
Ein Artikel von Professor Dr. Paul M. Zulehner in "Kirchenreform strategisch!", dem zweiten Sammelband des Netzwerks (2007).
1. Nicht nur Krise der Kirchengestalt
Der alte und weise Wiener Kardinal Franz König stellte mir kurz vor seinem Tod – er war damals abrahamische 99 Jahre alt – bei einem Mittagessen die Frage, ob er sich täusche, dass vor unseren Augen die konstantinische Kirchengestalt zu Ende gehe. Ich konnte ihm nur zustimmen. Ganz anders als in den nachreformatorischen Gesellschaften ist die Religion nicht mehr Schicksal, sondern Wahl. Wer sich heute christlichen
Glauben nicht persönlich aneignet, verliert die letzten Reste oder gewinnt ihn nicht. Der
moderne Mensch kann, eingebettet in vielfältige soziale Bedingungen (Familie, Peers,
„Sinus-Milieus“), nicht nur wählen. Er muss vielmehr wählen, weil ihn niemand vom Zwang zur „Häresie“ (Wählenmüssen: Peter L. Berger) befreit.
Nach einer brandneuen, erst in ihren wichtigsten Ergebnissen publizierte Studie (http://www.identityfoundation.de/was-wir-tun.0.html), sind heute 10% bereit, das Christentum in der wohl durchorganisierten Gestalt einer Kirche anzunehmen. 40% hingegen sind „Alltagsatheisten“. Ihr kulturelles Erinnerungsvermögen ist schwach oder (ostdeutsch) zerstört.
Manche von ihnen haben pragmatisch schon vergessen, dass sie Gott vergessen haben (W. Kröpke; Bischof Noak). Die Hälfte der Deutschen hingegen zählt zu den ReligionskomponistInnen, sie erweisen sich als „religiös kreativ“. Ein Teil von ihnen (die spirituellen Sinnsucher: 15%) haben die Einrichtung ihres subjektiven „Glaubenshauses“ selbst in die Hand genommen. Sie machen dies als Kirchenmitglied oder aber als Nichtmitglied (35%). Sie orientieren sich entweder neben dem
Christentum an anderen Religionen der Welt oder sie bewegen sich immer mehr im
kirchenfreien spirituellen Feld (Ariane Martin) unserer säkularen Kulturen.
Es verlagerte sich im Zuge der Modernisierung von Gesellschaften die Regie über den religiösen Haushalt eines Menschen von der Institution zur Person. Im persönlichen Leben wiederum ist Religiosität (und mit ihr die Religion) in die unsichtbaren Tiefen der Person abgesunken. Religion wurde in diesem Sinn privatisiert und weithin unsichtbar (Thomas Luckmann): was aber bei weitem nicht heißt, sie sei verschwunden und unwirksam geworden.
Diese Verschiebung der Regie über die Religion von ZeitgenossInnen von der
Institution zur Person hat allerdings die Formkraft der christlichen Kirchen stark verändert.
Privatisierte Religion wurde in den letzten Jahrzehnten ein Gutteil „entkirchlicht“. Die
Erwartungen der Kirche an die Glaubensgestalt ihrer Mitglieder und das, was diese
faktisch „glauben“, klafft beträchtlich auseinander. Dazu kommt eben die Bereitschaft der Menschen, religiöse Elemente aus verschiedenen Religionen und religoiden Strömungen zu vermischen. Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass für die Leute weniger die Dogmatik, sondern mehr das Erleben wichtig ist. Sie sind nach „Gratifikationen“ aus, die wichtiger sind als kirchliche „Irritationen“. Die Themen der Gratifikation lassen sich heute gut erkennen, weil inmitten säkularer Kulturen eine starke spirituelle
Dynamik zu beobachten ist. Diese erwächst aus kirchlich oft unbespielter Sehnsucht in den Tiefen der Menschen (vgl. die Studie von Ariane Martin: Sehnsucht – der Anfang von allem. Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität, Ostfildern 2005). Es ist der Wunsch der Menschen nach einer Reise zu sich selbst, nach Verzauberung, nach Heilung, nach Gemeinschaften mit einer Ethik der Liebe, nach Festigkeit (oft in „Gurus“
personifiziert), nach einer Reise auch in kosmische und göttliche Weite, nach einer Erneuerung der Welt. Statt in den Kirchen in solchen Suchbewegungen fündig zu werden, greifen immer mehr Menschen bei anderen religiösen Agenturen zu. Das regt die
„Sektenbeauftragten der Kirchen“ ebenso auf wie manche Theologen, die solche religiöse Sehnsucht schlicht für Unglauben, für Selbsterlösung, für einen Irrweg halten, dabei aber vor-schnell übersehen, dass das eigene Evangelium eben auch mit nichts anderem zu tun hat als mit den tiefen Sehnsüchten der Menschen. Heißt es doch im Psalm 63: Gott du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir… Sich selbst säkularisierende
Kirchen sind für spirituelle Pilger und Wanderer keine gute Adresse, noch nicht.
