
Ein Vortrag von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong (Hamburg) vor dem Kongress "Gemeinde-Entwicklung" der Ev. Landeskirche in Baden vom 22. September 2007.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Visionen braucht die Kirche natürlich immer und zu allen Zeiten, sonst ist sie nicht lebensfähig. Im Moment aber brauchen wir sie ganz besonders, denn allerorten wird die „Krise“ der Kirche ausgerufen. „Die Krise“ sind dabei genau genommen zwei verschiedene Krisen, die nur bedingt miteinander zusammenhängen: Einerseits eine Finanzkrise, die wohl alle, die sich in der Kirche engagieren, seit einigen Jahren sehr beschäftigt, andererseits aber auch eine inhaltliche Krise, die ich
Relevanzkrise nenne: sie erlebt eine Krise ihrer Bedeutung, insofern sie für die Gesellschaft und für viele Menschen in der Gegenwart nicht die Bedeutung hat, die ihren eigenen, theologisch begründeten, Anspruch entspricht. Die Finanzfragen sind selbstverständlich wichtig, und sie bilden auch eine Größe, mit der alle Zukunftsüberlegungen für die Kirche umgehen müssen. Für die Zukunft der Kirche scheinen mir aber die inhaltlichen Fragen wesentlich wichtiger zu sein. Die Kirche muss sich vor Augen führen, dass Religion zwar für viele Menschen wichtig ist, die Kirche aber nur eine Instanz unter anderen ist, in der Religion gesucht, gefunden, gelebt wird – zwar keine unwichtige, aber im Blick auf den Anspruch des Evangeliums, für das persönliche Leben, für das Miteinander von Menschen und die gesamte Welt eine prägende Größe zu sein, kann die Situation nicht zufriedenstellend sein. Nun sind das Verhältnis zur Kirche und der persönliche Glaube natürlich nicht identisch: Viele Menschen glauben an Gott, ohne in der Kirche zu sein oder ohne an ihren Veranstaltungen regelmäßig teilzunehmen und andererseits haben viele Kirchenmitglieder einen eher diffusen Glauben und es gibt ganz unterschiedliche Motive dafür, an Gemeindeveranstaltungen teilzunehmen. Kann diese Erkenntnis, dass Kirchenbindung nicht unbedingt etwas über Glauben aussagen muss und umgekehrt, die Kirche einerseits entlasten, so geben die neueren kirchensoziologischen Erkenntnisse gleichzeitig Anlass, über die Situation kritisch nachzudenken. Dies gleich aus drei Gründen:
1. Zum einen hat sich die Hoffnung der 1970 und 1980er Jahre, dass sich die Kirche sozusagen gesundschrumpft und irgendwann alle ausgetreten sind, die es nicht so ganz ernst meinen mit dem Glauben, nicht erfüllt. Obwohl in den letzten Jahrzehnten Millionen von Menschen aus der Kirchen ausgetreten sind, sind heute prozentual fast genauso viele Kirchenmitglieder wenig mit der Kirche verbunden wie vor 35 Jahren und fast genau so viele wie damals denken heute über einen Austritt nach. Setzt sich diese Entwicklung fort, dass sozusagen immer die Ränder austreten und der gleiche Teil von der Mitte an den Rand rutscht, wird die Kirche unaufhaltsam weniger.
2. Zweitens wird immer deutlicher, dass in einer Situation, wo christliche Inhalte nicht mehr erwartbar in den Familien oder den Schulen vermittelt werden, die Kirche eine zunehmend wichtige Rolle für den persönlichen Glauben von Menschen und für die Präsenz christlicher Inhalte in der Gesellschaft spielt: Glauben setzt Kenntnis und Kontakt mit dem Evangelium voraus und ist damit auch immer eine Frage christlicher Bildung, und für diese muss es eine Instanz geben, die zuverlässig Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelt.
