Eine selbstwachsende Kirche
für eine wachsende Kirche!
Der Weidendom in Rostock als Beispiel avantgardistischen Kirchenbaus
Der Weidendom bewegt und steht, wächst und grünt. Was so schlicht klingt, erscheint auch am Beginn des Jahres 2006 noch immer wie ein Wunder. Mit dem Weidendom in Rostock entstand eine lebende Kirche, und dies ist hier durchaus nicht in übertragener Weise zu verstehen, sondern ganz konkret: Diese Kirche lebt und ist lebendig. Der Weidendom stellt den Menschen so deutlich zwischen Himmel und Erde, dass sich der Faszination dieses Bau(m)werkes kaum jemand entziehen kann, der es besucht.
Nicht aus Feldsteinen oder Ziegeln, nicht aus Holz oder Beton sind die Wände; weder ein Kupferdach noch Ziegel bieten Schutz, lediglich ein leichtes Zelt schirmt den Regen ab. Vielmehr gepflanzt als gebaut wurde diese Kirche aus ungezählten großen und kleinen Weidenruten, die zu Bündeln zusammengefasst worden sind und sich in sanften Bögen dem Himmel entgegenrecken.
Wer im eigenen Garten vielleicht einmal mit Weiden experimentiert hat, kennt die Lebenskraft und die Flexibilität von Weidenruten: eine Laube für die Kinder zum Spielen, ein Kriechtunnel oder auch ein geflochtener Zaun... alles leicht zu schaffen, aber eine Kirche von fast 50 Metern Länge und einer Höhe von 15 Metern? So etwas klingt nach Phantasterei und unrealistischen Traumspielen. Und dass nun gerade in Mecklenburg, wo man selbstironisch sagt, dass hier die Welt 50 Jahre später unterginge, das weltweit größte Weidenbauwerk steht, möchte man kaum vermuten.
Doch der Weidendom bewegt und steht, wächst und grünt. Diese lebendige Kirche wurde als augenfälliger Beitrag der Kirchen Norddeutschlands zur Internationalen Gartenbauausstellung Rostock 2003 gepflanzt, sie schlägt in jedem Frühjahr neue Triebe aus und wird nach wie vor von Leben erfüllt.
„Wer weiß, ob wir im Leben träumen oder im Traume leben?“ (Lao Tse)
- Die Entstehung des Projektes -
„Hier wächst das Leben“ war die Imagebotschaft, mit der Ende des Jahres 1998 um Mitarbeit und Sympathie geworben wurde und die Rostocker Öffentlichkeit in Hinsicht auf das bevorstehende Großereignis IGA 2003 informiert wurde. Schnell war klar, welch große Chance und Herausforderung dieses Projekt auch für die Kirchen darstellte. Als Pastorin des an das künftige IGA-Gelände angrenzenden Stadtteils Rostock –Schmarl fiel mir das Thema sozusagen vor die Füße. Der Traum von einer lebendigen Kirche entstand in einem inspirierten Gespräch mit Prof. Albrecht Krummsdorf, der zu meiner damaligen Gemeinde gehörte. Als er mir „Das Weidenbaubuch“ von Marcel Kalberer/Micky Remann vorlegte, begann der kreative Prozess, in den sich bis heute Tausende von Menschen eingebracht haben. Beim Blick auf die faszinierenden Fotos des „Auerworldpalastes“ in Auerstedt, nahe Weimar, war die Idee geboren: „Wenn so etwas mit Weiden möglich ist, dann können wir auch eine Kirche bauen!“
Dass dies kein Traum geblieben ist, sondern Realität geworden ist, gehört zu den überwältigenden Erfahrungen meines Lebens.
Wie kann es gelingen, dass die Botschaft von der Liebe Gottes für viele Menschen erfahrbar wird? Wie können wir als Christinnen und Christen an der Zielsetzung der IGA anknüpfen, die ein lebendiges, blühendes Gegengewicht setzen will in einem Umfeld Rostocks, das durch ganz andere Zusammenhänge in die Schlagzeilen geraten war? Schließlich war der Nordwesten Rostocks mit seinen großen Plattenbau-Wohngebieten insbesondere durch die Ereignisse in Lichtenhagen immer wieder in ein ausländerfeindliches, bedrohliches Licht gerückt worden. Eine Internationale Gartenbauausstellung, die erste in einem neuen Bundesland überhaupt, in einem Umfeld, das oft als sozialer Brennpunkt erlebt wurde, war eine besondere Herausforderung.
