Einleitung - Teil 1:
1. Statt einer Kairologie: Bemerkungen zur Lage
Kirchenreform
jetzt? Ein erster Blick auf die Tagesordnungen von Kreis- und Landessynoden,
aber auch von Kirchenvorstands- und kirchlichen Gremiensitzungen zeigt, dass überall
Strukturreformen die Agenda bestimmen. Nach den zunächst von der Basis laut
geforderten, schließlich mit beträchtlichem finanziellen Aufwand in Angriff
genommenen großen Reformprojekten scheinen jetzt sogar in beiden großen
Volkskirchen Veränderungsprozesse in Gang zu kommen, die auf allen Ebenen
gleichzeitig stattfinden und dabei selbst die Zögerlichen und Skeptischen zum
Umdenken zwingen. Endlich bewegt sich auch dort etwas, wo man es nicht mehr
erwartet hätte. Ist es da nicht eher schädlich, im Gestus der Aufgeregtheit
noch mehr zu fordern, subito? Und fördert man so etwas ausgerechnet durch einen
Sammelband mit ganz verschiedenen Beiträgen zum allgemeinen Thema Reform?
Weder ein Mitglied im Kirchenvorstand noch ein Hauptamtlicher in den
Gemeinden, geschweige denn ein sorgenbeladener Finanzreferent oder ein von
schlechten Nachrichten geplagter Synodaler wird so etwas lesen, sagten wir uns
selbst, als der Wunsch laut wurde, die Reformbeispiele zusammenzustellen, von
denen wir immer wieder hier und da hörten, wenn wir in Sachen Kirchenreform
unterwegs waren oder wenn wir uns in unserem Reformnetzwerk trafen.
Wir
haben uns überzeugen lassen. Es ist wichtig, sich über die neue Lage zu verständigen.
Die Reformprojekte der 70er Jahre sind nach den großen Aufbrüchen regelmäßig
stecken geblieben. In den meisten Fällen blieb es bei verspätet einsetzenden
Prozessen nachholender Modernisierung, die zu einer Stärkung und
Professionalisierung der mittleren Verwaltungsebenen führten. Aber die Klagen,
dass dies nicht immer und überall auch die Gemeinden stärke, ja sie oft nicht
einmal wirklich von überflüssigen Arbeiten entlaste, werden genau jetzt lauter
– wo diese Gemeinden selbst - weniger aus Interesse an Veränderung, sondern
eher unter dem Druck durchgreifender Kürzungen - gezwungen werden, die
gewohnten Verhaltensweisen zu ändern und über Schwerpunkte und Kernziele
ihrer Arbeit nachzudenken.
Längst
organisieren modernisierte Firmen und zunehmend auch umorganisierte Verwaltungen
nach einer zweiten, womöglich tiefer greifenden Reformwelle ihre
funktionalisierten, schematisierten und zentral koordinierten Warenangebote und
Dienstleistungen mit Hilfe einer leistungsfähigen Informations- und
Kommunikationstechnik wieder auf die Bedürfnisse Einzelner hin. Im Idealfall
unterstützt nun die gesamte Leistungskraft einer großen Organisation jenen
entscheidenden Kundenkontakt, dessen personale Unmittelbarkeit durch die kalte
Rationalisierung moderner Reformmaßnahmen beeinträchtigt, nicht selten sogar
nachhaltig unterbrochen wurde. Nun repräsentiert ein hochinformierter Profi
eine im Wettbewerb überlebensfähige „postmoderne“ Organisation, die sich
scheinbar in Echtzeit vom Kunden her und auf den Kunden hin organisiert: die
nicht für sich selbst da ist, sondern für diejenigen, die gerade etwas
brauchen. Wir setzen gleich hinzu, dass das auch schon in der Diakonie und auf
Wohlfahrtsmärkten Maßstäbe setzt, um deutlich zu machen, dass hierin die
erste aktuelle strategische Reformherausforderung für die Kirche liegt. Kann
sie modernisierte Organisationen überholen, ohne diese einzuholen?
