Kirche in ländlichen Räumen

Ein Aufsatz von Bischof Dr. Martin Hein

 

Bischof Dr. Martin Hein

Dieser Beitrag von Bischof Dr. Martin Hein (EKKW) ist erschienen in: KIRCHENREFORM strategisch!

  

I. Heile Welt auf dem Land?

  

Lange Zeit hat man in Deutschland recht pauschal von einem „Stadt-Land-Gefälle“ gesprochen. Wo dies geschieht, sind nicht nur Unterschiede in der Besiedlung, der Art der Arbeitsplätze und der Infrastruktur im Blick, sondern „Stadt“ und „Land“ symbolisieren auch unterschiedliche Lebensstile: ein eher traditionelles und an konservativen Werten ausgerichtetes Leben auf dem Land steht einem selbst bestimmten, der sozialen Kontrolle weitgehend entzogenen Leben in den Städten gegenüber.
  
Auch das kirchliche Leben in Stadt und Land weist unzweifelhaft Kennzeichen eines solchen „Gefälles“ auf: Die Kirchlichkeit auf dem Land ist vergleichsweise hoch. Bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war es in manchen Dörfern üblich, dass aus jedem „Haus“ mindestens eine Person sonntags zum Gottesdienst ging, bei Beerdigungen ist das teilweise bis heute Brauch. In den Städten dagegen sanken die Zahlen der Gottesdienstteilnehmer schon deutlich früher als auf dem Land, und auch sonst waren die Anzeichen der Entfremdung von der Kirche beizeiten erkennbar. Das Land steht gemeinhin für Themen wie Natur, Landwirtschaft, Tradition und Heimat. Kirchenaustritte bildeten hier eine Ausnahmeerscheinung, während sie im städtischen Kontext deutlich anstiegen.
  
All diese Beobachtungen sind natürlich nicht falsch, aber sie verleiten zu simplifizierenden Deutungen und entsprechend ungenauen Strategien. 
  
Für die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen ist eine detailliertere Analyse des „Landes“ notwendig: Wie leben die Menschen in einem konkreten ländlichen Raum? Wo und was arbeiten sie? Wie und wo verbringen sie ihre Freizeit? Welche Rolle spielen Glaube und Kirche? Welche Menschen wohnen in unseren Dörfern? Wie ist das Verhältnis von Alteingesessenen und Neuzugezogenen? 
Bei dieser Analyse müssen die konkreten Erfahrungen der Verantwortlichen in den jeweiligen Regionen mit den eher summarischen Ergebnissen soziologischer Untersuchungen abgeglichen werden. [1]
  
Dabei kann es nicht darum gehen, „Stadt“ und „Land“ gegeneinander auszuspielen. Die vor uns liegende Aufgabe besteht vielmehr darin, einen genauen Blick auf die jeweiligen Lebenswirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen Lebensumfeldern zu werfen und diese bei der Planung unseres kirchlichen Handelns zu berücksichtigen. Andernfalls wächst die Gefahr, an den Erwartungen und Bedürfnissen der Menschen vorbei zu gehen.

 

II. Das Land neu entdecken: Die Pluralität ländlicher Räume

  

„Das“ Land gibt es schon lange nicht mehr – falls es dies überhaupt je gegeben hat. Die Situation in den einzelnen ländlichen Regionen Deutschlands ist sehr unterschiedlich, auch innerhalb der einzelnen Gliedkirchen der EKD. Dennoch lassen sich einige Faktoren identifizieren, die für die absehbare Entwicklung konstitutiv sind:
  

