Kirche und Qualitätsmanagement
Ein Beitrag im Forum Kirche und Management
Qualitätsmanagement (QM) ist in der Kirche für
viele immer noch ein Fremdwort, für viele schon lange Praxis. Auf der einen
Seite kamen Kindertagesstätten, Krankenhäuser, Altenzentren oder Einrichtungen
der Jugendhilfe aufgrund der gesellschaftlichen und gesetzlichen
Rahmenbedingungen nicht umhin, sich auf QM einzulassen. In anderen Bereichen
wird an der Qualität der eigenen Praxis schon lange gearbeitet, ohne dass es QM
genannt wird. Daneben aber „dümpeln“ viele Gremien, kirchliche
Verwaltungseinheiten und Gemeinden vor sich hin, lassen sich treiben von guten
Ideen, Zufälligkeiten, Frust oder Aktionismus. Viele Einrichtungen der Diakonie
und Caritas sind heute viel weiter und erfahrener als die Organisationseinheiten
der Kirchenämter selbst. Gerade weil man der Marktlage in die Augen schauen
musste, begann hier ein Prozess der Professionalisierung, Qualifizierung und
Profilierung.
In diesem Artikel legen wir den Fokus auf die Chancen der Qualitätsentwicklung
für die Abteilungen der Kirchenämter und Bischöflichen Ordinariate, für
Gremien und Verwaltung auf allen Ebenen und für ehrenamtliche, synodale oder
pfarrgemeindliche Führungsgremien. Für diese Bereiche sehen wir Qualitätsmanagement
als die Chance zur Selbstqualifizierung, als Chance für mehr Erfolgserlebnisse
der pastoral und pädagogisch handelnden Personen, als Chance für die Kirche
insgesamt auf dem wachsenden Markt der säkularen Heilsangebote.
In Seminaren und Workshops machen wir die Erfahrung, wie schwer es oft pädagogischen
und pastoralen Mitarbeitenden und Funktionären fällt, zielgerichtet und
strategisch zu denken und zu handeln. Die hohen Ansprüche, jesuanische Ideale
und Visionen des ökumenischen konziliaren Prozesses einerseits und ständige
Arbeitsüberlastung, gutgemeinte ad-hoc-Maßnahmen und „Traditionen“
andererseits sind oft wenig miteinander verankert. Welche Power, welche
Entwicklungsmöglichkeiten aber schlummern in kirchlichen Gremien von Haupt- und
/ oder Ehrenamtlichen, wenn Ziele klar, eindeutig und allen Beteiligten bekannt,
die Adressatengruppen definiert wären und über den Tellerrand von ein oder
zwei Jahren geschaut würde. Welche Erfolgserlebnisse wären möglich, wenn
vorher klar und realistisch formuliert wäre, was man mit Aktionen und Projekten
will, welche Ziele man verfolgt.
In der Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen der Ordinariate bzw.
Landeskirchenämter und den Gemeinden gibt es Doppel- bis Mehrfacharbeit.
Manchmal erwartet die eine Abteilung von der Gemeinde das, was die andere
untersagt. Wie viel Energie und Kosten könnten eingespart werden, wenn die
Kommunikation verbessert, in Teilen der Verwaltungsapparat verschlankt und die
kasuistische Überregelung in vielen Teilen reduziert würde.
Die Praxis vieler kirchlicher Einrichtungen scheint sich oft biblisch zu nähren:
„Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte
tut.“ (Mt 6,3). Leider wurde diese Intransparenz in Bezug auf Almosen von
vielen auf das gesamte pastorale Handeln übertragen. Doch der Auftrag des
Auferstandenen ist eindeutig: Zeugnis geben von seiner Botschaft, dem Reich
Gottes, seiner Gerechtigkeit (vgl. Apg 1,8).