Würde es gelingen ein Zeichen zu setzen, das etwas davon mitteilt, woran wir glauben? Wir sahen auch eine missionarische Chance darin, die gesteigerte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit der IGA zu nutzen. Eine selbstwachsende Kirche für eine wachsende Kirche! Die Menschen, die zu den evangelischen und katholischen Gemeinden Rostocks gezählt wurden, stellten Ende der 90iger Jahre einen Bevölkerungsanteil von unter 10 % dar. Die Frage war doch, ob wir die Mehrheit der Konfessionslosen, Nichtchristen, Atheisten – oder wie auch immer ihr Selbstverständnis zu beschreiben ist – erreichen könnten. Denn ein Großteil der prognostizierten 3 Millionen Besucher zur IGA würde auch aus dem näheren Umfeld kommen.
„Kirche auf der IGA 2003“ war eine spannende Aufgabe, die allerdings die Möglichkeiten einer Gemeinde, auch einer Stadt wie Rostock, sogar einer einzelnen Landeskirche gesprengt hätte. Aber eines war sicher: wir Christinnen und Christen wollten keine Mauerblümchen bei der großen Blumenschau sein! Bereits im Frühjahr 1999 formierte sich ein Trägerkreis aus begeisterten Menschen verschiedener kirchlicher Bereiche, die sich den Traum von einer lebendigen, wachsenden Kirche zu eigen gemacht hatten. Von Anfang an lebte dieses Vorhaben aus der freiwilligen, ehrenamtlichen Mitarbeit von Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen wie auch von Konfessionslosen; basisnah, ökumenisch orientiert, von unten wachsend. Die Ehrenamtlichen des Trägerkreises leisteten über die Jahre hinweg Erstaunliches im Blick auf die organisatorischen und konzeptionellen Vorbereitungen.
In der Mitte des Jahres 1999 gab die Mecklenburgische Kirchenleitung grünes Licht für das Projekt „Kirche auf der IGA“, das die engagierte Vorbereitungsgruppe auf den Weg gebracht hatte. Die Ideen und die konkreten Pläne wuchsen schnell, als es gelungen war, den Architekten Marcel Kalberer für dieses Vorhaben zu begeistern. Als Kopf der Baukunstgruppe „Sanfte Strukturen“ beschäftigt sich dieser seit Ende der siebziger Jahre mit Naturbauten und war der ideale Partner für die Rostocker Idee.
Wer mehr über die menschen- und bäumeverbindenden Aktionen Marcel Kalberers erfahren möchte, dem hilft folgender Literaturhinweis weiter: Marcel Kalberer, Micky Remann, Das Weidenbaubuch, Die Kunst lebende Bauwerke zu gestalten, AT Verlag, Aarau, Schweiz 1999 und Marcel Kalberer, Micky Remann, Grüne Kathedralen, Die weltweite Wirkung wachsender Weiden, AT Verlag, Aarau und München 2003. Vgl. auch „Zwischen Himmel und Erde - Die Baukunst der Glücklichen“ ein Film von Karl-Heinz Heilig. Dieser Film zeichnet ein Porträt von Dorothea Kalb-Brenek und Marcel Kalberer und dokumentiert unter anderem die Arbeiten am Weidendom in Rostock. |
Auch für ihn rückte ein Traum in greifbare Nähe. Welcher Architekt würde es nicht als großen Reiz empfinden, in heutiger Zeit eine „Kathedrale“ zu bauen? „Der Dom ist wie ein Wald, den wir pflanzen, dem wir eine eigene Form geben.“, so Marcel Kalberer zu seinem Entwurf einer ökumenischen Weidenkirche. Die Zeichnungen und Visionen für eine lebendige Kirche auf der IGA überzeugten nicht nur die Verantwortlichen auf kirchlicher Ebene, auch die Planer der IGA-GmbH waren fasziniert von der Idee. Auf dem IGA-Gelände, einem ehemals brachliegenden, ca. 100 ha großen Bereich am westlichen Ufer der Warnow gab es die besten Voraussetzungen, um den Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Nahe eines alten Kopfweidenweges, also einem Standort, an dem sich die Weiden naturgemäß angesiedelt hatten, wurde der künftige Platz für den Weidendom gefunden. So war der Boden bereitet, die Samen der Ideen ausgestreut, erste Pflänzchen konkreter Umsetzung reckten ihr zartes Grün ins Licht.
