Kirche 2030
Haben Ortsgemeinden in der evangelischen Kirche Zukunft?
Der vorliegende Text basiert auf einem (überarbeiteten) Vortrag von Pfr. Dr. Klaus Neumeier auf dem Kirchentag JustGo im Mai 2006 in Frankfurt-Höchst.
Haben Ortsgemeinden in der evangelischen Kirche Zukunft?
Kritische Stimmen sind aus unterschiedlichen Richtungen zu vernehmen: Die Ortsgemeinden der Gegenwart entstammten einer ganz bestimmten geschichtlichen Situation und seien heute in dieser Form nicht mehr zeitgemäß. Der Gemeindebegriff müsse neu definiert werden: Gemeinde sei weniger eine strukturelle Größe, sondern ein prozesshaftes Geschehen; Gemeinde ereigne sich. Von Soziologen wird deutlich gemacht, dass die gegenwärtigen Ortsgemeinden nicht mehr in der Lage seien, der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft gerecht zu werden. Schließlich rechnen die Finanzexperten der Landeskirchen vor, dass das gegenwärtige territoriale Prinzip der Ortsgemeinde in einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr zu finanzieren sein werde. Haben also Ortsgemeinden in der evangelischen Kirche Zukunft?
Zunächst einmal ist alle Kritik konstruktiv zu würdigen! Natürlich gibt es unterschiedliche theologische Definitionen von Gemeinde. Dies spricht aber nicht gegen die Definition der Ortsgemeinde. Aber es ergibt sich die Frage, ob die territoriale Ortsgemeinde für Gegenwart und Zukunft sinnvoll bleibt. Dass die Ortsgemeinden heute mit vielen gesellschaftlichen Problemen zu kämpfen haben ist bekannt und braucht hier nur stichwortartig aufgezählt zu werden:
- Ortsgemeinden verschanzen sich hinter ihren eigenen Kirchenmauern, pflegen ihre Kerngemeinde und sind wenig offen für ihre eigenen geringer verbundenen Mitglieder und erst recht nicht für Nicht-Mitglieder. Dieses Phänomen lässt sich soziologisch mit Milieutheorien und fehlender Differenzerfahrung umfassend beschreiben. Ich beschreibe dieses Problem als „Kuschelclubfalle“: Wir sind uns in der Gemeinde selbst genug.
- Ortsgemeinden pflegen ihre eigenen Traditionen und spiegeln damit sowohl in der Gestaltung ihrer Räumlichkeiten, ihrer Programme und ihrer Verhaltensweisen die Zeiten der 60er oder 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wieder. Tradiert werden auf diese Weise aber weniger christliche Inhalte als überkommene Formen und Strukturen. In dieser „Traditionsfalle“ dominieren die vertrauten Formen die eigentlichen Inhalte.
- Ortsgemeinden kämpfen mit der „evangelischen Freiheit“. Zwar wird von vielen Zeitgenossen geschätzt, dass in der evangelischen Kirche Individualität und persönliche Freiheit einen besonderen Stellenwert haben, gleichzeitig aber geht das Profil evangelischen Christseins verloren – „evangelisch aus gutem Grund“, aber aus welchem? Entwicklungen von Leitbildern und Visionen für die Ortsgemeinde und konsequent daran ausgerichtete Gemeindeprogramme sind bis jetzt die Ausnahme. Die theologisch gut begründete evangelische Freiheit wird zur „Liberalitätsfalle“: Alles wird gleich gültig = gleichgültig.
- Dem entspricht, dass Ortsgemeinden mit ihren Angeboten für viele Kirchenmitglieder und erst recht für Nicht-Mitglieder nicht „rüberkommen“. Die meisten Zeitgenossen gestalten ihren Wochenablauf ohne jeden Gedanken an Gott und Gemeinde. Dies ist Ausdruck einer oftmals Realität gewordenen säkularen Gesellschaft. Gott und Glaube sind irrelevant geworden für den Alltag von Menschen – die „Bedeutungsfalle“
Gleichzeitig sind unterschiedliche innerkirchliche Entwicklungen zu einem komplexen Problemfeld der Ortsgemeinden geworden: Da ist die bekannte Finanznot, die in Ortsgemeinden inzwischen oft zu einem strukturellen Haushaltsdefizit führt, das durch einfaches Sparen nicht mehr aufgehoben werden kann. Da ist das zu einer Konkurrenz gewordene Gegenüber von Ortsgemeinde und funktionalen Diensten: Auf jeweils etwas unterschiedliche Weise ist in den Landeskirchen die Frage offen, wer den Herausforderungen einer differenzierten Gesellschaft für Gegenwart und Zukunft besser gerecht werden kann. Damit verbunden ist das Gegenüber von Ortsgemeinde und Region. Dabei sind viele notwendige Klärungen offen: Was ist für welche Frage unter „Region“ zu verstehen? Geht es um innerkirchliche Verwaltungsstrukturen? Soll die Region die Ortsgemeinden in bestimmten Aufgabenbereichen ersetzen oder unterstützen und wie soll dies geschehen? Und so weiter.