Die
zweite Reformherausforderung klingt unter dem Wettbewerbsaspekt schon an. Sie lässt
sich unter dem Stichwort „Globalisierung“ zusammenfassen. Diese wurde bis
vor kurzem verleugnet, jetzt wird sie dämonisiert. Nun berufen sich beide
Seiten auf sie, um in Verteilungskämpfen ihre Positionen zu begründen. Es
werden immer radikalere Patentrezepte angeboten, um die Ursachen oder doch die
Auswirkungen eines globalen wirtschaftlichen Wirtschaftszusammenhangs zu bekämpfen.
Die Kirche muss hier nicht neutral bleiben, im Gegenteil. Aber gerade weil sie
in weltweiter Solidarität den Globalisierungsopfern verpflichtet ist, kann sie
den Umbau und die Neuausrichtung ihrer eigenen Organisationen nicht durch
Globalisierungsstatements ersetzen, seien diese nun richtig oder falsch. Unter
faktisch globalisierten Marktrückwirkungen sind kirchliche Tarifverträge
wirklich eine Berufseintrittsbarriere, und sie mindern wirklich den Outcome für
diejenigen, die lokal auf kirchliche Dienstleistungen angewiesen sind –
solange nicht Dritte Lösungen gefunden werden. Immigrantengemeinden brauchen
unsere kirchlichen Räume wirklich dringender als wir. Und das Angebot der
Kerngemeinde bleibt ja nicht nur ihnen verschlossen, sondern es lässt auch
einheimische Milieus und ganze Jahrgänge Heranwachsender dauerhaft ohne
Orientierung in einem global wirksamen Desorientierungsangebot. Überregional
sind die Kirchen zwar in den Medien präsent. Aber weder haben sie im deutschen
Globalisierungskontext orientierende Reformimpulse setzen können, als die
Politik diese verweigerte, noch – das lässt sich voraussagen – wird das
Papstamt selbst die Weltgesellschaft christlich orientieren können; sie lässt
sich allenfalls beeindrucken. In beiden Fällen beeinträchtigt die Reformunfähigkeit
der Organisation die Glaubwürdigkeit der Botschaft. Vor dem Hintergrund
faktischen Organisationsversagens wird kirchlicher Provinzialismus zur
eigentlichen Herausforderung. Hinter einer hartnäckigen Reformverweigerung
tritt der Egoismus kirchlicher Institutionen allerdings besonders deutlich
hervor. In der Unbeirrbarkeit, mit der Positionen verteidigt werden, weil es
Lehramtspositionen sind, oder in der Art und Weise, wie manche Kerngemeinden in
die Rücklage greifen und andere in Haftungszusammenhänge verstricken, ohne
dies auch nur wahrzunehmen, offenbart sich sogar ein kirchlicher
Organisationsautismus ohne weltliches Pendant.
Gibt
es spezifisch deutsche Reformherausforderungen, die nur unsere großen
Volkskirchen betreffen? Sicherlich eignen sich wie beim Staat die gewachsenen
kirchlichen Strukturen und Mentalitäten hierzulande mittlerweile besonders
schlecht dazu, auf globale Herausforderungen zu reagieren, die sich lokal
konzentrieren. Die Auswirkungen langfristiger demographischer Verschiebungen
schwächen die Ressourcen, während die diakonischen und karitativen
Anforderungen wachsen. Die tief greifenden gesellschaftlichen und kulturellen
Umbrüche stellen Organisationen vor epochale Orientierungsaufgaben, die selbst
nicht wissen, wie sie ihre Modernisierungsaufgaben bewältigen sollen.