Die Weide – ein Symbol für die unverwüstliche Kraft des Lebens
Man kann die Weide als eine wahrlich vielseitige Weltbürgerin bezeichnen. Sie kommt in mehr als dreihundert Arten vor und ist über die gesamte Nordhalbkugel, wie auch in Südamerika und Südafrika verbreitet. Man nimmt an, dass die erste europäische Trauerweide aus Westchina stammte. Interessant ist auch zu wissen, dass das chinesische Schriftzeichen „Qi“ sowohl „Lebensenergie“ wie auch „Weide“ bedeutet.
Eine Internationale Gartenbauausstellung, die als Magnet für Gäste aus aller Welt fungieren soll, gibt sich mit einem Weidendom durchaus kein provinzielles Flair. Wenn „die Welt in Rostock zu Gast“ ist, wie man im Vorfeld der IGA meinte, dann sollten wir unseren Gästen auch etwas typisch mecklenburgisches präsentieren. Weiden gehören dazu. Seit Jahrhunderten prägen die knorrigen Baumgestalten auch das Landschaftsbild von Mecklenburg-Vorpommern. Mögen die Menschen dieses Landstrichs für andere mitunter ebenso knorrig wirken, lassen sich auch andere Eigenschaften der Weide mit den hiesigen Menschen vergleichen. Sie haben die gleiche vitale Energie, selbst aus wenig attraktiven Erscheinungen etwas kräftig Grünendes wachsen zu lassen. Die Weide ist wegen ihrer heilenden Wirkung bekannt und ist für sehr viele Tierarten der bevorzugte Lebensraum. Ihr zäher Lebenswille half ihr, Methoden zu finden, auch unter widrigen Umständen zu existieren. Auf lange überfluteten Böden überleben die Pflanzen lange, lediglich Trockenheit macht ihnen schwer zu schaffen.
Die Energie der Weiden fasziniert seit jeher die Menschen. Wenn noch winterliche Kälte herrscht, streckt sie als erste Frühlingsboten ihre zarten Weidenkätzen in die Luft. Weiden passen sich vielerlei Bedingungen an, brauchen für ein gutes Wachstum aber vor allem Wasser und Licht. Unser Bundesland gehört zu den wenigen Regionen Europas, wo die Weide wirklich noch fast überall zu finden ist. Die Kopfweiden entlang eines alten Kirchenstieges, der die heutigen Rostocker Stadtteile Schmarl und Groß Klein verband, waren somit die besten Argumente für die Standortfindung. Da die Kopfweiden regelmäßig beschnitten werden müssen und dabei ihren „wuchernden Kopf“ verlieren, lieferten sie einen großen Teil der Ruten, die in den Weidendom gepflanzt wurden. Weiden haben eine besondere Eigenart sich gut zu vermehren: wenn man Stecklinge in die Erde pflanzt, entwickeln sie Wurzeln und ein neuer Baum entsteht.
Weiden wachsen durch Wasser, Licht und Liebe
- Das Internationale Baucamp im Frühjahr 2001 -
Nachdem im Herbst des Jahres 2000 die vertraglichen Grundlagen für das Projekt „Kirche auf der IGA Rostock 2003“ gelegt worden waren, stand der Realisierung dieses einzigartigen und höchst symbolischen Kirchenbaus nichts mehr im Weg. Die drei evangelischen Landeskirchen Norddeutschlands (Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs, Pommersche Evangelische Kirche) und das Erzbistum Hamburg von katholischer Seite hatten mit der IGA Rostock 2003 – GmbH eine Vereinbarung getroffen, die die Konditionen dieses Engagements regelte. Die kirchliche Geschäftsstelle „Kirche auf der IGA“ hatte mit hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Koordinierung und Organisation des Projektes die Arbeit aufgenommen.
