Bonner Baukasten für Kirchenkreisentwicklung

Checkliste zur Leitung von Kirchenkreisen

 

Prof. Dr. Eberhard Hauschildt

Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

   

In Zeiten vielfacher Strukturreformen in den Kirchenkreisen werden Instrumente für die Steuerung der Prozesse dringend benötigt. Sie müssen klare Zuständigkeiten definieren und rechtliche Regelung von Pflichten und Rechten im Zusammenwirken der Organe des Kirchenkreises und im Verhältnis zu den Ortsgemeinden und zur Landeskirche einbeziehen. Viele Instrumente lassen sich aus den gegebenen Strukturen ableiten; daraus ergibt sich eine Fülle von Möglichkeiten, die Kirchenkreisentwicklung erfolgreich zu leiten. Die folgende Checkliste soll dazu helfen, sich diese Möglichkeiten im Überblick bewusst zu machen und sie gezielt einzusetzen.

  

Diese Checkliste ist Ergebnis einer systematischen Auswertung von Praxiserfahrungen, die auf einer Tagung zur Kirchenkreisreform an der Evangelischen Akademie im Rheinland gesammelt worden sind. Sie will die vorhandene Literatur zum Projektmanagement ergänzen – vor allem durch den Hinweis, dass es sinnvoll sein kann, auch scheinbare Routinevorgänge („Antrag an die Synode“) als Projekt zu definieren und bis zum erfolgreichen Abschluss zu „managen“.

  

Aus den gesammelten Erfahrungen ließ sich die folgende Ordnung von Hinweisen ableiten. Es gibt Möglichkeiten, den Prozess in guter Weise 1. zu objektivieren, 2. zu subjektivieren, 3. zu terminieren, 4. zu symbolisieren, 5. zu kommunizieren, 6. zu entscheiden.

  

1. Objektivieren (Zahlen und Kriterien)

  • Ist das Prozessziel benennbar?

  • Ist das Prozessziel so gefasst, dass zum Abschluss des Prozesses beurteilt werden kann, ob es erreicht wurde oder nicht?

  • Sind die Kosten (Ressourcen an Geld, Zeit, Personen, Sachmittel) klar?

  • Wer tut wann was?

  • Liegen (für alle Beteiligte) genug Informationen vor?

  • Werden die Argumente, die in der Diskussion eine Rolle spielen, in Pro- und Contra-Bilanzen aufgestellt (ggf. auch mit Punkte-Gewichtung der einzelnen Argumente)?

  • Werden tatsächlich alternative Optionen erwogen? (Dadurch werden alle einbezogen in die Notwendigkeit, sich gegenüber Alternativen zu entscheiden und es wird klar, dass „dagegen“ zu sein auch eine Entscheidung bedeutet und begründet sein muss.)

  • Werden Grundsatzalternativen und/oder Teilvarianten mit allen tatsächlichen Kosten dargestellt (keine verdeckte Querfinanzierung)? Sind die Kosten der Alternativen vergleichbar aufgelistet?

 

2. Subjektivieren (Personen)

  • Ist klar, welche Personen insgesamt von dem Prozess betroffen sein werden?

  • Wer sind die Promotoren des Prozesses? Warum? Was gibt es zu gewinnen?

  • Wer sind die entschiedensten Gegner? Warum? Was gibt es zu verlieren? (Die Gegner von Prozessen beteiligen sich in der Regel stärker als die Befürworter von Prozessen!)

  • Wer sind die Meinungsführer?

  • Können Verlierer auch zu Gewinnern werden?

  • Lässt sich von Stärken ausgehen und auf sie aufbauen?

  • Gibt es stille Verlierer? (Man kann auch wirken, indem man sich nach einer Entscheidung verweigert oder Sand ins Getriebe streut!)

  • Welche Kompetenzen werden von den jeweiligen Prozessbeteiligten abverlangt?

  • Sind die Leitungspersonen selbst Vorbild bei dem, was sie von anderen erwarten (insbesondere was die Veränderungsbereitschaft für die eigene Ortsgemeinde betrifft oder die Bereitschaft, andere Teil-Tätigkeiten anstelle der bisherigen zu übernehmen)?

  • Gibt es externe Berater und Vertrauenspersonen, die helfen können, den Blick für das Wesentliche zu schärfen?

  • Was leistet und kostet externe Kompetenz?

  • Werden die Ehrenamtlichen in ihren Stärken wahrgenommen oder werden sie in den Hintergrund gedrängt?