Solche Makroentwicklungen müssen bedacht werden, wenn von einer Umbaukrise der Kirche die Rede ist. Sie hat zu tun mit dem tief greifenden sozikulturellen Wandel
moderner Gesellschaften ebenso wie mit der Verseichtung der kirchlichen Arbeit in den letzten Jahrzehnten, die Wolfgang Huber – von vielen dafür kritisiert, was für ihn spricht - „Selbstsäkularisierung“ nannte (Wolfgang Huber: Kirche in der Zeitenwende, Göttingen 1999). Es läßt sich diese notorische Kirchenschwäche auch mit Karl Rahner beschreiben, der schon 1972 darauf hingewiesen hat: „Wir sind doch, wenn wir ehrlich sind, in einem schrecklichen Maße eine spirituell unlebendige Kirche. Die lebendige Spiritualität, die es natürlich auch heute noch gibt, hat sich doch in einer seltsamen
Weise aus der Öffentlichkeit der Kirche in (soziologisch gesehen) kleine Konventikel der ‚noch Frommen‘ zurückgezogen und versteckt. In der Öffentlichkeit der Kirche
herrschen in einem erschreckenden Maße auch heute noch (bei allem guten Willen, der nicht bestritten werden soll) Ritualismus, Legalismus, Administration und ein sich all-mählich selber langweilig werdendes und resignierendes Weiterfahren auf den üblichen Geleisen einer spirituellen Mittelmäßigkeit.“ (Rahner, Karl: Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg 1972, 88.)
Die Kirche steckt also in einer Krise. Es ist eine Erneuerungskrise, wenn die Chancen genützt werden. Dabei ist nicht die Kirche selbst in einer Krise, sondern mehr ihre
Kirchengestalt. In Krise sind ihre Visionen (sind zu kraftlos) und ihre Handlungsmuster die die diesen angemessenen Strukturen (sie passen nicht mehr zum neuen
Selbstbewusstsein der Menschen). Krisensymptome sind, dass das Geld ausgeht, dass es an
„radikalen Christen“ mangelt (wie man an der Krise der katholischen Orden ablesen kann), dass es vor allem die nächste Generation das Evangelium immer seltener als
Richtschnur für ihr modernes Leben annimmt, vor allem jene jungen Menschen, die sich nicht den vergangenheitsorientierten Sinus-Milieus zugehörig fühlen.
2. Altbausanierung
In solchen Umbauzeiten ist es bedrückend zu sehen, wie ein Großteil der innovativen Kraft der Kirche in die Sanierung der Strukturen investiert wird. Das liegt zwar nahe, bedarf aber behutsamer Selbstkritik. Nahe liegt, dass die Kirchen in unseren Breiten dank opulenter Kirchensteuer in den letzten Jahrzehnten einen reichhaltigen
Kirchenbetrieb aufgebaut haben hinsichtlich Grundstücken, Häusern, Personal und Projekten.
Dazu kommt, was oft übersehen wird, auch ein bewundernswerter internationaler
Hilfseinsatz der großen Kirchen. Wenn nun das Geld knapp wird, weil der Anteil zahlender
Kirchenmitglieder schrumpft, besteht allein schon aus Verantwortung für das angestellte Kirchenpersonal (und ihrer Familien) Handlungsbedarf. Das hat in vielen Bereichen zu einer oftmals harten Kirchensanierung geführt: Eine katholische Erzdiözese ging in Konkurs – ein Alptraum für viele Kirchenverantwortliche, in dessen Verlauf mussten viele Hauptamtliche betriebsbedingt gekündigt werden. Andere Diözesen sind am Rand eines solchen betrieblichen Supergaus. Kirchen werden verkauft. Das mit dem
Einsparen und „kleiner werden“ verbundenen „downsizing“ hat zwei fatale Nebenwirkungen: das Personal wird depressiv, zugleich bleibt die innere Erneuerung auf Grund einer
Sanierungserschöpfung der Gremien auf der Strecke. Statt die Kirchen in ihrer inneren Kraft zukunftsfähig zu machen, werden sie – worst case! – in die Vergangenheit zu-rücksaniert. Kein Aufbruch droht. Die Kirchen, so fürchten nicht wenige, werden tot-gespart, statt wirklich runderneuert.