Die Grundsteinlegung, besser gesagt die Grundstockpflanzung am 5. März 2001 wurde von einer sehr interessierten Öffentlichkeit verfolgt, die auch am weiteren Fortgang des Geschehens regen Anteil nahm. Noch unter sehr winterlichen Bedingungen begann die Pflanzung des Baumwerkes Weidendom. Was der Teamleitung der Gruppe „Sanfte Strukturen“ in den darauffolgenden Wochen gelang, grenzt wirklich an ein Wunder. Menschen aus vieler Herren Länder ließen ihre Muskeln spielen, um ohne die Hilfe von Maschinentechnik eine lebendige Kirche entstehen zu lassen. Die Liste der Freiwilligen ist lang; sie vereinigt mehr als 600 Menschen, die aus beispielsweise aus Russland, Lettland, Armenien, Frankreich, Schweiz, Polen und aus allen Teilen Deutschlands kamen. Alle waren bereit, einige Tage bis Wochen ihres Lebens einzusetzen, um unentgeltlich für Kost und Logis dabei zu sein, wenn eine lebende Weidenkathedrale sich dem Himmel entgegenschwingt.
Die Kunst des Weidenbaus ist einfach: um ein Stahlrohr, das die Funktion einer formgebenden Schablone hat, werden in mehreren Lagen Weidenruten gebündelt. Dies lässt sich durch Zuschauen und Mitmachen schnell erlernen; Sprachbarrieren hinderten die Arbeit nicht. Jede und jeder hatte sofort die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten und Talente einzusetzen. Das Ausheben der Pflanzlöcher war härtere Arbeit für die ganz Kraftvollen, auf das 15 Meter hohe Baugerüst der Kuppel kletterten nur die Schwindelfreien, das Sortieren und Bündeln der Weidenruten ging allen Teilnehmern leicht von der Hand.
Stellen Sie sich bitte eine Baustelle vor, auf der kein Betonmischer dröhnt, wo keine Kreissäge das Ohr martert, kein Gabelstapler das Material bringt etc.. Alles geschah durch menschliche Muskelkraft! Die verwunderten Augen der Berliner Jungs sehe ich heute noch vor mir: „Was- hier gibt es keinen Strom?!“ Die Enttäuschung war ihnen ins Gesicht geschrieben, hatten sie doch gehofft, wenigstens ihre Musikanlage zum Dröhnen zu bringen. Doch die Atmosphäre auf der Weidendombaustelle war geprägt von solch einem andersartigen Miteinander, dass diese Art von Zumutungen schnell in helle Begeisterung umschlugen. Was Menschen möglich ist, die liebevoll und respektvoll untereinander und mit der Natur umgehen, das konnte man hier sehen und miterleben.
Aus Rutenbündeln mit einem Durchmesser von bis zu 30 cm entstanden bis zu 18 m lange Gebinde, die dann beispielsweise zu den Säulen der Kuppel zusammengefügt wurden. Doch solche 500 bis 800 kg schweren Bögen lassen sich nur bewegen, wenn viele Hände beteiligt sind. Die Bögen aufzurichten ging nur, weil im wahrsten Sinne des Wortes alle an einem Strang zogen.
Dem insgesamt zwanzigköpfigen Team von „Sanfte Strukturen“ gelang es, die unterschiedlichsten Menschen zu einem Kirchenbau zu vereinen, die man sonst wohl kaum miteinander antreffen würde. Da packten rüstige Rentner ebenso an wie die Lehrlinge einer Berufsschule; Mütter arbeiteten an den Bündeln, während ihre Kinder im Sand spielten; aus der Nachbarschaft kamen Arbeitslose, die ihre Zeit mitbrachten; Akademiker standen gleichberechtigt neben Menschen aus einer Wohngruppe für geistig Behinderte... Alle erlebten: hier bin ich wichtig mit dem, was ich bin und kann.
Das Arbeitstempo selbst bestimmen, die eigenen Kräfte zum Wohle des Ganzen einbringen, sich in freier Arbeit selbst zu spüren, den Fortschritt eigener Mühen zu sehen, die Begegnung mit anderen Menschen zu genießen – wenn das kein schönes Bild von Kirche ist! Dies war allen Beteiligten nachvollziehbar: wir sind als Menschen in einen gemeinsamen Lebensraum gestellt, wir sind Geschöpfe zwischen Himmel und Erde, verwurzelt und beschenkt mit himmlischen Segen.
