Beratung mit Feldkompetenz
Ein Beitrag von Dieter Pohl
Ein Kirchenkreis hatte 60.000,- € für ein Beratungsgutachten, erstellt von einer kirchenfremden Beratungsfirma, ausgegeben. Das Gutachten bestand zu 75 % aus einer Paraphase der Kirchenordnung und zu 25 % aus dem Ausweis von zwei konfliktären Problemen,[1] die noch zu lösen waren. Dieses war notwendig, denn die auswärtigen Berater mussten sich erst in die Besonderheiten der kirchlichen Organisation – ihrem Aufbau, ihrer Kultur, ihrer Kommunikationsmuster, ihrer Arbeitsbedin- gungen, ihrer unterschiedlichen Handlungslogiken zwischen Hauptberuf und Ehrenamt – hineindenken und einarbeiten. Dieses war aber auch ärgerlich, denn es kostete viel Geld.
Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung arbeitet mit kirchlicher Feldkompetenz. Ihre Beraterinnen und Berater kennen die Besonderheiten der kirchlichen Organisationskultur, sie bringen Achtung für die verschiedenen Ausprägungen des Glaubens mit, ihre Sprache ist in den unterschiedlichen Gemeinden, Kirchenkreisen, kirchlichen und diakonischen Einrichtungen anschlussfähig. Zu ihnen gehören Diakone, Diplom-Pädagoginnen, Pfarrer, Sozialpädagoginnen, Verwaltungswirte und auch außerkirchlich Beschäftigte wie Ingenieure, Betriebswirtinnen, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren.
Sie alle haben eine dreijährige Ausbildung in Gemeindeberatung / Organisationsentwicklung absolviert, die Beratungspraxis, Supervision und Theoriekurse umfasst. Um Alternativen zu kirchlichern Organisationsformen kennen- und in ihrem Leistungsvermögen abschätzen zu lernen, wird während der Ausbildung auch ein Praktikum oder ein Beratungsprojekt in einer nichtkirchlichen Organisation durchgeführt. Im Zentrum der Ausbildung steht die Entwicklung einer Beraterhaltung, die Distanz und Nähe zu den Beratungsnehmenden im Beratungsprozess wohl auszutarieren weiß. In der Beratungspraxis darf nicht im eigenen Kirchenkreis oder in einer Einrichtung, zu der es berufliche oder persönliche Beziehungen gibt, beraten werden.
Gemeindeberatung ist Mitte der 70er-Jahre in einigen evangelischen Landeskirchen als eigenständiges Arbeitsgebiet entstanden. Im Rahmen des damals propagierten Gemeindeaufbaus verzichteten die ersten Gemeindeberaterinnen und –berater auf die Verbreitung vorgefertigter Gemeindeaufbau- und Projektkonzepte.
Stattdessen gingen sie vor Ort in die Gemeinden, studierten zusammen mit den Verantwortlichen die gemeindliche Situation und versuchten, mit den Betroffenen Veränderungsprozesse einzuleiten, zu begleiten und abzuschließen. Sie stützten sich dabei auf Erkenntnisse aus der Organisationsentwicklung und aus den Sozialwissenschaften.
Ende der 80 Jahre präzisierten sie den etwas zu allgemein gefassten Begriff Gemeindeberatung durch den Zusatz Organisationsentwicklung.
Damit war der Hintergrund des Beratungskonzeptes genauer benannt.
Arbeitsgemeinschaften und Einrichtungen trugen jetzt in der Regel den Titel
Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung (GB/OE oder GO).
Ein konsistentes kirchliches Arbeitskonzept war entstanden, das im Folgenden genauer beschrieben werden soll.
GO-Teams unterstützen kirchliche und diakonische Leitungsorgane, Gremien, Teams und Projektgruppen dabei,
- Visionen, Ziele und Leitbilder für ihre Arbeit zu finden,
- ihre Kräfte der Selbstorganisation zu entdecken,
- ihre Aufbau- und Ablauforganisation zu verbessern sowie
- ihrer Interaktions- und Kommunikationsmuster gewahr zu werden, sie bei Bedarf zu unterbrechen und neue Muster zu entwickeln.
Dazu gehen sie zu den Klienten an den Ort ihrer gemeinsamen Arbeitspraxis. Sie hören zu und lassen sich Arbeitsanliegen und Problemsicht der Beteiligten schildern und erarbeiten überprüfbare Ziele der Zusammenarbeit.
Dann unterstützen sie die Leitungsorgane selbst oder dazu berufene Projektgruppen, Steuerungsgruppen oder Mitarbeitendenteams bei der Erreichung dieser Ziele. Sie strukturieren Arbeitssitzungen, gestalten Workshops und Klausuren, moderieren Verhandlungen bei Interessengegensätzen und Konflikten und werten die Arbeit regelmäßig aus.
Im Beratungsprozess stehen ihnen verschiedene Formen der Intervention zur Verfügung.
- Gemeindeberater und Gemeindeberaterinnen werfen z.B. Fragen auf, die zum Nachdenken anregen.
