Die geplante Reform der Einkommenssteuer
werde nach kirchlichen Schätzungen zu einem Rückgang der Kirchensteuern um bis
zu einer Milliarde Euro führen, meldete die Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung am 14. Februar. Der vorgesehene Stufentarif bei der
Einkommensteuer würde die evangelische und die katholische Kirche jeweils rund
500 Millionen Euro kosten, heißt es. Ist die EKD in ihrem Bestand gefährdet?
Sollte die EKD die Kirchensteuer von der Einkommenssteuer trennen?
Ein Kommentar von Thomas Begrich in "Die
Kirche"

Die Nachrichtenagenturen berichteten kürzlich
darüber, dass die evangelische und die katholische Kirche eine Milliarde
weniger Kirchensteuereinnahmen durch eine mögliche Steuerreform zu erwarten hätten.
Stimmt das? Worum geht es überhaupt?
Die Kirchensteuer ist ein Mitgliedsbeitrag. Wir Gemeindeglieder zahlen ihn, um
damit kirchliche Arbeit zu ermöglichen. Erhoben wird dieser Beitrag wie eine
Steuer, angehängt an die staatliche Lohn- und Einkommenssteuer. Dieses
Verfahren hat viele Vorteile: Es ist einfach in der Handhabung, transparent und
kostengünstig. Der Staat fungiert hier als Dienstleister und bekommt von der
eingezogenen Kirchensteuersumme eine Verwaltungsgebühr von durchschnittlich
drei Prozent. Wenn die Kirchen ein eigenes Einzugssystem entwickeln müssten, käme
das sehr viel teurer.
Durch die Festlegung des Hebesatzes an die Lohn- und Einkommenssteuer folgt die
Kirchensteuer der im staatlichen Steuersystem angelegten Steuergerechtigkeit.
Die funktioniert grundsätzlich so: Wer mehr verdient, zahlt mehr Steuern.
Strittig ist in der Politik natürlich immer die Frage: Wie ist Gerechtigkeit zu
definieren? Aber ob wir das in den Kirchen wirklich immer besser wüssten? Wir
sind gut beraten, wenn wir in Sachen Bemessung der Kirchensteuer dem folgen, was
sich als gesellschaftlicher Konsens erweist.
Aktuell streitet sich die Regierungskoalition allerdings um den Steuertarif. Es
gibt Überlegungen, ein neues Verfahren, einen sogenannten Stufentarif einzuführen.
Das soll den Mittelstand entlasten und die Steuerprogression mildern. Nicht nur
ich habe Zweifel, ob das zugleich auch die Wirtschaft ankurbelt. Auf jeden Fall
aber würde eine Einführung des Stufentarifs insgesamt zu massiven
Steuerentlastungen führen. Ist das nicht gut? Wer zahlt denn schon gern
Steuern.
Aber halt, darum geht es nicht! Wir zahlen unsere Steuern ja nicht ohne Grund,
sondern wir versetzen den Staat damit in die Lage, das zu tun, was wir von ihm
erwarten: Straßen bauen, Bildung finanzieren, Kindergärten bezahlen. Alles
Dinge, die wir dringend brauchen. Leider hat sich der Staat in den letzten 60
Jahren hoch verschuldet. So hoch, dass allein der Bund bis zu 15 Prozent seines
Haushaltes nur für die Zinslasten aufwenden muss. Das ist mehr, als er für
Bildung, Forschung und Verkehr ausgibt! Führte er den Stufentarif ein und
senkte die Steuern, müsste er richtig sparen. Beim Schuldendienst geht es
nicht, bei der Bildung wollen wir es nicht, bei der Verteidigung wird er es
nicht tun - bleiben also nur die Ausgaben für Soziales. Über einen Umweg
werden dann die Leistungsfähigeren (die Steuerzahler) zu Lasten der sozial Bedürftigen
entlastet. Das scheint nicht richtig zu sein - und deswegen können wir jetzt
keine Steuerentlastungen brauchen.
Und die Kirchen? Geringere Steuereinnahmen bedeuten dann auch weniger
Kirchensteuereinnahmen. Es ist kein Zweifel, dass das auch uns viele Probleme brächte.
Ob eine solche Steuerreform nun 200 oder 500 Millionen kostet (bei etwa 4,5
Milliarden Euro Kirchensteuereinnahmen für die evangelische Kirche) kann man
jetzt nicht sagen - es ist ja noch gar nicht klar, wie das Konzept der Regierung
letztlich aussieht.
Wie auch immer: Wir werden Lösungen suchen müssen, um solche Verluste
auszugleichen. Eine Gemeinde, die kirchliche Arbeit will, wird die kirchliche
Arbeit auch finanzieren. Aber zunächst einmal gilt: Bürger, die einen
leistungsfähigen Staat haben wollen, sollten auch Steuern zahlen wollen. In
angemessener Höhe. Auch in Krisenzeiten. Das dient uns allen. Gerade in
Krisenzeiten.
Der Autor Oberkirchenrat Thomas Begrich ist Leiter der Finanzabteilung im Kirchenamt der EKD. Von 1990 bis 2003 war er Finanzdezernent der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg und maßgeblich an kirchlichen Strukturreformen beteiligt.
Qu: Die-Kirche.de