  • Der demographische Wandel führt zu einem Rückgang der Gesamtbevölkerung und zu einem signifikanten Anstieg des Anteils älterer Menschen in Deutschland.
  • Zum demographischen Wandel gehören weiterhin Wanderungsbewegungen aus Gegenden mit wenigen Arbeitsplätzen in Richtung wirtschaftlich prosperierender Regionen. Dies kann zu einer sozialen Entmischung verschiedener Bevölkerungsschichten und Altersgruppen, ja zum Zerbrechen des dörflichen Generationenverbundes führen.
  • Gebiete mit schrumpfender Bevölkerung erleiden auch Einbußen im Bereich der Infrastruktur: Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen werden unter Umständen weniger und schwerer erreichbar.
  • Die Aufgabe der Integration von Migranten unterschiedlicher Herkunft, die den Bevölkerungsschwund teilweise kompensieren sollen, kommt neu in den Blick.
  • Die Pluralisierung von Lebensstilen und -formen und die damit verbundene Ausdifferenzierung der Milieus setzen sich weiter fort. Traditionelle Lebensformen und Rollenmuster verlieren demgegenüber zunehmend an Bedeutung.

  
Diese Rahmenbedingungen sind keine Determinanten für die kirchliche Entwicklung, aber eine Kirche, die nahe bei den Menschen sein will, kann sich nicht unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Kontext entwickeln. Für die Zukunft der evangelischen Kirche auf dem Land bedeutet das primär, dass sie sich Klarheit über ihre Entwicklungsmöglichkeiten in der jeweils konkreten Situation Klarheit verschaffen muss. Mit anderen Worten: Das Land ist nichts Selbstverständliches (mehr), sondern das Land muss neu entdeckt werden!
  
Um es an einem Beispiel zu aufzuzeigen: Im Bereich der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gibt es Gebiete im ehemaligen „Zonenrandgebiet“, in denen schon heute der Bevölkerungswandel deutlich zu spüren ist: Sterbeüberschuss und Abwanderung lassen in diesen traditionell evangelisch geprägten Gegenden die Dörfer und damit auch die Kirchengemeinden schrumpfen. Leerstände von Wohnraum, aufgegebene landwirtschaftliche Betriebe und fallende Immobilienpreise sind unübersehbare Indikatoren dieser Entwicklung. Strukturanpassung und so etwas wie eine „kollektive Trauerbegleitung“ gehören hier zu den Aufgaben der Kirche. 
  
Dagegen gibt es im südlichen Bereich der Landeskirche, die bis ins Rhein-Main-Gebiet hineinreicht, prosperierende Regionen mit deutlichem Bevölkerungszuwachs. Allerdings zeigt sich hier das Phänomen, dass der kommunale Bevölkerungszuwachs sich bislang nur in sehr begrenztem Umfang auch positiv auf die Gemeindegliederzahlen der Kirchengemeinden auswirkt. Das legt den Schluss nahe, dass hier vor allem Menschen zuziehen, die der Kirche nicht (mehr) angehören. Hier sind auf die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten zugeschnittene missionarische Konzepte gefragt, die zum Glauben und zur Kirchenmitgliedschaft einladen.

 

Schon dieses Beispiel einer Landeskirche mittlerer Größe zeigt: Man kann angemessen nur von „ländlichem Räumen“ im Plural sprechen. Die aktuelle Studie der EKD „Wandeln und gestalten. Missionarische Chancen und Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen“ [2] trägt dem Rechnung und unterscheidet im Anschluss an gängige soziologische und raumplanerische Untersuchungen sieben verschiedene Typen ländlicher Räume, für die sie jeweils Perspektiven kirchlichen Handelns beschreibt. Vorausgesetzt ist dabei jeweils der Wille, gegen den Trend zu wachsen, was ein Leitmotiv des EKD-Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ darstellt. [3]
   
Ohne an dieser Stelle auf Einzelheiten eingehen zu können, seien zumindest die sieben Typen ländlicher Räume und die Prognosen zu ihren Wachstumsperspektiven an dieser Stelle benannt: [4]
   

  • Typ 1: Strukturschwache Räume – Kirche ohne besondere Wachstumsperspektive
  • Typ 2: Periphere Räume mit einzelnen Entwicklungsfeldern – Kirche mit nur punktueller Wachstumsperspektive
  • Typ 3: Periphere Räume mit ausgesprochener Eigendynamik – Kirche mit Wachstumsperspektive
  • Typ 4: Ländliche Räume im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche ohne besondere Wachstumsperspektive
  • Typ 5: Ländliche Räume im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche mit Wachstumsperspektive
  • Typ 6: Ländliche Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche ohne besondere Wachstumsperspektive
  • Typ 7: Ländliche Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche mit Wachstumsperspektive