In
allen großen Organisationen gibt es Reformgewinner und Reformverlierer. Die
Blockierungsaktivitäten der letzteren können zuverlässig erwartet werden, und
wenn man besser ist, kann man ihre Beharrungsroutinen mit Reformroutinen leer
laufen lassen. Dies lässt sich sportlich sehen, solange man „draußen“
nicht wirklich gebraucht wird. Aber die Mikropolitik des Machterhalts kann sich
in unseren Volkskirchen bei anstehenden Sparmaßnahmen ebenso wie bei drohenden
Organisationsveränderungen bislang noch quer zu eher episkopalen oder eher
synodalen Verfassungsstrukturen auf eine besonders fokussierte
Verweigerungsmehrheit stützen. Sie lässt sich von den Vertretern
unterschiedlicher Interessen immer noch zuverlässig mobilisieren, sobald in der
Öffentlichkeit, vor Synoden oder in Beschlussgremien mit Laienvertretern die
Interessen der Kerngemeinde an der Aufrechterhaltung des Status quo artikuliert
werden. Der gewohnte Gottesdienst, zuverlässige Amtshandlungen, intensive
Seelsorge und die Aufrechterhaltung eines hochschwelligen Clubangebots scheinen
den Erhalt jeden einzelnen kirchlichen Gebäudes und aller Plan- und
Kostenstellen zu erzwingen, obwohl die Zielgruppen immer älter und immer
kleiner werden. Da darf es nicht verwundern, wenn kirchliche Verwaltungen, die
sich hinter dieser mit allen Mitteln gehaltenen Frontlinie des kirchlichen
Angebots eingegraben haben, wie Deutschlands letzte Behörden erscheinen. Sie können,
so scheint es, Effizienz- und Effektivitätsansprüche ebenso wie die Einklagung
von Mindeststandards im Kundenkontakt aus prinzipiellen Erwägungen von sich
weisen.
Spätestens
heute sagt man das staatlichen Verwaltungen zu Unrecht nach. Und staatsanaloge
Verhaltensweisen verdecken in kirchlichen Organisationen wohl nur einen
ekklesiologischen Fehlschluss, der – in diesem Falle leider – in ökumenischen
Varianten existiert: Ich darf mein Organisationshandeln nicht verändern, weil
sich durch mich die Kirche organisiert. Schaut man etwas genauer hin, kann man
wieder über Konfessionsgrenzen hinweg einerseits theologische, anderseits
spirituelle Reformhindernisse unterscheiden. Reformmaßnahmen müssen vielleicht
schon deshalb theologisch begründet werden, weil die Reformverweigerung sich in
spezifischer Weise theologisch begründet. Aber die theologische Diskussion
verweist dann je länger, je deutlicher weniger auf eine theologisch verbrämte
Reformunwilligkeit als auf eine tiefer verankerte theologische Unfähigkeit zur
Reform. Ein entscheidender Grund, warum kirchliche Reformprozesse nicht tief
greifen und nicht nachhaltig wirken, ist eine Theologie, die sich von der
Empirie abgekoppelt hat und die prinzipiell nicht auf psychische,
organisatorische und soziale Prozesse reagieren oder einwirken kann.
Wenn
man hier auf eine funktionale Konvergenz existenz- und dialektisch-theologischer
Traditionen verweist, auf zusammenwirkende hermeneutische, subjektivitäts- oder
transzendentaltheologische Ansätze, so scheint damit zwar wieder eine
spezifisch deutsch-protestantische Konstellation angesprochen. Aber diese
hat ja nicht nur hierzulande, sondern mit weltweiter Reichweite ein katholisches
Pendant, bei dem mit demselben Instrumentarium ein ebenfalls empirieresistenter
neoaristotelischer Diskurs relativ oberflächennah modernisiert wird. Typisch
protestantisch ist, dass jeder Reformer seinen Ansatz selbst senkrecht von oben
begründet. Ökumeneweit unterentwickelt ist die Kultur des theologischen
Diskurses. Es gibt weder eine Weiterentwicklung der Ekklesiologie durch die
Verarbeitung praktischer Erfahrungen noch eine konsequente theoretische
Verarbeitung kirchlicher Reformen, an denen sich die Praktiker orientieren könnten
– von einer Kultur gemeinsamen Lernens ganz abgesehen.
International
verhindert dies die kooperative Erforschung weltweiter religiöser Wachstumsphänomene,
besonders bei den Pfingstgemeinden in Lateinamerika, Asien und Afrika.