3. Drittens zeigen die neueren Erkenntnisse der sogenannten Milieustudien, dass es nicht nur eine persönliche Glaubens- oder Lebensentscheidung ist, ob man einen Zugang zur Kirche findet, sondern dass es ganz erheblich mit dem Lebensalter, der Familiensituation, dem Bildungsstand, aber auch mit dem ästhetischen Orientierungen zu tun hat: Der Eindruck eines Gemeindehauses mit seinem Mobiliar, seinen Fußböden oder Vorhängen finden manche Menschen einladend oder zumindest völlig in Ordnung, während andere das Gefühl haben, da nicht richtig hinzupassen. Den Jazzgottesdienst finden die einen ansprechend und bereichend, während die anderen das Gefühl zu haben, dass dies nicht ihre Veranstaltung ist. Die einen freuen sich, ihre Nachbarschaft beim Gemeindefest zu treffen, die anderen finden dies eher abschreckend. Usw. Nun muss natürlich nicht jede Veranstaltung 100% aller Kirchenmitglieder und auch nicht der Nichtkirchenmitglieder ansprechen und sie kann es auch gar nicht. Problematisch ist allerdings, dass von den sechs Milieus, die die jüngste Studie der EKD unterscheidet, nur eines richtig gut und ein zweites einigermaßen gut von den dominanten kirchlichen Angeboten, sprich: der normalen ortsgemeindlichen Realität, angesprochen wird, und dass diese Milieus zudem die beiden ältesten sind. Dies ist ein Problem für die Kirche als Institution, dass sie gerade die jüngeren nicht gut erreicht, vor allem aber ist es ein theologisches Problem. Denn es bedeutet, dass die Kirche es mit ihren dominanten Organisations-, Sozial und Handlungsformen manchen Menschen erleichtert und anderen erschwert, im Kontakt mit dem Evangelium zu leben (und manchmal durchaus auch: allererst in Kontakt zu kommen). Nun weht glücklicherweise der Geist, wo er will, und Glaube entsteht nicht durch die Institution, sondern durch die Gnade Gottes, aber die Kirche sollte nicht durch bestimmte Vorentscheidungen den Zugang zum Evangelium hemmen.
Anliegen und Akzente
Mit dieser Analyse stimme ich mit meinem Vorredner vermutlich weitgehend überein. Wir haben das gemeinsame Interesse, dass mehr Menschen als bisher einen Zugang zur Kirche findet, der ein Leben im Kontakt mit dem Evangelium fördert. Uns eint ebenfalls die Einsicht, dass die gegenwärtigen Formen der Kirche und der Gemeinde Ihre Stärke und Chancen haben, dass aber die gegenwärtige Lage dazu herausfordert, die Formen von Gemeinde zu überdenken im Blick auf ihre Aufgabe, bestmöglich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen. Deswegen sind wir auch beide eingeladen worden, heute zu Ihnen zu sprechen, weil es auf diesem Kongress darum geht, die gegenwärtigen Gemeinden mit Visionen zu beflügeln. Wir sind andererseits aber auch deswegen beide eingeladen worden, weil wir uns an unseren Visionen an manchen Punkten auch wieder unterscheiden. An folgenden Punkte sehe ich meine Akzente ein wenig anders als ich das bei meinem Vorredner vernommen habe:
Das Modell der „kirchlichen Orte“
Was bedeuten diese Anliegen nun für die Zukunft der Gemeinde? Ich habe versucht, sie aufzunehmen und zu verbinden in einet Zukunftsvision, die ich das Modell der kirchlichen Orte genannt habe. Darin habe ich einen „dritten Weg“ beschritten zwischen einem rein am Wohnort orientierten Gemeindemodell und einer übergemeindlich orientierten Arbeit, die hier und da attraktive Angebote macht. Es heißt Modell der kirchlichen Orte, weil ich von den Orten ausgehe, an denen kirchliche Arbeit geleistet wird, egal, ob sie bisher eine Ortsgemeinde waren, ein Tagungshaus, ein kirchlich genutzter Räume im Krankenhaus oder ein diakonisches Werk. Mit dem Gedanken der Orte wird deutlich, dass das Evangelium immer an einem bestimmten Ort konkret wird und von dort aus ausstrahlt.
