Muss die Kirche erst finanziell am Ende sein ...?

Eine idea-Interview mit Klaus Jürgen Diehl

  

Klaus Jürgen Diehl

Seit etwa zehn Jahren ist in der Volkskirche so viel von Mission die Rede wie selten zuvor. Doch gleichzeitig sinkt die Zahl der Mitglieder in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) jedes Jahr um rund 250.000. Woran liegt es und was sollte sich hier ändern? Dazu Fragen an einen Experten für Evangelisation, den scheidenden Leiter des Amtes für Missionarische Dienste der Evangelischen Kirche von Westfalen: Klaus Jürgen Diehl (Dortmund). Am 21. August findet offiziell die Amtsübergabe an Pfarrerin Birgit Winterhoff statt. Bevor der jetzt 65-jährige Diehl das Amt 1995 übernahm, war der Pfarrer 24 Jahre Bundeswart des CVJM- Westbundes. Diehl ist auch Mitinitiator des westfälischen Gemeindefestivals „maximale“, des missionarischen Impulstages „proViele“ sowie Mitherausgeber mehrerer Bibelauslegungen. Er gehört sowohl zum Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz als auch zur westfälischen Landes- und der EKD-Synode. Mit ihm sprach Helmut Matthies von idea.

 

Nicht Kirche, sondern Esoterik ist leider gefragt

idea: Vor vier Jahren sagten Sie beim westfälischen Presbytertag, das Schrumpfen der evangelischen Landeskirchen sei keine unumstößlich feststehende Tatsache. Seitdem aber haben die deutschen Landeskirchen rund eine Million Mitglieder weniger. Woran liegt es?
Diehl: Zum einen: Es gibt zwar heute mehr als noch vor zehn Jahren religiös offene und interessierte Menschen, aber sie suchen Antworten nicht bei dem, was ihnen die Kirchen anbieten, sondern vor allem in allen möglichen Spielarten einer esoterischen Religiosität. Zum anderen: Die Kirchen haben weithin noch nicht die missionarische Herausforderung angenommen, die wir in Europa haben. Sie gehen noch immer viel zu wenig auf die Menschen zu, damit sie die christliche Botschaft kennen lernen können.

 

Noch nie war so viel von Mission die Rede
idea: Auf der anderen Seite dürfte selten in der Kirchengeschichte so viel von Mission die Rede gewesen sein wie in den letzten Jahren. Die EKD-Synode 1999 in Leipzig hat der Mission sogar die aller erste Priorität in der Volkskirche gegeben ...
Diehl: Theoretisch ist das richtig und begrüßenswert, aber in der Praxis sind wir noch weit davon entfernt, missionarische Kirche zu sein. Das liegt auch daran, dass wir immer noch zu sehr pfarrerzentriert sind. Viele Pfarrer müssen erst noch für die Mission gewonnen werden, damit sie dann die Ehrenamtlichen – aus meiner Sicht die eigentlichen Träger jeder Gemeindearbeit – ermutigen und befähigen können, missionarisch aktiv zu sein.


Wenn Pfarrer doch bloß ...
idea: Dass dies nötig ist, wirkt merkwürdig, denn die Hauptamtlichen – also die Pfarrer – müssten doch allerhöchstes Interesse daran haben, dass sie ihre Mitglieder behalten bzw. noch welche dazubekommen. Wenn ein hauptamtlicher Sport- oder Parteifunktionär nicht entsprechend wirken würde, entließe man ihn ...
Diehl: Leider aber ist die Situation in der Pfarrerschaft so. Es ist schwer, dieses System grundlegend zu ändern. Um beim Bild vom Sport zu bleiben: Der Pfarrer sollte sich in erster Linie als Trainer der Ehrenamtlichen verstehen. Die ökumenischen Partner unserer Kirche haben uns dringend geraten, unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sollten vor allem „die Heiligen ausrüsten zum Dienst“ (entsprechend Epheser 4). Hier aber erleben wir bei den deutschsprachigen Theologischen Fakultäten nach wie vor größten Widerstand, wenn es darum geht, die Ausbildung praxisnäher zu gestalten. Angehende Pfarrer müssten lernen, wie man auf Kirchenfremde zugeht und sie für den christlichen Glauben gewinnt. Soweit ich es sehe, gibt es eigentlich bisher nur eine Theologische Fakultät, die das wirklich zu einem Schwerpunktthema gemacht hat: die an der pommerschen Universität Greifswald. Es ist ermutigend, dass mittlerweile gerade diese recht kleine Fakultät einen solchen Zuwachs an Theologiestudenten verzeichnet.