Gleichzeitig stehen die Ortsgemeinden vor den Herausforderungen einer differenzierten Gesellschaft und sollen ihnen gerecht werden und reflektieren die Pfarrer/innen ihr berufliches Selbstverständnis in diesem Gesamtszenario.
Dieser Abriss gesellschaftlicher und innerkirchlicher Problembereiche deutet nur an, wie komplex die Fragen rund um die Ortsgemeinden gegenwärtig sind. Vor diesem Hintergrund stelle ich erneut die Frage: Haben Ortsgemeinden in der evangelischen Kirche Zukunft? Meine Antwort ist kurz und eindeutig:
Die Ortsgemeinde ist die Zukunft der Kirche!
Allerdings handelt es sich dabei nicht um die Ortsgemeinde der Vergangenheit. Die nüchterne Analyse ihrer gegenwärtigen Situation muss zu Veränderungen für die Zukunft führen. Drei Bereiche sind dabei zu bedenken und werden hier thesenartig vorgestellt. Sie münden gemeinsam in die Zielaussage:
Wir brauchen auch in Zukunft eine Kirche in der Nähe der Menschen.
1. Ortsgemeinden müssen sich neu ihrer besonderen Inhalte bewusst werden!
Sozusagen als Ausrufungszeichen vor den weiteren Stichworten steht die geistliche Einsicht, dass es um Gott und um den gelebten Glauben geht. Diese Besinnung auf Gott und seinen Auftrag an uns als Kirche geht im Alltagspragmatismus auf allen kirchlichen Ebenen immer wieder verloren. Neben der Besinnung auf Gott steht die ganzheitliche Erfahrung Gottes selbst, und das in den folgenden inhaltlichen Bereichen:
- Es geht um vielfältige Erfahrungsräume, denn Gott hat uns Menschen vielfältig und unterschiedlich erschaffen, also dürfen und können wir ihn auch unterschiedlich erfahren. Und weil das so ist müssen wir vielfältige Erfahrungsräume für Gottes Gegenwart eröffnen und gestalten. Wir können nicht nur eine Form von Gottesdienst für alle Menschen feiern. Es ist unterschiedliche Musik, die unser Herz erreicht. Es sind unterschiedlich gestaltete Räume, die unsere Sinne ansprechen. Es sind unterschiedliche Formen der Predigt, die uns überzeugen. Es sind unterschiedliche Formen von Nähe, Distanz und Gemeinschaft, in denen wir uns wohl fühlen. Dem müssen wir uns in den Ortsgemeinden stellen.
- Es geht um erlebbare Gemeinschaft: Jesus Christus hat vom Beginn seiner Tätigkeit an Menschen in Gemeinschaft gerufen. Gemeinschaft war und ist ein unverzichtbares Kennzeichen christlicher Identität. Dies gilt auch gegen aktuelle Trends zur Individualisierung und Privatisierung des Lebens und zum Teil in besonderer Weise aufgrund dieser Trends: Menschen suchen nach authentischen Formen gelebten Miteinanders. Aber weil wir als Menschen so unterschiedlich sind, brauchen wir auch hier unterschiedliche Formen und Intensitäten von Gemeinschaft. Für kaum ein anderes Stichwort dieses Abschnittes gilt die Relevanz der Ortsgemeinde in ähnlicher Weise wie für die „Gemeinschaft“.
- Es geht um liebevolle Fürsorge: Jesus Christus hat sich Menschen am Rand der Gesellschaft zugewandt. Wahrscheinlich weil wir diese biblischen Jesus-Geschichten so gut kennen, übersehen wir immer wieder ihre Radikalität und ihre Herausforderung für unser Christsein in unseren Gemeinden: Jesus hat Aussätzige und Ehebrecherinnen angerührt, ist bei Zöllnern essen gegangen und hatte – gegen alle jüdische Gepflogenheiten – Kontakt mit Samaritanern usw. Gottes Liebe gilt allen Menschen. Deswegen brauchen wir eine umfassende Gemeindediakonie ebenso wie eine lebensbegleitende Seelsorge und Kasualpraxis.