 

III. Strategien für die Kirche in ländlichen Räumen

 

Im Blick auf die derzeitigen und künftigen Herausforderungen für die Kirche in ländlichen Räumen ist es entscheidend, mit welcher Haltung diese angegangen werden. Unser Thema kann nicht länger das Bemühen um bloße Besitzstandswahrung sein! Das führt letztlich nur zur Frustration. Vielmehr muss es darum gehen, das kirchliche Handeln an den jeweiligen regionalen Entwicklungschancen zu orientieren. Das bedeutet auch, dass es keine „Patentrezepte“ gibt, sondern innerhalb landeskirchlicher oder gar EKD-weit abgesteckter Rahmenbedingungen regional passgenaue Ansätze zu entwickeln sind. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit seien im folgenden einige Ansätze genannt: [5]
   

1. Missionarische Kirche in ländlichen Räumen

  

Die missionarische Dimension der Kirche stand in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer ausreichend im Fokus kirchlichen Handelns. Gerade auf dem Land hat man sich darauf verlassen, dass die Weitergabe des Glaubens in der Familie und im Gefüge des Dorfes weiterhin so funktioniert, wie das über viele Generationen hinweg der Fall war. Künftig sind – auch auf dem Land! – jene Milieus stärker in den Blick zu nehmen, deren kirchliche Bindung gering ist. Mission und Mitgliedergewinnung sind nicht nur in städtischen Kontexten eine zentrale kirchliche Aufgabe. Aus gutem Grund wählt das EKD-Papier „Wandeln und gestalten“ darum den (biblisch fundierten) Wachstumsbegriff als „Leitbegriff für die Beurteilung der kirchlichen Entwicklung in ländlichen Räumen“. [6]

  
Es geht hier um das, was das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ den „Aufbruch in den kirchlichen Kernangeboten“ nennt. [7] Gerade weil es nicht mehr selbstverständlich ist, zu glauben und zur Kirche zu gehören, muss die evangelische Kirche auch in ländlichen Räumen ihr Augenmerk verstärkt darauf richten, „den Menschen geistliche Heimat zu geben“ (1. Leuchtfeuer). Dabei kommt der Begleitung der Lebenszyklen der Menschen in ländlichen Räumen eine besondere Bedeutung zu: einmal im Blick auf die Begleitung der individuellen Lebensübergänge durch die Kasualien, aber auch hinsichtlich des dörflichen Lebenszyklus in Form von Festen, Jubiläen und anderen öffentlichen Ereignissen. Gerade dort, wo Kirche und Glaube noch weitgehend selbstverständliche Bestandteile des öffentlichen Lebens im Dorf sind, ist die kirchliche Beteiligung am öffentlichen Leben mit großer Sorgfalt zu pflegen und nach Möglichkeit noch auszubauen.

   

2. Aufgabenkritik

  

Die Aufgaben von Kirchengemeinden im Allgemeinen und von Pfarrerinnen und Pfarrern im Besonderen sollten einer kritischen Durchsicht unterzogen werden. Wo die Bevölkerungsdichte und damit auch die finanziellen Ressourcen zurückgehen, ist eine Konzentration auf die „Kernaufgaben“ und auf die vorhandenen Stärken unumgänglich: Dazu gehören Gottesdienste, Amtshandlungen, Seelsorge und Unterricht. Auf diesen Kernbereich müssen sich Pfarrerinnen und Pfarrer konzentrieren, was auch bedeuten kann, dass überkommene und lieb gewonnene andere Arbeitsbereiche – wie zum Beispiel die regelmäßige Betreuung von Gruppen und Kreisen – aus dem Portfolio pfarramtlicher Tätigkeiten herausfallen.
   