Diese kirchlichen Orte und die Arbeit, die bisher dort geleistet wurde, bilden Ressourcen, die wertgeschätzt und an die für Zukunftsüberlegungen angeknüpft werden soll. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es der Kirche und den Strukturüberlegungen sehr dienen würden, wenn wir gemeinsam an einer Kultur der Wertschätzung arbeiten würden.
Vereinsähnliches kirchliches Leben an allen Orten
Ich unterscheide dann in meinem Modell an jedem kirchlichen Ort, sprich: in jeder Gemeinde, zwei Bereiche: Einerseits ein vereinsähnliches kirchliches Leben, andererseits inhaltliche Arbeitsbereiche.
Den vereinsähnlichen Bereich gibt es in jeder Gemeinde. Kirche ist damit nach wie vor am Wohnort präsent. Er ist geprägt von Gemeinschaft und Geselligkeit, so dass dieser Aspekt auf diese Weise einen eigenständigen Stellenwert in der Kirche bekommt. Inhaltlich entsprechen diesem Bereich Teile der bisherigen kirchlichen Angebote wie beispielsweise Seniorinnenkreise, Single-Gruppen, Eltern-Kind-Gruppen, Gemeindefeste, Gemeindereisen oder Basare, aber auch Gruppen, die sich über religiöse Themen austauschen, oder Bibelkreise, die die Bibel in Gemeinschaft lesen und ihre Erkenntnisse einander mitteilen. Ebenso gehört die wohnortnahe und auf persönlichen Beziehungen beruhende „kleine Diakonie“ zu diesem Bereich, also Betreuung, nachbarschaftliche Hilfe und Besuche bei Menschen, die sich zum „Ensemble der Opfer“ rechnen lassen. Dieses vereinsähnliche kirchliche Leben kommt Menschen entgegen, die im Nahbereich Gemeinschaft suchen, ohne die Anstrengung persönlicher Aktivität und Wahl auf sich zu nehmen. Damit werden vor allem die Bevölkerungsgruppen angesprochen, für die das territoriale Prinzip und die Wohnortnähe besonders wichtig sind, da sie weniger mobil sind als andere. Mit dem vereinsähnlichen Bereich werden besonders die Chancen der wohnortnahen kirchlichen Arbeit genutzt.
Welche Ausprägungen des vereinskirchlichen Lebens sich in einer Gemeinde im Einzelnen entwickeln, welche Kreise und Gruppen es in welcher Form dort gibt, muss dabei nicht überall gleich sein – auf keinen Fall ist damit gemeint, möglichst viel Unterschiedliches anzubieten. Ich denke eher, dass es von den konkreten Verhältnissen vor Ort abhängen kann. In Gegenden mit einem hohen Anteil älterer Menschen wird sich ein anderer Schwerpunkt der Gruppen ergeben als in einem Gebiet mit vielen jungen Familien. In Stadtteilen mit großen sozialen Problemen wird das vereinskirchliche Leben anders aussehen als in sozial besser gestellten Stadtteilen.
Die diakonischen Aufgaben dieses Bereichs, die betreuenden Funktionen, sollten allerdings nicht der Dynamik von Angebot und Nachfrage überlassen bleiben. Immer dort, wo es nicht nur um die Befriedigung eigener Bedürfnisse, sondern auch um die Sorge für andere geht, muss organisatorisch sichergestellt werden, dass die Aufgaben erfüllt werden. Zumindest Motivation, möglicherweise aber auch organisatorische Hilfestellungen ist hier auch in größerem Maße nötig als für die Gruppen und Kreise Gleichgesinnter. Dies führt zur Frage nach den Verantwortlichkeiten für den vereinskirchlichen Bereich.