- Es geht um konsequente Herausforderung, denn Jesus Christus hat Menschen zur Änderung ihres Lebens aufgefordert. Christsein ist kein Hobby, keine Freizeitbeschäftigung. Christsein ist die Grundhaltung und Ausrichtung des Lebens. Wenn wir Gott so verkündigen, dann ist das herausfordernd, lebensverändernd und alltagsrelevant. In diesem Sinne ist der Umkehrruf Jesu der Anfang und die Basis seiner gesamten Verkündigung (Markus 1,15).
- Es geht um einladende Atmosphäre, um wie Jesus Christus einladend auf Menschen zuzugehen. Das ist unser Auftrag und kann nicht zur Disposition stehen, wenn wir Kirche Christi sein und bleiben wollen. Es ist wichtig, dass das EKD-Impulspapier gerade unter dem Schlagwort „Kirche der Freiheit“ mit großer Selbstverständlichkeit von einer missionarischen Zukunft der Kirche spricht.
2. Es geht um die Menschen in den Ortsgemeinden!
Wer kann die beschriebenen Inhalte umsetzen? Ohnehin überlastete Pfarrerinnen und Pfarrer oder ebenso überlastete Ehrenamtliche? Tatsächlich laufen nach diesem Schema viele vermeintliche Erneuerungsbewegungen: Die derzeit engagierten haupt- und ehrenamtlich Mitwirkenden machen sich Gedanken über notwendige Veränderungen und Entwicklungen – und versuchen sie dann selbst so gut es geht umzusetzen. Angesichts der beschriebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bedeutet dies in der ortsgemeindlichen Realität, dass dieselben Menschen immer mehr differenzierte Angebote mit geringeren finanziellen Mitteln in zeitgemäßer Qualität und in einladender Atmosphäre anbieten wollen. Dies kann nicht funktionieren. Burnout und Scheitern sind vorprogrammiert - das Problem ist riesengroß und deswegen ist dieser Abschnitt über „Menschen in den Ortsgemeinden“ so wichtig.
- Gemeinde als Organismus: Das gesamte Neue Testament bezeugt ein Bild von Gemeinde: Den menschlichen Körper als lebendigen Organismus. Jeder hat seine von Gott anvertrauten Gaben und bringt sie in den Gemeinde-Organismus ein. Jeder hat so seine Aufgabe für das Ganze. Das bedeutet für die zukünftige Ortsgemeinde, dass sie eine Atmosphäre braucht, die schon aus sich heraus zur Mitarbeit einlädt. Auf diese Weise werden nicht nur viele Gaben in die Gemeinde integriert, sondern zugleich ein postmodernes Verständnis von „Teilhabe“ verwirklicht. Dem entsprechend geht es weniger um eine konsumierende Teilnahme, sondern um eine partizipatorische und ganzheitliche Teilhabe: Ich erlebe mich als Teil des Ganzen und erfahre Inhalte mit Verstand und Sinnen.
- Dem folgend ist die Beteiligung vieler eine ganz neu profilierte Ortsgemeindeform. Mehr als bisher ist das Bild des lebendigen Organismus auch auf die Mitarbeit zu übertragen: Nur eine den individuellen Gaben und Stärken entsprechende Mitarbeit wird dem Einzelnen wie dem Ganzen gerecht. Strukturell ist Sorge zu tragen, dass sich alle Beteiligenden nicht in der Rolle des Einzelkämpfers wieder finden. Der Teamgedanke ist konsequent auf alle Bereiche der Gemeindearbeit anzuwenden und eine jeweils passende ortsgemeindliche Struktur in diesem Sinne zu finden.
- Gemeinde mit Beziehungen: Mit diesem gesamten Ansatz einer Gemeinde als lebendigen Organismus wird die besondere Bedeutung einer gelingenden Kontakt- und Beziehungsarbeit betont. In der kontinuierlichen Pflege von Beziehungen spiegelt sich – bei aller irdischen Vorläufigkeit und Unvollkommenheit – etwas von Gottes begleitender Liebe und Fürsorge wieder. Zugespitzt formuliert: christliche Gemeinschaft besteht aus lebendigen Beziehungen. Hier ist die volkskirchliche Situation unserer Ortsgemeinden mit den vielen Kasual- und Nachbarschaftskontakten eine besondere Chance, die aber mehr als oft üblich genutzt werden kann. Diese Wertschätzung der personalen Beziehungsebene fehlt leider in den meisten gegenwärtigen Publikationen zur Zukunft zur Kirche und wird beispielsweise in der „Kirche der Freiheit“ der EKD nur am Rande erwähnt. Ausdrücklich ist mit dieser Betonung der Beziehungsarbeit auch die gemeindliche Hinwendung zu distanzierten Mitgliedern und Nichtmitgliedern gemeint. Im Sinne des lebendigen Organismus versteht es sich von selbst, dass diese Beziehungsarbeit als Aufgabe der gesamten Beteiligungsgemeinde verstanden wird. Trotzdem haben die Pfarrer/innen und im Team mit ihnen Gemeindepädagogen, Kirchenmusiker, Diakone usw. ihre eigene „Kernkompetenz Beziehungsarbeit“ einzubringen: Innerhalb der Mitarbeiterschaft, bei Kasualkontakten, in ihren jeweiligen Aufgabenbereichen.
3. Die Ortsgemeinde 2030:
Nach all dem ist klar, dass wir mehr denn je Ortsgemeinden für die Zukunft unserer Kirchen brauchen. Nur sie können so nah bei den Menschen sein, dass die beschriebenen inhaltlichen Ziele Wirklichkeit werden können. Noch deutlicher wird das beim Blick auf die Menschen: Eine beziehungsorientierte Basisarbeit und die Entwicklung einer gabenorientierten und alltagsnahen Beteiligungsstruktur – das ist ohne eine wohnortnahe Gemeinde nicht vorstellbar. Wenn wir also den Traum lebendiger und vielfältiger Ortsgemeinden mit lebensverändernder und lebensprägender geistlicher Kraft nicht nur träumen wollen, sondern wenn wir auch konkrete realistische Schritte in diese Richtung gehen wollen, dann brauchen wir bis 2030 eine andere Ortsgemeindestruktur, die gleichzeitig den zukünftigen finanziellen Rahmenbedingungen gerecht wird. Wie sieht sie aus, die Ortsgemeinde 2030?
Die Ortsgemeinde 2030 als ländliches Kirchspiel und städtische Großgemeinde: Gemeinde 2030 besteht aus circa 7.000 bis 15.000 Menschen - drei beispielhafte Szenarien:
- Eine Reihe von Dörfern bilden nach einem vor Ort sinnvollen Zuschnitt ein Kirchspiel von vielleicht 8.000 Mitgliedern. 3 Pfarrer und 1 Gemeindepädagoge arbeiten im Team zusammen – und natürlich grundsätzlich mit diversen Ehrenamtlichen. Kleinkinder- und Kinderangebote, Familien- und Seniorenarbeit gibt es möglichst flächendeckend und weitgehend von ehrenamtlichen Teams geleitet. Traditionelle Gottesdienste gibt es regelmäßig an allen Predigtstätten, wenn auch nicht wöchentlich. Besondere Gottesdienste, Erwachsenenkreise, Kirchenmusik, aber auch Konfirmandenarbeit geschieht in Gesamtorganisation für das Kirchspiel. Die erkennbare Präsenz in den Dörfern wird zum einen durch leitende Ehrenamtliche wahrgenommen. Die überkommenen Pfarrhäuser sind weitestgehend besetzt durch Pfarrer und Gemeindepädagogen/Kirchenmusiker. Gabenorientiert setzen sie in eigenverantwortlicher Absprache Schwerpunkte und ergänzen sich so in funktionalem Verständnis. Um der „Kirche vor Ort“-willen bleibt es bei einer hohen Dichte kirchlicher Räume.
- Eine Kleinstadt bildet mit ihren 5 Stadtteilen eine Gesamtgemeinde mit 12.000 Mitgliedern. In ähnlicher Weise wie im dörflichen Kirchspiel arbeiten beispielsweise 3 Pfarrer, 2 Gemeindepädagogen und 1 Kirchenmusiker im hauptamtlichen Team eng zusammen. Sie haben lokale Zuordnungen, vor allem aber funktionale Schwerpunkte. Nach sinnvollen Gegebenheiten vor Ort werden die unterschiedlichen Predigt- und Veranstaltungsstätten der Stadt in besonderer Weise profiliert und ergänzen einander. Eventuell können hier auch einzelne Gemeindehäuser oder Kirchen aufgegeben werden.