Ein Hauptkriterium solcher Aufgabenkritik wird sein, ob in dem jeweiligen Arbeitsfeld ein klares evangelisches Profil erkennbar ist. Ein konkretes Beispiel mag das veranschaulichen: Wenn ein kirchlicher Seniorenkreis hauptsächlich der Pflege von Geselligkeit dient und Themen des christlichen Glaubens und Lebens nur hin und wieder vorkommen, dann sollte hier nach neuen Arbeitsformen gesucht werden. Eine Kooperation mit den „Landfrauen“ oder mit kommunalen Angeboten der Seniorenarbeit, die klar profilierte kirchliche Veranstaltungen mit in ihr Programm einbeziehen, werden nicht nur zur Entlastung des Pfarrers oder der Pfarrerin beitragen, sondern möglicherweise auch neue Zielgruppen kirchlicher Angebote erschließen.
   
Es ist daher unumgänglich, Prioritäten zu setzen und damit auch Posterioritäten zu identifizieren. Beides muss kommuniziert werden, insbesondere dann, wenn pfarramtliche Arbeitskraft aus dem einen oder anderen Bereich abgezogen wird. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der fatale Eindruck entsteht: „Die Pfarrerin macht jetzt keine Frauenhilfe mehr, weil sie mit uns nichts zu tun haben will.“
  

3. Die Präsenz von Pfarrerinnen und Pfarrern

 

In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist die Zahl der Pfarrstellen durch eine Relationsformel an die Zahl der Gemeindeglieder gebunden: Rund 1.230 Gemeindeglieder finanzieren eine Pfarrstelle. Unter Berücksichtigung der so genannten Funktionalpfarrstellen kommen derzeit auf eine volle Gemeindepfarrstelle durchschnittlich rund 1.580 Gemeindeglieder. Mit diesen Rahmenbedingungen hat die Landessynode – in bewusster Abweichung von den im Impulspapier „Kirche der Freiheit“ vorgezeichneten Linien – eine deutliche Priorität für die Erhaltung eines möglichst engmaschigen Pfarrstellennetzes in der Fläche gesetzt.

In anderen Landeskirchen ist das Zahlenverhältnis zwischen den Pfarrstellen und ihrer durch Gemeindegliederzahlen ausgedrückten Finanzierungsbasis deutlich ungünstiger, so dass die Maschen des Pfarrstellennetzes entsprechend weiter geknüpft werden müssen.

Die Leitkriterien für die pastorale Präsenz in ländlichen Räumen lassen sich mit folgenden Stichworten beschreiben:

  • Die Residenzpflicht für Pfarrerinnen und Pfarrer sollte gerade in ländlichen Regionen der Regelfall bleiben. Grundlegender Bestandteil des pfarramtlichen Dienstes ist es nach wie vor, mit den Menschen zu leben, denen die Bezeugung des Evangeliums gilt. Darum reicht es – zugespitzt formuliert – nicht aus, der Residenzpflicht durch das Wohnen am Ort zu „genügen“, sondern Pfarrerinnen und Pfarrer müssen in ihren Gemeinden erkennbar präsent und ansprechbar sein. Gerade in Situationen, in denen zu einer Pfarrstelle zahlreiche Orte gehören, ist der Frage der Präsenz in den einzelnen Dörfern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dafür reicht es oft schon aus, vor oder nach Gottesdiensten und Amtshandlungen Zeit und ein offenes Ohr für die anwesenden Menschen zu haben.

  • Auch dort, wo die Maschen der pfarramtlichen Versorgung weit geknüpft sind, sollten die Geschäftsverteilungspläne konkrete Zuständigkeiten für einzelne Orte festlegen. Das Wissen darum, welcher Pfarrer oder welche Pfarrerin für einen zuständig ist, erleichtert vielen Menschen die Kontaktaufnahme mit Kirche und vermittelt ihnen das Bewusstsein, dass die Kirche „da ist“.