Theologische Abschottung erschwert die kritische Analyse von Lösungsansätzen,
wie sie die erfolgreichen Zielgruppengottesdienste nach dem Willow-creek-Vorbild
anbieten könnten, lässt das gelegentliche Zusammenwirken bei der Lobbyarbeit
in internationalen Organisationen ohne gemeinsame Basis und blockiert die
strategische Planung großer Events oder den gemeinsamen Einsatz von
elektronischen Medien für christliche Campagnen. In Deutschland unterbleibt die
nahe liegende gemeinsame Analyse von Partizipationsproblemen, die die
Volkskirchen mit Parteien und Gewerkschaften teilen, oder der regionalen
Auswirkung globaler oder doch europaweiter Trends: bei Phänomenen neuer
Religiosität, bei demographischen Verschiebungen, in schrumpfenden Städten.
Theologisch begründete statt institutionell eher erzwungene Kooperation gelingt
weder bei den gemeinsamen Herausforderungen, wie sie von den modernen
Naturwissenschaften, der Technik oder den Lebenswissenschaften ausgehen, noch
bei den gelungenen Reformerfahrungen etwa in der Diakonie und in der Caritas,
von denen Kirchen weltweit etwas für ihr Kerngeschäft lernen könnten: Stünden
allgemein akzeptierte theologische Lernverfahren zur Verfügung, gäbe es
Benchmarkingkriterien, die bewährte Erfahrungen theologisch legitimiert in
konsistente Reformaktivitäten überführen könnten.
Reformrelevant
sind stattdessen theologische Abwehrreflexe. Wir Protestanten haben Glück, wenn
Forderungen nach Effizienz und Effektivität kirchlicher Strukturen nicht als
„gesetzlich“ denunziert werden. In wiederum ökumenischen Spielarten
begegnet der Verdacht, man wolle die Kirche an die Wirtschaft verkaufen, wenn
man Reformforderungen konkretisiert durch den Hinweis auf Managementtechniken,
im Rekurs auf professionelle Organisations- und Personalentwicklung – und dies
wird dann gerne durch eine Ekklesiologie begründet, die selbst von krassem
organisatorischem Versagen merkwürdigerweise gar nicht berührt wird.
Dies
hat in beiden Volkskirchen Auswirkungen auf die Ausbildung der Geistlichen, auf
die Auswahl des Führungsnachwuchses und den kirchlichen Führungsstil, der dann
wieder zurückwirkt auf die Attraktivität des Pfarrberufs.[1] Das Ergebnis ist auch hier
theologisch eher irritierend. Wir finden quer über die Konfessionsgrenzen
hinweg auf denselben Führungspositionen nebeneinander die theologisch begründete
Leugnung jeden Reformbedarfs neben der theologisch deduzierten Herleitung
detaillierter Reformprogramme – ausgelöst beide von nahezu identischen Sparzwängen.
Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen überwiegt ein Unvermögen, konkrete
Reformziele perspektivisch zu erkennen, sie präzise zu benennen, plausibel zu
beschreiben, dies religiös zu kommunizieren und dann theologisch begründet und
reflektiert einzuspeisen in den Organisationsdiskurs, etwa im Rahmen eines
Leitbildprozesses. Nun ist dies aber vermutlich gar nicht das Haupthemmnis. Wenn
es um die Umsetzung eines controllingfähiges Organisationsprogramms in
konsequentes Organisationshandeln geht, zeigt sich, dass die vom theologischen
Über-Ich beherrschten Auswahlverfahren handwerkliche und Eignungsdefizite
haben, die tiefer, eigentlich: flacher sind. Unabhängig von der rechtlichen
Ausgestaltung ihrer Führungsrolle fehlt es den meisten leitenden Geistlichen
erkennbar an „leadership“: am Willen, strategische Ziele kirchlichen
Reformhandelns verbindlich zu setzen und sich für diese Ziele unter persönlichem
Risiko einzusetzen beziehungsweise diese im Team konsequent anzustreben.
Während
also auch aus Gründen, die die Theologen unter uns sich selbst zuschreiben müssen,
Reformen ausbleiben, schwinden nicht nur finanzielle, sondern auch personelle
strategische Reserven, mit denen man Strukturveränderungen durchführen und
neue Schwerpunkte hätte setzen können. Es ist eine Illusion, dass keine
Fehler macht, wer nicht handelt. Es geht nicht um Reform um der Reform willen!