Für den vereinskirchlichen Bereich schlage ich vor zu prüfen, wieweit er von den Beteiligten selbst organisiert und gestaltet werden kann. Eine Vision wäre durchaus, dass der vereinskirchliche Bereich von Ehrenamtlichen gestaltet und geleitet werden. Dafür sprechen sowohl theologische als auch soziologische Gründe dafür. Theologisch wird damit das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ ernstgenommen, das jedem Christen und jeder Christin verantwortungsvolle kirchliche Arbeit zutraut. Soziologisch zeigen die Studien zum neuen Ehrenamt, dass die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement heute riesig ist – wenn Menschen Bereiche eigenständig gestalten dürfen und dabei etwas für sich und ihr Leben mitnehmen können. Dies ist eine Herausforderung für die Kirche, mit einem neuen Verständnis des Ehrenamtes auch mehr und andere Menschen anzusprechen als bisher. Es geht also nicht darum, dass die bisherigen Ehrenamtlichen noch mehr schultern, sondern dass sich die Kirche Menschen einen Raum bietet, ihre Themen und Fragen mit Unterstützung im Raum der Kirche zu bearbeiten. Ich glaube, dass die christliche Botschaft und auch die kirchliche Organisation für wesentlich mehr Menschen als heute attraktiv sein. Wenn es uns nicht gelingt, dies gesellschaftlich deutlich zu machen, Menschen nahe zu bringen, welchen Schatz es für sie und für ihr Leben bedeuten kann, im Kontakt mit der christlichen Botschaft zu leben, dann ist dies eine enorme Herausforderung finde ich. Es ist an der Zeit, Visionen zu entwickeln und zu pflegen, von einer lebendigen und attraktiven Kirche!
Gleichzeitig müssen diese Visionen – und jetzt komme ich auch wieder zur pragmatischen Ebene zurück – natürlich mit den gegenwärtigen Verhältnissen vermittelt werden. Dass Ehrenamtliche die Organisation und die Durchführung der Aktivitäten im vereinskirchlichen Bereich übernehmen, bedeutet natürlich für viele Gruppen und für viele bisher in Gemeinden Engagierte, sich erheblich umzustellen. Gewohnheiten mancher Gruppen – wie sich auf die „Versorgung“ durch den Pastor oder auch nur die guten Ideen der Pastorin zu verlassen – müssten sich verändern. Wichtig für die Überzeugungsarbeit dürfte dabei sein, sich immer wieder klarzumachen, was die Alternativen sind und was damit gewonnen werden kann, Kirche von vielen aktiv zu gestalten. Wichtig ist dabei aber auch, die ehrenamtliche Arbeit professionell zu unterstützen – besonders natürlich in der Übergangszeit, aber auch auf Dauer. Dies ist wiederum eine Aufgabe für die Hauptamtlichen. Ihre Aufgaben sind dann konkret zum Beispiel Hilfe zu leisten beim Aufbau einer Gruppe oder eines Kreises, aber auch, die Kompetenzen für die Leitung einer Gruppe oder eine Betreuungsaufgabe zu vermitteln – egal, ob sie selbst Fortbildung durchführen oder sie vermitteln. Sie sollen die engagierten Ehrenamtlichen auch auf Dauer begleiten und fördern, zum Beispiel in Form von Besuchsdienstkreisen oder Gruppen zum Austausch und zur Weiterbildung von Gruppenleiterinnen und -leitern. Dies könnte eine Aufgabe für die Berufsgruppe der Gemeindepädagoginnen sein, die im Grunde genau dafür ausgebildet werden, im Moment dabei jedoch häufig in Konkurrenz zum Pfarramt treten. Ganz wichtig für diese Aufgabe wer dann, gemeinsam mit den Ehrenamtlichen überhaupt erst herauszufinden, welche Begleitung welche Ehrenamtlichen eigentlich wollen und brauchen – im Findungsprozess über das persönlich passende Betätigungsfeld, in der Vermittlung der Fähigkeiten dafür, in der seelsorglichen und geistlichen Begleitung etc.