4. Parochien und regionale Kooperationsräume

  

Die Parochialgemeinde ist die klassische Form der Kirchengemeinde auf dem Land. Auch wenn im Blick auf die Zuschnitte von so genannten „Kirchspielen“ und den Umfang von Pfarrstellen aktueller Handlungsbedarf besteht, so bleiben die einzelnen Ortsgemeinden doch die Grundlage der kirchlichen Organisation. Kirchliches Leben, das in überschaubaren Räumen verantwortet und organisiert wird, stärkt die Verbundenheit der Mitglieder mit ihrer Kirche. Von dieser Voraussetzung her ist dann danach zu fragen, welche Aufgaben sinnvollerweise auf gemeindlicher oder auf übergemeindlicher Ebene wahrgenommen werden sollen.
   
Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig. An der Konfirmandenarbeit etwa lässt sich zeigen, wie regionale Kooperationen aussehen können: Wenn es an mehreren Orten nur wenige Konfirmandinnen und Konfirmanden gibt, spricht vieles dafür, die Konfirmandenarbeit in Kooperation mit Nachbargemeinden durchzuführen. Das kann punktuell geschehen, zum Beispiel bei Projekten oder Konfirmandenfahrten, oder aber auch während der gesamten Konfirmandenzeit. Wie groß solche Kooperationsräume sind, hängt von mancherlei Bedingungen ab: Dieser Raum wird in einer Gegend mit zahlreichen kleinen Dörfern mit hohem evangelischem Bevölkerungsanteil geographisch kleiner ausfallen als in einer Diasporasituation. Leben die evangelischen Jugendlichen über ein größeres Gebiet verteilt, kann es in Einzelfällen sogar sinnvoll sein, den Konfirmandenunterricht in räumlicher Nähe zu einer zentral gelegenen Schule anzubieten. Die Zunahme von Ganztagsschulen wird ohnehin auch auf dem Land neue Formen der Konfirmandenarbeit generieren.
  
Die Konfirmation hat nach wie vor eine besondere Bedeutung für die religiöse Identität junger Menschen. Und manches spricht dafür, dass sich die unter Erwachsenen zu beobachtende biographische Verknüpfung mit den Kirchengebäuden, in denen man Amtshandlungen erlebt hat, auch in der folgenden Generation fortsetzt. Darum sollte auch bei einer Kooperation mehrerer Gemeinden im Konfirmandenunterricht die Konfirmation der Jugendlichen jeweils im Heimatort stattfinden.
  
Weitere Möglichkeiten zur regionalen Kooperation bieten sich bei Gottesdiensten (Kanzeltausch an Feiertagen), Gemeindegruppen (gemeinsame Einladung von Referenten und Durchführung von Fahrten) oder Kasualien (regelmäßige gegenseitige Vertretung).
  
Bestanden früher zwischen einzelnen Dörfern geradezu „Abgründe“, so gibt es inzwischen – der Not gehorchend – vermehrt Kooperationen zwischen einzelnen Dörfern, die von der Spielgemeinschaft im Fußball bis zur gemeinsamen Freiwilligen Feuerwehr reichen können. Solche Gegebenheiten dürfen bei der Planung von kirchlichen Kooperationsräumen nicht unberücksichtigt bleiben! Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Kirchenleitung auf der landeskirchlichen und der mittleren Ebene zwar Rahmenbedingungen schaffen und Anregungen geben kann, die jeweiligen Kooperationsabsprachen aber sinnvoll nur in der Region selbst getroffen werden können. Es gibt eben kein Universalkonzept für „den ländlichen Raum“, sondern es sind differenzierte Konzepte für unterschiedliche Regionen notwendig.

  

5. Regionale Anbindung funktionaler Dienste

  

Auf die gesellschaftliche Ausdifferenzierung die evangelische Kirche mit der Schaffung und Stärkung von funktionalen Diensten jenseits der Parochialstruktur reagiert. Hier ist zu überlegen, welche dieser funktionalen Dienste sinnvollerweise regional ausgerichtet und auch dort angebunden werden können. Ein in der Region erreichbares funktionales Angebot kann Pfarrerinnen und Pfarrer in den Gemeinden deutlich entlasten. 
   
