Eine Leseprobe
von Kester Brewin
Advent
Bevor die Kirche sich verändern kann, bevor ich mich verändern kann, bevor sich überhaupt irgendetwas verändert, braucht es eine Zeit zum Zur-Ruhe-Kommen. Eine Pause. Eine Rast.
Das entspricht dem Wesen der Natur. Sie legt fest, dass sich eine Richtungsänderung
nicht direkt realisieren lässt. Um das einmal physikalisch zu erklären: Wenn die Zeitspanne, in der eine Änderung stattfinden
soll, gleich Null wäre, bräuchte es eine unendliche Beschleunigung, die durch das Produkt mit unserer Masse auch eine unendliche
Kraft erforderlich machen würde. Und diese würde uns zerstören.
Deshalb ist es unbedingt notwendig zu warten und zur Ruhe zu kommen,
bevor eine für unser Überleben so unentbehrliche Veränderung beginnen kann. Das widerspricht natürlich erst einmal unserer Lust
an schnellen Entscheidungen, stimmt aber mit der Weisheit Gottes überein, die auch in der Wissenschaft ihren Ausdruck findet. Dahinter
steht die liebevolle Absicht des Schöpfers, mit uns auf sanfte, einfühlsame und friedvolle Weise umzugehen. Wir sollen geformt und nicht
zerschmettert, geführt und nicht mitgeschleift werden. Doch wir hätten
die Veränderungen gern direkt, mit sofortiger Wirkung, am besten durch ein Wunder: ein neues Programm, das alle notwendigen Schritte
durchführt und uns auf der Stelle in Ordnung bringt. Ganz gleich, worum es geht: eine neue Arbeitsmethode, ein neues Gebäude, einen
neuen Weg, um zur Ruhe zu kommen, oder einen Kurs, der uns postwendend von Stadium 3 zu Stadium 6 katapultiert. Wir wären am
liebsten jetzt schon am Ziel, ohne viel Trara, Anstrengung oder lange Strapazen. Runter vom lokalen Maximum und direkt auf den Everest.
Am besten mit dem Hubschrauber.
In einem Bericht der Anglikanischen Kirche über Gemeindegründungen und neue kirchliche Ausdrucksformen wird der Begriff „Emerging Church“ folgendermaßen definiert: „‚Emerging‘ bedeutet auftauchen, sich herausschälen, entstehen, erwachen, ein Geschehen, das an einen evolutionären, geistgeführten Prozess denken lässt. Diese Definition könnte für die bestehende Kirche jedoch eine Einladung sein, Zeit zu gewinnen, erst einmal abzuwarten und zu sehen, was passiert, anstatt sich der Dringlichkeit des Missionsauftrags zu stellen.“ Natürlich müssen wir uns bewusst machen, dass die Aufgabe wirklich dringlich ist. Wenn unsere Reaktion aber mehr sein soll, als nur ein weiteres Strohfeuer oder ein weiterer verkorkster Versuch, ein neues kulturelles Bewusstsein zu entwickeln, dann müssen wir jede Hektik und jeden Aktivismus vermeiden. Auch wenn die Kirche – wie Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, im selben Bericht geschrieben hat – „kurz vor erstzunehmendem Wachstum und einer Erneuerung“ steht, müssen wir genau zwischen den Begriffen „warten“ und „hinhalten“ unterscheiden. Das Erste ist der angemessene Ausgangspunkt für eine langfristige Lösung, das Zweite eine von Panik gesteuerte Hinhaltetaktik angesichts einer sich abzeichnenden Krise.
Wenn es um eine echte Veränderung geht, ist weder Eile noch eine Hinhaltetaktik angesagt. Eine Veränderung muss uns in der Tiefe unseres Seins erfassen und etwas von uns in sich tragen. Einer Theorie zufolge bedeutet das Wort „grail“ (Gral), mit dem wir normalerweise den Kelch bezeichnen, den Christus beim letzten Abendmahl benutzte, von seinem Ursprung her „allmählich“. In diesem Verständnis liegt „der Hauptgedanke des Heiligen Grals darin, dass das Gefäß erst allmählich durch den langen Prozess des Verhörs geformt wurde und seine Macht bekam“3. Wir müssen uns klar machen, dass Veränderungen nicht von heute auf morgen geschehen, sondern eine lebenslange Suche bedeuten, wenn sie echt und bleibend sein sollen.
Die vollständige Leseprobe als PDF-Dokument:
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337 K |
Kester Brewin
Der Jesus-Faktor
Eine leidenschaftliche Theologie der Veränderung
Was haben das menschliche Gehirn, ein Ameisenhaufen und die Kirche der Zukunft gemeinsam?
Auf faszinierende Weise zeigt Kester Brewin, dass diese Frage mehr ist als nur ein Gedankenspiel: Alle drei müssen nämlich über besondere
Fähigkeiten verfügen, wenn sie überleben wollen; sie müssen klug auf ihre Umwelt reagieren, sich anpassen und als komplexe Systeme ausgeklügelte
Kommunikationsstrukturen entwickeln. Wenn wir anfangen die Kirche als Organismus und nicht als Organisation zu begreifen,
entdecken wir schnell, wie viel wir von der Biologie über gesunde Veränderungs-
und Entwicklungsprozesse in unseren Gemeinden lernen können.
Wenn man gerade die großstädtischen Veränderungen als Bild für die Zukunft nimmt und sich fragt, welche Beziehungen dieser Zeitenwandel
zum Leben Jesu hat, kommt ein Buch heraus, das die Kernideen der weltweiten „Emerging Church“-Bewegung verdeutlicht, in der Wissenschaftler
und Gemeindepraktiker gemeinsam Perspektiven für die Zukunft entwickeln.
Der Autor
Kester Brewin ist Lehrer an einer Gesamtschule in der Londoner Innenstadt und beschäftigt sich publizistisch seit langem mit dem Thema „Bildung“; erst kürzlich hat er für die Denkfabrik „Demos“ eine Abhandlung über „Die Politik und die Umgestaltung der Schule“ fertig gestellt. Er wurde 1972 in einem Pfarrhaus geboren und ist seither in der Kirche von England engagiert. Seine Leidenschaft für deren geistliche „Wiederbelebung“ hat ihn zwischenzeitlich mit unzähligen kirchlichen Formen experimentieren lassen. 1998 war er einer der Mitbegründer von „Dreamspace“, einem kreativen Wochenende, aus dem das alternative Gottesdienst-Team „Vaux“ hervorging. Vaux, ein Kollektiv von Künstlern und Städteliebhabern, hat sich darauf spezialisiert, mittels verschiedenster Medien eine Theologie für die Großstadt zu entwickeln. Kester ist verheiratet und Vater eines Kleinkindes; früher hatte er daher viel mehr Zeit, um zu lesen und Kurzfilme zu produzieren.
Der Jesus-Faktor: Paperback, 240 Seiten, (D) 14,80 EUR, ISBN 978-3-86770-073-3, C&P Verlag: www.cundp.de
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