Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 9. February 2012
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Fit für die Zukunft ?!

Vom Schätzesammeln und Sorgen in unserer Kirche

 

Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese

von Dieter Beese

 

 

Das Thema – ein Wort zum Beginn
  

Fit für die Zukunft?! Das Thema liegt in der Luft. Die Fußball-Bundesligasaison ist zu Ende. Der deutsche Meister steht fest. Die Aufsteiger und die Absteiger sind ermittelt. Wie aber steht es um die Zukunft der Kirche? Vielleicht können wir sagen: Wir sind fit für die Zukunft, gut aufgestellt! Das wäre das Ausrufezeichen. Oder wir fragen besorgt: Werden wir in der nächsten Saison etwa absteigen in die Bedeutungslosigkeit? Das ist das Fragezeichen.

  

 

Erster Aspekt: Fitness – eine apostolische Checkliste
 

Als ich noch zur Volksschule ging, hieß das Fach „Sport“ noch „Turnen“ oder „Leibesübungen“. „Leibesübungen“ ist mein Stichwort, ist doch die Kirche der Leib Christi, ein Leib mit vielen Gliedern und Christus, seinem Haupt. Wann ist der Leib Christi fit? Anregungen für eine Checkliste finden wir bei Paulus im Römerbrief (Röm. 12, 4-8) im ersten Korintherbrief (1. Kor. 12.) und im Epheserbrief (Eph. 4,1-16) An ihnen können wir uns orientieren. Gehen wir die Punkte auf der Checkliste durch.
 

Punkt 1: Fit ist der Leib, dessen Glieder sich regen. 
 
1. Sich regen bringt Segen. Der Leib bleibt fit, wenn er sich regelmäßig und umfassend bewegt. Als couch- potatoe möchte man sich den Leib Christi nicht vorstellen. Da sagt kein Fuß: „Ich bin keine Hand. Deshalb bleibe ich jetzt stehen.“ Da sagt kein Ohr: „Ich bin aber kein Auge. Deshalb höre ich jetzt nicht zu.“ Nein, alle Glieder regen sich im Segen. Der Leib ist ständig in Übung, deshalb ist er fit. 
 
2. Der Leib hat ein Haupt, das ihn lenkt, und ist erfüllt von einem Geist. Wie der Odem dem Adam eingehaucht ist, so hält der Geist den Leib Christi lebendig. Ausgehend von diesem Haupt sind der Leib und seine Glieder aufeinander eingestellt. Der Leib ist an den Gliedern orientiert, und die Glieder orientieren sich auf den Leib hin. So kommt der Glaube aus der Predigt und geht in den Alltag, wo er sich bewährt. Und vom Alltag führt der Weg wieder zum Hören, das dem Glauben Nahrung gibt.
 
3. Was erwartet der Leib von seinen Gliedern – und was haben die Glieder vom ganzen Leib? Leib und Glieder müssen sich immer wieder neu aufeinander einstellen. Ein lebendiges Glied des Leibes ist, wer getauft ist, zur Kirche gehört und ein christliches Leben führt. Das entspricht auch evangelischem Gottesdienstverständnis. Manche Glieder denken, sie kämen auch ohne Leib klar, aber ohne Leib ist man kein Glied. Der Leib lebt in seinen Gliedern. Manchmal lässt der Leib seine Glieder gar nicht in Bewegung kommen, ja weiß nicht einmal, dass sie ihm angehören. Es lohnt sich, zu beobachten wie es um die Beschaffenheit – die Lateiner sagen: Qualität – des gottesdienstlichen Lebens zwischen Alltäglichkeit und Festlichkeit bestellt ist. Fit ist der Leib, dessen Glieder sich regen.
 
Punkt 2: Fit ist der Leib, dessen Glieder sich achten.
 
1. Das Auge sagt nicht zu der Hand: „Ich brauche dich nicht“. Und das Haupt sagt nicht zu den Füßen: „Ich brauche euch nicht“. Sie kennen sich und sie brauchen sich. Das gegenseitige persönliche Kennen von Pfarrern, Kirchenmusikern, Küstern, Pädagogen, Verwaltungsmitarbeitern und Ehrenamtlichen trägt sehr zur Fitness des Leibes Christi bei. Im kirchlichen Dienst in der Polizei habe ich darüber hinaus die Gemeindeglieder (ehemalige, aktuelle und künftige) in ihrer beruflichen Lebenswelt kennen gelernt und sie bei ihrem Gottesdienst im Alltag ihrer Welt erlebt. Die Glieder des Leibes sind ja nicht jenseits der Welt, sondern in der Welt Glieder des Leibes.
 