In den Gemeinden wird gerne beklagt, dass die Bereitschaft für ehrenamtliches
Engagement sinkt. Wissenschaftlich-soziologische Untersuchungen zeigen, dass es
in der Gesellschaft immer noch eine hohe Bereitschaft gibt, sich in Projekten
einzubringen, deren Zielsetzung, Anspruch, zeitlicher Umfang und Sinn allen
Beteiligten klar ist. Der viel beklagte Ehrenamtlichenschwund liegt oft daran,
dass in vielen Leitungsgremien mehr über die Anzahl der Würstchen beim
Gemeindefest diskutiert wird als über die Möglichkeiten der Armutsbekämpfung
oder Jugendsozialarbeit innerhalb der Gemeinde. Projekte wie der Aufbau eines
Netzwerkes der Nachbarschaftshilfe oder die inhaltliche Neugestaltung der
Katechese fallen unter den Tisch. Vielen Gemeindemitgliedern ist nicht klar,
welche Ziele solches ehrenamtliches Engagement haben soll, welchen Sinn es für
sie persönlich haben kann.
Wenn im folgenden von QM die Rede ist, denken wir vor allem an Qualitätsentwicklung,
d.h. die Entwicklung und Weiterentwicklung von Qualität, weniger an Sicherung
bestimmter Auflagen, Zertifizierungen, Ausführung von Bestimmungen, die die
einen für die anderen gemacht haben (eine Haltung, die sich oft unter dem
Stichwort "Qualitätssicherung" verbirgt). Wir denken an die
Identifizierung vorhandener Stärken, an die systematische Weiterentwicklung
sowie an das bewusste Aufgreifen der Verbesserungspotenziale. Für uns ist
Qualitätsentwicklung vor allem eine Haltung: gemeinsam aus Praxis lernen,
gegenwärtige Arbeit systematisch und regelmäßig reflektieren, Stärken wie
"Lichter auf den Leuchter" zu stellen (vgl. Mt 5,15) und
Verbesserungsprojekte zielgerichtet anzugehen. Diese Haltung entspricht der
Philosophie der European Foundation for Quality Management (EFQM).
Die Qualitätsentwicklung nach EFQM nimmt alle Zusammenhänge in den Blick. Die
Zufriedenheit der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden wird ebenso
beleuchtet wie Ziele von Maßnahmen. Sie lässt uns fragen: Was wollen wir mit
welchen Maßnahmen erreichen? Welche Ziele stecken wohinter? Passen die Maßnahmen
zu den Zielen? Woran können wir erkennen, Ziele erreicht zu haben und wie können
wir positive Entwicklungen nachweisen? Diese Fragen bringen die Handelnden
weiter, "weil man weiß was man tut" (vgl. Lk 23,34), sie involvieren
die (noch vorhandenen) Beteiligten und potentiellen Adressaten und Adressatinnen
kirchlicher Arbeit. Die Fragen mögen anfangs ungewohnt und anstrengend sein,
setzen aber Energien frei. Nur vorher formulierte Ziele ermöglichen Erfolge.
Oder in den Worten Kohelets: „Das Wissen eines Menschen macht seine Miene
strahlend“ (Koh 8,1) oder „Es gibt Menschen, denen Gott wohl will. Es sind
die, denen er Wissen, Können und Freude geschenkt hat“ (Koh 2,26).
Eines steht fest: Mit der Reflexion pastoraler Arbeit, ihrer konkreten Ziele und
der dahinter stehenden Werte stehen Entscheidungen an: Entscheidungen für
Ziele, für konkrete Adressatengruppen, für Prioritäten, über Zuständigkeiten,
Entscheidungen Konflikte konstruktiv anzugehen, mehr mit- als nebeneinander zu
arbeiten, Werte weniger zu predigen als "messbar" in Handlung
umzusetzen. Das Ja sei ein Ja, das Nicht-entscheiden-wollen ein Nein (vgl. Mt
5,37).