Mit jedem Handgriff flochten all die jungen, die erfahrenen, die alten und die neugierigen Menschen ihre Erfahrungen, ihre Hoffnungen, ihren Glauben und ihre Liebe hinein in die Weidenbündel, aus denen nach und nach die klassisch klare Struktur des Weidendomes entstand. Was unter unseren Händen entstand, bedurfte kaum weiterer Interpretation. Jedem erschloss sich, was geschah: Wir bauen eine lebendige Kirche, wir sind Kirche, jede und jeder auf andere Art: Es gibt die ganz Starken, Kräftigen; sie ähneln den bis zu 7 m langen Weidenruten, die ihren Platz in der Kuppel fanden. Es gibt die Biegsamen, Zarten, die einen schönen Bogen bilden. Andere wiederum bilden die lebendige Außenschicht, jene Zweige, aus denen zuerst neues Grün sprießen wird. – Ich möchte aus einem der Briefe zitieren, die mich nach diesem Baucamp erreichten. Toni Anderfuhren schrieb: „Auch wenn ich Anfang März nur eine Woche am Weidendom mitgearbeitet habe, ich hab’ da tatsächlich – und doch wohl auch vorsätzlich – von meinem raren Herzblut einige Tropfen verschüttet und kann mich deshalb wohl nie mehr von diesem Bauwerk lösen. Und – ich bedauere dies keineswegs!“
So wie ihm ging es vielen, die seit jenem Frühjahr 2001 dabei waren. Ungezählte Menschen haben in der folgenden Zeit ihr Herz für den Weidendom entdeckt und sich mit ihrem Herzblut, ihren Begabungen und ihrem Engagement in diese lebendige Kirche „hineingebunden“.
Avantgardistisch und hellsichtig war diese Kirchenpflanzung in dem Sinne, dass es gelang, die vorhandenen Ressourcen nachhaltig zu nutzen: mit dem, was die Natur bereit hält, mit Phantasie und Mut, mit menschlicher Kraft, mit dem Wasser, das der Himmel gibt, mit dem Charme einer einfachen Idee, mit den begrenzten ökonomischen Möglichkeiten einer nicht gerade reichen Region, mit der Liebe aller Dombauerinnen und Dombauer.
Als beispielsweise Ende April 2001 das erste Baucamp mit einem zünftigen Richtfest zu Ende ging, standen die Menschen ergriffen beisammen und begannen zu verstehen, welche zutiefst christliche Erfahrung sie gerade machten. Als das Lied „Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit“ (EG: 502) erklang, empfanden viele dankbar, dass „vieltausend Engel“ dies Gemeinschaftswerk begleitet hatten und ohne Unfall und Schaden diese einzigartige Kirche gepflanzt werden konnte. Des Himmels reicher Segen begleitete uns nicht nur in Form des Regens.... „Zur grünen Weiden stellet euch willig ein...“ diesem Wort folgten viele. Sie ließen sich dort Gottes Wort verkündigen, sie arbeiteten und feierten, sie lauschten dem Gesang der Vögel oder einem Konzert...
Aber auch die Zielsetzung hinsichtlich der Rostocker Bevölkerung ging auf. Die Zaungäste wurden immer zahlreicher, die Menschen pilgerten neugierig zur Baustelle und staunten, dass die dürren Zweige tatsächlich frisches Grün hervorbrachten. Ungezählte Gespräche gab es: Schulklassen und andere Besuchergruppen kamen und ließen sich das Projekt erklären. So kann Kirche sein: lebendig, offen, einladend, Neugier weckend und Lust machend auf mehr! Der Weidendom hat keine Türen und ist deshalb auch mehr als ein niedrigschwelliges Angebot für Suchende. Er bietet einen freien Einblick auf das, was Christen verbindet. Die Andachten und Gottesdienste, die von Anfang an unter den Weiden gefeiert wurden, waren und sind eine Einladung an alle mit dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, tiefere Bekanntschaft zu schließen: Kommt und seht wie freundlich unser Gott ist! Der Weidendom ist ein besonderer Ort der Verbundenheit, der Menschen untereinander und mit Gott wachsen lässt.
