Geben und Nehmen
Vom Glanz des Ehrenamtes
Ein Beitrag von Landespfarrer Hans-Hermann Pompe (gmd Wuppertal) auf der 2. Tagung der 47. Synode der Ev.- luth. Kirche in Oldenburg am 21. November 2008 in Rastede.
Hohe
Synode, sehr geehrte Frau Präsidentin,
Herzlichen
Dank für die Einladung zu diesem Schlüsselthema unserer Zukunft als Kirche
Jesu Christi. Eingeladen wurde ich als hauptamtlicher Referent, verantwortlich für
das „Amt für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste“ (gmd[1])
der Evangelischen Kirche im Rheinland. Aber ich stehe auch als Ehrenamtlicher
vor Ihnen. Als ich aus dem Gemeindepfarramt in eine funktionale Stelle
wechselte, habe ich - nach einer Übergangszeit - beschlossen, dass ich
wenigstens an einem Punkt in meiner Wohnsitzgemeinde ehrenamtlich etwas tun
will, was nicht in meiner Dienstanweisung vorgesehen ist. Ich hatte dafür drei
Kriterien: Ich wollte etwas Neues ausprobieren, etwas, was ich vorher als
Gemeindepfarrer noch nie gemacht habe. Ich wollte nur etwas tun, das ich gerne
mache - das halte ich für ein Privileg ehrenamtlicher Mitarbeit. Und ich wollte
etwas machen, woran mein Nachfolger keinerlei Interesse zeigt, um ihm genug Raum
zu lassen. Daraus ist zunächst eine Musikgruppe für offene Gottesdienste
geworden, danach eine geistliche Reise mit distanzierten und suchenden Männern[2].
Glanz
des Ehrenamtes? Man findet im Internet ein böses Gedicht, das vermutlich zu
Unrecht Wilhelm Busch oder Ringelnatz zugeschrieben wird[3]:
Willst
Du froh und glücklich leben?
Lass
kein Ehrenamt Dir geben
Willst
Du nicht zu früh ins Grab,
lehne
jedes Amt glatt ab!
So
ein Amt bringt niemals Ehre
denn
der Klatschsucht scharfe Schere
schneidet
boshaft Dir schnipp, schnapp
Deine
Ehre vielfach ab!
Wie
viel Mühe, Sorgen, Plagen
wie
viel Ärger musst Du tragen
gibst
viel Geld aus, opferst Zeit
und
der Lohn? Undankbarkeit!
Selbst
Dein Ruf geht Dir verloren,
wirst
beschmutzt vor Tür und Toren,
und
es macht ihn oberfaul,
jedes
ungewaschne Maul!
Ohne
Amt lebst Du so friedlich
und
so ruhig und gemütlich,
Du
sparst Kraft und Geld und Zeit,
wirst
geachtet weit und breit!
Drum
rat ich Dir im Treuen:
willst
Du Weib und Kind erfreuen,
soll
Dein Kopf Dir nicht mehr brummen,
lass
das Amt doch anderen Dummen
Haben
diejenigen unter Ihnen eine große Dummheit begangen, die zu ehrenamtlicher
Arbeit bereit sind? Und sind diejenigen unter Ihnen, egal ob haupt- oder
ehrenamtlich, die andere zur Mitarbeit gewinnen wollen, so etwas wie Rosstäuscher?
Muss man Menschen beibringen abzulehnen? Wäre eine Aufforderung wie die
Churchills ehrlicher, mit der er sein Land in den zweiten Weltkrieg führte: „We
have nothing to offer but blood, sweat and tears“[4]?
Der
erste Petrus-Brief sieht es völlig anders. Mitarbeitende haben eine geistliche
Würde als Priesterinnen und Priester, sind lebendige Steine in dem großartigen
Bauwerk der Gemeinde Jesu: „Ihr als
lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Haus. (..) Ihr seid das auserwählte
Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des
Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen
hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“ (1. Pt 2, 5.9). - An
vielen Stellen redet die Bibel sogar von einem Glanz, der auf den Menschen
liegt, die im Dienst Gottes stehen. Ja,
es liegt auch ein Glanz auf dem Ehrenamt - und ich bin gerne davon bestrahlt.