2. Es ist ein Zeichen von Gesundheit und Fitness, wenn die Linke weiß, was die Rechte tut. Wissen wir voneinander, was wir tun? Was die unterschiedlichen Berufsgruppen in der Kirche tun, die verschiedenen Kirchengemeinden, Dienste und Einrichtungen und was die Gemeindeglieder in ihren Lebenswelten jenseits der kirchlichen Binnenwelt, habe ich vor allem durch die Visitationen und im landeskirchlichen Reformprozess gelernt. Der Ordination [1] kommt in der Kirche eine zentrale Bedeutung zu, weil die Kirche ein Geschöpf des Wortes ist. Der Dienst am Wort Gottes in Verkündigung, Unterricht und Seelsorge hat deshalb eine herausgehobene Stellung in der Kirche. Mitarbeitende mit anderen Beauftragungen empfinden das bisweilen als Herabsetzung ihrer Profession, ja sogar ihrer Person und ihres Engagements und können darauf mit verminderter Identifikation reagieren. Umgekehrt entgeht Ordinierten manchmal, welches Potential und welche Kompetenz in den vielfältigen Diensten wirksam sind. Diese können sich nur entfalten, wenn es einen Raum des Zutrauens, der Anerkennung und des Respekts gibt. 
 
3. Der Leib ist nur einer. Wechselseitiger Achtung bedarf es deshalb auch für das Verhältnis der ökumenischen Partner zueinander. Wenn ganze Körperpartien sich gegenseitig bestreiten, voll gültiger Teil des Leibes zu sein, heißt das: Der ganze Leib steht irgendwie neben sich. In einem solchen Zustand ist ein Leib nicht wirklich fit. Wer vor dem Spiegel steht und sagt: „Das bin ich nicht“, hat ein Problem. Was das betrifft, wäre wohl einiges an Zerrungen und Überdehnungen einzurenken, damit deutlich wird: Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Dies ist ein Langzeitprogramm, bei dem noch nicht klar ist, ob die Trainingszeit bis zum Abpfiff ausreicht.
 
Punkt 3: Fit ist der Leib, dessen Glieder Leid und Freude teilen.
 
1. Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. In der Kirche gilt also nicht der Satz: Dem ehn sin Uhl, dem annern sin Nachtigall, sondern wir sagen mit Paulus: Lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden. Wo man sich über das Gelingen beim Andern freut, da wirkt diese Freude nach innen und außen weiter. 
 
2. Geteilte Freude - geteilter Schmerz, das kann auch zu doppelter Illusion führen: Gemeinsam empfanden wir in den siebziger Jahren Beruhigung über die gefüllte Schatztruhe trotz rückläufiger Mitgliederzahlen und lebten getrost über unsere Verhältnisse. Gemeinsam erleiden wir kirchliche Krisen und übersehen dabei die bleibende Treue Christi zur Kirche, ganz so, wie Wilhelm Busch den Zahnschmerz beschreibt: „Das Zahnweh, subjektiv genommen / ist ohne Zweifel unwillkommen. / Doch hat’s die gute Eigenschaft, / dass sich dabei die Lebenskraft, / die man nach außen oft verschwendet, / auf einen Punkt nach innen wendet.“ Aber: Ist es denn für den Leib Christi eine gute Eigenschaft, wenn er vor lauter Zahnschmerz gar nicht mehr wahrnimmt, wie gut und treu die Glieder trotz Krise leben und arbeiten? Ist es etwa eine gute Eigenschaft, wenn die Lebenskraft, die man sonst nach außen „verschwendet“, sich lediglich auf einen Punkt nach innen wendet? In theologischer Hinsicht ist verschwenderische Zuwendung nach außen wohl eher etwas sehr Positives.
 