- Die zweite Bauphase 2002 – 2003 -
Das Interesse am Weidendom blieb in den folgenden Monaten ungebrochen. Während auf dem übrigen künftigen IGA-Gelände noch triste Baustellenatmosphäre herrschte, erhob sich der Weidendom bereits und war, lange bevor die IGA ihre Tore öffnete, zu einem Wahrzeichen der Ausstellung geworden. Im März 2002 wurden die vorbereitenden Arbeiten am Weidendom fortgesetzt. Wieder fanden sich diesmal rund 40 Freiwillige, die unter der Anleitung von „Gründlich Grün“ die Flechtwände im Bereich der Kuppel und der Apsiden sowie einen 50 m- langen Kriechtunnel im angrenzenden Spielbereich pflanzten. Die ursprünglich geplanten Lehmwände in den Apsiden konnten nicht realisiert werden. Im Herbst folgten wieder Mitbauaktionen: nach dem Abriss einer alten Kaserne in Parchim fanden sich zahlreiche Freiwillige umliegender Kirchgemeinden bereit, die Ziegel zu bergen und zu verladen. Schließlich konnte mit rund 15 000 Steinen der Innenbereich des Weidendom gepflastert werden. Im Bereich der Kuppel und des Langschiffes wurden die alten Ziegel ‚recycelt’: Sie gaben dem Weidendom einen Fußboden, der dem zu erwartenden Besucheranstrom standhält. Die Absiden im Norden, Osten und Westen der Kuppel erhielten feste Einbauten, die mit einer lichtdurchlässigen Plane überspannt sind. So wurde ein Raum der Stille mit einem gläsernen Taufbecken, ein multifunktionaler Raum und ein Informationsbereich geschaffen. Stauraum für Technik, Bestuhlung etc. entstand in den Verbindungsgängen zwischen den Absiden. Zum gestalteten Umfeld des Weidendomes gehörten nun auch große, langgestreckte Holzquader als Ruhebänke, ein Glockenturm und das Weidendomcafe. In der Kuppel wurde ein schlichter Altar aus Holz und Stahl, nebst Lesepult und Kerzentisch installiert. Kurz bevor die IGA begann, wurde ein lichtes Zelt eingehängt, welches das schöne Rund der Kuppel überspannte.
Auch die inhaltlichen Vorbreitungen für das Großereignis IGA liefen in dieser Zeit auf Hochtouren. Schließlich galt es, ein attraktives Programm für 171 Tage zu gestalten.
Auf breiter Ebene wurde zum Mitmachen eingeladen: die Gemeinden der vier Trägerkirche, die Dienste und Werke, die Freikirchen und Gruppen der ACK und andere Interessierte hatten die Möglichkeiten, sich mit Gottesdiensten, Aktionen, Konzerten usw. in das Programm während der IGA einzubringen. Aber auch das Engagement einzelner Christinnen und Christen war gern gesehen, so sollte ein „Präsenzdienst“ dafür sorgen, dass die Besucher stets freundlich und kundig begrüßt werden konnten.
Himmel und Erde verbinden
- Die intensiven Erfahrungen während der IGA 2003 -
Die haupt- und ehrenamtlich Engagierten fieberten dem Tag entgegen, auf den sie seit rund 4 Jahren hinarbeiteten: Am 27. April 2003 – genau zwei Jahre nach dem Richtfest- begann mit einem Ökumenischen Gottesdienst das kirchliche Angebot auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Rostock. Unter Beteiligung von Pastoren der vier Trägerkirchen und einer großen Menschenmenge wurde um Segen für dieses besondere Gotteshaus gebetet. Wieder riss der wolkenverhangene Himmel auf und dem Geheimnis dieses strahlenden Augenblicks konnte sich wohl niemand entziehen.
