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Das neue Gesicht des Christentums

Ein Interview mit dem Sprecher des Netzwerks in Publik Forum

  

Das ökumenische »Netzwerk Kirchenreform« vermisst strategische Reformen in den Kirchen. Warum und welche? Fragen an den Sozialethiker und Kirchenreformer Wolfgang Nethöfel

Von Hartmut Meesmann

  

Publik-Forum: Herr Nethöfel, Sie moderieren das ökumenische »Netzwerk Kirchenreform« und haben ein Buch mit dem Titel »Kirchenreform strategisch« herausgegeben. Der Name ist ja wohl Programm. Soll mit ihm ausgesagt werden, dass die aktuellen Reformbemühungen in den Kirchen nicht strategisch verlaufen?

   

Wolfgang Nethöfel: Es werden in den Kirchen in der Tat wenig strategisch begründete Entscheidungen angesichts neuer Herausforderungen getroffen. Es fehlt eine grundlegende, auch theologische Analyse der heutigen Lebenssituation.

   

Publik-Forum: Haben Sie ein Beispiel dafür?

   

Wolfgang Nethöfel

Nethöfel: Wir stehen an der Schwelle einer neuen Epoche, die geprägt ist von vernetzten Kommunikationsmedien und von einer prinzipiellen Globalisierung. Viele Entscheidungen, Weltbilder und orientierende Informationen werden im weltweit vernetzten Mediensystem ausgetauscht. Das hat Folgen: Die Christen stehen vor der Aufgabe, sich ihre eigene Glaubenstradition neu anzueignen. Dabei hilft es, sich klar zu machen, dass den Christen die eigene Tradition am Anfang nicht als Buch vorgelegen hat, sondern als »Predigt und Geschrei von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes«, wie Martin Luther einmal sehr schön formulierte. In den Anfängen des Christentums wurden die damals vorfindlichen Schriftreligionen sozusagen revolutioniert. Das Christentum ist also selbst aus einer Krise der damaligen Religionsformen entstanden. Die jüdisch-christliche Tradition ist von vornherein von einem revolutionären Grundmuster geprägt. Das hilft, den heutigen Umbruch nicht nur als schmerzvoll zu erleben, sondern auch als Chance.

   

Publik-Forum: Worin liegt nun die besondere strategische Herausforderung für die Kirchen?

   

Nethöfel: Die Globalisierung wird sehr deutlich an den weltweit am schnellsten wachsenden religiösen Bewegungen: den Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen. Sie füllen auf drei Kontinenten täglich ganze Fußballstadien mit ihren Gottesdiensten und wachsen inzwischen auch in den USA sehr schnell. Dieses Anwachsen ist eine strategische Herausforderung für die etablierten Kirchen. Das Spannende ist, dass ihr Wachstum an den Rändern des etablierten Christentums stattfindet und typischerweise in den Städten, wo das Christentum ja seinen Ursprung genommen hat. Hinzu kommt, dass die Bilder, die in diesen Bewegungen leitend sind, elektronisch vermittelt werden. Das heißt: Die Inhalte der Leitbilder sind konservativ, die Vermittlungsformen jedoch revolutionär-modern. Diese Christen bedienen sich völlig ungehemmt und kritiklos der modernen Medien.

   

Publik-Forum: Was folgt daraus?

   

Nethöfel: Man muss sich klar machen, dass die Globalisierung längst bei uns in Deutschland angekommen ist: Die Matthäuskirche in Frankfurt am Main, nahe dem Bahnhof, ist ein typisches Beispiel einer geschrumpften Gemeinde, die deshalb nach dem Wunsch der Kirchenleitung aufgegeben werden soll. Gleichzeitig könnte die Gemeinde aber eine Drehtür einbauen für all die ausländischen Gemeinden, die hier ihren Gottesdienst feiern: mit jeweils 150 und mehr Besuchern aus aller Welt, und sie liegt auf dem Weg zur Messe, könnte also das Globalisierungsthema »Wirtschaft und Religion« besetzen. Es lässt sich also als Folge der Globalisierung längst eine Öffnung an den Rändern beobachten. Darauf muss strategisch reagiert werden. Es gibt ja inzwischen ausländische Gemeinden, die in evangelische Landeskirchen eingetreten sind. Vor allem aber müssen die deutschen Gemeinden erkennen, dass sie heute Verantwortung für die weltweite Christenheit tragen.