Natürlich verweisen die kirchlichen Oberen auf Zukunftspapiere. Die evangelische Kirche präsentiert sich als „Kirche der Freiheit“ (und das in einer Zeit, in der immer mehr Leute die lästige Last riskanter Freiheit loswerden wollen). Alle Kirchen beschwören einen missionarischen Aufbruch. Es ist Zeit der Aussaat. Das alles ist mehr als gut. Und doch verbleibt insbesondere beim hauptamtlichen Personal das schale Gefühl, dass diese schönen Dokumente oftmals das Feigenblatt für die zugleich laufende harte Strukturanpassung sind. Mit viel theologischem Aufwand wird zwar erklärt, dass die neuen Strukturen doch auch viele Chancen enthielten. Aber wer so redet, gesteht ja zugleich ein, dass es neben den Chancen auch beträchtliche Bedrohlichkeiten gibt. So klagen (bis in rezente Studien hinein: Zulehner, Paul M.: Priester im Modernisierungsstress, Ostfildern 2001) katholische Priester, dass sie angesichts der pastoralen Großreviere immer mehr den unmittelbaren Kontakt zu den Lebensgeschichten der Menschen verlieren; sie fürchten, dass sie aus menschennahen Seelsorgern zu abgehobenen pastoralen Großraummanagern werden. Eine auch kulturelle Stärke der Kirche, nämlich die noch einzig wirklich anwesende lokale Kraft (nach der Auflösung von Rathäusern, Schulen, Gaststätten, Tante-Emma-Läden) zu sein, wird aufgegeben.
3. Alternativen?
Natürlich sagen einem dann die Verantwortlichen, man könne leicht auf solche
Schattenseiten der Entwicklung hinweisen, wenn man keine kirchenpolitische Verantwortung trägt. Man würde ja selbst betroffen leiden, wenn Stellen abgebaut, Kirchen geschlossen und diakonale Einrichtungen der Kirche aufgegeben werden müssen. Alternativen seien zwar schön, aber eben unrealistisch und vor allem unfinanzierbar.
Solche bedrückende Reden haben für sich, dass sie wohl einen Kernpunkt der
gegenwärtigen Sozialform unserer Kirchen benennen: das Geld. Alternativen sind deshalb nur dann zu entwickeln, wenn man einmal den Mut hat, eine wirklich finanziell arme
„Kirche im Volk“ zu entwerfen, statt eben nur die geldgestützt Kirche (die ganz gut auch eine Zeitlang ohne Gott auskommen kann) zumindest einmal zu denken. Zugleich wäre es möglich, in die schrumpfende Gestalt der reichen Kirche Elemente einer armen
Kirche probeweise zu implementieren. Dabei könnte sich zeigen, dass gerade in den armen Kirchenparzellen sich viel zukunftsfähige Kraft sammelt.
Eine solche arme Kirche (letztlich eine Kirche nach der Kirchensteuer) wird zudem auch die theologischen Grundlagen der ekklesiogenen, des Kirchenum- und –aufbaus bedenken. Es ist zu wenig, wenn Kirchenumbau lediglich von profanen Beratungsfirmen „gemacht“ wird. Wenn der Herr das künftige Haus der Kirche nicht baut, baut Mc Kinsey umsonst, so in Anlehnung an den Psalm 127. Ekklesiologie ist allerdings vor allem in der protestantischen Theologie kein prioritäres Thema. Bestenfalls gibt es (nebenbei: auch in katholischen Kreisen) so etwas wie eine „Ekklesiologie des schlechten Gewissens“. Diese liebt Bildwörter wie vereinnahmen, Selbstrekrutierung, Selbsterhalt der Kirchen. Vermittelt wird das Gefühl, es sei theologisch unanständig, Menschen für die Kirche zu gewinnen. Zwar wird ein missionarisches Grundsatzpapier nach dem anderen angefertigt. Doch will man praktisch höchstens die Menschen ein Stück auf ihrem individuellen Lebensweg begleiten. Ein wenig vom Evangelium soll diakonal in die Biographie implementiert werden. Aber dass Menschen in die Kirche eintreten und zu uns gehören: Das gilt als verwerflich. Die Frage ist dann allerdings, wer dann morgen unsere Arbeit weitermacht und wer missionieren wird. Vor allem aber: Entspricht solche vermeintliche kirchliche Selbstlosigkeit (ist sie mehr als Zweifel an der theologischen Wichtigkeit von Kirche für die heilende Arbeit Gottes in der Welt?) wirklich den Absichten Gottes, seiner Art, sich um das Heil der Welt zu kommen?