Glanz - unter diesem schönen biblischen Begriff möchte ich gerne mit Ihnen
nachdenken über
- die
Ausstrahlung dieses Dienstes
- Geben
und Nehmen - wie wir die Nachhaltigkeit des Ehrenamtes erhalten können
- Lust
zur Mitarbeit - Wie eine ehrenamtsfreundliche Kultur in unseren Gemeinden
gefördert wird
- Umgang
mit Gaben - wie Gemeinden ehrenamtlich Mitarbeitende begleiten und fördern
Wir
werden zwei Mal unterbrechen, um miteinander bestimmte Aspekte zu vertiefen und
umzusetzen
1. Glanz - geschenkte
Ausstrahlung
Es
gibt Glanz der von außen kommt - wenn jemand von einer Lichtquelle beleuchtet
wird. In 2. Mose 34 gibt es einen ungewöhnlichen Bericht über Mose: als er -
beim erneuten Empfang der Tafeln mit den zehn Geboten - wieder vom Gottesberg
Sinai heruntersteigt, nach 40 Tagen und Nächten in der Gegenwart Gott, da hatte
sein Angesicht einen strahlenden Glanz, weil er mit Gott geredet hatte.
Offensichtlich erzeugte die Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht solch
eine Ausstrahlung, dass sie sich noch danach widerspiegelt. Mose selbst war das
nicht bewusst - aber Aaron und dem ganzen Volk sehr wohl.
Dieser
Widerschein war so stark, dass die Menschen sich fürchteten: Sie spürten, dass
diese außergewöhnliche Nähe zu Gott ausschließlich Mose vorbehalten war.
Nach der Erfahrung mit den ersten Tafeln, dem Zorn über das goldene Kalb hatten
sie gehörigen Respekt vor Gott gelernt. So verhüllt Mose sein Gesicht mit
einer Decke, damit die Ausstrahlung seiner Begegnung mit Gott sein Volk nicht ängstlich
macht. - Die Decke steht in meinen Augen für einen barmherzigen Umgang mit
Gottes Nähe - sie soll uns nicht verbrennen, sondern uns Orientierung schenken.
Solch eine Ausstrahlung liegt allein bei Gott, sie bleibt den Menschen
verborgen, die sie an sich tragen. Und viele Menschen brauchen etwas Distanz -
wir sind nicht alle Mosetypen, es gibt auch Aaron- und Miriamtypen, die gerne
weiter hinten mitarbeiten.
Glanz
von Gott kann Menschen so verändern, dass es anderen nicht verborgen bleibt.
Und dann entsteht eine Art Respekt, den die Bibel mit einem alten Begriff
„Gottesfurcht“ nennt: Ich spüre, ich habe es mit dem Schöpfer des
Universums zu tun. Und er begegnet uns in schwachen und angefochtenen Menschen.
Es
gibt aber auch Glanz von innen, aus einem von der Liebe veränderten Wesen. Da
wo ein Herz von Gottes Geist angesteckt, be-geist-ert wird. „Herz“ bedeutet
in der Sprache der Bibel meine Personmitte.
Es können glänzende Augen entstehen, wo Begeisterung sich ausbreitet,
die sich auf andere überträgt. Die Hirnforschung hat entdeckt, dass sich
Emotionen wie etwa Begeisterung im Gehirn durch sog. „Spiegelneuronen“ übertragen:
Wir fühlen mit, weil die Gefühle anderer die gleichen Gefühle in uns
hervorrufen können[5].
Ein geistlicher Mensch ist ein Mensch, dem Gottes Geist das Herz angesteckt hat.
Darin wächst er - das kann er nicht verschweigen, davon redet er. Wer einen
begeisterten Menschen erlebt haben, weiß, was ich meine: Manche Menschen könne
uns mit ihrer Begeisterung regelrecht anstecken. -
Glanz,
der von Gott kommt, besitzt einen wesentlichen Unterschied zu einer schnellen
Begeisterung: er hat Ausdauer, wagt sich hinzugeben, ohne dass etwas zurückkommt,
kann sich herunterbeugen zu denen, die ganz unten sind. Seine Treue ist nicht
abhängig vom Erfolg. Sein Glanz ist immer Glanz des Dienstes. Er verzichtet auf
dem Weg Jesu auf den Glanz von Einfluss und Macht.
Was
ist der Glanz des Ehrenamtes? Der Glanz des Ehrenamtes kommt aus der Nähe zu
Gott, aus der Hingabe an seine Ziele und aus der Erfahrung seiner grundlosen
Barmherzigkeit. Und er setzt sich fort in unserem Leben - etwa durch
Begeisterung, Ausdauer und Dienstbereitschaft, kurz: in allen Formen von Nächstenliebe
und Dienst.