   

Publik-Forum: Was werfen Sie den Verantwortlichen in den Kirchen vor?

   

Nethöfel: Beide Kirchen betreiben Nabelschau. Es geht doch derzeit nur darum, den eigenen Bestand zu sichern. Die Kirchen begreifen sich als Institutionen, aber nicht als lebendige Organisationen, die sich immer wieder neu an Zielen orientieren. Die christlichen Kirchen bleiben nur lebendig und bei sich selbst, wenn sie den Prozess organisieren, in dem eine Überlieferungsreligion zu einer Missionsreligion wird. Das heißt: indem sie sich selbst als Organisation verstehen lernen – und nicht als Verwaltung. Eine Kirche, die ganz bei ihrer Sache und damit bei sich selbst ist, orientiert sich nicht am Zentrum, nicht an sich selbst, sondern schaut nach außen, sie schaut nicht nach oben, sondern nach unten. Das legt die biblische Überlieferung nahe – über alle Epochen hinweg. Das bedeutet auch eine gewisse Distanz zur Ökumene – jedenfalls dann, wenn sie sich nur binnenchristlich versteht. Denn Ökumene heißt qua Definition: Die Kirchen beschäftigen sich mit sich selbst. Es wird versucht, Probleme zu lösen, die es ohne die Kirchen gar nicht gäbe. Dagegen sage ich: Wir müssen Kirche für andere sein. Diese Stoßrichtung muss man institutionell absichern – und niemals den Bestand.

   

Publik-Forum: Nun hat unter anderem die Sinus-Milieu-Studie deutlich gemacht, dass die Kirchengemeinden eher bürgerlich-konservativ gestrickt sind. Sie werden sich kaum in der Weise öffnen und öffnen können, wie Sie das fordern.

   

Nethöfel: Diejenigen, die einmal sozialpolitisch, diakonisch oder sonst wie für andere gearbeitet haben – auch über die eigenen Milieugrenzen hinweg –, die fühlen sich in aller Regel sehr bereichert. Alle Zeugnisse des christlichen Ursprungs sind Zeugnisse derer, denen genau dieser Schritt gelungen ist. Die Kirche muss ihren Mitgliedern vermitteln, dass sie aus der Sicherheit ihrer religiösen Tradition heraus in Beziehungen treten müssen. Die gemeindlich-kirchliche Arbeit sollte sich auf Begegnungen an den Rändern der Gesellschaft konzentrieren und nicht auf den Bestand herkömmlicher Strukturen achten. Das ist entlastend und befreiend – und alternativlos. Denn sonst geht mit dem Bestand auch die Sache selbst verloren. An den Rändern wächst neues Leben.

   

Publik-Forum: Sind denn die Kirchengemeinden zukünftig überhaupt noch die Säulen der Kirche? Sollen sie es überhaupt sein?

   

Nethöfel: Man darf sich auf keinen Fall allein an diesem Flickenteppich von Ortsgemeinden orientieren. Denn diese kirchlichen Gemeindestrukturen, wie wir sie kennen, sind global betrachtet eine kirchliche Sonderform. Wir müssen vielmehr fragen: Wie können wir das, was wir als Christen für die Menschen leisten sollen, am besten leisten?

   

Auf dem Land wird man sicher eher bei den gewachsenen Gemeindestrukturen bleiben müssen. Aber die Probleme werden unweigerlich kommen: Die Kirchen werden weniger Geld haben und auf weniger Leute zurückgreifen können. Die seelsorgliche Versorgung wird daher anders organisiert werden müssen: mehr in Projekten und Netzwerken. Die ehrenamtliche Mitarbeit wird wichtiger werden. Denn der Pfarrer wird, da die Gemeinden zusammengelegt und die Seelsorgeräume größer werden, immer weniger selbst machen können. Wir werden also über kurz oder lang ein völlig neues Pfarrerbild bekommen. Der Pfarrer oder die Pfarrerin müssen zunehmend auch die Arbeit anderer »managen« und unterstützen können.