Das Spezifische von Qualitätsentwicklung in der Kirche gegenüber
Organisationsentwicklung und Projektmanagement ist, dass bei der Qualitätsentwicklung
alle Aspekte der Organisationseinheit in den Blick genommen werden, sozusagen
„allumfassend“. Hier wird z.B. eine Umstrukturierung in Zusammenhang gesehen
mit „Kundenzufriedenheit“, eine Leitbildentwicklung in Zusammenhang gestellt
mit konkreten Projekten wie der Einführung von Mitarbeiter/innen oder
Zielvereinbarungen. Das Spezifische der Qualitätsentwicklung ist, systematisch
und regelmäßig alle für die Qualität der Organisation entscheidenden
Faktoren in den Blick zu nehmen. Insgesamt beleuchtet EFQM neun Kriterien, von
denen wir nur einige kurz vorstellen möchten:
Das EFQM-Modell leitet z.B. an zu prüfen, für wen man als Gemeinde oder
Referat vordringlich da sein will. Allen alles zu werden ist, zwar paulinisch
(vgl. 1 Kor 9,22) gut gemeint, aber mit begrenzten Ressourcen unrealistisch. Wer
sind unsere Zielgruppen, wen haben wir möglicherweise noch gar nicht in den
Blick genommen, weil sie „anders“ glauben oder leben. Genau mit diesen
Aspekten beschäftigt sich das EFQM-Kriterium Politik & Strategie. Ebenfalls
zu diesem Komplex gehören die Fragen: Was sind die Werte unseres Handelns?
Welches Bild haben wir von den Menschen heute und von unserer Kirche im Jahre
2010?
Das EFQM-Kriterium Partnerschaften & Ressourcen fragt z.B. danach, wie man
mit wem zusammenarbeitet, ob und wie die Ressourcen des Netzwerkes in und über
die Grenzen der eigenen Konfession und der Kirche gesehen, genutzt und ausgebaut
werden. Das EFQM-Kriterium Mitarbeitende interessiert z.B., wie die
Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen begleitet und in ihrer Kompetenz gefördert
werden. Nicht zuletzt erkundet EFQM unter dem Kriterium Führung, wie die
Leitenden selbst ihre Führungsqualität weiterentwickeln, wie sie die grobe
Zielrichtung vorgeben, wie sie selbst Vorbilder für Werte und Lernen sind, wie
sie Zuständigkeiten klären und die Transparenz sichern.
Am Anfang jeder Qualitätsentwicklung steht die Bestandsaufnahme zu den neun
EFQM-Kriterien. Mit dieser sogenannten Selbstbewertung werden eigene Stärken
und Verbesserungspotentiale identifiziert, um darauf aufbauend
Verbesserungsprojekte zu planen und umzusetzen. Die Selbstbewertung kann auf
unterschiedliche Weise geschehen. Sehr einfach ist z.B. die Selbstbewertung
mittels Fragebogen.
Gute Erfahrungen machte das Bistum Trier in der kirchlichen Kinder- und
Jugendarbeit. Ein eigens für diesen Bereich entwickelter „Fragebogen zur
Selbstbewertung“ (info(a)kjz-koblenz.de) dient in den neun Elementen des EFQM
als Instrument des Qualitätsmanagements. So manche Vereinfachung – mit
entsprechender Zeitersparnis auf Dauer gesehen – konnte schon entwickelt und
eingeführt werden. „Das tolle ist, dass es so einfach und doch so praktisch
ist“, war das Feedback einer Workshop-Teilnehmerin.
Sich als Kirche, als „Volks Gottes auf dem Weg“ zu verstehen, bedeutet sich
als lernende Kirche, als die „semper reformanda“ zu verstehen bzw. als
lernende Gemeinde. Mit der Bibel als Kompass in der Hand kann Qualitätsentwicklung
nach EFQM eine gute Landkarte sein.
Ein Beitrag von Diplom-Theologe Franz Knist (Berater und Trainer aus Köln) und Rainer Schneiders SAC (Regionaljugendseelsorger der Region Koblenz im Bistum Trier) aus dem Forum für Kirche und Management.
Dieser Beitrag wurde zur Verfügung gestellt aus dem Forum Kirche und Management von Markus Classen (Coachingbüro Sinn meets Management).
Diplom-Theologe Franz Knist war von 1981 bis 1993 in der Erwachsenenbildung und in der Sozialarbeit unter anderem als Heimleiter tätig. Seit 1993 ist er selbstständiger Team- und Organisationsberater, Supervisor und Trainer für Dienstleistungsunternehmen sowie für soziale, kirchliche, ministeriale und kommunale Einrichtungen.
Bild: www.knist.de
Forum: www.forum-kum.de


