
Ein Beitrag von
Oberlandeskirchenrat
Dr. Robert Fischer (Braunschweig)
Ein Kurzvortrag im idea-Trägerverein
vom 23. April 2008
Liebe Schwestern und Brüder,
als Finanzreferent einer kleineren Landeskirche hat man ja so seine Sorgen. Dies weniger im Hinblick auf die Kirche im Allgemeinen oder die unsichtbare Kirche, da bin ich nicht so skeptisch, weil es nicht nur an uns liegt, sie durch die Zeiten zu steuern, sondern was die Kirche hier und heute und morgen in unserem Land konkret betrifft.
Ich sehe jeden Tag als auch für das Meldewesen zuständiger, wie unsere Landeskirche kleiner wird. Pro Jahr verschwinden etwa 5.000
Mitglieder. Es sterben mehr als getauft werden, es ziehen mehr junge Leute weg, als zuziehen und wenn, sind es oft keine Christen und es treten mehr aus, als in die Kirche eintreten. Als ich 1981 in Braunschweig
anfing hatten wir 530.000 Mitglieder. Jetzt – 27 Jahre später – sind es 400.000. Die Strukturen von damals haben wir fast unverändert immer noch! Notwendige Verwaltungsreformen, die ich mit initiiert habe, sind sehr oft an irgendwelchen Partikularegoismen in der Synode gescheitert, so dass man sich schon manchmal fragt, weshalb eine Landeskirche
eine Kirchenleitung wählt und bezahlt, sie aber letztlich allenfalls verwalten aber nicht leiten lässt.
Ich frage mich bisweilen, was hast Du eigentlich in 27 Jahren gemacht? Warst Du zu schwach, zu wenig überzeugend? Oder liegt es einfach daran, dass durch die protestantische Freiheit (keiner herrsche über den anderen, Barmer Erklärung) Leitung und Verantwortung aller und damit Leitung und Verantwortung keiner und keines geschieht. Alle reden durcheinander, die Reibungsverluste sind hoch und damit die
Selbstbeschäftigung ebenso und oft mehr schlechte als rechte Lösungen werden erst dann gefunden, wenn kein Geld mehr da ist. Parallelen zur übrigen Gesellschaft sind unverkennbar. Ich wundere mich oft, dass alles immer noch halbwegs funktioniert.
Man schaue sich einmal das Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit – Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21.
Jahrhundert“ an. Schön gedacht! Aber glaube doch niemand, dass davon viel umgesetzt wird. Wer sollte das tun? Wer sollte das in einer pluralen
Kirche tun? „Missionarische Kirche“. Wen soll ich denn missionieren? Die Begriffe sind ja schon nicht mehr klar. Wichtig ist, ob wir glaubwürdige Zeugen sind.
Was ist aus dem „Vietinghoff – Papier“ geworden? Die VELKD sitzt jetzt im EKD-Kirchenamt. Das Oberrechnungsamt musste weichen und dafür wurden anderswo in Hannover wieder Räume angemietet. Es hätte auch die Wagnerstraße sein können, wo zuvor das Kirchenamt der VELKD gesessen hat. Nicht optimal, wenn man es näher betrachtet. Geändert hat sich noch fast nichts, außer dass die VELKD– Synode ab 2009 nicht mehr gesondert einberufen wird und die EKD- Synodalen der VELKD Mitgliedskirchen gleichzeitig VELKD- Synodale sein werden. Immerhin eine kleine Kostenersparnis. Aber was kommt bei Synoden, was kommt bei einer EKD- Synode bei Licht besehen raus, die praeter propter eine halbe Mio. € jährlich kostet? Was kommt aus den unzählbaren
Konferenzen bundes- und weltweit heraus? Jedenfalls tragen wir dazu bei, das Klima zu verderben, um dann von der Bewahrung der Schöpfung zu
reden!
Merken wir eigentlich nicht, was wir tun? Fragt sich einmal jemand, ob unser Herr eine solche Gremien-Kirche überhaupt will und wir vielleicht deshalb so viel „fortlaufenden“ Erfolg haben?
Es wird immer wieder gefragt, welche Kirche wollen wir? Niemand fragt, welche Kirche will Jesus Christus!? Ihn haben wir doch zu verkündigen und sein Evangelium und nicht irgendwelche humanistischen, feministischen, ökologischen oder sonstigen Theologien oder Christentümer.