Detailliert zu beschreiben, was in den folgenden 6 Monaten tagtäglich geschah, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen: schlicht gesagt „Kirchentagsfeeling“ permanent. Rund 250 Veranstaltungen, täglich regelmäßig um 10, um 12 und um 17 Uhr Andachten, jeweils Sonntags um 11 Uhr Gottesdienste, Ausstellungen, am Samstag war meist ein besonders auf Kinder ausgerichtetes Angebot zu finden. Doch nicht nur die Highlights oder die Konzerte zogen die Besucher an, selbst die Atmosphäre, einfach unter der Kuppel zu sitzen und den eigens komponierten Weidenklängen zu lauschen, war für viele eine bewegende Erfahrung. Acht prall gefüllte Gästebücher legten Zeugnis ab über die Wirkung, die der Weidendom auf seine Gemeinde und seine Gäste gehabt hat. Man schätzt, das insgesamt ca. 2 Millionen Menschen (85% der gezählten Besucher) den Weidendom während der IGA besucht haben. ... Dies alles war nur möglich durch das Mitwirken tausender von Menschen, nimmt man all jene zusammen, die gebaut und gepflanzt, gehegt und gepflegt haben, die in den Gottesdiensten und Veranstaltungen mitwirkten, die sich um das Wohl der Gäste kümmerten und all derer, die mühsame organisatorische Arbeit im Hintergrund leisteten. Den Weidendom mit Leben zu erfüllen, ist gelungen.
Der Weidendom bewegt und steht, wächst und grünt
- Das Engagement der Ehrenamtlichen im Freundeskreis Weidendom -
Die IGA endete am 12. Oktober 2003, aber die gewachsene Begeisterung für den Weidendom war noch lange nicht zu Ende. Wenig später gründete sich aus dem Pool der Mitwirkenden der „Freundeskreis Weidendom e.V.“. Das Engagement der 4 Trägerkirchen für dieses Projekt lief aus und nun standen all jene, die ihr Herzblut hineingebunden hatten, vor der Frage: Wie geht es weiter? Einer lebenden Kirche, den Lebenssaft wieder zu entziehen, konnte man sich nicht vorstellen. Seit nunmehr reichlich 2 Jahren arbeitet der Verein auf ehrenamtlicher Basis weiter und sorgt mit umfangreichen Pflegemaßnahmen dafür, dass die Schönheit dieser grünenden Kirche erhalten blieb.
Schon wenige Tage nach IGA – Abschluss im Herbst 2003 fegte ein Orkan die stabile Zeltkonstruktion der Parkbühne davon. Der Umsicht der Dombauer war es zu verdanken, dass die Kuppel des Weidendomes diesen Sturm unbeschadet überstand. Das Zelt war kurz vorher abgehängt und die Windlast somit verringert worden, die die Kuppel schon in bedrohliche Schieflage gebracht hatte. Mittlerweile wurde die Kuppel gerichtet, mit Stahlrohrstreben fixiert und so für die nächsten Jahre gesichert. Wie viele Stunden freiwilliger Arbeit die Ehrenamtlichen in den letzten Jahren bei ihren wöchentlichen (!) Arbeitseinsätzen am Weidendom geleistet haben, das nötigt immer wieder Bewunderung ab.
Als Freundeskreis Weidendom e.V. können wir auf zwei Jahre erfolgreicher Arbeit zurückblicken, die Planungen für das laufende Jahr sind fast abgeschlossen. In der wärmeren Saison, die von etwa von Mai bis Ende bis Anfang Oktober reicht, gehören Gottesdienste jeweils sonntags um 15.30 Uhr zum regelmäßigen Angebot, Konzerte, Sommerfeste, Kino im Weidendom und andere Aktionen runden das Programm ab. Der Weidendom bewegt die Menschen und gibt ihrem Glauben einen guten Ort. Der Weidendom steht, wächst und grünt, dank Gottes Segen und der Liebe vieler Christinnen und Christen. Ökumene zu leben war und ist das Anliegen aller, die im Weidendom Heimat für ihren Glauben gefunden haben. Was gut verwurzelt ist, hat die Kraft sich dem Himmel entgegenzustrecken.
Das aktuelle Veranstaltungsangebot findet man unter
www.weidendom.de. Der Verein freut sich über weitere Mitglieder oder auch über die Unterstützung in Form von Spenden oder einer Fördermitgliedschaft. Informationen über: Freundeskreis Weidendom e.V.
Am Ziegenmarkt 4, 18055 Rostock
weidendom(at)ev-akademie-mv.de Telefon: 0381-7788934.
Die Autorin
Sabine Handrick ist Pastorin in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und gehört zu den Initiatorinnen des Projekts „Kirche auf der IGA Rostock 2003“. Gegenwärtig ist sie in der
Kirchgemeinde Lambrechtshagen tätig.
Fotos: Sabine Handrick