4. Ekklesiologie
Die Kirchen, beide, brauchen daher zu aller erst, wollen sie sich auf den Weg in eine zukunftsfähige Gestalt begeben, eine gläubige Ekklesiologie. Gottes Art, Pastoral in der Weltgeschichte zu machen, ist zu erinnern. Diese hat immer damit zu tun, dass er sich ein Volk erwählt, und als Israel sich zerstreute, er es mit der Kirche als neuem Israel versuchte. Die Apostelgeschichte schreibt auch unbekümmert, dass Gott seiner Kirche wieder
so und so viele „hinzugefügt“ hat (Apg 2,47). Mission heißt dann auch, dass jene, die uns heute Gott „hinzufügt“, endlich ihre ekklesiale Berufung erkennen und ihr
personales „Rede Herr, dein Diener hört“ (1 Sam 3,1-10) spricht. Natürlich erschöpft sich Mission nicht in diesem Heben gottgegebener Kirchenberufungen. Aber ohne sie geht es auch nicht. Und dies als Selbstrekrutierung der Kirche zu verspotten, verspottet
letztlich das Handeln Gottes, der sich eben ein Volk erschafft (und in jedem Abendmahlfeier wandelnd erneuert), an dem erinnert und vorangebracht wird, was er in Jesus von
Nazareth für die seine Welt ein für allemal getan hat.
Ein solches theologisches Denken über die Kirche bringt mit sich, dass immer mehr Kirchenmitglieder nicht Heilskunden sind, sondern Zeugen des Evangeliums in der Welt werden. Dieser Wandel vom passiven Kirchenmitglied zum aktiven Zeugen ist ein wesentliches Moment kirchlicher Zukunftsfähigkeit. Erst dann wird auch eingelöst, dass nicht die PastorInnen/Priester Kirche sind, sondern alle priesterlich und berufen sind, wenn auch nicht im Namen der Kirchen, aber immerhin kirchlich zu handeln.
5. Ehrenamt
Ereignet sich dieser innerkirchliche Wandel, wird sie also als ganze eine priesterliche Kirche von Zeugen, dann wird die Kirche, was sie in ihrer Blütezeit des Anfangs war: eine Kirche der Freiwilligen (so sagen die Schweizer richtiger), oder eine Kirche des Ehrenamts. Zukunftsfähig ist die Kirche nach der Kirchensteuer, wenn aus dem
Moneyspending das Timespending wird, und dieses auf einer unvertretbaren
Eigenverantwortung aller Mitglieder für das Leben und Wirken der Kirche aufbaut. Dass dann das Ehrenamt gepflegt werden muss (Stichworte sind: klare Aufgabenstellung,
Qualifizierung, Unterstützung, Absicherung, Anerkennung, klarer Anfang von Aufgaben und
klares Ende), versteht sich von selbst. Es wird künftig auch ehrenamtliche
PastorInnen/Priester geben.
Vor allem die lokalen und biographienahen Gemeinden werden ehrenamtlich leben und (mit bescheidenen Aufgaben) vor Ort menschennah handeln. Dort wird auch
Abendmahl/Eucharistie gefeiert, weil dieses die Mitte und der Höhepunkt christlichen Lebens sein wird.
6. Raumgerechte Seelsorge
Für die künftige Gestalt der Kirche wird es noch viele Überlegungen zur Theologie des pastoralen Raumes brauchen. Die derzeitige geld- (und in der katholischen Kirche
klerus-)orientierte Raumpflege muss zu Gunsten einer aufgabenorientierten Gestaltung der pastorale Räume weiter entwickelt werden. Zu fragen ist, welcher pastorale Vorgang nach welchem Raum verlangt. Dann wird man entdecken, dass es sehr lokale Aufgaben gibt (rund um die
familiären Lebensräume, die Eltern mit Kindern, die Alten und Kranken). Daneben verlangen andere Aufgaben (wie Jugendarbeit, Bildungsarbeit) nach größeren Räumen, handelt es sich doch um mobilere Bevölkerungsgruppen und um Aufgaben, die ein größeres Einzugsgebiet brauchen. Dann gibt es auch großräumige Aufgaben. Predigerseminare wird man nicht in jeder Gemeinde einrichten (obwohl künftige Prediger dort viel lernen könnten). So entsteht ein sehr bunt bespielter
pastoraler Großraum. In diesem lassen sich dann Sinus-Milieuspezifische Sonderaufgaben leicht ansiedeln. Oder auch spirituelle Zentren, nach denen die Menschen immer mehr verlangen werden. Das könnten dann die Leuchttürme im Raum sein. Aber auch in der Schifffahrt dienen die Leuchttürme lediglich der Orientierung, nicht dem Seefahren. Leuchttürme kommen auch mit einem Wärter aus, der diesen in Gang hält. Leute braucht es dazu keine.