Daneben besteht die Möglichkeit, den Erhalt eines möglichst engen Pfarrstellennetzes insofern zu unterstützen, als kleinen Gemeindepfarrstellen übergemeindliche „Zusatzaufträge“ zugeordnet werden. Dass ein solches Modell erhöhte Anforderungen sowohl an die landeskirchliche Personalpolitik wie auch an die jeweiligen Stelleninhaberinnen und Stelleninhaber stellt, soll dabei nicht verschwiegen werden.

  

6. Die Kirche im Dorf lassen!

  

Die hohe symbolische Bedeutung von Kirchengebäuden ist in den vergangenen Jahren neu ins Bewusstsein evangelischer Christinnen und Christen getreten. Die Beobachtung, dass sich auch in zunehmend entvölkerten Regionen der neuen Bundesländer Menschen für den Erhalt von Dorfkirchen engagieren, obwohl sie selbst der Kirche gar nicht (mehr) angehören, spricht Bände! Um wie viel mehr haben die Kirchengebäude in den Dörfern, in denen der überwiegende Anteil der Bevölkerung der Kirche angehört, eine identitätsstiftende Funktion!

Die Verbundenheit der Menschen mit ihren Kirchengebäuden äußert sich in ganz unterschiedlicher Weise. Um einige Beispiele anzuführen:

  • Für den Schmuck der Kirche zu den hohen Festen wie Weihnachten oder Erntedank zu sorgen, ist für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit, ja sogar eine Ehre.
  • In manchen Dörfern wird bis heute die Tradition gepflegt, dass die Familien der Konfirmanden vor der Konfirmation die jährliche Grundreinigung der Kirche durchführen.
  • Auf besonders eindrückliche Weise kommt die Liebe der Menschen auf dem Land zu ihren Kirchen zum Tragen, wenn Renovierungs- oder Sanierungsmaßnahmen anstehen. Eigenleistungen in erheblichem Umfang sind hier ebenso zu nennen wie Spendenaktionen mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck etwa hat in den vergangenen Jahren mit der „Stiftung Kirchenerhaltungsfonds“ ein wirksames Motivationsinstrument geschaffen: Die von den Gemeinden aufgebrachten Mittel werden durch Komplementärmittel in gleicher Höhe durch diesen Fonds verdoppelt. Dass Kirchengemeinden mit kaum mehr als 500 Gemeindegliedern hohe fünfstellige Summen zusammenbekommen, ist gar keine Seltenheit!


Diese Verbundenheit mit den Kirchengebäuden muss nicht nur gepflegt werden, sondern es sollten zugleich auch kreative Wege gesucht werden, diese wichtige Funktion der Kirchengebäude inhaltlich zu nutzen und gegebenenfalls zu erweitern.

  

7. Differenzierte Gottesdienstangebote auch in ländlichen Räumen

  

Die Gottesdienste zu den großen kirchenjahreszeitlichen Festen (Weihnachten, Jahreswechsel, Ostern, Himmelfahrt [!], Pfingsten und Erntedank), die Festgottesdienste zu besonderen lokalen Anlässen (Kirmes, Dorf- und Vereinsjubiläen) und die Gottesdienste im Rahmen von Amtshandlungen – allen voran die Beerdigungen – spielen in ländlichen Räumen eine herausragende Rolle. Daneben aber stellt der „Gottesdienst mit Wenigen“ oft den ländlichen Normalfall dar. [8] Für diese ganz unterschiedlichen Gottesdienstformen besteht zunächst das gemeinsame Erfordernis, sie jeweils sorgfältig vorzubereiten und ansprechend zu gestalten, wobei der „Gottesdienst mit Wenigen“ nicht unbedingt durch einen Pfarrer oder eine Pfarrerin geleitet werden muss.
  