Wie sieht die Evangelische Kirchenlandschaft in Deutschland in einigen Jahren und Jahrzehnten aus? Ich weiß es nicht. Sie wird und das ist
jedenfalls sicher, weil demographisch vorgegeben – weiter schrumpfen. Das fehlende Geld wird zu Zusammenschlüssen zwingen. Auf
Gemeindeebene ebenso wie auf landeskirchlicher Ebene. Dies will ja auch im Übrigen das Impulspapier der EKD fördern.
Es wird - und dies hat ja bereits in den östlichen Gliedkirchen begonnen - zu größeren EKD- Gliedkirchen kommen, wobei m.E. die EKD-
Verantwortlichen weniger bedacht zu haben scheinen, dass die EKD selbst dabei nicht stärker wird. Die großen Landeskirchen wie Bayern, Hannover und Rheinland haben die EKD immer weniger gebraucht, als die Kleinen.
Wir werden erheblich weniger bezahlte Mitarbeiter haben, weil uns die Personalkosten und die
Personalfolgekosten, d.h. die Versorgung der Pensionäre und Rentner, die immer älter werden und immer mehr
werden gegenüber den Aktiven, zu schaffen machen. Wir werden weit weniger Gebäude unterhalten können. Wir werden schwächer, während der Islam stärker wird und damit die Integration Tag für Tag schwieriger. Die Christen unseres Landes werden in die Minderheit geraten, was
vielleicht zu der Hoffnung Anlass geben könnte, dass sie weiter zusammenrücken und ihre Bekenntnisstreitereien aufzugeben lernen. Leuenberg war und ist doch eine gute Sache. Abendmahlsgemeinschaft mit den
Katholiken kann doch nicht ein ewiger Wunschtraum bleiben!
Aber wie war es schon in der Gemeinde zu Korinth, wo es ja schon vor 2000 Jahren die Anhänger des Petrus, des Apollos und des Paulus gab?
Ich bin auch nicht überzeugt von der
Wirksamkeit der feinsinnigen Ausführungen von Prof. Hauschildt, der auf der Synodaltagung der EKD im Herbst 2007 in Dresden betont hatte, dass in einer
“Organisation der
Freiheit“, womit er das Impulspapier des Rates der EKD aufnimmt,
Beteiligungsrechte und Entscheidungsbefugnisse geklärt und in Balance gebracht sehen möchte. Eine stärkere und klarere Trennung von Aufgaben und Funktionen innerhalb der Kirche, klare Zuständigkeiten von Synode, Kirchenleitung und Landeskirchenämtern wird es in einer „Organisation der Freiheit“ wie der ev. Kirche nicht geben. “Der Ratsvorsitzende hat doch
mir nichts zu sagen!“ Wir sind eben nicht hierarchisch verfasst! Meine Erfahrung ist, dass sich die Synoden und ihre Ausschüsse immer mehr in das operative Geschäft hinein begeben. Dies kann nicht
funktionieren. Ich glaube, und damit sage ich wohlweislich etwas sehr
Ketzerisches, dass das so praktizierte Synodalprinzip in einer immer
komplizierter werdenden Welt nicht die rechte Leitungsform sein kann. Es handelt sich ja um Ehrenamtlichen-Gremien. Wer haftet da eigentlich?
Fazit! Wir werden schwächer und unabsichtlich wieder zu der
paulinischen Erkenntnis gelangen müssen, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist. Ich glaube aber, dass der Apostel Paulus das anders gemeint hat.
Wenn die sogenannte Volkskirche sich nicht radikal ändert und wieder zur Kirche des Volkes oder besser: Zur Kirche für das Volk wird und auch aufnimmt, was das Volk bewegt, das ja durchaus Orientierung und nicht Beliebigkeit sucht, wird sie keine Zukunft haben!
Ein Kurzvortrag von Oberlandeskirchenrat Dr. Robert Fischer im idea-Trägerverein am 23. April 2008.
Der Autor OKR Dr. Robert Fischer ist Leiter der Finanzabteilung im Landeskirchenamt in der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig (Wolfenbüttel).