Ganz im Zeichen von Wittenberg
Ortsgemeinde – das sind die, die dem Ruf zur Nachfolge nicht gefolgt sind
Ganz im Zeichen vom EKD-Zukunftskongress, der Ende Januar in der Lutherstadt tagte, hatte die Kaiserswerther Diakonie (Düsseldorf) die 4. Wissenschaftliche Tagung des Netzwerkes „Gemeinde und funktionale Dienste“ vom 9. bis 11. Februar 2007 eingeladen.
Das Netzwerk wurde im September 2001 in Darmstadt gegründet und in ihm arbeiten
insbesondere TheologInnen (leitende MitarbeiterInnen der Landeskirchenämter
und WissenschaftlerInnen), SoziologInnen und JuristInnen aus den
evangelischen Landeskirchen und aus dem Universitätsbereich zusammen. Fokus des
Netzwerkes ist über den Arbeitstitel "Gemeinde und funktionale
Dienste" hinaus insbesondere die kirchliche und religiöse Situation der
Großstädte in Deutschland. Dabei werden im interdisziplinären Austausch mit
Praxisbezügen theologische, soziologische, juristische und weitere relevante
Aspekte berücksichtigt.
So stand auch die Tagung in diesem Jahr unter dem Thema „Gemeindeentwicklung
in der Großstadt. Möglichkeiten exemplarischen Lernens.“ Über vierzig
Experten aus zehn verschiedenen evangelischen Landeskirchen sowie röm.-katholischen
Bistümern fanden sich zusammen, um über verschiedene Formen der
Gemeindeentwicklung ins Gespräch zu kommen. Einleitend gab es drei
Praxisbeispiele: Den volkskirchlichen Aufbruch durch das Stadtkloster
„Segen“ in Berlin (Prenzlauer Berg-Nord), das diakonische Ensemble mit der
Weißfrauen-Diakoniekirche in Frankfurt am Main und der missionarischen
Erneuerung am Beispiel der Apostelgemeinde in Oberhausen (Evangelische Kirche im
Rheinland). Hintergrund aller drei Beispiele war die schwierige Situation, dass
die Gemeinden die jeweiligen Kirchen aus finanziellen Nöten eigentlich hätten
schließen müssen und nun in vielfältiger Form Neues wachsen kann.
Die Kooperation der in Berlin fusionierten Gemeinde mit der Schweizer Kommunität
„Don Camillo“ verspricht in der Bundeshauptstadt nicht nur ein spiritueller
Ort der Ruhe und Einkehr anbieten zu können, sondern dürfte vor allem bisher
nicht erreichte Zielgruppen ansprechen dürfen und bietet für die umliegenden
Schulen auch im Bereich der Schulseelsorge eine große Chance. In der in
Frankfurt am Main nun in die Trägerschaft der Diakonie übergegangene Kirche
werden nicht nur Betreuungsangebote für hilfebedürftige Bürger angeboten,
sondern ein Kreis von Künstlern und Kreativen sorgt dafür, dass die Themen der
Diakonie in ungewöhnlicher und daher ansprechender Weise in der Stadt der Bänker
angesprochen und diskutiert werden können. So werden durch das Projekt
„Abendmahl“ regelmäßig Menschen aus verschiedener Gesellschaftssichten an
einen Tisch geholt und ins Gespräch gebracht. Einen wahren Aufbruch erlebt die
Apostelgemeinde in Oberhausen, die noch vor kurzem quasi pleite gewesen war. Mit
konzeptionellen Ideen aus der WillowCreek-Bewegung wächst die Gemeinde nun
stetig über sich hinaus und Einnahmen durch Spenden und Drittmitteln übertreffen
bei weitem die geringe Kirchensteuerzuweisung. Obwohl der Stadtteil am
Tackenberg auffällig viele Bewohner mit Migrationhintergründen hat, ist die
Kriminalitätsquote hier am geringsten. Polizei und Stadt sehen dies im
sozialdiakonischen Engagement der Kirchengemeinde begründet, die zudem einen
engen Austausch mit der vor zwei Jahren errichteten Moscheegemeinde pflegt.