3. Emotionen verbinden, indem man sie teilt. Zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ ist es emotional nicht immer einfach. Die Berufszufriedenheitsuntersuchungen von Pfarrerinnen und Pfarrern machen mich nachdenklich. Ich möchte sie nicht so lesen, dass Menschen mit wachsender Ferne von der vertrauten Gemeinde und wachsender Nähe zur Kirchenleitung zu Monstern mutieren. Gemeinsame Ziele, wechselseitige Wahrnehmung und Wertschätzung, Einbindung in ein gemeinsames Ethos, ein gemeinsames Auftragsverständnis, verabredete Ziele und eine geordnete Kommunikation – das wäre ein schöner Fitnessparcour. Das könnte große Freude machen!
 
Punkt 4: Fit ist der Leib, der nach außen wirkt.
 
1. Die Kirche ist sich nicht selbst genug. Sie ist Kirche in der Welt und Kirche für die Welt, von der sie ja selbst ein Teil ist. In der gottesdienstlichen Feier bildet sich das gottesdienstliche Leben im Alltag ab: Versammlung um Wort und Sakrament, öffentliche Präsenz, seelsorgliche Zuwendung, Leben lernen aus dem Evangelium, Nächstenliebe und gesellschaftliche Verantwortung, weltweite Gemeinschaft im Glauben und Mitverantwortung für den Weg der Kirche. Der Leib Christi macht sich nicht klein, sondern er nimmt Raum ein in der Welt. Das haben wir von Dietrich Bonhoeffer gelernt.
 
2. Die Kirche ist nicht zu reduzieren auf einen vermeintlichen so genannten Kern. Wer den Leib Christi fit halten will, darf konzentrieren nicht mit amputieren verwechseln. Die Kirche ist ein Gesamtkunstwerk, ein ganzer Leib, bei dem immer Eins mit dem Anderen zusammenwirkt: Gottesdienst, Öffentlichkeit, Seelsorge, Bildung, Diakonie, Mission/Ökumene, Leitung / Verwaltung. Rudolf Bultmann soll auf die Frage: Was ist der Kern des Evangeliums, wenn die Schale beseitigt ist? geantwortet haben: Was hoffen Sie von einer Zwiebel zurückzubehalten, wenn Sie Hautschicht für Hautschicht abgelöst haben? 
 
3. Die Kirche richtet  e r s t e n s  die Botschaft von der freien Gnade an alles Volk aus, an die Vereinsgemeinde und die Gottesdienstgemeinde, die Kasualgemeinde und die Personalgemeinde, die Gemeinde im Vorübergehen und die Fernseh- und Rundfunk- und Internetgemeinde, die aktuelle und die potentielle Gemeinde. In einer Kirche, die aus zugesagter Freiheit lebt, trägt   z w e i t e n s   das Gottesvolk auch selbst die Verantwortung für die Gestalt der Kirche und überlässt dies nicht einer sakralen oder profanen Obrigkeit oder charismatischen Genies und Führergestalten. Aus diesem doppelten Grund und in diesem doppelten Sinn bleiben wir als Kirche der Freiheit Volkskirche. Das gehört zur Fitness dazu.

 

Zweiter Aspekt: Zukunft – Erwartung und Ankunft
  
Der Leib Christi wächst Christus, seinem Haupt entgegen. Das ist nicht nur wichtig, um eine sachgemäße Vorstellung vom Wachstum zu gewinnen; das ist auch wichtig, um eine sachgemäße Vorstellung von der Zukunft zu gewinnen, für die der Leib Christi fit ist. Dem Zukunftsverständnis möchte ich mich dementsprechend jetzt zuwenden.
  

Weltgeschichte als Weltgericht
  
1. „Zukunft“ bezeichnet den Zustand oder die Ereignisse zu einem Zeitpunkt in geringer oder großer Entfernung. Zugleich lässt der Begriff „Zukunft“ noch mehr anklingen: Verheißung oder Drohung, Glück oder Verhängnis, günstiges oder böses Schicksal. Das Verlangen, die Zukunft zu kennen oder zu beeinflussen ist so alt wie die Menschheit. Unter dem Titel „Die Geschichte der Zukunft“ beschreibt ein französischer Soziologe die verschiedensten Versuche, sich der Zukunft zu bemächtigen. Orakel, Offenbarungen, Wahrsagen, Vorhersagen – alles kommt vor.  
  