Das
ist ein aufregender Gedanke: Menschen können für andere durchsichtig auf Gott
hin werden - und merken es selbst nicht. Luther hat zu sagen gewagt, dass wir für
andere ein Christus sein können. Haben Sie gewusst, dass Ihre Mitarbeit diesen
Glanz mitbringen kann? Vielleicht nehmen Sie nur die Mühe wahr, häufig
Desinteresse, manchmal scheinbar ergebnislosen Abschied - und doch können
andere einen Widerschein der Nähe Gottes empfunden haben.
2. Geben und Nehmen - das
Geheimnis der Nachhaltigkeit
Die
ökologische Debatte hat uns den alten Begriff der Nachhaltigkeit
wiedergebracht: es darf nicht mehr verbraucht werden, als ersetzbar ist. Er
stammt aus der Forstwirtschaft: Nur das soll im Wald eingeschlagen werden, was für
kommende Generationen neu gepflanzt wird. Das Internet Lexikon Wikipedia
definiert Nachhaltigkeit so: „Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines
regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen
wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche
Weise nachwachsen kann“[6].
Ich will das für Geben und Nehmen in der Mitarbeit mit zwei Sätzen übertragen:
- Wir
brauchen, ja wir können nur das geben, was wir empfangen haben.
Geistliche
Nachhaltigkeit ist wie ein römischer Brunnen, dessen Schalen genau das nach
unten weitergeben, was sie von oben empfangen haben. Wenn wir zu lange, zu viel
aus eigener Kraft geben, dann laufen wir leer, es kommt zu Ermüdung, Überlastung.
Und wenn sich nichts ändert, dann kann auch ein Ausbrennen (Burnout) passieren:
Der völlige Zusammenbruch der eigenen Energie. Das trifft auch Mitarbeitende in
der Kirche.
Nachhaltig
leben wir, wenn wir das geben, was wir selbst von Gott empfangen - nicht mehr,
aber auch nicht weniger. Das ist unsere große Entlastung.
- Was
wir bekommen hast, dürfen und sollen wir geben.
Nachhaltigkeit
ist ja kein Selbstzweck, sondern ein verantwortungsvoller Umgang mit
anvertrauten Schätzen: Sie will ja ernten, Holz aus dem Wald holen, austeilen.
Also darf gegeben werden: Als Zeuge oder Zeugin eines Herrn, der uns beschenkt
und berufen hat. Paulus nennt uns (2. Kor 5, 20) Botschafter, die an Christi
Stelle auftreten. Und selbst wenn wir uns als arm, hilflos oder leer empfinden,
was oft der Normalfall ist, wenn man Menschen begegnet, so können wir - nach
einem Wort des Paulus - als Arme doch viele reich machen (2. Kor 6, 10). Das ist
unsere große Verantwortung.
Das
Geheimnis von Geben und Nehmen ist so etwas wie der innere Brennstoff dieses
Glanzes: Es ist das Geheimnis von Erhalten und Nachwachsen, Beschenkt werden und
Austeilen, von Zuspruch und Anspruch, von Sammlung und Sendung.
3. Lust zur Mitarbeit -
Werte für eine kirchliche Ehrenamtskultur
Was
wäre wenn man aus den Gemeinden alle Ehrenamtlichen herausnimmt? Es bliebe
nicht viel übrig. Nach der EKD-Statistik von 2005 gibt es fast 1,1 Mill.
Ehrenamtliche in der EKD - auf 100 Gemeindeglieder kommen vier Ehrenamtliche.
Sie gehören zum Schatz der Kirche. Wie
kann man diesen Schatz heben und erhalten? Was motiviert Menschen? Und wie
gewinnt eine Gemeinde Neue? Welche Werte schaffen ein mitarbeitsfreundliches
Klima?[7]
3.1.
Beteiligung als Berufung
Sie
sind heute als ein mehrheitlich ehrenamtliches Gremium ein gutes Zeichen: Als
lebendige Steine aus 1. Pt 2 haben Sie Ihre Taufberufung angenommen. Sie stehen
gegen die weit verbreitete Haltung: Die Hauptamtlichen macht es für uns, wir
bezahlen ihn oder sie dafür. Das wäre der Leitsatz der Konsumkirche. Diese
soll ja gelegentlich sehr überlebensfähig sein durch ein sich wechselseitig
stabilisierendes Verhältnis. Wir begegnen als Pfarrerinnen oder Pfarrer - trotz
aller Klagen über zu wenig freiwillige Mitarbeit - darin auch der geheimen
Versuchung der Bestätigung: Wenn wir alle Erwartungen erfüllen, und sei’s
die Erwartung, stellvertretend zu dienen, sind wir wichtig und unersetzlich,
bekommen viel Lob und Anerkennung. Aber Steine, die andere tragen lassen und
delegieren, sind schon im Bild eine unmögliche Möglichkeit: Eine
Hauptamtlichenkirche ist nicht evangelische Kirche. Oder nehmen Sie Paulus: Er
benutzt das berühmte Bild vom Leib mit den Gliedern (1. Kor 12). Aber stellen
Sie sich einen Leib vor, in dem Glieder ihre Funktion delegieren! Ein Leib ist
ein Miteinander, er setzt Zusammenarbeit aller Glieder voraus.
Um
uns alle aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit solcher unbiblischen Verhältnisse
herauszuholen, muss diese Berufung groß gemacht werden: Alle
beteiligt. Erst wo das zur Überzeugung vieler geworden ist, kann es auch
anders werden. - Evangelisch gedacht: Sie sind alle Geistliche, weil Sie Gottes
Geist und seine Gaben erhalten haben! Im Grunde darf niemand in einen
Gottesdienst hinein- oder herauskommen, ohne dass ihm oder ihr das möglichst häufig
gepredigt wird. Wenn Sie hier als Ehrenamtliche sitzen, sind Sie ein Ergebnis
solcher Einladung zur Beteiligung: Das
Ehrenamt ist der Normalfall, das Hauptamt der Sonderfall.
3.2.
Verlockung: Mitarbeit als Gewinn
Viele
Menschen fragen heute nicht mehr zuerst: was soll ich tun?, sondern: was habe
ich davon? Diese veränderte Vorstellung gehört in das sog.
„Neue Ehrenamt“[8].
Diese Frage wird schon biblisch sehr ernst genommen. Die Jünger fragen Jesus:
Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt, was wird uns dafür gegeben?
(Mth 19, 27ff) In unseren Katechismen wird übrigens auch nach dem Nutzen
gefragt, etwa im kleinen Katechismus: Was gibt oder nützt die Taufe bzw. das
Abendmahl? Die Bibel redet häufig von der Verlockung zur Nachfolge, vom
„Leben finden“ bei Jesus Christus, deutlich seltener von Pflichterfüllung.
In der Bibel ist Dienst für Gott höchstes Glück, tiefste Erfüllung, nicht mühsam
abgeleistete Pflicht.
Mitarbeit
ist der Normalweg Gottes, um mich zu formen und umzugestalten zu einem
„hungrigen“ Menschen. Mitarbeit darf also als Verlockung dargestellt werden,
als Ehre und Auszeichnung, weil sie es auch sein wird. Mich hat in meinem Leben
weniges so sehr geformt wie meine viele ehrenamtliche oder hauptamtliche
Mitarbeit. Mitarbeit aus Glauben macht hungrig - nach mehr. So hat es der große
Sprachkünstler Lothar Zenetti ausgedrückt:
Du
hast vollkommen Recht:
Der
Glaube macht nicht satt,
im
Gegenteil:
Er
verhindert, dass du satt wirst,
er
macht hungrig,
Hunger
weckt er
und
Durst nach Gerechtigkeit.
Doch
dieser Hunger
ist
der beste Koch.
[9]
Einladung
zu Mitarbeit allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Niemand wird dazu
gezwungen, niemand gegen den eigenen Willen überredet, niemand durch schlechtes
Gewissen chloroformiert. Aus Pflicht mitarbeiten? Das wäre ein schlechter
Grund. Dann schlägt vielleicht das Gewissen, jemand wird überrumpelt, weil er
oder sie zu nett ist um Nein zu sagen. Aber es trägt nicht. In der Bibel ist es
immer anders: Mitarbeit ist Berufung durch
Gott und zugleich Begegnung mit Gott.
Und dieser Gott achtet immer unsere Freiheit.
3.3.
Mitarbeit braucht Anleitung und Begleitung
Woher
kommen neue Mitarbeitende? Und wie hält man die vorhandenen motiviert? Die
deutsche Kultur ist stark darin, anderen ihre Fehler nachzuweisen und schwach
darin, Menschen durch Lob und Anerkennung aufzubauen.