- Innerhalb der Großstädte können die Gemeinden je nach Stadtteilzuschnitt/Großstadtquartier noch größer werden, möglicherweise bis circa 15.000 Mitglieder. Hier können sicherlich auch Räume aufgegeben werden. Besonders in Großstädten kann auch in Citykirchen und diversen besonderen Großstadtangeboten kirchliche Arbeit in Ergänzung der Ortsgemeinde und an sie angebunden basisnah profiliert werden.
Mir ist bewusst, dass ein solches Konzept faktisch fusionierter Ortsgemeinden unterschiedlichste Ängste auslösen und gerade auf der Ebene der Ortsgemeinden zunächst nicht auf viel Begeisterung stoßen wird. Gleichzeitig sei an dieser die Struktur betreffenden zentralen Stelle daran erinnert: Die Ortsgemeinde der vergangenen Jahre
hat keine Zukunft. Weder wird sie den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht, noch ist sie dauerhaft finanzierbar. Auch wenn ich mit der hier geschilderten Fusionierungsperspektive den gegenwärtigen Ortsgemeinden eine für viele wenig frohe Botschaft zumute, so halte ich doch andererseits gegen viele andere Meinungen die Zukunft der Ortsgemeinden nicht nur für möglich, sondern aus den beschriebenen inhaltlichen Gründen sogar für unbedingt notwendig.
Alle beschriebenen Inhalte und das Gesamtbild der Gemeinde als Organismus sind in den neuen Strukturen der pastoralen Räume möglich. Unter Einbeziehung von nicht ordinierten hauptamtlich Mitarbeitenden in der Gemeinde ist auch ein Personalschlüssel von etwa 2000 Gemeindemitgliedern zu einem hauptamtlich Mitarbeitenden vorstellbar und Ortsgemeinden bleiben in der Nähe der Menschen. So verstanden arbeitet die neue vergrößerte Ortsgemeinde gleichsam mit zwei
gleichzeitig und übereinander ausgebreiteten Netzen:
- In allen Dörfern, Gemeinderäumen und Kirchen der Ortsgemeinde bleibt Kirche präsent und Christen stehen als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung.
- Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Pluralität so milieuübergreifend wie möglich funktional und zielgruppenorientiert aufgenommen, indem sich an den unterschiedlichen Orten der Gemeinde unterschiedlich profilierte Schwerpunkte herausbilden und Menschen der Gesamtgemeinde zur Teilnahme und Mitwirkung einladen.
Auf diese Weise wird ein klares Ja zur Zukunft der Ortsgemeinden in neuer Struktur gesprochen und so den Ergebnissen aller Mitgliedschaftsstudien Rechnung getragen, dass Pfarrer, Kasualien und die wohnortnahe Gemeindearbeit neben den Kirchengebäuden selbst nach wie vor auch heute wichtigste Aufgabe bzw. Erkennungszeichen von Kirche sind. Kirche bleibt erkennbar in der Nähe der Menschen!
4. Schritte in die Zukunft:
Mein Plädoyer für die Ortsgemeinde in neuer Struktur, für die Kirche in der Nähe der Menschen und für eine einladende, zeitgemäße, erfahrungsbezogene Beteiligungskirche in der Postmoderne ist das Eine. Die
tatsächlichen Schritte in die Zukunft sind das andere. Dabei ist festzuhalten, dass bereits viele - im Detail unterschiedliche - kleine und große Schritte gegangen sind – das gilt für einzelne Gemeinden, für Regionen und Landeskirchen; das gilt gerade mit der aktuellen Perspektivschrift „Kirche der Freiheit“ auch für die EKD. Als evangelisches Christentum in Deutschland stehen wir im Jahr 2006 nicht in der so genannten Stunde „0“.
Gleichzeitig aber sind die Zukunftsüberlegungen im Detail dann doch so unterschiedlich, dass für viele Fragen die Weichenstellungen noch nicht erfolgt sind. Unter anderem gilt dies für die hier im Vordergrund stehende Frage nach der Zukunft der Ortsgemeinden.