Giovanni di Lampedusa, der adelige Autor des „Leoparden“, wusste noch, dass
alles sich ändern muss, damit es dasselbe bleiben kann. Bei sich ändernden
Umfeldbedingungen verändert am Schluss derjenige die Organisation am
wirksamsten, der nur verwaltet. Und auch in der Kirche wirken vermutlich
inzwischen die durch keine Reformimpulse gehemmten Verschleißerscheinungen, die
dann unausweichlich sich einstellen, stärker verändernd als die von
Konservativen oft beschworene Anpassung an Moden und Trends. Burnout-Phänomene
und Mobbing-Fälle markieren nur die Spitze eines Eisbergs und sind als
Einzelerscheinungen keineswegs kirchentypisch. Aber Kirchenmitglieder und Öffentlichkeit
beklagen aus der Kundenperspektive, was Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht
leugnen. Wir wollen auch dieser Katze die Schelle umhängen, wohl wissend, dass
hierfür kein Dank erwartet werden darf:
Signifikant
häufiger als in Firmen, häufiger als in staatlichen Verwaltungen, werden etwa
im Raumangebot kirchlicher Organisationen, beim Mobiliar, bei der Verwendung von
Geräten technische und ästhetische Mindest-, Vergleichs- und
Sicherheitsstandards nicht eingehalten. Häufiger als nach dem Kontakt mit
anderen Organisationen beklagen sich unsere Mitglieder, Klienten und Gäste über
fehlende Sekundärtugenden wie Sauberkeit und Pünktlichkeit der Haupt- und
Ehrenamtlichen, vermissen sie die gewohnten professionellen Mindeststandards bei
Dienstleistungen, beklagen Unzuverlässigkeiten bei Verabredungen und beim
Halten üblicher oder vereinbarter Fristen, fehlende Disziplin beim Einhalten
von Verträgen, Ordnungen und Beschlüssen, thematisieren Stilfragen im
Schriftverkehr ebenso wie im persönlichen Umgang, sei es im kleineren Kreis
oder bei offiziellen Veranstaltungen.
Hierzu
wäre dies und das zu sagen, wäre zu relativieren oder zu präzisieren, um
nicht gerade die Falschen unter Generalverdacht zu stellen. Aber in der eigenen
wie in der Fremdwahrnehmung hat die Kritik ein Gefälle, rollt von verschiedenen
Ausgangspunkten immer wieder auf ein Zentrum zu. Unsere reformträgen
Organisationen können schlecht feiern und ehren; sie haben keine Kultur der
Wertschätzung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern ausgebildet – wie
wollen sie einladend auf Bedürftige und Fremde, Außenstehende und junge
Menschen zugehen? Wenn in unserem eigenen ehrlichen Urteil etwas mit der Kritik
übereinstimmt, die von außen kommt, dann doch dies: In aller Regel fehlt es
ausgerechnet in unseren kirchlichen Organisationen an Herzlichkeit,
Freundlichkeit, Großzügigkeit, an Gastfreundschaft und Freude – an den im
Neuen Testament verheißenen und beschriebenen Gaben des Geistes.
Morose
Stimmung und Mentalität, zunehmend auch eine Reformfrustration, die sich
festgefressen hat, reichen im kirchlichen Bereich tiefer als die auch schon fast
sprichwörtliche deutsche Misere. Wenn Laien ihre Mitarbeit wieder einstellen,
weil sie den Arbeitsstil in Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten als –
verglichen mit der oft verteufelten Wirtschaft! – besonders anstrengend und
als verletzend empfinden, dann muss uns spätestens das alarmieren. Es ist
vielleicht das deutlichste Signal für einen kirchlichen Reformstau, den wir in
der Tat - jetzt! durch eigene Aktivität - überwinden müssen, dass sich in
beiden Kirchen Organisationssymptome eines speziell spirituellen Versagens häufen;
der Markenkern scheint gefährdet. Auch mit den Gaben des Geistes kann eine
Organisation offensichtlich mal besser, mal schlechter umgehen.
Wir
spüren keinen Reformimpuls, der uns einfach mitreißen würde: weder von oben
noch von unten. Es gibt keine kirchliche Reformbewegung, der wir uns anschließen
könnten. „Kein Aufbruch droht“, fasst Paul Zulehner jene Stimmung zusammen.