 

3. Terminieren (Meilensteine und Grenzen / oder: Prozess-Struktur)

  • In welchem Zeitraum soll was erreicht werden (Anfang und Ende des Prozesses)?

  • Wer muss wann am Prozess beteiligt werden?

  • In welchen Schritten soll was wann erreicht werden?

  • Lassen sich Pilotprozesse identifizieren?

  • Welche Grenzen von Prozessen werden durch Kirchenordnung, Geschäftsordnungen und Satzungen gesetzt (frühzeitig abzuklären)?

 

4. Symbolisieren (Bilder)

  • Wie sieht der geistliche Tiefgang des Prozesses aus (Ort und Bedeutung von Andacht/Gottesdienst und Schriftverweisen)?

  • Wie kann die Gemeinsamkeit (inklusive der Meinungsverschiedenheiten) dargestellt werden?

  • Was für Zeichen gibt es, die den Prozess (den Kirchenkreis) erkennbar machen?

  • Wie wird der Prozess gefeiert?

  • An welcher Symbolik (von Kirchengebäuden bis zur Frage des Dienstsiegels) machen sich Kritik und Zustimmung fest?

  • Gibt es beim Streit um Symbole /Namen (Orte) auch die Möglichkeit, die Alternative durch einen dritten Namen, einen dritten Ort / ein neues Symbol zu überwinden?

  • Gibt es eine Vision vom Kirchenkreis in 10 Jahren? Wie passt der jeweilige Prozess dazu?

 

5. Kommunizieren (Beziehung)

  • Wer wird wann informiert?

  • Werden die Betroffenen kontinuierlich informiert?

  • Reichen die bestehenden Kommunikationsorte im Kirchenkreis aus? Wenn nein, sind solche Möglichkeiten wie Presbyterialtagung, Gespräche mit Presbyteriumsvorsitzenden, Kirchmeistertreffen, Regionalkonferenzen in Kirchenkreisen mit großer Fläche erwogen?

  • Sind solche neuen Kommunikationsformen früh installiert worden (vor der aktuellen Krise), so dass sie nicht unter dem Verdacht stehen, bloß ein Durchsetzungsinstrument zu sein?

  • Wird das Angebot, das der Prozess macht, deutlich oder ist der Prozess nur als Anforderung formuliert?

  • Kennen Sie positive Beispiele im eigenen Kirchenkreis, die dann als Muster für schwierigere Fälle wirken können? Was genau kann man ihnen lernen?

  • Wenn es im eigenen Kirchenkreis keine positiven Beispiele gibt, können Delegierte aus Gemeinden anderer Kirchenkreise berichten?

  • Ist es sinnvoll, eine Informationsbörse mit gelungenen Beispielen zu etablieren (Wer pflegt die mit welchem Zeitaufwand?)?

  • Werden die Möglichkeiten der Internetkommunikation ausgeschöpft und werden sie tatsächlich genutzt?

  • Wenn abschreckende Beispiele bekannt sind, was daran war anders, sodass sie nicht als Argument gegen die Reform herhalten können?

 

6. Entscheiden (Prozesskultur)

  • Werden Information, Grundsatzentscheidungsbefugnis und Leitungsbefugnis klar unterschieden?

  • Bleibt die Leitung auch bei dem einmal (aufgrund von Beschlüssen) eingeschlagenen Weg?

  • Haben zusammenhängende Konzepte Vorrang vor Einzelmaßnahmen?

  • Wird die Synode als Entscheidungsgremium aufgewertet oder doch nur als Informationsgremium verstanden?

  • Auf welchen Wegen haben die Presbyterien schon vor der Synode die entscheidenden Informationen bekommen, so dass sie auf Entscheidungen vorbereitetet sind?

  • Wenn die Reform so wichtig ist, lässt sich die Mitarbeit in Ausschüssen verbindlich vereinbaren?

  • Geriert sich die Pfarrkonferenz als Parallelsynode?

  • Gibt es einen Vertrauensvorschuss in die Leitung, sodass Bereitschaft besteht, sich durch erst noch ausstehende positive Resultate wirklich überzeugen zu lassen?

  • Können gegebenenfalls ehrenamtliche Konzeptteams die Alternativen, die zur Entscheidung anstehen, besonders sachlich vorbereiten, weil sie geringere Interessenverflechtung haben als Hauptamtliche?

  • Sind bei jedem Beschluss die Kosten und das Verfahren der Umsetzung geklärt?

 

Ergebnis einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland "Werkstatt Kirchenreform" vom 24. - 25. August 2007, dokumentiert im Newsletter II/2008.