In verschiedenen Kleingruppen und Plenumdiskussionen boten sich dann Möglichkeiten,
sich über die verschiedenen Inputs auszutauschen. Durch Fachvorträge wurde am
zweiten Tag auch das Verhältnis von Diakonie und Kirche diskutiert und
reflektiert. Die gewandelte Situation brachte Pfarrer Matthias Dargel,
Vorstandssprecher der Kaiserswerther Diakonie, zugespitzt auf den Punkt: „Wie
viel Kirche kann sich Diakonie noch leisten.“ Es sind noch viele Menschen
bereit, die Kirche zu finanzieren, weil sie durch die Diakonie gute Arbeit
leiste. Zugleich wird das Handeln der Diakonie in der gesellschaftlichen
Wahrnehmung auch den verfassten Kirchen zugeschrieben. Fast alle
Plenumsteilnehmer waren sich schnell einig, dass es noch eine viel engere
Verzahnung von Kirchengemeinden und Diakonie geben müsse. Und so wirbt der
Leiter der Kaiserswerther Diakonie auch stetig bei Presbytern darum, auch
Diakonische Einrichtungen als Teil der Gemeinden zu verstehen. Er wies aber auch
auf Mängel hin, so müsse die Diakonie nun selbst ihre Mitarbeitenden in den
Grundlagen des christlichen Glaubens schulen, weil die Kirche vielerorts ihrem
Lehrauftrag nicht mehr ausreichend nachkäme.
Wissenschaftlich wurde das Tagungsthema vor allem durch die Strategieüberlegungen
von Oberkirchenrat Dr. Klaus-Dieter Grunwald und Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel
reflektiert. Und so formulierte der Professor für Sozialethik in Marburg:
„Theologisch gesehen ist die Ortsgemeinde die Gruppe, die den Ruf Jesu
>>Folge mir nach<< nicht gefolgt ist, sondern mit ihrem Hintern
sitzen geblieben sind.“ Hiermit kritisierte der Sprecher des Netzwerkes vor
allem die „Clubmentalität“ vieler Kerngemeinden, die den größten Anteil
von finanzielle und personellen Ressourcen auf sich vereinigen würden, anstatt
für neue Wege offen zu sein, auch die anderen 80% der Gemeindemitglieder oder
Menschen darüber hinaus anzusprechen. Deshalb seien auch alle Theologien über
Gemeinden in Schieflagen, weil sie noch immer an dem erst vor rund 120 Jahren
entstandenen parochialen Strukturen verhaftet seien. Sein katholischer Kollege
aus Fulda, Professor Dr. Richard Hartmann, merkte hierzu an, dass man Gemeinden
als Sozialform aber auch nicht zu schnell als Clubgemeinden abwerten dürfe. Die
sitzen gebliebende Gemeinde habe sicherlich auch ihren Grund, warum sie sitzen
geblieben ist und fußlahm im wandelnden Gottesvolk sei. Konsens fand sich aber
schnell darin, dass das Kirchturmdenken überholt sei und gerade in Städten und
Großstädten die Parochien zu Gunsten einer gemeinsamen Kirchegemeinde mit
vielfältigen Schwerpunktsetzungen aufzugeben sei.
In diesem Sinne wird auch das Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“
den Impuls aus Wittenberg, verstärkt über neue und alternative Gemeindeformen
nachzudenken, auf seinen weiteren Tagungen verfolgen. So sind auch Tagungen zum
Austausch des exemplarischen Lernens zwischen einzelnen Landeskirchen geplant
und ein Netzwerk der Netzwerke (z.B. Citykirchenarbeit u.ä.) ins Auge gefasst
worden. Zufrieden zeigte sich der Sprecher Prof. Dr. Nethöfel, dass nicht nur
wesentliche Anregungen aus den Netzwerktagungen in das EKD-Impulspapier
eingeflossen worden waren, sondern dass nun auch einzelne Landeskirchen die Idee
der Reformdekade aufgreifen und Folgetagungen zu Wittenberg arrangieren.
So
hatte der Schirmherr der Tagung, Präses Nikolaus Schneider, nicht nur über die
Reformen innerhalb der Rheinischen Kirche berichtet, sondern auch angekündigt,
dass die Evangelische Kirche im Rheinland für den 6. März eine solche
Folgetagung organisiere. Auch in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau
ist ein solches Nachtreffen geplant, damit die Impulse aus Wittenberg auch in
der breiten kirchlichen Öffentlichkeit weiter thematisiert werden und bleiben.
Zur Vernetzung solcher Ideen und Projekte stelle der Student Stefan Bölts auch
die studentische Initiative mit der Internetplattform www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de
vor. Ebenfalls im weltweiten Netz ist die Datenbank für Kirchenreformen des
Netzwerkes zu erreichen: www.kirchenreform.de.
Die meisten Beiträge zur Fachtagung werden auch im nächsten Sammelband
„Kirchenreform strategisch“ aufgenommen, dass nach dem 2005 im EB-Verlag
erschienenden ersten Band „Kirchenreform jetzt!“ in diesem Jahr zum
Kirchentag in Köln durch den C&P-Verlag auf den Markt kommen wird.
Stefan Bölts
Stefan Bölts ist Theologiestudent und
Referent für Kirchenreformen
im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik
an der Philipps-Universität in Marburg.
www.iws-netz.de