Manchmal
tun Menschen in unseren Gemeinden gar nicht, was sie am besten können, weil sie
nie eine Chance bekamen, ihre Gaben zu entdecken; sie wissen gar nicht, was ihre
geistlichen Gaben sind. Vielleicht, weil manche Gemeinden nicht auf die Idee
kommen, Gaben entdecken zu helfen. Dafür gibt es z.B. Grundlagen-Seminare zur
Gaben-Entdeckung: Wir importieren im Rheinland z.B. das badische Modell
„Mitarbeiten am richtigen Platz“[10].
Ohne
Anleitung macht in einer Gemeinde halt jede/r irgendetwas, ohne zu wissen, ob
er/sie und die Aufgabe zusammen passen. Und wo es keine kontinuierliche
Begleitung von Mitarbeitenden[11]
gibt, arbeiten alle für sich, also meist: allein vor sich hin. Jesus hat es
anders gemacht, er hat seine Jünger als „Schüler/Lehrlinge/Studenten“ (wörtliche
Bedeutung des griech. Wortes für „Jünger“) berufen: Sie lernten durch
Anleitung. Als unerfahrener Mitarbeiter in der Jugendarbeit habe ich Hausbesuche
gelernt, indem ich einfach mitgelaufen bin. Erfahrung wächst durch Begleitung:
wir lernen am meisten im Team mit Erfahrenen zusammen.
Begleitung
von Mitarbeitenden ist eine klassische Funktion von Hauptamtlichen - allerdings
sind viele Gemeinden gelähmt durch ein ungutes Gegeneinander. Zu oft herrscht
gegenseitige Blockade oder sogar Kampf - wechselseitig häufig in nicht als fair
empfundenen Ausgangslagen. Der Osnabrücker Landessuperintendent Burghard Krause
analysiert[12],
dass wir uns weder Blockaden noch Kämpfe leisten können. Denn die alte Gestalt
der Volkskirche steht in einer doppelten Problematisierung:
„Theologisch:
Sie wird von den Grundverheißungen biblischer Ekklesiologie[13]
ständig überboten. Ökonomisch: Sie
wird künftig immer weniger finanzierbar sein.“
Und
er zieht daraus die Konsequenz:
„Die
unabweisbare Frage: „Welche Kirche ist noch finanzierbar?“ braucht dringend
das theologische Korrektiv der Frage: „Welche Sozialgestalt der Kirche ist künftig
nötig, damit Wachstum des Glaubens und eine geistlich vitale
Gemeindeentwicklung gefördert werden?“ Was sich rechnet, macht nur Sinn, wenn
es auch der Sache des Evangeliums dient.“
In
diesem Prozess wird die im Impulspapier der EKD geforderte „Anleitung und
Begleitung des ehrenamtlichen Einsatzes“ zur „zentrale(n) Herausforderung für
die hauptamtlich Mitarbeitenden“ [14].
Dazu müssen Haupt- wie Ehrenamtliche sich in klar definierten Verantwortungen
gegenseitig zu neuem Glanz verhelfen, um sich gemeinsam in „eine
win-win-Situation“ zu bringen. Krause umreißt die jeweiligen Aufgaben am
Beispiel des Pfarramtes[15]
so:
„Der
„Glanz des Ehrenamtes“:
Die in Freiheit geleistete Mitgestaltung des Gemeindelebens ist nicht primär
ein Sparprogramm der Kirche, auch nicht ein Pfarrer-Entlastungsprogramm. Es geht
um die Entdeckung von Christinnen und Christen: Gott kann und will in seinem Tun
nicht auf mich verzichten. Ich bin ein einmaliges Original Gottes, ein
unersetzbarer, dringend gebrauchter Teil des Leibes Christi, ein Entfaltungsraum
und Werkzeug des Heiligen Geistes, ein unentbehrliches Instrument im
vielstimmigen Orchester der Gemeinde, ein(e) Partner(in) der Sehnsucht Gottes
nach seinen Menschen. Diese Berufung Gemeindegliedern zuzusprechen und lieb zu
machen, wird künftig eine zentrale Aufgabe von Verkündigung und Seelsorge
werden müssen.“
„Der
„Glanz
des Pfarramts“: Das Pfarramt muss entlastet werden von Verwaltungs- und
Organisationsaufgaben. Es muss sich frei kämpfen von Allmachtsphantasien, vom
Selbstanspruch, für alles zuständig zu sein. Es wird künftig (neben seinen
klassischen Seelsorge-, Amtshandlungs- und Verkündigungs-Aufgaben) vor allem
das Amt der „Einheit des Leibes
Christi“ sein - mit der Aufgabe, die verschiedenen Dienste in der Gemeinde
zur Entfaltung zu bringen, sie einander zuzuordnen und vor Verkürzungen zu
bewahren. Im Bild: Der Pastor nicht als „Feldspieler“
in laufend wechselnden Funktionen, sondern als „Trainer
der Charismen“. Schlüsselfunktion des Pfarramtes: Ermächtigung statt Betreuung. Geistliche
Leitung als Multiplikatorenarbeit. Langfristige Zielperspektive: Nicht
Ehrenamtliche helfen Hauptamtlichen bei der Bewältigung ihrer Aufgaben, sondern
Hauptamtliche helfen Ehrenamtlichen zur Mündigkeit eines weithin selbst
verantworteten Gemeindelebens.“
3.4.