Differenzierte Arbeitsbereiche an allen Orten
Neben dem an Geselligkeit und Gemeinschaft orientierten vereinskirchlichen Leben schlage ich vor, dass es in jeder Gemeinde einen zweiten Bereich kirchlicher Arbeit gibt, der bestimmte, klar definierte Arbeitsbereiche erfüllt. Dieser Bereich orientiert sich über die Inhalte der Arbeit, weniger über den Geselligkeitsaspekt. Er hat einen größeren Horizont als der vereinskirchliche. Das bedeutet auch, dass nicht in jeder Gemeinde Ähnliches angeboten wird.
Zu diesen Arbeitsbereichen gehören zum einen kirchliche Aufgaben, die bisher eher spezialisiert wahrgenommen wurden und manchmal tragischerweise kaum noch als kirchlich wahrgenommen werden. Diakonische Aufgaben, Bildungsarbeit, Beratung und spezialisierte Seelsorge oder gesellschaftspolitische Aufgaben meine ich z.B.. Aber gemeint sind auch Bereiche, die bislang vor allem in der Ortsgemeinde angeboten werden, die aber unter einer Überlastung der hauptamtlichen bei zurückgehenden Mitteln und teilweise auch unter einer kleinen Gemeindegliederzahl leiden wie Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit jungen Erwachsenen, Arbeit mit Familien, Single-Arbeit, Frauen- und Männerarbeit oder Seniorinnen- und Seniorenarbeit. Weitere Bereiche – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – sind Kirchenmusik, Spiritualität, ökumenische Arbeit oder interreligiöser Dialog.
Dabei werden sich die Zielgruppen und die Themen in den beiden Bereichen zum Teil auch überschneiden, z.B. in der Seniorinnenarbeit. Mir geht es dabei auch gar nicht um eine trennscharfe Abgrenzung, als ob bestimmte Themen nur dort und nicht auch da verhandelt werden dürften. Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in dem Zustandekommen der Bereiche: Die inhaltlichen Arbeitsbereiche werden als Angebote seitens der Institution vorgenommen, weil sie der Überzeugung ist, dass es zu ihren Aufgaben gehört, diese Themen wahrzunehmen. Diese Überzeugung wird sie selbstverständlich nicht unabhängig von den Bedürfnissen von Menschen pflegen, aber sie beruhen auf der Einsicht, dass es zur Aufgabe der Kirche gehört, Diakonie zu treiben, ökumenische Beziehungen zu pflegen, Kinder- und Jugendarbeit zu leisten, die gesellschaftliche Stimme zu erheben etc. Der vereinskirchliche Bereich hingegen kommt dann und insofern zustande, wenn Menschen ihn gestalten. Die Kirche bietet einen Raum dafür, Unterstützung und professionelle Hilfeleistung, manchmal auch Motivation, aber sie bietet nicht an, sondern organisiert und moderiert Bedürfnisse.
