Auf dem Weg zur Gemeinde der Zukunft
Gemeindeaufbau vor neuen Herausforderungen
Ein Artikel von PD Dr. Johannes Zimmermann
Überarbeitete Fassung eines Vortrags beim Dies Academicus
der Kirchlichen Hochschule Bethel am 19. 6. 2004
[1] Dieser Artikel ist erschienen in: theologische beiträge 36. Jg. (2005), S. 30–43.
1. Eine These
Wir stehen vor „der Tatsache, dass unsere heutige Situation die eines Übergangs von einer Kirche, die durch eine homogen christliche Gesellschaft getragen und mit ihr fast identisch war, von einer Volkskirche, zu einer Kirche ist, die gebildet wird durch solche, die im Widerspruch zu ihrer Umgebung zu einer persönlich deutlich … verantworteten Glaubensentscheidung sich durchgerungen haben. Eine solche Kirche wird die Kirche der Zukunft sein, oder sie würde nicht mehr sein“. [2]
Diese Sätze stammen nicht von einem ostdeutschen Bischof aus dem Jahr 2004, sondern von Karl Rahner, einem der bekanntesten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er schrieb sie 1972, also vor über 30 Jahren. Heute sind sie noch aktueller als damals. Sie bilden gewissermaßen eine These, die ich entfalten möchte. Ansetzen werde ich jedoch grundsätzlicher.
2. Kriteriologie und Kairologie
Zunächst möchte ich beim Thema „Gemeinde“ drei Fragestellungen unterscheiden (analog kann man das bei allen Themen der Praktischen Theologie). Die Unterscheidung geht zurück auf Paul M. Zulehner: [3]
1. Was ist „Gemeinde“, konkret: „Gemeinde Jesu Christi“? Bei dieser Frage geht es um eine biblische und theologische Grundlegung, um Kriterien, deshalb kann man auch von Kriteriologie sprechen. Es wäre unverantwortlich, Ziele für den Gemeindeaufbau zu formulieren oder Konzepte zu entwerfen, ohne sich darüber klar zu sein, was denn Gemeinde überhaupt ist, was ihr Wesen und ihren Auftrag ausmacht.
2. Zur Kriteriologie tritt die Kairologie. Es geht um den kairos, um die rechte
Zeit, um die rechte Wahrnehmung der Situation. Wie sieht Gemeinde in unserer Zeit, in unserem Umfeld aus? Was für Menschen sind da zu finden? Der
Blick weitet sich zur Geschichte, die die heutige Situation prägt. Er umfasst die
Situation vor Ort ebenso wie die gesellschaftliche Entwicklung. Welche Einflüsse
unterstützen den Gemeindeaufbau, welche erschweren ihn? Dazu gehören etwa die Unterschiede in Ost und West. Gemeindeaufbau mit dem Erbe von 40
Jahren DDR steht vor anderen Herausforderungen als in der „alten“ Bundesrepublik.
3. Der dritte Bereich ist derjenige der Praxeologie. Es geht um Fragen der Gestaltung, um Wege der Umsetzung, um die Praxis vor Ort, um die Frage: Wie kann man das konkret machen? Diese Frage werde ich hier zurückstellen; ich werde mich im Folgenden zunächst der Kriteriologie und dann der Kairologie zuwenden.
3. „Gemeinde“ und „Gemeindeaufbau“
1. Wer von Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung redet, muss sich darüber klar sein, was er unter „Gemeinde“ versteht. Es geht beim Gemeindeaufbau
nicht darum, bei Kirchens etwas los zu machen, nach Rezepten zu suchen, wie aus einem eingeschlafenen Haufen eine action-group werden kann. Es geht
auch nicht zuerst um Konzepte, wie die inzwischen permanente Krise der Kirche gemeistert werden und der massiven Erosion in den Gemeinden entgegengesteuert
werden kann.
Gemeindeaufbau setzt tiefer und grundsätzlicher an. Er beginnt mit der Frage: Was ist Gemeinde? Gemeinde ist weder ein Verein religiös Musikalischer
noch eine Sympathiegemeinschaft Gleichgesinnter. Gemeinde ist auch nicht gleichzusetzen mit einem kirchlichen Verwaltungsbezirk, versehen mit Pfarrer,
Kirchenvorstand, Kirche und Gemeindehaus.
„Gemeinde“ gehört untrennbar zum Evangelium. Gottes Wort kann nicht ohne Gottes Volk sein. [4] Das ist einer der Kernsätze der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, bei Martin Luther. Gottes Wort kann nicht ohne Gottes Volk sein. Wo Gottes Wort, das Evangelium, verkündigt wird, da erweist es seine gemeindebildende Kraft. Gemeinde ist creatura verbi, Geschöpf des Wortes Gottes: Ubi verbum, ibi ecclesia. [5]
Wo Gottes Wort Gemeinde schafft, da tritt diese sichtbar in Erscheinung. Sie gewinnt ihre Gestalt als congregatio sanctorum (CA VII), als Versammlung der Heiligen: Herr, wir stehen Hand in Hand, die dein Hand und Ruf verband. [6] Sicher: Gemeinde ist mehr als das, was wir sehen können. Aber wo Gemeinde ist, da gibt es immer auch etwas zu sehen: die versammelte Gemeinde, die im Gottesdienst und darüber hinaus zusammenkommt.