Eine größere Vision öffnen
Wer
eine kleine Vision hat, wird sie immer festhalten - er hat ja keine andere.
Menschen werden nur durch größere Visionen verlockt, ihre kleine zu verlassen.
Unser Sohn hat genau da an einem Musikinstrument Spaß bekommen und geübt, als
er dasjenige entdeckte, das zu ihm passt: Das Instrument, das wir ihm
vorschlugen, motivierte ihn bei weitem nicht so wie das, das er selbst
entdeckte. Die größte Vision, die ich überhaupt entdecken kann, ist ein Leben
zur Ehre Gottes und zum Besten meiner Mitmenschen: wo ich aus Gottes Kraft leben
darf, um mich zu verschenken an andere.
Der
amerikanische Soziologe Robert Putnam[16]
hat analysiert, warum das bürgerliche Engagement in den USA niedergeht. Die
Gesellschaft lebt von sozialem Kapital: Man kann es in „bonding“ oder in „bridging“
investieren - bonding (etwa: Bündnisse schließen) kommt nur der eigenen Gruppe
(Familie, Land, Religion etc) zugute; „bridging“ (etwa: Brücken bauen) ist
alles, was sich investiert in Umgebung. Je mehr bonding auf Kosten von bridging
stattfindet, umso kälter und unsozialer wird eine Gesellschaft.[17]
Das kann man m. E. auch für unsere deutsche Gesellschaft sagen.
Die
Gemeinde ist das Salz der Erde (Mth. 5), sie lebt nicht zu ihrer
Selbsterhaltung. Das bleibt ein Paradox: indem sie ihre Umgebung entdeckt und
sich im Vertrauen auf Gott in sie investiert, wird sie selbst wachsen; wo sie für
ihre Selbsterhaltung lebt, wird sie schrumpfen und sich selbst verlieren. Man
kann die große Vision des Reiches Gottes mit vier Stichworten umreißen:
Glaube, Dienst, Mission und Weltverantwortung. Oder auch wie Jesus (Mk 12,
28ff)) mit zwei einfachen Begriffen: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wenn
ich Gott gefunden habe, lebe ich, um anderen Liebe zu zeigen und sie auf Gott
aufmerksam zu machen.
4. Mitarbeitende begleiten
und fördern
Wenn man Menschen gewonnen hat: Wie hält und fördert man sie? Die einfachste Antwort: Woran Menschen ein Interesse haben, dazu sind sie zu motivieren, das werden sie sehr ernst nehmen. Manchmal gibt es aber eine starke Frustrationsgeschichte: Sie entsteht aus Enttäuschungen, Ablehnungen, Verletzungen oder Verbitterung.
Ich
nenne einige klassische Enttäuschungen,
die Ehrenamtliche oft erleben:
- Unzureichende
Anleitung:
ins kalte Wasser geworfen werden ohne Vorbereitung
- Fehlende
Begleitung: allein mit
der Aufgabe bleiben
- Falsche
Einsatzorte: nicht
gaben-, sondern bedarfsorientiert eingesetzt werden, als Lückenstopfer
- Vorenthaltene
Kompetenzen: Unmündigkeit
und Abhängigkeit, für alles eine Erlaubnis einholen müssen
- Schlechte
Kommunikation: zu wenig
oder zu späte Informationen, zu wenig Beteiligung an Entscheidungen
- zu
schmale geistliche Kost:
Mehr Brot als Wort (Mth 4,4) - die Seele kocht auf Sparflamme
- Hemmende
Strukturen: Mauern,
Hindernisse, Einschränkungen, Verlust von Energie in Sitzungen
Enttäuschungen
haben oft auch Folgen:
- Absagen:
„Nein danke“
- Verbitterung:
„Nie wieder!“
- Überlastung:
„Ich kann nicht mehr..“
- Belastete
Beziehungen: „Für die
Gemeinde tust du alles...“
- Stagnierender
Glaube: „Zwischen Gott
und mir läuft nicht mehr viel...“
Nun
sind Negativlisten oft leichter zu erstellen als Positivlisten, weil wir das
Scheitern leichter benennen können als Herausforderungen und Ziele. Ich will
Sie aber lieber zu Positivlisten herausfordern: Was brauchen Ehrenamtliche?[18]
Nach
der großen bundesweiten Ehrenamtsuntersuchung (Freiwilligen-Survey 2004) sind
die Wünsche von evangelischen Ehrenamtlichen ähnlich wie die der Mehrheit
aller ehrenamtlich Mitarbeitenden: Mehr Finanzmittel für Projekte, bessere
Bereitstellung von Räumen wie Sachmitteln usw.
Mut machend ist: Evangelische Ehrenamtliche sind insgesamt deutlich
zufriedener mit ihrer Organisation als andere. Aber es gibt zwei kleine Ausreißer:
bessere Weiterbildung ist deutlich mehr gewünscht - und die Anerkennung durch
Hauptamtliche ist nicht besser als anderswo.[19] Da liegen soz. die
evangelischen Hausaufgaben.
Deshalb also die letzte Frage: Was können Gemeinden zur Motivation von Mitarbeitenden tun? Wie entsteht ein Mitarbeit förderndes Klima - das Gebet um Mitarbeitende nach Jesu Auftrag (Mth 9, 37f) einmal vorausgesetzt?
Gemeinden
motivieren ehrenamtlich Mitarbeitende[20],
indem sie
- Freiraum
gewähren:
Das Gegenteil von Kontrolle und Misstrauen ist Vertrauen. Einfachste
Beispiele sind oft die notwendigen Schlüssel, das Geld und der Raum.
- Wertschätzung
zeigen: Lob und Dank,
aber auch Interesse und Nachfragen.
- Begleitung
anbieten: durch
Schulungen, Gespräche und Unterstützungen.
- Teams
organisieren: Jesus hat
seine Jünger nie allein losgeschickt, er hat mindestens das kleinste aller
Teams, zwei zusammengestellt. Das hat v.a. zwei Gründe: alleine bin ich oft
überfordert und werde müde - und unterschiedliche Gaben ergänzen sich im
Team.
- Gaben
fördern: Man darf das
tun, was den eigenen Gaben entspricht, man bekommt Fortbildungen dazu - und man darf ablehnen, was man nicht kann.
- Wachstum
unterstützen: Eine
wichtige Frage der Gemeinde ist für Mitarbeitende: Was tut deinem Glauben
und deiner Person gut?
- Kompetenzen
klären: Wer ist wann
und wo für was zuständig? Vitale Gemeinden können Verantwortungen
zuschreiben und auch abgeben. Frust entsteht aus Unklarheit; wo ich klare
Kompetenzen erkenne, entlastet mich das.
„Vom Glanz des Ehrenamtes“ redet unsere Themenstellung. Wohin geht eine Kirche, die sich dem Ehrenamt verschreibt? Und wie geht sie damit um, wenn das ein sehr mühsamer Weg wird? Und wenn sie auf Widerstand stößt, anderes sich davor drängen will? - Irgendwo fand ich einen ermutigenden Satz:
Never
be afraid to try something new. Remember,
amateurs built the ark. Professionals built the Titanic.
Danke
für Ihre Aufmerksamkeit.
Verfasser:
Landespfarrer Hans-Hermann Pompe, Amt für Gemeindeentwicklung und
missionarische Dienste der Ev. Kirche im Rheinland (gmd), Missionsstr. 9a, 42285
Wuppertal, mail: gmd(a)ekir.de
[2]
Zu dieser Kleingruppe vgl. Hans-Hermann Pompe. Etwas für Ketzer wie mich,
in: B.Winterhoff/K. Klinkenborg / S. Zeipelt, Atem und Herzschlag der Kirche
. Missionarische Gemeindearbeit in der Praxis, Reihe: BEGPraxis,
Neukirchen-Vluyn 2008, 93 - 103
[3]
z. B unter: http://www.pinselpark.org/literatur/a/ano_joke/joke/willstdu.html
[4]
deutsch: „Wir haben nur Blut, Schweiß und Tränen anzubieten“.
[5]
Vgl. z.B. bei R. D. Precht, Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Goldmann
Verlag 2007, 162ff
[6]
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit (Stand:19.11.2008)
[7]
An dieser Stelle wurde der Vortrag unterbrochen mit einer Bitte zum
Austausch: „Bevor ich meine Gedanken sage, lade ich Sie ein, sich mit Ihren
Nachbarn/innen auszutauschen: Was hat mich verlockt zur Mitarbeit? Welcher
Auslöser wurde meine Motivation? Wer hat mich gewonnen? Und wie wurde ich
gewonnen? Suchen Sie sich eine dieser Fragen, tauschen Sie sich 3 Min darüber
aus.“
[8]
Vgl dazu z.B. Heinrich W. Grosse, Der „Markt“ Ehrenamt, in: in
brennpunkt gemeinde 4/2008, 128 - 131
[9]
Aus: Lothar Zenetti, Auf seiner Spur. Texte gläubiger
Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2002
[10]
„Mitarbeiten am richtigen Platz“ (MarP), Amt für missionarische
Dienste, Karlsruhe
[11]
Die missionarischen Dienste der Landeskirchen Hannover, Rheinland und
Westfalen haben deshalb gemeinsam ein Materialpaket für Gemeinden
entwickelt, das Gemeinden in die Lage versetzt, Fortbildungen für
Ehrenamtliche in Schlüsselbereichen der Mitarbeit selbst organisiert
durchzuführen. „Kompakt. Bausteine für ehrenamtliche Mitarbeit“ enthält
Fortbildungen u.a. zu den Themen: Bibel, Glaubensbekenntnis, Spiritualität,
Ziele, Gottesdienstgestaltung. Meinungsbildung, Teamarbeit, Sprachfähigkeit,
Mitarbeiterbegleitung, Andachten erstellen etc. Das Materialpaket ist ab
Anfang 2009 bei allen beteiligten Diensten zu erhalten.
[12]
Burghard Krause, Nur gemeinsam sind wir stark. Zum zukünftigen Verhältnis
von haupt- und ehrenamtlichen Diensten in der Kirche, in: B. Winterhoff/K.
Klinkenborg / S. Zeipelt, Atem und Herzschlag der Kirche . Missionarische
Gemeindearbeit in der Praxis, Reihe: BEGPraxis, Neukirchen-Vluyn 2008, 179 -
186; alle - z.T leicht bearbeiteten - Zitate dort. Der Artikel leicht gekürzt
auch in: brennpunkt gemeinde 4/2008, 123ff
[13]
griech: Lehre von der Kirche
[14]
Kirche der Freiheit. Hannover (2006) , 69
[15]
M.E. gilt diese strukturelle Herausforderung von sinnvoller ökonomischer
und theologischer Nutzung des Pfarramtes auch für andere Aspekte des
gemeinsamen hauptamtlichen Auftrages, also ebenso für viele nichtordinierte
Hauptamtliche wie Diakone, Jugendleiterinnen etc.
[16]
Robert Putnam, Bowling alone: The Collapse and Revival of American Community.
New York (Simon & Schuster) 2000.
[17]
Zitiert nach M. Herbst, Evangelisation und Gemeindeaufbau, in: H.Bärend/U.
Laepple, Dein
ist die Kraft - für eine wachsende Kirche, Leipzig 2007, 71-92, dort
80f.
[18]
An dieser Stelle wurden die Synodalen aufgefordert,
erste Stichworte zu sammeln: Suchen Sie sich als Ehrenamtliche 1-2
ehrenamtliche Gesprächspartner - als Hauptamtliche 1-2 hauptamtliche Gesprächspartner:
Max. Dreier-Gruppen! Überlegen Sie zunächst persönlich: Was brauchen
ehrenamtlich Mitarbeitende? - Vergleichen und diskutieren Sie dann Ihre
Ergebnisse. - Entscheiden Sie sich gemeinsam für einen Punkt und notieren
Sie das Stichwort auf der Moderations-Karte. Nehmen Sie Ihre Karte mit in
die Gruppen.
[19]
Die wichtigsten Daten daraus sowie die Sonderauswertung für evangelische
Freiwillige sind zusammengefasst zu finden in:
J. Hermelink/T. Latzel (Hg), Werkbuch
Kirche empirisch, Gütersloh 2008, 351-374. Die zit. Daten auf S. 363.
[20]
Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Motivationsfaktoren auch
für Hauptamtliche gelten; das Hauptamt war aber nicht Synodenthema.