Wie lerne ich, als Christ auf Atheisten zuzugehen?
idea: Wie lerne ich denn nun, auf Atheisten zuzugehen?
Diehl: Man lernt es nicht aus schlauen theologischen Büchern, sondern indem man es praktisch übt, sich beispielsweise beteiligt an den Besuchsdiensten, die jede Gemeinde haben sollte. Das ist eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die kontinuierlich möglichst viele Menschen aufsucht und ihnen deutlich macht, dass die Kirche an einem persönlichen Kontakt mit ihnen interessiert ist. Dabei kann man dann auch über ihre Erwartungen an die Kirche sprechen, über Kritik und Enttäuschungen und deutlich machen, warum man selbst Christ ist.
idea: Solche Kontakte sind doch eigentlich ganz selbstverständlich, wenn man nur daran denkt, wie sich beispielsweise Verlage darum bemühen, durch permanente Anrufe Bezieher zu halten oder zu gewinnen. Sie sagten einmal, der Volkskirche geht es finanziell noch nicht schlecht genug, dass sie bereit wäre, sich zu ändern und missionarischer zu werden.
Diehl: Zu dieser Einschätzung haben auch die Erfahrungen der Anglikanischen Kirche in England geführt. Erst in dem Moment, als sie vor einem finanziellen Kollaps stand, merkte sie, dass sie nur dann überlebt, wenn sie ernsthaft beginnt zu missionieren. Das hat dann zu einem „Jahrzehnt der Evangelisation“ geführt. Von einer solchen Initiative sind wir leider in der EKD noch weit entfernt. Deshalb schlage ich vor, dass die erheblichen Kirchensteuermehreinnahmen, die wir aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland seit zwei Jahren verzeichnen, auch in missionarische Projekte gesteckt werden. Bisher jedenfalls wird fast alles nur für Rücklagen verwandt.

Die Tabus in den Predigten
idea: Nach dem Neuen Testament geht es weniger um das Gewinnen neuer Kirchensteuerzahler (das könnte die erfreuliche Folge sein) als in erster Linie darum zu verkündigen, dass Menschen ohne eine Bindung an Jesus Christus am Sinn ihres Lebens vorbeileben. Von diesem Hauptmotiv für jede Mission ist mittlerweile weder in Landeskirchen noch in vielen Freikirchen die Rede.
Diehl: Es ist leider so, dass der entscheidende evangelistische Impuls – Menschen aus der Verlorenheit zu retten – kaum noch vorhanden ist. Wir stehen seit langem in der großen Versuchung, den Menschen ein Evangelium light zu verkünden, ein Wohlfühlevangelium, bei dem wir ihnen zuallererst die angenehmen Seiten des Glaubens vermitteln, ohne sie auch mit der zugegeben harten Wahrheit zu konfrontieren, dass ein Leben ohne Jesus verloren geht. Viele Prediger wollen den Menschen gefallen und weichen deshalb unbequemen, aber in der Bibel höchst wichtigen Themen aus wie Buße, Gericht und Verdammnis. In früheren Jahrhunderten mag man das vielleicht überbetont haben, heute aber kommt es so gut wie gar nicht mehr vor.

Das Geheimnis wachsender Kirchengemeinden …
idea: Worin besteht das Geheimnis wachsender Gemeinden in den Landeskirchen?
Diehl: Ich möchte es einmal an der Kirchengemeinde Nierenhof im Ruhrgebiet deutlich machen – am Rande des Kirchenkreises Hattingen-Witten. In dieser Gemeinde spielt das Gebet eine große Rolle. Zum Beispiel treffen sich jeden Mittwochmorgen um sechs Uhr engagierte Männer im Pfarrhaus zum Gebet für die Gemeinde. Oft meint man ja, Gebet sei eine Sache für Frauen. Aber hier sind es einmal Männer, die sich zu diesem wichtigen Dienst zusammenfinden. Ein anderer wesentlicher Aspekt dafür, dass diese Gemeinde 300 bis 400 Gottesdienstbesucher hat, ist, dass sie in vielen Kleingruppen Christen und am Glauben Interessierte miteinander ins Gespräch bringt. Darüber hinaus beteiligt sich diese Gemeinde intensiv an missionarischen Aktionen wie ProChrist.