2. Als das Neue noch verdächtig war und sich als Neuerung gegenüber dem Althergebrachten rechtfertigen musste, war die Zukunft nicht viel mehr als der morgige Tag, der seine eigene Plage hat. Er brachte Glück oder Unglück mit sich. Wo aber die Menschen ihre Geschicke in die eigene Hand nehmen, wird aus der Zukunft, die kommt und etwas mitbringt, das selbst gewählte Schicksal. Zukunft ist dann fast ausschließlich die Folge von geplantem Handeln und Unterlassen. Sie ist herbeigeführter Zustand, irritiert von einigen Unberechenbarkeiten, aber im Prinzip Ergebnis eigenen Tuns.
  
3. Das klang einmal optimistisch, als man noch an den Fortschritt glaubte. Aber die großen Heilsversprechen, die dann eingelöst sein sollten, wenn die Weltformel gefunden, die letzte Entscheidung gefallen oder das letzte Gefecht gekämpft war, haben sich als katastrophaler, blutiger Verrat entpuppt. Die Weltgeschichte wurde zum Weltgericht. Die Zukunft verspricht den Erfolg, sie droht aber auch mit dem Untergang. Erfolg rechtfertigt, Misserfolg verdammt. So werden Menschen zum Scheitern verdammt oder verurteilt. Die Zukunft kennt keine Gnade, sie kennt nur die dann geschehen seiende Geschichte, die Gewinner und Verlierer zurück lässt. Im Zuge der Evolution gilt das Prinzip „the survival of the fittest“[2]. So wird die Frage, wer fit für die Zukunft ist, scheinbar zu einer Frage auf Leben und Tod, Heil oder Unheil.
  

Gottesgeschichte als Advent
  
1. In der Bibel kommt das Wort „Zukunft“ vor, spielt allerdings keine prominente Rolle. Die prominente Rolle schlechthin spielt in der Bibel der verborgen regierenden Gott, der rettend, segnend und erlösend zur Welt kommt. Die Bibel erzählt von dem Gott, der kommt, um im Kampf den Schwachen beizustehen und den Gerechten Gelingen und Gedeihen zu geben. Sie erzählt von diesem Gott, dass er sich in seinem Sohn Jesus Christus an die Welt ausliefert bis zum Tod am Kreuz. Sie erzählt, wie er durch die Kraft der Auferstehung Jesu Christi von den Toten Menschen in der Taufe neu erschafft, so dass diese zu einem neuen Leben als Glied des Leibes Christi wiedergeboren werden. 
  
2. Wo Gott in Christus so zur Welt kommt, dass Menschen neu geboren werden, kommen diese zum Glauben, gewinnen das ewige Leben, empfangen die Gaben des Geistes (Glaube, Liebe und Hoffnung) und sind so mit Christus im anbrechenden Reich Gottes vereint. Zukunft heißt dann: Zukommen. Gott kommt zur Welt. Er kommt zum Menschen. Er kommt zu uns. Das macht die Welt neu, den Augen verborgen, so lange unsere Tage noch nicht gezählt sind, und von Angesicht zu Angesicht, wenn wir das Zeitliche segnen. Unsere Zukunft vollendet sich an unserem letzten Tag in der ewigen Gegenwart Christi. Dann sind wir ganz bei dem, der zu uns gekommen ist. So kommt zusammen, was auf ewig zusammen gehört. Das ist unsere Zukunft. Gott alles in allem. 
  
3. Zukunft heißt auch: Bleiben. Wir bleiben in ihm, und er bleibt in uns. Unsere Zeit bleibt begrenzt, und irgendein Tag wird unser letzter Tag sein. Aber dieser letzte Tag ist nicht unsere Zukunft. Die hat schon begonnen, und das wirkt sich schon jetzt aus. Das innere Leben der Gläubigen, die Selbstgestaltung der Kirche, die Weltgestaltung der Christenheit speisen sich aus dem befreienden und in Dienst nehmenden Evangelium, das die Welt neu macht und dem Reich Gottes entgegenführt. So bereitet Gottes Geist uns vor, macht uns passend, macht uns fit für die Offenbarung der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

  

Dritter Aspekt: Schätze sammeln und Sorgen in unserer Kirche – die Prioritätenfrage
  
Nicht alles, was so aussieht, ist ein Schatz. Das versteht sofort, wer Liebeskummer kennt. Und nicht alle Sorgen sind es wert, dass man sich um sie kümmert. Das lernen wir bei Jesus in der Bergpredigt. Schätze sammeln? Ja, aber nicht auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und Diebe sie stehlen, sondern im Himmel. Sorgen? Ja, aber nicht sorgen um Essen, Trinken, Kleider, Schuh, sondern sorgen für die vollkommene Gerechtigkeit: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Das hat Priorität. Wer ist dein Gott? Dein Gott ist, woran du dein Herz hängst. Du kannst nur einem Herren dienen – entweder Gott oder dem Mammon. Sage mir, wozu dein Schatz und deine Sorgen dienen, und ich sage dir, ob das Schätze sammeln und das Sorgen gerechtfertigt oder verwerflich ist. Wo dein Herz ist, da ist dein Schatz
  
1. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Finanzskandale können geistliche Sternstunden sein. Der Bau des Petersdoms war ein pfiffiges Fundraisingprojekt: Wir wollen eine Kirche bauen, schön, groß und beeindruckend, ein gesamteuropäisches Leuchtturmprojekt. Das ist gut. Wir wollen dafür Geld von unseren Mitgliedern sammeln, viel Geld. Das ist auch gut. Sie sollen etwas davon haben. Das ist noch besser. Alles hat seine Richtigkeit: Der Papst zahlt aus dem Schatz der Kirche (den Verdiensten Christi und der Heiligen) den Ablass, die Gläubigen zahlen für den Ablass aus dem eigenen Schatzkästlein, und die Ablässhändler haben einen Arbeitsplatz. Eine klassische Win- Win- Situation. Einen bis dahin unbekannten Wittenberger Mönch bringt das Fundraising- Projekt des Religionskonzerns Kirche jedoch in Harnisch: Er nagelt 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Den Rest der Geschichte kennen wir.
  
2. An zwei der 95 Thesen sei erinnert: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ (These 62) Über diesen Schatz verfügt die Kirche nicht. Sie hat allerdings andere Schätze in ihrer Mitte: „Die Schätze der Kirche sind die Armen der Kirche.“ (So in These 59) Wenn der wahre Schatz der Kirche das Evangelium ist, und wenn Gott diesen Schatz gratis, allein aus Gnaden, austeilt; dann schöpft die Kirche Jesu Christi immer aus dem Vollen und braucht sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen. Umgekehrt, sie kann für Andere sorgen und dabei auf einen unermesslichen Schatz an Gaben  - Paulus würde sagen: Charismen, zurückgreifen. Zu diesen Charismen gehört auch Geld, und dieses Geld kann sogar unmittelbar der Verkündigung und der Gemeinschaft des Glaubens dienen, so wahr Paulus für Jerusalem den Klingelbeutel kreisen lässt. 
  
3. Menschen, die in die Kirche kommen, werden getauft und dadurch Glied am Leibe Jesu. Talente, die in die Kirche kommen, werden in Gebrauch genommen und dadurch Charismen in der Gemeinde. Talente, die dem Reich Gottes entzogen werden und eigene Attraktivität entwickeln, und seien es ausgeglichene Haushalte, können vom Charisma zum Götzen werden, wenn Menschen ihr Herz dran hängen. Kein Einwand gegen freiwillige Gaben. Aber die Seligkeit ist kein Produkt, das die Kirche zu vermarkten hätte. Die gibt’s nur gratis. Aber die nimmt dafür auch das ganze Herz in Beschlag und hängt es Gott an.
 

Sorgen – Nicht: ja oder nein, sondern: für wen und wofür
  
1. Wer im Dienst der Herrschaft Gottes steht, der steht auch unter der Fürsorge des Schöpfers und Erhalters und wird mit Luthers Kleinem Katechismus glauben und bekennen, dass Gott ihn erschaffen hat samt allen Kreaturen und ihn treulich erhält. Wo das Brot fehlt, hilft das Sorgen im Geiste des Kleinglaubens auch nicht weiter, wohl aber die Hoffnung gegen allen Augenschein und die kluge und handfeste Sorge füreinander im Sinne der geschwisterlichen Liebe und kirchlichen Verantwortung. Den Gliedern des Leibes Christi steht es also gut zu Gesicht, sich umeinander und um die Menschen, die ihnen anvertraut sind, zu sorgen.
  