Sie ist zutiefst unevangelisch. Ecclesia semper reformanda! – das soll uns
doch Mut machen![2]
Und noch unsere harte kirchliche Selbstkritik steht ja unter einer
urevangelischen Gewissheit und Verheißung: „Wir vermögen nichts wider die
Wahrheit, aber mit der Wahrheit“ (2. Korinther 13,8). Müssen wir auf ein „Aggiornamento“
warten, wie Johannes XXIII es vor dem Konzil gesprochen hat? Tatsächlich geht
es zunächst um einen Perspektivwechsel. Alle Beteiligten an den real
existierenden Reformprojekten, von denen im Folgenden die Rede sein wird, haben
zunächst den Blick vom eigenen Bauchnabel gelöst und sich umgeschaut, was es
schon gibt.
„Aggiornamento“
bedeutet „auf Tagesstand bringen“, aktualisieren – eine Brücke zu
schlagen von der Vergangenheit in die Zukunft. Der Geist gab hier als Erstes
Mut, kritisch zu überprüfen, was da ist, was verbesserungswürdig ist und was
radikal aufgegeben werden muss. Zum Aggiornamento gehört allerdings ebenso die
Frage: Was wagen wir neu? Zu den inhaltlichen Leitfragen eines Aggiornamento in
der christlichen Traditionsgemeinschaft gehören unter anderem, gelebte Religion
und gelehrte Theologie zusammenzubringen sowie die staatsanaloge Struktur
aufzugeben, Einer passiven Empfängermentalität auf der einen und einem wie
immer eingefärbten pfarrherrlichen Denken auf der anderen Seite ist wirksam und
nachhaltig entgegenzuwirken – damit sie sich nicht länger gegenseitig
stabilisieren und die Organisationen lähmen können. Schließlich: Ein in
Wahrheit strukturkonservatives Kürzungsprogramm mit großem Medieneinsatz und
Eventspektakel zu überdecken, ist eigentlich in keiner der beiden Volkskirchen
erstrebenswert. Neoliberale Ideologie bedroht Solidaritätsvorstellungen, die
wir teilen und die wir weder draußen dulden, noch drinnen exekutieren können,
ohne unseren „Markenkern“ zu bedrohen: Glaubwürdigkeit.
Um
die Gaben des Geistes können wir nur beten, aber so: „Herr erneure deine
Kirche – und fange bei mir an!“ Es gibt auch bei Strukturreformen keine
„billige Gnade“! Aber vielleicht geht der Heilige Geist in Organisationen
einen besonderen Weg: den des self fulfilling prayer. Wenn wir unsere
berechtigte Klage vor Gott bringen und uns anschließend orientierend umschauen,
nehmen wir ja sehr wohl an vielen Orten Reformbewegungen wahr. Und jene
„Vergegenwärtigung“ des Evangeliums gelingt hier und da sogar exemplarisch.
Ganze Landessynoden setzen jenem verbreiteten Einverständnis mit dem
organisatorischen Dahinmickern der Kirche das Motto „Wachsende Kirche“
entgegen. Downsizing? Allenfalls nach einem Wort von Bischof Axel Noack: „Fröhlich
kleiner werden und dennoch wachsen!“
[1]
In Varianten, die im wesentlichen auf den zölibatären Priestermangel zurückzuführen
sind, wirken im Hintergrund Verschiebungen in den hierfür in Frage
kommenden Bildungsmilieus und in der staatlichen Organisation der
theologischen Ausbildung zusammen; vgl. Veronika Drews, Steffen Griesel,
Wolfgang Nethöfel (IWS), „Weichgespült“ oder „Stonewashed“? Stand
und Funktion kirchlicher Mitarbeiterbefragungen in den Landeskirchen,
Deutsches Pfarrerblatt 9/2004, S.473-474, 479f.
[2]
Vgl. dazu Theodor Mahlmann, „Ecclesia semper reformanda“. Eine
historische Aufklärung, in: Theologie und Kirchenleitung (FS Steinacker),
hrsg. von Hermann Deuser/ Gesche Linde/ Sigurd Rink, Marburg 2003,
S.57–77.
Fortsetzung der Einleitung im PDF-Dokument: