Gesellschaft verändert sich – Kirche auch?
„Kirche der Zukunft: eine Vision“
Ein Beitrag von apl. Prof. Dr. Norbert Ammermann in der UK 05/08 Kirchen-Entwicklung: „Kirche der Zukunft: eine Vision“.
Gesellschaft verändert sich – Kirche auch?
Im Jahre 2030 zwischen Rhein und Oder – sieben Städte und sieben Gemeinden.
Da ist die Gemeinde Ephesus. Ihre
Bevölkerung ist von den „Konservativen“ bestimmt, von jenem altem Bildungsbürgertum, das gehobene
Umgangsformen pflegt und konservative Kritik am Zeitgeist übt, und von der „Bürgerlichen
Mitte“, die nach Wohlstand, einem sicheren Beruf
und einem harmonischen Heim strebt. Auf diese Schicht hat sich die Kirchengemeinde eingestellt und pflegt die Traditionen eines protestantischen Christentums preußischer Ära. Gottesdienste sind vor
allem moralischen Inhaltes; im Sinne der Aufklärung spricht man weniger vom Glauben und mehr von
den Werten, die ein Zusammenleben der Gesellschaft ermöglichen. Man findet hier noch alle kirchlichen Formen
des Luthertums, des Gottesdienstes mit Anmeldung zum Abendmahl, des Katechumenats, der
Hausbesuche, der groß angelegten Beerdigungen und hinreißenden Trauungen und Taufen, in denen der
frisch geborene Täufling von drei Generationen begleitet wird.
Etwas weiter nördlich finden wir die Gemeinde Smyrna. Hier leben die „Traditionsverwurzelten“, die Überlebenden der Kriegsgeneration, der Kleinbürger- oder Arbeiterkultur verhaftet. Die Arbeit der Pfarrerin und Pfarrer ist hier aber viel mehr noch von der Vereinskultur der Gemeinde bestimmt. Der Pfarrer ist auch im Vorstand des Handballvereins, wo der Geschäftsführer des mittelständischen, vom Konkurs bedrohten Industrieunternehmens vor Ort sitzt, und die Pfarrerin hält sich trotz Pfarrhausgarten einen zusätzlichen Schrebergarten, um auch so in Kontakt mit den Gemeindegliedern zu kommen. Sonntags finden die regulären Gottesdienste statt; aber der wöchentliche Konfirmandenunterricht ist zurückgetreten zugunsten vermehrter Freizeiten mit den Kindern und Jugendlichen. Hausbesuche erfolgen eher informell als zu bestimmten Anlässen. Und das Durchschnittsalter der Täuflinge liegt bei zehn Jahren; denn viele lassen sich erst mit der Konfirmation taufen.
Im Nordwesten finden wir die Gemeinde Pergamon. Hier lebt die Gruppen der „Etablierten“, das selbstbewusste Establishment, die eine Erfolgsethik vertreten und luxuriös konsumieren. Um diese Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern zu erreichen, musste die Gemeinde neue Wege wagen. Scheinbar entgegen aller Vernunft hat sie ihre Angebote mit hohen Schranken versehen. Die Teilnahme am Gottesdienst kostet Geld; die teuren Bildungsreisen der Gemeinde in die Metropolen der Welt sind begehrt, da sie Erfolg und Luxus mit religiöser Selbsterfahrung zu verbinden verstehen.
Im Westen finden wir die Gemeinde
Thyatira. Hier leben
„Konsummaterialisten“, jene materialistische Unterschicht, die vom sozialen Abstieg
bedroht ist und gegen ihre Abstiegsangst shoppen geht, um mit den Etablierten so lange wie möglich
mithalten zu können. Und die Gruppe der „Hedonisten“ findet sich, eine
spaßorientierte untere Mittelschicht.
Für die Kirchengemeinde ist diese Situation wieder anders herausfordernd. Kirche muss vor allem Spaß
machen und die Angst vor dem sozialen Abstieg lindern können. So hat sich der Pfarrer noch neben seiner
Arbeit auf den Erwerb und Weiterverkauf billiger elektronischer Geräte spezialisiert; der Kantor hat sich
zum DJ weitergebildet und oft genug tobt im Gemeindehaus die Disco. Die Flohmärkte der Kirchengemeinde
sind sehr gefragt.
Im Südwesten finden wir die Gemeinde Sardes. Es sind die „Experimentalisten“, die neue Boheme, die Individualismus, Spontaneität und Patchwork-Karriere bevorzugen. Pfarrer und Pfarrerin haben sich darauf eingestellt, dass die Kontakte zu dieser Gruppe intensiv, aber kurzlebig sind, dass Kirche als ein mögliches Experiment unter vielen begriffen wird. Dieses Experiment versuchen sie so gut wie möglich umzusetzen, laden zu ungewöhnlichen Gottesdiensten ein und bieten experimentelle Wochenenden an, in denen andere Lebens- und Gemeinschaftsformen ausprobiert werden können. Die klassischen Sakramente finden eine ungewöhnliche Renaissance, weil sie eventmäßig zelebriert werden.
Weiter im Süden finden wir die Gemeinde zu
Philadelphia. Sie ist
von der Gruppe der „Modernen Performer“ geprägt, jene junge, unkonventionelle
Leistungselite, die scheinbar in Deutschland, aber eigentlich in der globalen Welt lebt.
Von sieben Tagen werden vier Tage im Ausland, zwei Tage im Unternehmen und ein Tag in der stattlichen
Altbauwohnung verbracht. Das wichtigste Medium des Pfarrers ist das Internet. Die Gemeinde besteht
vor allem als virtuelle Gemeinde im Netz. Gottesdienste und Predigt sind dort abrufbar, und die webcam ermöglicht
Sicht- und Sprachkontakt rund um den Globus. Aus vielen biblischen Versen hat die Gemeinde
kürzlich ein Antistressprogramm entwickelt, das viele Performer mit täglichen Ratschlägen und geistlichen
Anweisungen zur Alltagsbewältigung nutzen. Gemeindemitarbeiter haben eine Zusatzausbildung als
Coach absolviert.
Im tiefsten Süden finden wir die Gemeinde Laodizea. Die dort lebende Gruppe sind die „Postmateriellen“, die auf ihre intellektuelle Selbstverwirklichung achten statt Karriere um jeden Preis zu vertreten. Deshalb findet sich in der dortigen Gemeinde die stärkste Alternativkultur; das Windrad erzeugt den Biostrom für das Gemeindehaus, und die Gemeinde fördert den alternativen Anbau mit. Der sonntägliche Gottesdienst findet recht guten Zulauf; denn er ist thematisch orientiert und führt so originelle Themen an wie „Grundgesetz, moralisches Gewissen und religiöse Freiheit“.
Aber da gibt es noch eine Gemeinde, die vielleicht den schwierigsten Weg zu gehen hat. In ihr leben vor allem die Gruppe der so genannten „DDR-Nostalgischen“, der resignierten ost-deutschen Wendeverlierer. Die evangelische und katholische Gemeinde haben sich in dieser doppelten Diasporasituation kurzerhand zusammengeschlossen, wobei die evangelische sich bewusst unter das Verdikt des Bischofs gestellt hat. Der ev. Pfarrer sagte dazu: „Die Reformation wurde mit Tränen und Schmerzen durchgeführt, wenn Menschen ihren Glauben wechseln mussten, weil es der Fürst seinerzeit so wollte. Wer sagt, dass die Aufhebung der Reformation nicht ebenso schmerzhaft erfolgen wird, weil Wirtschaft und Gesellschaft uns Kirchen schlichtweg dazu zwingen und uns nicht mehr fragen?“
Dieser Vision liegen die Zukunftsforschungen der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland zugrunde. Anhand regelmäßiger ethnologischer Einzelfallstudien und repräsentativer Umfragen ermittelt das Heidelberger Forschungsinstitut Sinus Sociovision seit Mitte der 80er Jahre die Schichtzugehörigkeit und die Wertorientierung der Deutschen. Einige grundlegende Trends sind dabei durch die Demographie festgelegt: Das Durchschnittsalter wird steigen, die Einwohnerzahl abnehmen – insbesondere in Ostdeutschland. Das bereits heute relativ „alte“ Milieu der DDR-Nostalgiker stirbt aus. Die ebenfalls alten Milieus der Konservativen und Traditionalisten schrumpfen. Die drei „jungen“ Milieus der Hedonisten, Experimentalisten und modernen Performer wachsen.
Von der Zukunftsforschung aus gesehen wird Kirche nicht nur auf die Entwicklung ihrer typischen Kernkompetenzen Verkündigung, Diakonie, Kirchenmusik und -kunst und Gemeindearbeit achten müssen, wie im Modell von Herrn Winterhoff (Artikel in der UK als PDF) beschrieben. Noch entscheidender wird die Frage sein, ob und wie ihr der Transfer in die sich verändernde Gesellschaft mit ihren neuen Milieus gelingen wird.
Der Beitrag von Dr. Ammermann ist in der Zeitung "Unsere Kirche" (UK) am 17. Feb. 2008 erschienen:
Der Autor apl. Prof. Dr. Norbert Ammermann ist Wissenschaftlicher Referent im Vorstand des Ev. Johanneswerkes (Bielefeld) mit den Schwerpunkten Entwicklung einer Ethikberatung und Forschungsprojekte sowie Lehrbeauftragter an der Ev. Fachhochschule Bochum (Gemeindepädagogik & Diakoniewissenschaft) und an der Kirchlichen Hochschule Bethel (Praktische Theologie / Religionspädagogik).
Linktipp:
Forschungsstelle für kirchliche Zukunftsforschung:
Foto: Wertekompass.de
Kopfbild: itn79 / www.pixelio.de.


