Netzwerk Kirchenreform - Thursday, 9. February 2012
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Lebendig und kräftig und schärfer

Ein Schlaglicht vom 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag

    

Stefan Bölts

„Lebendig und kräftig und schärfer“, mit diesem Motto aus Hebr. 4,12 fand vom 6.-10. Juni 2007 in Köln der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag statt. Während vor und hinter der „neuen Innerdeutschen Grenze“ um Heiligendamm die Gemüter kochten, haben über 100.000 Kirchentagsbesucher die katholische Hochburg Köln „erobert“ und im Schatten des berühmten Doms ein buntes und vielfältiges Programm erlebt: Vom Podium über die „Bibel in gerechter Sprache“ bis zum wise guys Konzert, vom stillen Gebet in der Oase bis zum peppigen Lobpreisabend auf der EC-Bühne. Und es waren auch fast alle Prägungen vertreten: Von der Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche“ im „Markt der Möglichkeiten“ bis zum evangelikalem Forum über die Kreationismusdebatte, von stets fröhlichen Desmond Tutu auf Kundgebung der Globalisierungskritiker bis zur G8-Gipfelpräsidentin Angela Merkel.

   

Haifisch

„Lebendig und kräftig und schärfer“ – im Zeiten vom Profilschärfung und Milieuorientierung (EKD-weiter Diskurs um das Impulspapier „Kirche der Freiheit“) vermochte der eine oder die andere Kirchentagsbesucherin zweifelsohne angesagte Profildiskussion antreffen – und vor allem mitreden. Mitreden und Mitdiskutieren konnten auch die Besucher, die den Weg in die Industrie- und Handelskammer zur „Werkstatt Gemeinde“ gefunden hatten. Zusammen mit den Gemeindeberatern und der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste innerhalb des Diakonisches Werkes der EKD (AMD) hat das  „Netzwerk Kirchenreform“ (www.netzwerk-kirchenreform.de) das Werkstattprogramm mit Podiumsdiskussionen, Workshops und Infoständen gestaltet. Auch ging es um die Zukunft der Kirche: Vormittags haben sich OKR Thies Gundlach (Geschäftsführer bei der Erstellung des EKD-Impulspapiers) und Pfarrer Klaus Douglass (96 Thesen für „Die neue Reformation“) einen kleinen „Schlagabtausch“ zum Thema „Motivation und Widerstand“ bei Kirchenreformen geleistet. Und nachmittags war der Saal voll gefüllt, als Prof. Nethöfel vom IWS Marburg die Diskussion „Zukunft ohne Pastor“ moderierte: Ulrich Fischer (Bischof aus Baden) und Marlehn Thieme (Rat der EKD und Strategin im EKD-Reformprozess) diskutierten mit Carsten Schwarz (Citykirchenprojekte) und Piet de Jong (Holland hat sich von der Volkskirche verabschiedet) darüber, welche Rolle oder Zukunft das Pfarramt in der Kirchen haben sollte. Ansonsten war es um die aktuelle Reformdiskussion innerhalb der EKD auf dem Kirchentag sehr ruhig bestellt.

   

Vielleicht stecken aber die Debatten aber auch noch zu sehr in den Kinderschuhen, nachdem es nach dem ersten Presserummel um das EKD-Impulspapier und dem start der Reformdekade auf dem diesjährigen EKD-Zukunftskongress im Januar (Wittenberg) erst mal wieder ruhiger geworden ist. Und vielleicht wird der über Akademie- und Netzwerktagungen bis hin zu synodalen Debatten nun langsam vorangetriebene Reformprozess auch erst beim nächsten Großtreffen 2009 in der Bremer Hansestadt von der Kirchentagsbewegung stärker aufgegriffen. Auffällig war jedoch, dass auch die „kleineren“ Reformprozesse um kirchliche Verwaltungen oder Finanzstrukturen den Kirchentag nicht tangierten, obwohl sie selbst in kleinen Gliedkirchen momentan meist das Diskussionsthema schlechthin bieten. Glaubenskurse und Gemeindeberatung waren zwar auf dem Markt der Möglichkeiten vertreten, aber Infostände zum kirchlichen Informations-, Personal- oder Finanzmanagement sucht man vergeblich. Auch wenn die meisten Kirchentagsbesucher nicht zur Standart-Zielgruppe kirchlicher Fachmessen gehören mögen, war der Workshop vom „Kirchlichen Immobilienmanagement“ (K.IM.) sehr gut besucht, schließlich entscheiden am Ende ja auch meist die ehrenamtlichen Mehrheiten in den Synoden und Kirchenvorständen vor Ort. Auch das ansonsten noch immer heiß diskutierte Thema „Regionalisierung in der Kirche“ spielte nur am Rande eine Rolle, wenn auf Podien über die zukünftige Präsenz diakonischer und ähnlicher Einrichtungen diskutiert wurde. Um so erstaunlicher war, dass noch einmal die „älteren“ Reforminitiativen in den Messehallen einen ganzen „Kirchplatz Zukunft“ gestalteten und insbesondere die Arbeitsbereiche aus dem westfälischen Reformprozess (Kirche mit Zukunft) dieses Thema im Markt der Möglichkeiten dominierten. Es wirkte fast so, als würden sie noch einmal Überlebenswillen demonstrieren wollen, bevor ihnen unter den Finanznöten die Luft zum Atmen genommen werden könnte. Fundraising, Sponsoring oder die „KirchenCard“ – das waren Schlagworte die auch hier das Bild vieler Messestände prägte, doch ansonsten war der Bereich „Kirche und Management“ bisher unterrepräsentiert und noch kein wirkliches Thema auf dem Kirchentag. Aber vielleicht wird Bremen als nächste Gastgeberin auch in dieser Zukunftsdiskussion ein Zeichen setzen, sind der eigenständige Gliedkirche doch wie ihre Nachbarinnen auch die Struktur- und Modernisierungsdebatten keine Fremdwörter mehr.

    

   

Stefan Bölts ist Student

der Evangelischen Theologie

und Referent für Kirchenreformen

im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik

 in Marburg sowie Initiator der Internetplattformen

 www.kirche-von-morgen.de und www.kirche-der-freiheit.de.

      

  

Dieser Artikel ist erschienen in: KVI IM DIALOG, Ausgabe 2 / 2007: www.kviid.de