Darüber hinaus sind Weiterentwicklungen in zwei Richtungen zu bedenken: Die EKD-Studie „Wandeln und gestalten“ fordert: „Es bedarf eines reflektierten und transparenten Nebeneinanders von leicht vorzubereitenden ‚Kleinen liturgischen Formen für Wenige’ und ausstrahlungsstarken, einladenden Gottesdiensten in Zentren ländlicher Räume.“ [9] Dabei ist die Konzentration auf die Zentren ländlicher Räume nahe liegend, aber nicht zwingend. Denkbar ist auch, dass verschiedene – auch kleine – Gemeinden ein aufeinander abgestimmtes differenziertes Gottesdienstangebot entwickeln, zu dem jeweils regional eingeladen wird. 
  
Bei allen diesen Differenzierungen sind freilich die unterschiedlichen Milieus und Zielgruppen im Blick zu behalten, um eine möglichst große Bandbreite an Angeboten zu erzielen.

  

8. Ehrenamtliche stärken

 

Die EKD-Studie „Wachsen und gestalten“ zeichnet von der Zukunft der Ehren-amtlichen in ländlichen Räumen folgendes Bild: „Der Förderung freiwilliger und ehrenamtlicher Arbeit kommt im Blick auf die zukünftige Entwicklung der Kirche in ländlichen Räumen eine Schlüsselbedeutung zu. Ohne sie werden viele kirchliche Tätigkeiten nicht aufrecht zu erhalten sein; ihr Anteil am kirchlichen Leben wird insgesamt zunehmen. Das quantitative Verhältnis etwa von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Prädikanten bzw. Lektoren wird sich deutlich verändern. Neben den bestehenden kirchlichen Ehrenämtern werden sich möglicherweise neue etablieren – etwa das eines ehrenamtlichen Gemeindekurators als kirchlichem Ansprechpartner und Verantwortungsträger vor Ort in schwach strukturierten ländlichen Räumen.“ [10]
  
Ein entscheidender Faktor bei dieser Entwicklung wird sein, dass die Ehrenamtlichen nicht als „Lückenbüßer“ für die weniger werdenden Pfarrerinnen und Pfarrer erscheinen. Die Wertschätzung für ehrenamtliches Engagement in der Kirche darf sich nicht in Schlagworten wie dem vom „allgemeinen Priestertum“ erschöpfen, sondern muss sich in einer adäquaten Aus- und Fortbildung Ehrenamtlicher für ihre kirchlichen Tätigkeiten niederschlagen. Damit allerdings erhalten die Ehrenamtlichen ein deutlich stärkeres Gewicht gegenüber Pfarrerinnen und Pfarrern – auch im Blick auf die Festlegung von Schwerpunkten der Gemeindearbeit. Sich darauf einzustellen, ist darum zugleich eine Aufgabe der Aus- und Fortbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern.

  

Der Autor Dr. Martin Hein ist Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Vorsitzender des Vorstands der FEST in Heidelberg, Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen und seit 2005 Honorarprofessor in Kassel. Er studierte Rechtswissenschaften und der Evangelischen Theologie in Frankfurt/Main, Marburg und Erlangen und war danach unter anderem Pfarrer in Grebenstein, Studienleiter am Evangelischen Predigerseminar in Hofgeismar und Dekan in Kassel.

  

 

[1] Hilfreiche und detaillierte demographische Informationen stellt der im Internet verfügbare „Wegweiser demographischer Wandel“ der Bertelsmann-Stiftung zur Verfügung: www.wegweiserdemographie.de.

[2] EKD-Texte 87, Hannover 2007.

[3] Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006.

[4] vgl. Wandeln und gestalten, S. 22-39.

[5] vgl. auch Martin Hein: Gelobtes Land. Bericht des Bischofs zur Herbsttagung der Landessynode 2004, Kassel 2004, S. 24-26.

[6] Wandeln und gestalten, S. 41-43.

[7] Kirche der Freiheit, S. 48-61.

[8] vgl. Christof Hartge: Gottesdienst mit Wenigen. Praktische Gedanken zu einem regulären Phänomen, Deutsches Pfarrerblatt 105 (2005), 619-622.

[9] Wandeln und gestalten, S. 47.

[10] Wandeln und gestalten, S. 53f.

 

Bild: medio.tv