Was die Christen untereinander verbindet, ist die Gemeinschaft mit Christus, mehr noch: die Anteilhabe an ihm, an seinem stellvertretenden Leiden und Sterben und an der Kraft seiner Auferstehung. Im Griechischen wird dafür der Begriff „Koinonia“ verwendet. Die Koinonia mit Christus, die Gemeinschaft mit Christus und die Anteilhabe an ihm, darin hat jede christliche Gemeinde ihre Wurzeln. Diese Koinonia mit Christus wirkt sich aus in der Koinonia der Christen untereinander. Die Anteilhabe an Christus verbindet die Christen untereinander. Beide Formen von Koinonia gehören untrennbar zusammen. Wohl am deutlichsten wird das in der Verbindung von Leib Christi und Herrenmahl: Die gemeinsame Anteilhabe am Leib Christi im Herrenmahl verbindet die Glaubenden untereinander zum Leib Christi, der Gemeinde (1Kor 10,16f). Hier hat auch das Bild der Gemeinde als Leib Christi seinen Ursprung.
Oder, mit den lateinischen Begriffen (aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis): communio sanctorum [7] ist beides: Es ist die Gemeinschaft am Heiligen, an den heiligen Dingen, die gemeinsame Anteilhabe am Leib und Blut Christi im Herrenmahl; communio sanctorum ist zugleich die Gemeinschaft der Heiligen, die Gemeinschaft derer, die durch Christus untereinander verbunden sind. Christliche Gemeinschaft ist weit mehr als der Versuch, Geselligkeitsbedürfnisse zu befriedigen!
Christus erneuert nicht nur die Beziehung zu Gott, sondern auch das Miteinander derer, die an ihn glauben und zu ihm gehören. Die neue Gemeinschaft, die Christus schenkt und schafft, ist verbunden mit der Aufgabe verantwortlicher Gestaltung, sie zielt auf eine ihr entsprechende Sozialgestalt. Christoph Schwöbel formuliert es so: „Koinonia ist … die Gabe der Gemeinschaft, die durch Teilhabe konstituiert wird, und darum die Aufgabe der Gestaltung von Koinonia als umfassende Lebensgemeinschaft beinhaltet“. [8]
2. Das ist Gemeindeaufbau! Koinonia als Gabe und Aufgabe. Weil die Gabe so wertvoll ist, wird sie zur Aufgabe. Es geht darum, dem Geschenk der Gemeinschaft mit Christus und untereinander eine äußere Form, eine wahrnehmbare Gestalt zu geben. Gemeinde zielt auf Gestalt und Gestaltung.
Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung haben mit Säen, mit Wachsen, Reifen und Ernten zu tun. Wer Blumen sät, braucht eine Ahnung vom Gartenbau, von Saatzeiten und Dünger, von Licht und Wärme, von Wasser und Unkraut. Und doch: Das Eigentliche kann kein Gärtner. Blumen wachsen lassen kann er nicht. Das ist seiner Verfügung entzogen.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat es wachsen lassen (1Kor 3,6). Das ist es: Wir können nicht Gemeinde bauen oder entwickeln. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott Wachstum schenkt. Nun wird aber kein Gärtner aus diesem Grund die Hände in den Schoß legen. Ganz im Gegenteil: Er vertraut darauf, dass der ausgestreute Same keimen, wachsen und Frucht bringen wird. Deshalb wird er mit klugem Kopf und ganzem Einsatz sein Gärtnerhandwerk ausüben. Er wird säen und gießen, düngen und Unkraut jäten, kurzum: Er wird sich bemühen, für optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen.
Hierin besteht der menschliche Beitrag zum Gemeindeaufbau, zur Gemeindeentwicklung: für optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen. Im Vertrauen darauf, dass Gott es wachsen lässt, dass sein Wort nicht leer zurückkommt (Jes 55,11). Im Vertrauen darauf, dass Gott unser Tun in seinen Dienst nimmt und durch unsere Begabungen und Bemühungen seine Gemeinde baut. Im Vertrauen darauf, dass die Saat aufgeht, dass Gemeinde wächst – zur Ehre Gottes und zum Heil und Wohl der Menschen.
3. Noch einige Worte zum Auftrag der Gemeinde. Die Gemeinde Jesu Christi hat das Wort Gottes, dem sie sich verdankt, nicht nur für sich erhalten. Ihr Auftrag ist es, dieses Wort auch nach außen zu bezeugen. Die Barmer Theologische Erklärung formuliert das in ihrem sechsten Artikel so: „Der Auftrag der Kirche … besteht darin …, die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ [9]
Mit anderen Worten: Gemeinde ist auf Wachstum angelegt. Auf Wachstum deshalb, weil sie darauf vertrauen kann, dass der Same des Wortes Gottes Frucht bringen wird. Dass Gemeinde selbst wachsen wird und dass neue, bunte und vielfältige Formen von Gemeinde entstehen werden.
