarische Pfingstkirchen weltweit mit Glaubensangeboten, die überzeugen – während Kirchenleitende hierzulande auf Statistiken verweisen, aus denen das Schrumpfen der Mitgliederzahlen abzulesen ist wie ein Naturgesetz.

„Servant Leadership“ hieß das Erfolgskonzept des kirchlichen Anfangs: Das Führungsprinzip der Propheten- und Philosophenschulen, auf das Jesus seine Jüngerinnen und Jünger verwies. Auch Paulus verstand es noch als eine Hinwendung zu denen draußen und unten, die alle Stufen der Organisation verpflichtet. Das Erfolgsgeheimnis des Abendlandes war nicht die Konzentration auf die Mitte, sondern der Blick auf die Ränder mit dem Risiko, sich selbst zu verlieren.[4] Der Segen des weltlichen Organisationserfolgs ruhte jedenfalls nicht auf der Perfektionierung des jeweiligen Kerngeschäfts, sondern auf der Neuerfindung der Organisation von den Bedürfnissen derer her, die dessen Leistungsangebot am meisten brauchen.

Die kirchlichen Innovationsmuster können erfolgreiche Prozesse gemeinsamen Lernens in Gang setzen. Ausgehend von der Ergebnissen der Tagung in Neudietendorf bereitet das „Netzwerk Kirchenreform“ im Kontakt mit der FAKD und unterstützt durch das Marburger Institut für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS)[5] seine nächste Netzwerktagung vor, die wieder im bewährten Rahmen des KVI-Kongresses stattfinden wird.

 

Die nächste Netzwerktagung zum Themenbereich Leitung und Führungskultur in der Kirche findet im Rahmen des 4. KVI-Kongress vom 8.-9. Juni 2009 in Mainz statt.

 



[1] Siehe hierzu Newsletter Kirchenreform Ausgabe VIII/2008 (September) unter www.kirche-bewegen.de.

[2] Einen Tagungsbericht finden Sie unter www.kirchenreform.de.

[3] Zum Thema „Regionalisierung in der Kirche“ ist im September 2008 ein neuer Sammelband erschienen: Stefan Bölts, Wolfgang Nethöfel (Hg.), Aufbruch in die Region. Kirchenreform zwischen Zwangsfusion und profilierter Nachbarschaft, Hamburg 2008.

[4] Siehe hierzu meinen Keynote-Vortrag auf dem 3. KVI-Kongress unter: www.netzwerkkirchenreform.de/institution_organisation.html.

[5] IWS Marburg im Internet unter www.iws-marburg.de.