- Sie beobachten und begleiten den Prozess und geben Gelegenheit für Rückmeldungen und Auswertung.
- Sie sammeln relevante Daten und regen die Auseinandersetzung damit an.
- Sie suchen nach Alternativen und Ressourcen und helfen bei deren Bewertung.
- Sie zeigen Entscheidungsverfahren und –möglichkeiten auf.
- Sie coachen die Verantwortlichen.
- Sie stellen Wissen in Form von Kurz-Infos zur Verfügung.
- Sie erarbeiten mit den Beratungsnehmenden Regeln, Richtlinien, neue Strukturen.
- Sie steuern den Problemlösungsprozess.
Die Interventionen fördern die Verantwortung der Beratungsnehmer in verschiedener Weise. So werden ihre Auswirkungen vom Beratungsteam möglichst genau wahrgenommen und ausgewertet. Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung will die Mündigkeit und Selbstständigkeit der Klienten stützen. Sie will systembezogene Lernprozesse auslösen und zur Entdeckung der eigenen Ressourcen anleiten.
GO–Beraterinnen und –Berater unterstützen in alldem den Veränderungswillen, begleiten Veränderungsprozesse auch in ihren turbulenten Phasen, sie intendieren die Institutionalisierung veränderter Verhältnisse und reflektieren mit den Klienten die Auswirkungen der Veränderung in angemessenem Zeitabstand.
Im Repertoire von GB/OE bzw. GO haben sich inzwischen Erkenntnisse und Erfahrungen aus Theologie und Sozialwissenschaft, Organisationsentwicklung und Systemtheorie, Kybernetik und Konfliktmoderation angesammelt. Zu den Kunden zählen:
Kirchenvorstände, Teams von Mitarbeitenden, Projektgruppen aus Gemeinden,
Leitungsgremien von kirchlichen und diakonischen Einrichtungen,
Verwaltungsämter,
Synoden und kirchenleitende Organe sowie
Sozialeinrichtungen und Dienstleistungsunternehmen in nichtkirchlicher
Trägerschaft.
Als Beratungsgegenstände waren in den letzten Jahren besonders gefragt:
Qualitätsentwicklung, insbesondere der GO-Qualitäts-Check
Umstrukturierungsprozesse infolge von Einsparungsnotwendigkeiten
Leitbild- und Konzeptentwicklung
Personalförderung und Mitarbeiterführung
Teamentwicklung
Konfliktmanagement
Als neue Beratungsformen haben sich in den 90er Jahren Coaching von kirchlichen und diakonischen Leitungskräften und zu Beginn des neuen Jahrhunderts Kirchenmediation ausgebildet. Mit der Übernahme des Auftrags zur Verwaltungsberatung kamen zunehmend Fachberatungselemente zum Zuge.
In der letzten Jahren haben sich neben den klassischen Organisationsentwicklungs-Prozessen auch Kurzzeit-Trainings für spezielle, klar umgrenzte Aufgaben entwickelt z.B.:
zur Schulung einer Gesprächshaltung bei der Einführung von Mitarbeitenden- Gesprächen
zur Zielentwicklung bei der Einführung des Neuen kirchlichen Finanzwesens
zur Anwendung des Qualitäts-Checks als Start für die Qualitätsentwicklung kirchlicher Angebote.
In fast allen evangelischen Landeskirchen und in vielen katholischen Diözesen Deutschlands gibt es Einrichtungen für Gemeindeberatung / Organisations- entwicklung.
Einige arbeiten im Auftrag der Kirchenleitungen, andere haben sich als Vereine oder Gesellschaften im Gegenüber zur Kirchenleitung organisiert. Zu ihren Mitarbeitenden zählen hauptamtliche GO-Beraterinnen und –Berater, freiberufliche Berater und Supervisoren sowie nebenberufliche Berater, die einen kirchlichen Hauptberuf ausüben.
Der Autor Dieter Pohl ist Landespfarrer für Gemeindeberatung/ Organisationsentwicklung der Ev. Kirche im Rheinland.
Internet: www.ekir.de/go
Viele Kirchgemeinden stehen heute vor dem Problem sinkender Einnahmen. Deswegen ist die Auseinandersetzung mit finanziellen Fragen aktueller denn je. Dieser übersichtliche Ratgeber will Kirchgemeinden helfen, eine zukunftsfähige Finanzplanung zu entwickeln: Kirche und Geld. Ein Wirtschaftsratgeber für Gemeinden.
Dieter Pohl schildert 14 Konfliktszenarios, die aus der Beratungsarbeit der Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung stammen. Sie beinhalten Auseinandersetzungen um Glaubensfragen, um Werte und Normen, Differenzen um Arbeitsziele und Handlungsschritte, Verteilungskämpfe und Rollenkonflikte: Konflikte in der Kirche - kompetent und kreaktiv lösen.
[1]
Beide Probleme wurden später in der Zusammenarbeit
mit der Gemeindeberatung/ Organisationsentwicklung bearbeitet und einer Lösung
zugeführt. Dieser Beratungsprozess kostete 1650,- €.