4. Wir haben nun einige grundlegende Kriterien für den Gemeindeaufbau. Die Gestalt und Gestaltung von Gemeinde ist daran zu messen, ob sie ihrem Ursprung treu bleibt, ob sie bleibend in Christus und seinem Evangelium verwurzelt ist. Das ist die Kriteriologie. Zugleich ist jede Gestalt von Gemeinde auf ihren Auftrag hin auszurichten. Die Gestalt der Gemeinde ist daran zu messen, ob sie dem Auftrag der Gemeinde förderlich und dienlich ist. Das reicht in alle Gebiete hinein: in die Gestaltung der Gebäude, die Zeit der Gottesdienste, die Lieder, die gesungen werden, die Atmosphäre und den menschlichen Umgang miteinander. Damit sind wir beim nächsten Bereich, bei der Kairologie, bei der Frage, was in der heutigen Situation dem Gemeindeaufbau dient. Die Gestalt der Gemeinde ist keineswegs eine dem Belieben unterworfene Äußerlichkeit!
In einem nächsten Schritt möchte ich nun fragen: Was prägt die derzeitige Situation?
4. „Kein Aufbruch droht.“ [10]
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Überarbeitete Fassung eines Vortrags beim Dies Academicus der Kirchlichen Hochschule Bethel am 19. 6. 2004. Dieser Artikel ist erschienen in: theologische beiträge 36. Jg. (2005), S. 30–43.
Die Theologischen Beiträge sind als eine der auflagenstärksten theologischen Fachzeitschriften in Deutschland eine Brücke zwischen universitärer Theologie und der kirchlichen Praxis, zwischen wissenschaftlicher Arbeit und einem biblisch orientierten Glauben. Die Theologischen Beiträge stehen für die Vermittlung wichtiger Ergebnisse und Diskussionen aus der wissenschaftlich-theologischen Forschung, Orientierung im theologischen und kirchlichen Pluralismus und für die Förderung der theologischen Arbeit und des geistlichen Lebens im Studium und Pfarrdienst.
Der Autor PD Dr. Johannes Zimmermann
ist Privatdozent für Praktische Theologie, Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung
(IEEG)
an der Theologischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald
und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er studierte
evangelische Theologie in Tübingen, Jerusalem und Erlangen. Nach einem
Promotionsstudium in Straßburg und Tübingen (1992-1995) war er von 1995-1998
Vikar in der Evang. Landeskirche in Württemberg und promovierte 1998 in Tübingen bei Prof. Martin Hengel über "Messianische Texte aus
Qumran". Nach seiner Ordination und nach der Tätigkeit als Wiss. Assistent bei Prof. Gerhard Hennig in Tübingen
(1998-2004, Praktische Theologie)
ist er seit 2004 Wiss. Geschäftsführer am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald
(IEEG)
und wurde 2005 habilitiert. Die Habilitationsschrift über "Gemeinde zwischen
Sozialität und Individualität. Herausforderungen für den Gemeindeaufbau im gesellschaftlichen Wandel"
erschien 2006 im Neukirchener Verlag.
Linkhinweise:
Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald: www.ieeg.de.vu/
Die Theologischen Beiträge: www.theologische-beitraege.de
[2] K. Rahner, Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg u. a. 1972, 27.
[3] P. M. Zulehner, Pastoraltheologie Bd. 1: Fundamentalpastoral, Düsseldorf 2. Auflg., 1991, v. a. 15.
[4] Martin Luther, nach WA 50, 629, 34f (aus: Von den Konziliis und Kirchen, 1539).
[5] WA 39 II, 176,8f. Vgl. dazu O. Bayer, Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung, Tübingen 2003, 232–234.
[6] O. Riethmüller 1932 (EG Württ. 594,1). – Ähnlich W. Härle, Art. Kirche VII. Dogmatisch, TRE 28 (1989), 277–317, hier 285.
[7] Zur Bedeutung und Geschichte dieser Formel s. A. Peters, Kommentar zu Luthers Katechismen Bd. 2: Der Glaube, hg. von G. Seebaß, Göttingen 1991, 215–220.
[8] Ch. Schwöbel, Kirche als Communio, MJTh VIII (1996), 11–46, hier 20.
[9] Zitiert nach W. Hüffmeier/M. Stöhr (Hg.), Barmer Theologische Erklärung 1934–1984. Geschichte – Wirkung – Defizite (Unio und Confessio Bd. 10), Bielefeld 1984, 246. – Zum Auftrag der Kirche vgl. Härle 1989 (s. o. Anm. 6), 293f.
[10] S. dazu P. M. Zulehner, Aufbrechen oder untergehen. Wie können unsere Gemeinden zukunftsfähig werden?, Vortrag beim Symposium zur feierlichen Eröffnung des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung am 6. Mai 2004 in Greifswald; vgl. zum Folgenden außerdem: Ders., Kirche im Umbau. Für eine Erneuerung im Geist des Evangeliums, Herder Korrespondenz 58 (2004), 119–124; ders., Kirche umbauen – nicht totsparen, Ostfildern 2004.