Folgende Schritte können und sollten nach meiner Überzeugung gegangen werden:
- Fusion von Landeskirchen - das gute Vorbild: Die Praxis von Fusionen kleiner Gemeinden ist nicht neu. Neu ist die Deutlichkeit, mit der jetzt durch die EKD die Fusion von Landeskirchen bis 2030 gefordert wurde. Wenn Landeskirchen von Gemeinden und in der Region Fusionen erwarten, können sie sich dem nicht selbst entziehen. Nur wer hier mit dem eigenen Beispiel vorangeht, wird eine Fusion von Ortsgemeinden erwarten können.
- Ortsgemeinden neu wahrnehmen: Es ist an der Zeit, die umfassende Relevanz der Ortsgemeindeebene für Gegenwart und Zukunft gerade evangelischer Volkskirche neu in den Blick zu nehmen – und ihre Zukunft möglich zu machen!
- Zukunft zusammen mit Ortsgemeinden gestalten: Konkret sind dazu von den Leitungsgremien der Landeskirchen Zukunftsprozesse einzuleiten, die alle Beteiligten einbeziehen. Dass auch die EKD deutlich von einem umfassenden Beteiligungsmodell ausgeht stimmt hoffnungsvoll.
- Ortsgemeinde schon jetzt verändern: Stichworte wie Beteiligungskirche, gabenorientierte Mitarbeit, Teamarbeit, bewusste Kontakt- und Beziehungsarbeit sowie die inhaltlichen Fragen nach Erfahrungsräumen, Gemeinschaft, Fürsorge, Herausforderung und Bewusstsein für Atmosphäre sind alle auch heute schon umsetzbar. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Postmoderne erfordern jetzt kirchliche Veränderungen!
- Ortsgemeinden schon jetzt vernetzen: Natürlich ist es auch schon jetzt angebracht, sich mit benachbarten Gemeinden zu vernetzen, nach regional sinnvollen und möglichen Wegen der Kooperation zu suchen und pfarramtlich eng verbundene pastorale Räume zu gestalten. Ein vernetztes Miteinander und gemeinsam erarbeitete profilierte Schwerpunkte im jeweiligen Lebensraum der Menschen sind unabhängig von umfassenden landeskirchlichen Prozessen angemessen, um zielgruppenorientiert und millieuübergreifend einladende Kirche vor Ort gestalten zu können.
Das erste und wichtigste dazu aber sind eine neue Leidenschaft für Gott und Menschen, der Wille zum Aufbruch und der Traum einer lebendigen Kirche in der Nähe der Menschen. Darum zu beten, darum zu ringen, dies gemeinsam zu suchen und es sich schenken zu lassen, das ist der Anfang jeder Veränderung; bevor das Volk Israel aus der Knechtschaft aufbrach, begann es leidenschaftlich zu träumen vom Land, „in dem Milch und Honig fließen“ – dann aber ist das Volk aufgebrochen, gegen alle Widerstände und Unsicherheiten!
Der vorliegende Text basiert auf einem (überarbeiteten) Vortrag vom Kirchentag JustGo im Mai 2006 in Frankfurt-Höchst. Unter dem Titel „Kirche 2030 – Die Ortsgemeinde als Chance für die Zukunft des Glaubens“ sind die hier angeführten Thesen aktuell veröffentlicht:
Klaus Neumeier: „Kirche 2030 – Die Ortsgemeinde als Chance für die Zukunft des Glaubens“ (Die ISBN lautet: 3-928093-87-8). Preis von 5,-- Euro (Staffelpreis ab 10 Ex. 4,50 Euro, ab 20 Ex. 4,00 Euro, ab 50 Ex. 3,50 Euro).
Der Autor: Dr. Klaus Neumeier, geb. 1962 in Bad Homburg, ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt und Heidelberg und seinem Vikariat in der Frankfurter Lukasgemeinde arbeitet er nun seit 1991 als Pfarrer in der Bad Vilbeler Christuskirchengemeinde. Schwerpunkte seiner Arbeit sind „Alternative Gottesdienstformen“, „Zielgruppenorientierte Gemeindearbeit“ sowie eine zeitgemäße Gemeindeentwicklung in der Ortsgemeinde. Mehrere Publikationen und eine vielfältige Vortrags- und Seminartätigkeit zu diesen Themen sind Resultat seiner vielfältigen, praktischen Erfahrungen. Als Synodaler der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) kümmert sich Klaus Neumeier zudem auf kirchenpolitischer Ebene um die Entwicklung zukunftsfähiger Ortsgemeinden.
Dieser Beitrag wurde zur Verfügung gestellt von der C & P Verlagsgesellschaft mbH: www.cundp.de.