   

Publik-Forum: Wird die Kirche der Zukunft eine Kirche der kleinen Gemeinschaften und Netzwerke sein?

   

Nethöfel: Das ist die große Frage. Es gibt Gefahren. In den USA ist es vielfach so, dass sich Pfarrer ihre Gemeinde selbst organisieren und sich dann aber auch alles um diesen Pfarrer als Guru dreht. Die Gefahr ist dabei, dass die globale Verantwortung für die Natur und für jene, die sonst keine Stimme haben, nicht mehr öffentlich, nicht mehr als politische Lobbyarbeit und auf Augenhöhe wahrgenommen werden kann. Eine andere Gefahr ist, dass die Kirche dann auseinander fällt. Gerade die EKD steht in der Gefahr zu zerreißen: indem die finanziell intakten und die finanzschwachen Landeskirchen als Netzwerk auseinanderfallen. Das ist zwar zunächst eine typisch protestantische Gefahr, aber man kann heute nicht wissen, welche Fliehkräfte sich in der katholischen Kirche herausbilden werden. Denn auch dort gibt es ja finanzstarke und fast schon bankrotte Bistümer.

  

Publik-Forum: Was wäre denn wünschenswert? Eine stärkere Zentralisierung?

  

Nethöfel: Ich beneide hier die anglikanische Kirche. Es gibt unter dem Dach dieser Kirche sehr große Unterschiede und dennoch eine bewundernswerte Solidarität unter den Gemeinden und Bistümern. Es wird an exponierten Orten eine hervorragende Sozialarbeit geleistet, in den großen Städten vor allem auch an den Kathedralkirchen. Da braucht es keine Zentralisierung, sondern ein Ja zu freiwilliger Solidarität an der Kirchenbasis. Die Kirche muss in jedem Fall als Kirche kenntlich bleiben. Dieses Bewusstsein ist in der anglikanischen Kirche weithin vorhanden.

  

Publik-Forum: Sie plädieren dafür, die Kirche auch als Dienstleistungsunternehmen zu verstehen – mit Qualitätsprüfung, Kundenorientierung und Coaching. Warum?

  

Nethöfel: Die Kirche hat sich immer der neuesten Medien bedient. Das gehört zu ihrer Tradition. Jesus war ein erstklassiger Geschichtenerzähler, Paulus ein exzellenter Briefeschreiber – das waren jeweils die neuesten Medien der Zeit. Später hat sich die Kirche ganz selbstverständlich des Buchdrucks bedient. Es gibt ja diese Polemik: Die Kirche habe keine Kunden, sondern nur Mitglieder. Als zahlendes Mitglied der Kirche erwarte ich aber, dass die Verantwortlichen als meine Angestellten für mich Dienstleistungen erbringen und sich professionell verhalten. Ich habe von der Wirtschaft gelernt: Ein Konzern misst das, was er leistet, an dem Mehrwert, den er beim Kunden erzeugt. Gibt es ein besseres Beispiel für das Bemühen, Kirche für andere zu sein?

  

Die Kirchen sind die große Alternative zum Markt, aber sie sind es auf dem Markt. Und sie müssen dafür sorgen, dass diese Alternative auf dem Markt lebendig bleibt. Die Kirchen müssen mit den Kindern dieser Welt das Spiel dieser Welt spielen, um ihnen zu zeigen: Seht, es gibt mehr als dieses Spiel, es gibt noch etwas ganz anderes.

   

  

Wolfgang Nethöfel (61) ist evangelischer Theologe. Er lehrt Sozialethik an der Universität Marburg und ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS), ebenfalls in Marburg.

  

Das Interview von Hartmut Meesmann mit Wolfgang Nethöfel ist am 26. Okt. 2007 in "Publik Forum", Ausgabe 20 / 2007, erschienen.

 Thema Kirchenreform in Publik Forum.

   

PDF

Das neue Gesicht des Christentums (Interview) in: Publik-Forum 2007/20, S. 54-56, als PDF.