Was sich dann in welcher Gemeinde konkret an Schwerpunkten herausbildet, dürfte und sollte sogar ein längerer Prozess sein, denke ich. Erst einmal sollte vor Ort geguckt werden, welche Ressourcen da sind, welche Bedürfnisse der Region und durchaus auch, welche Charismen. Häufig gibt es ja bereits Schwerpunkte, die sich organisch entwickelt haben, beispielsweise soziale Arbeit in bestimmten Stadtteilen oder Arbeit mit jungen Familien in Neubausiedlungen. In anderen Gemeinden haben sich Menschen zusammengefunden, die sich einem Gebiet verstärkt widmen wie beispielsweise gesellschaftspolitischer Arbeit. Manchmal ergeben sich auch bestimmte Schwerpunkte aus den örtlichen Ressourcen, beispielsweise der Schwerpunkt Kirchenmusik. Solche gewachsenen Arbeitsschwerpunkte können die Grundlage für eine differenzierte und spezialisierte Organisationsstruktur bilden. Die in einer Gemeinde bereits Engagierten sollten maßgeblich beteiligt werden. Gleichzeitig müssten natürlich Absprachen in einer Region, vermutlich sogar in einem Dekanat erfolgen, wer was in welchem Bereich macht und dabei auch gesamtkirchliche Entscheidungen getroffen werden. Es braucht eine koordinierende Größe, die sicherstellt, dass in einer bestimmten Region alle wesentlichen kirchlichen Aufgabengebiete geleistet werden und ihre Erreichbarkeit gewährleistet ist. Wie viele Schwerpunkte mit Kinderarbeit soll es in einer Region geben, wie viele mit Diakonie, mit Kirchenmusik etc? Die Fragen können nur im gemeinsamen Prozess geklärt werden. Wenn Sie so wollen, ist dies eine Verbindung von Zentralität und Dezentralität oder, wie es so schön heißt von „top down“ oder „bottom up“. Mir ist durchaus bewusst, dass dies eine veränderte kirchliche Kultur in der Leitung und der Mitbestimmung bedeutet, die einerseits eine breite Beteiligung sicherstellt, andererseits diese Beteiligung nicht Entscheidungshinderung bedeutet, sondern auf klaren Wegen und in klaren Zeiträumen Entscheidungen befördert. Ich glaube allerdings, eine solche Kultur brauchen wir sowieso, egal welche Organisationsformen man favorisiert.
Gottesdienste und Kasualien
Wichtig ist mir dabei, dass in jeder Gemeinde ein gottesdienstliches Leben stattfindet. Allerdings muss vielleicht der agendarische Gottesdienst am Sonntagvormittag nicht mehr die Regelform bilden. Die Vielfalt von Arbeitsbereichen bietet die Chance, dass sich eine Vielfalt gottesdienstlicher Formen mit unterschiedlichem Charakter und zu unterschiedlichen Zeiten entwickelt. Dabei müsste jeweils geguckt werden, wie der Gottesdienst dennoch zu einem integrierenden Ort für alle werden kann, die sich in dieser Gemeinde engagieren. Hierfür könnte aber gerade die Tatsache eine Chance bieten, die gottesdienstliche Feier organisch in das sonstige Handeln einzubinden.
Gesondert ist die Frage der Amtshandlungen zu betrachten. Grundsätzlich sind nach diesem Modell Kasualien in jeder Gemeinde möglich. Für die Menschen, die entweder die wohnortnahe Anbindung ihrer lebenszyklischen Teilnahme suchen oder den biografischen Ritus im Kontext ihres vereinskirchlichen Lebens feiern wollen, sollten sie jede Gemeinde mit ihrem Anliegen nach einer Taufe, einer Trauung oder einer Bestattung willkommen heißen. Für diejenigen, denen es weniger auf die Wohnortnähe als auf die Ästhetik des Gebäudes ankommt, haben einige Kirchen – vorzugsweise die bisherigen 'Hochzeitskirchen' – Kasualien als eigenen Arbeitsbereich inne. Diese präsentieren sich auch in der Öffentlichkeit als Kasualkirchen und können auf diese Weise mögliche Schwellenängste abbauen helfen. In diesen Gemeinden lagern sich Angebote um die Kasualien herum an wie bzw. Seminare für angehende Taufpatinnen und Taufpaten oder Hochzeitspaare oder auch Trauerarbeit. Andere Menschen in ähnlichen Lebenslagen können dort getroffen werden. Daraus kann sich wiederum ein – dann unter Hilfestellung von Hauptberuflichen selbst organisiertes - vereinsmäßig organisiertes Leben entwickeln, in dem Kasualien z.B. in Eltern-Kind-Gruppen oder Gesprächskreisen junger Erwachsener ihre Fortsetzung finden.
Stadt und Land
Dieses Modell kirchlicher Orte mit differenziertem Angebot erscheint zunächst in großen Städten leichter durchführbar als in ländlichen Regionen, da in der Großstadt die Entfernungen zwischen den Gemeinden geringer sind und die Bedürfnisse differenzierter. Das legt nahe, auf dem Land weniger auszudifferenzieren als in der Stadt. Hier ist eine genaue Wahrnehmung der Verhältnisse vor Ort und eine gute Kommunikation mit den Menschen am Ort unverzichtbar. Es können ja auch mehrere Arbeitsbereiche in einer Gemeinde versammelt werden, ohne erneut unter den Durch zu geraten, wieder alles bieten zu müssen. In Dörfern, wo das kirchliche Leben und die „Kirche im Dorf“ eine wichtige Rolle im Sozialgefüge spielt, dürfte der vereinskirchliche Bereich ohnehin wichtiger sein als spezialisierte Arbeitsbereiche. Die Flexibilität dieses Modells, das auch immer wieder neu an die Gegebenheiten und Bedürfnisse vor Ort angepasst werden kann, erlaubt es damit, auf die bestehenden Unterschiede zwischen Stadt und Land einzugehen, ohne diese festzuschreiben, wenn die Differenz zwischen den beiden Größen längerfristig abnimmt, wie mittlerweile häufig vermutet wird.
Öffentlichkeitsarbeit
Je mehr sich die Arbeitsbereiche differenzieren, desto wichtiger wird die Öffentlichkeitsarbeit - sie erhält geradezu eine Schlüsselrolle für die kirchliche Arbeit! Für jede Stadt oder jede Region müsste eine zentrale kirchliche Informationsstelle eingerichtet werden, die ebenso professionell wie freundlich Auskunft gibt, wo welcher kirchliche Arbeitsbereich zu finden ist, wie dieser aussieht und Möglichkeiten es gibt, sich dort zu beteiligen. Hier sollte persönliche Beratung geleistet werden für diverse Fragen: Fragen nach Gottesdiensten mit einem bestimmten Charakter, Fragen nach ehrenamtlichem Engagement, Fragen nach diakonischen Einrichtungen und kirchlicher Hilfeleistung, Fragen nach Kasualien und vielem mehr. Die Kirche würde damit signalisieren: ihr müsst nicht schon „Insider“ sein, ihr könnt jederzeit dazukommen und es gibt gute Chancen, dass ihr das in der Kirche findet, was ihr sucht!
Die Chancen des Modells kirchlicher Orte
Ich glaube, dass ein Vorteil des Modells darin liegt, dass es eine formale Klarheit mit inhaltlicher Flexibilität verbindet. Das Modell kann sich Veränderungen flexibel anpassen – indem zum Beispiel Arbeitsbereiche anderes gewichtet werden oder der vereinskirchliche Bereich mehr oder weniger Bedeutung erhält.. Nicht zuletzt gilt die Flexibilität auch finanziell: Die kirchlichen Strukturen können den Finanzen angepasst werden, indem es mehr oder weniger kirchliche Orte mit mehr oder weniger Arbeitsbereichen gibt, ohne dass ein ganz neues Modell gefunden werden muss.
Nicht nur finanziell, sondern vor allem inhaltlich wichtig ist die Chance dieser Überlegungen, dass Menschen von der Kirche angesprochen werden, die in den bisherigen Strukturen nur schwer Kontakt gefunden haben. Dem Auftrag der Kirche, der sich an alle Welt richtet, könnte damit auf neue Weise nachgekommen werden: das Evangelium auf vielfältige Weise kommunizieren.
Dieser Vortrag wurde von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong auf dem Kongress "Gemeinde-Entwicklung" der Ev. Landeskirche in Baden vom 22. September 2007 gehalten.
Die Autorin Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong ist Professorin für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Religionsdidaktik, Kirchentheorie und Homiletik in Kiel. Ihre Habilitationsschrift beschäftigt sich mit Fragen kirchlicher Strukturen und ist in einer Kurzfassung unter dem Titel "Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten", Vandenhoeck & Ruprecht 2. Aufl. 2005 erschienen.