7. Projekte
Natürlich ereignet sich dann viel an christlichem Leben in Gemeinden, es wird sich aber dort nicht erschöpfen. Wo immer das der Fall ist, wächst ein finsterer Parochialismus. Der Zwang, größere Räume zu bilden, kann diesen durchaus überwinden. Aber es wäre der Sturz in den gegenüberliegenden Straßengraben, gäbe es dann keine Gemeinden mehr, sondern nur anonyme Megaräume. Verörtlichung des Glaubens ist kein
Widerspruch zu Aufgaben in größeren Räumen. Ortlos hingegen ist Pastoral nie. Möchte sie es sein, hebt sie ab.
Die Arbeit der lokalen Gemeinden wird bescheiden sein. Das hat auch mit den
Personalressourcen der ehrenamtlich bespielten lokalen Einheiten zu tun. Größere Aufgaben verlangen dann nach Zusammenarbeit zwischen lokalen Gemeinden. Es lohnt sich zu überlegen, ob es nicht für solche Zusammenarbeit Gemeindeverbünde gibt mit einem pastoralen Zentrum, in dem dann auch hauptamtliche Personen mit professioneller
Qualität sind. Die Finanzierung solcher Zentren erfolgt durch Fundraising in den
Gemeinden und durch joint ventures mit nichtkirchlichen Gruppen und Initiativen.
Das führt auch dazu, dass die pastoralen Arbeiten auf einem niedrigeren Niveau
institutionalisiert werden. Statt also Büros mit Angestellten zu schaffen, wird es zeitlich
begrenzte und evaluierbare Projekte geben, denen Personal zeitlich begrenzt zugeordnet wird. Das nötigt arbeitspolitisch dazu, sich auch stets neue Projekte einfallen zu lassen, wollen diese zugeordneten Personen nicht nach Beendigung eines Projekts ohne Arbeit dastehen.
8. Übergang
Natürlich kann eine solche Kirchengestalt nicht von heute auf morgen in einem
revolutionären Bruch eingeführt werden. Das wird schon allein dadurch erfreulicher Weise verhindert, dass es auch heute noch viele Kirchensteuermittel gibt, die den alten
Kirchenbetrieb ermöglichen. Kluge Kirchenleitungen werden aber versuchen, in die
bestehende (und vergehende) Kirchengestalt zukunftsfähige Elemente oasenartig
einzupflanzen. Dann kann es geschehen, dass neben dem „strukturellen Altersheim“ der Kirche auch so etwas wie „zukunftsträchtige Kindergärten“ gibt. Es ist dann wie einst bei
Abraham und Sara. Von ihnen wird berichtet, dass sie alt und unfruchtbar geworden sind (wie unsere Megainstitutionen auch). Zukunft war nicht mehr in Sicht. Sie haben sich auf das Sterben eingerichtet. Gott war aber anderer Meinung als die Alten. Im Vorübergehen gibt er ihnen die unglaubliche Verheißung, dass es in ihrer Mitte morgen neues Leben geben werde: den Sohn des ungläubigen Lachens (jizzak), also Isaak. Unseren Kirchen könnte ähnliches widerfahren, würden sie vorab Gott gastlich aufnehmen. Dann hörten wir wieder die unverbrauchten Worte der Verheißung. Wir könnten den Mut
gewinnen aufzubrechen, neues zu wagen. Wir könnten „guter Hoffnung“ sein (vgl. Gen 18).
Der Autor Prof. Dr. Paul M. Zulehner ist Professor für Pastoraltheologie in Wien und Dekan der Fakultät. Er studierte Philosophie (Dr. phil. 1961), Katholischen Theologie (Dr. theol. 1965) und Religionssoziologie in Innsbruck, Wien, Konstanz und München, war Schüler von Johannes Schasching und Karl Rahner, wurde 1964 zum Priester geweiht (Erzdiözese Wien) und war danach Kaplan und Subregens im Wiener Priesterseminar. Danach übernahm der Lehrtätigkeiten in Bamberg, Passau, Bonn, Salzburg und seit 1984 auf dem weltältesten (gegründet 1774) Lehrstuhl für Pastoraltheologie in Wien. In dieser Zeit war er unter anderem Theologischer Berater des jeweiligen Vorsitzenden des Rates der Konferenz der Europäischen Bischofskonferenzen und von 1987 bis 1999 Beiratsmitglied in der Österreichischen Forschungsgemeinschaft.