Die beste „Methode“
idea: Was ist nach Ihrer Erfahrung heute die wirkungsvollste Methode, Menschen von der christlichen Botschaft zu überzeugen?
Diehl: Wir brauchen in einer sich mehr ausdifferenzierenden Gesellschaft sehr unterschiedliche Formen – von der klassischen Zeltmission über ProChrist bis hin zu kleinformatigen Glaubenskursen. Gemeinden, die solche Kurse anbieten, ermöglichen Fernstehenden, in einer vertrauten Atmosphäre Christen kennen zulernen und ihre Fragen anzusprechen. Dann halte ich für ganz wichtig, dass man neben dem bisher üblichen Sonntagsgottesdienst für die Kerngemeinde ein sogenanntes „zweites Programm“ anbietet, etwa einen Gottesdienst am Sonntagabend (diese Zeit hat sich als besonders günstig erwiesen), der lockerer gestaltet ist und eher Kirchenfremde als Zielgruppe vor Augen haben sollte. Solche Zweitgottesdienste – verbunden mit dem Angebot von Glaubenskursen – haben sich vielfach als so wirkungsvoll erwiesen, dass Gemeinden wieder wachsen.

Wird die deutsche Volkskirche evangelikal?
idea: Sie gelten als Linkspietist, der wichtige kirchliche Ämter übernommen hat. Mittlerweile wird aus liberalen und linksorientierten Kreisen der Volkskirche – also der EKD – vorgeworfen, sie würde immer evangelikaler ...
Diehl: Diese Feststellung halte ich für absurd. Ich habe mich gefreut, dass die EKD theologisch mehr in die Mitte gerückt ist und beispielsweise im Gegensatz zu früher klar davon spricht, dass man auch gegenüber Muslimen einen missionarischen Auftrag hat. Das ist keine evangelikale Position, sondern eine selbstverständlich biblische. Dass nun die EKD theologisch wieder von einer liberalen Randlage in der Mitte angelangt ist, ist begrüßenswert, hat aber überhaupt nichts damit zu tun, dass sie etwa evangelikal geworden wäre. Die EKD ist in ihren Verlautbarungen in den letzten Jahren nur ausgewogener geworden. Das sollte alle freuen, denen eine positive Entwicklung der Landeskirchen wichtig ist.

In jeder Gemeinde Glaubenskurse anbieten
idea: Wie beurteilen Sie den vor zwei Jahren begonnenen Reformprozess der Volkskirche unter dem Motto „Kirche der Freiheit“?
Diehl: Ich begrüße die in diesem Projekt zum Ausdruck kommende Tendenz, dem Abwärtstrend in der Volkskirche zu widerstehen, und Perspektiven für ein äußeres wie inneres Wachstum der Kirchen zu entwickeln. Besonders freut mich, dass die EKD ein Kompetenzzentrum „Mission in der Region“ errichten will, mit dem missionarische Projekte initiiert und koordiniert werden sollen. Hierfür sind bis zu drei hauptamtliche Mitarbeiter vorgesehen. Auch die missionarische Bildungsinitiative – nach der möglichst jede Gemeinde Glaubenskurse anbieten soll – halte ich für ein sehr erstrebenswertes Ziel. Es soll bis zum 500-jährigen Jubiläum des Beginns der Reformation 2017 verwirklicht werden.

  

Pietismus = alt?
idea: Und was für Wünsche haben Sie an den Pietismus?
Diehl: Ich bedauere es außerordentlich, dass die pietistische Bewegung in vielen Teilen unserer Landeskirchen nicht mehr so lebendig und kräftig ist wie einst. Sie gilt vielfach als eine Bewegung der Vergangenheit. Jüngeren und mittleren Generationen ist inzwischen der Pietismus fremd – selbst in einstigen pietistischen Erweckungsgebieten.
  
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idea: Danke für das Gespräch.

 

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt von der
Ev. Nachrichtenagentur idea e.V.

Das vollständige Interview ist abgedruckt in: ideaSpektrum Ausgabe 33/2008, S. 20-22.

 

 

 

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