2. Der Partnerkirchenkreis des Kirchenkreises Münster liegt auf den Philippinen, mitten in einem Katastrophengebiet: Ein Taifun, ein Vulkanausbruch und Überschwemmungen haben sich gegenseitig überlagert und verstärkt. Ich werde die Glaubenshaltung dieser Menschen nie vergessen. Sie sorgten füreinander, sie sorgten für ihre Gäste, (für uns!) und sie freuten sich über unsere Fürsorge. (Wir hatten für sie zwar keine Schätze, aber doch einen nennenswerten Betrag gesammelt). Von ihrer Sorge für den morgigen Tag ließen sie sich dagegen nicht beherrschen. Der Vater im Himmel weiß, was seine Kinder auf den Philippinen brauchen. Also schickt er die Münsteraner dorthin. Das stand für unsere Philippinos völlig außer Frage. Und selbstverständlich erwarteten sie von uns nicht nur materielle und mentale Hilfe, sondern in jeder Gemeinde, die wir besuchten, auch ein geistliches Wort – die Botschaft für sie. Die Armen sind der Schatz der Kirche. Das ist wahr.  
  
3. Was wir kirchlich „Gaben“ nennen, heißt betriebwirtschaftlich „Ressourcen“. In diesem Wort steckt das Wort „resurrectio“, zu deutsch: Auferstehung. Gemeint ist: Der verbliebene Rest steht wieder zur Verfügung.  Das kennen wir in der Kirche gut: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden! Der glimmende Docht muss nicht verlöschen, und das geknickte Rohr muss nicht brechen. Das Scherflein der Witwe fällt ins Gewicht, das Vertrauen des Hauptmanns von Kapernaum geht nicht ins Leere. Das scheinbar Geringe und Verlorene hat Zukunft. Aus dem verlorenen Rest wird eine geistliche Gabe. Wo sonst, wenn nicht hier sind wir beim Kern der Sache? Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Damit sind die Prioritäten gesetzt. 

  

Das Thema – ein Wort zum Schluss
  
Ich komme zum Schluss. In der Münsterschen Lokalpresse konnte man vor geraumer Zeit einen Bericht über eine besondere Schatzsucheraktion lesen. Einige Personen waren von Mitbürgern dabei beobachtet worden, wie sie etwas im Boden vergruben. Das kam den Leuten verdächtig vor, und sie alarmierten die Polizei. Möglicherweise stand die Vermutung im Raum, hier sollte die Beute einer Straftat verschwinden. Stattdessen barg die Polizei einen richtigen Schatz, einen echten Schatz - für einen Kindergeburtstag. 
 
Man könnte jetzt noch ein bisschen philosophieren über die Kinder und die Phantasie, über das Vertrauen der Kinder und ihre Sicht auf die Welt. Eines unserer Kinder hatte in den Ferien auf dem Bauernhof eine nette Spielfreundin mit einem besonders verheißungsvollen Namen: Der kleine Schatz hieß Johanna Sorgenfrei. Und wenn Sie mich fragen: Sie war ziemlich fit für die Zukunft!

 

 

[1] Ich halte die Unterscheidung von Ordination als Voraussetzung für die berufliche Tätigkeit im Pfarrdienst als Sonderfall des rite vocatus gegenüber Beauftragungen zum Verkündigungsdienst und zu anderen Diensten in der Kirche für richtig. Bisher noch nicht zufrieden stellend gelöst erscheint mir die Frage der Aufsicht über (Ordinierte und) zum Verkündigungsdienst Beauftragte außerhalb des Pfarrberufs.

[2] Der „Fitteste“ überlebt. Das muss nicht der Stärkste sein, meint vielmehr das am besten an die Umwelt angepasste Lebewesen.

 

Ein Vortrag von Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese vom 22. Mai 2008 vor der Synode der Ev.-luth. Kirche in Oldenburg.

 

 

Der Autor Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese ist seit 2001 Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Münster der Evangelischen Kirche von Westfalen und Professor (apl.) für Praktische Theologie an der Ev.-Theol. Fakultät der Ruhruniversität Bochum. Zuvor war er von 1991-2001 Lehrbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für Ethik im Polizeiberuf an der Polizei- Führungsakademie in Münster- Hiltrup und Pfarrer im Landespfarramt der Evangelischen Kirche von Westfalen für den Kirchlichen Dienst in der Polizei. 2001 habilitierte er über die Polizeiliche Berufsethik als spezifisches Paradigma beruflicher Erwachsenenbildung in kirchlicher Verantwortung und weiterhin zur kirchlichen Zeitgeschichte, Sozialethik und praktisch-theologischen Kybernetik veröffentlicht.

 

Bild: Dieter Beese